New York Stille à la carte

Lärmgeplagte New Yorker bezahlen dafür, dass jemand sie zum Schweigen bringt: Bei den ›Silent Meals‹ von Nicholas Nauman wird kein Wort gesprochen. Von

Da drüben rast Manhattan vor sich hin. Die Geschäftstürme schillern in der Abendsonne, von fern heulen Polizeisirenen, Hubschrauber kreisen über dem Fluss. Als breiter Burggraben schmiegt er sich um die Stadt, die niemals ruht. Seine Fluten ertränken die Hektik und den Lärm, so muss es wohl sein, denn hier am anderen Ufer des East Rivers, in der Meserole Avenue im Brooklyner Viertel Greenpoint, herrscht Stille.

Nicholas Nauman schließt die Tür und dreht David Bowie ab. Er heißt 20 Gäste willkommen, die an zwei langen Tischen vor ihm sitzen und ihn erwartungsvoll ansehen. "Bitte macht eure Handys aus. Dann können wir anfangen." Seine Worte sind die letzten, die für die kommenden 70 Minuten den kleinen Raum erfüllen.

Zu Naumans Silent Meal geht man, um in Ruhe zu essen. Seit einem halben Jahr veranstaltet der 28-Jährige seine stillen Abende in einem Laden namens Eat, einem Hybrid aus Restaurant, Töpferei, Tischlerei, Projekt- und Verkaufsraum. Es gibt ein schlichtes Vier-Gänge-Menü, alles selbst gemacht aus regionalen Bioprodukten, serviert auf Tongeschirr und Holztafel. Der Rest ist Schweigen.

Bitte macht Eure Handys aus. Dann können wir anfangen.
Nicholas Naumann

Die Reduktion macht das Silent Meal zu einem Happening. Entsprechend aufgeregt sind die Gäste. Es soll nicht gesprochen werden. Aber wie teilt man sich den anderen dann mit? Ist ein gemeinsames Essen nicht auch immer ein kommunikativer Akt? Unter normalen Umständen würde man das Zweierlei vom Ziegenkäse kommentieren und den Ober fragen, wie die Gemüse auf dem Vorspeisenteller mariniert wurden. Aber hier ist jeder allein mit seinen Mixed Pickles. Noch ein bisschen Wasser? Nauman reagiert nur auf Handzeichen und Pantomime. Die Gäste gestikulieren und kichern, Pärchen schieben sich Briefe über den Tisch. An das Universum: Grünkohlsalat schmeckt besser als erwartet.

Der ›Silent Meal‹-Erfinder Nicholas Nauman © Adam Kremer

Die Gedanken schweifen ab. Bestimmt ist die Idee zum Silent Meal nicht zufällig in New York entstanden. Die Metropole überwältigt ihre Bewohner mit Angeboten, Forderungen und einer Lautstärke, der in Manhattan kaum zu entfliehen ist. Gerade hat das Time Out Magazine die Suche nach innerstädtischer Ruhe zu seiner Titelgeschichte gemacht: Lärm beeinträchtige die Lebensqualität der New Yorker am stärksten. In vielen Bars muss man gegen Fernseher, Musik und andere Unterhaltungen anschreien. Moderne Restaurants im gängigen glatten Design sind unter akustischen Gesichtspunkten suboptimal gestaltet, weil der Schall von den Flächen reflektiert statt geschluckt wird und sich weiter verstärkt. Das ist nicht nur unangenehm für die Ohren und Stimmbänder, es wirkt sich sogar auf den Geschmackssinn aus. Eine Studie der Universität Manchester hat herausgefunden, dass Salziges und Süßes in einem lauten Umfeld schlechter erkannt wird. Je mehr Krach, desto fader das Essen.

Konzentration. Der Hauptgang kommt: Kasseler mit Thymian-Röstkartoffeln und Rosenkohl. Alle Sinne geschärft, das Fleisch ist gut gewürzt. Nicholas Nauman hat in Indien beobachtet, wie Mönche in Stille zusammen essen. Ihm ist es wichtig, die Nahrungsaufnahme einerseits als körperliche Notwendigkeit begreifbar zu machen, andererseits als sinnliche Erfahrung. Was zur Nebensache degradiert wurde, wieder in den Mittelpunkt stellen. Das Silent Meal versteht er als interaktive Performance. Jeder Teilnehmer kann sie mitgestalten, so er sich darauf einlässt. 

Knigge hat Pause, Etikette gilt nicht mehr

Dieses Dinner ist nicht in erster Linie ein gustatorisches Erlebnis, sondern vor allem ein soziales Experiment. Knigge hat Pause, Etikette gilt nicht mehr. Wenn es keine An- oder Absprachen zwischen den Gängen mehr gibt und Smalltalk eliminiert ist, fühlt sich mancher wie in der Klosterschule, ein anderer wie beim leidigen Familientreffen, ein Dritter befreit vom kommunikativen Ballast, den er sonst durch den Arbeitstag schleppt. Anerkennendes Nicken für die Süßkartoffelcreme mit Salz und Karamell zum Dessert. Vier Gänge in etwas mehr als einer Stunde – es quatscht ja niemand dazwischen. Das Protokoll, nach dem ein normaler Restaurantbesuch abläuft, erscheint hier im Licht der Tonlampen wie die Partitur einer affektierten Oper.

Die Küche des Restaurant Eat in Brooklyn © Dylan Latimer

Wir wissen es spätestens seit Yoga, Manufactum und Landlust: Westliche Überflussgesellschaften sehnen sich nach Einfachheit und Ursprünglichkeit. Nicholas Nauman und seine beiden Köche bei Eat sind Teil einer Bewegung, aber klug genug, um reflektiert damit zu spielen. Sie entschleunigen noch das langsamste Slow Food, indem sie es in einem akustischen Vakuum platzieren. Als Abenteuer für die Generation der Degenerierten.

So ruhig und gemächlich geht es aber nur am Tisch zu. Das Geschäft brummt. Mittlerweile denkt Nauman an Expansion. Er ist offen für Kooperationen in aller Welt, Sprachbarrieren gebe es schließlich keine. Gerade hat er Verabredungen mit einem Luxushotel in Manhattan getroffen: Von Mai an will er auch dort seine Silent Meals veranstalten. Wo New York am lautesten ist, bezahlen die Leute gern für Stille à la carte.

"Silent Meal" bei Eat, 124 Meserole Avenue, Greenpoint, Brooklyn, New York. Jeden ersten Sonntag im Monat. Kosten: 45 US-Dollar pro Person.

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