© Julia Pelzer / Schierke Artists Management

"Foodies" Voll leckerer Schnappschuss

In schicken Restaurants und hippen Küchen gehört das Smartphone zum Essen wie Messer und Gabel. Das "Foodie" zeigt allen Freunden, was auf den Tisch kommt Von

Keine Angst, wenn es im Restaurant am Nebentisch plötzlich grell leuchtet. Das ist nur das Blitzlicht von Leuten, die gerade ihr Essen fotografieren. Nicht, um bei Übelkeit am nächsten Tag etwas gegen den Koch in der Hand zu haben, sondern als eine andere Form von Beweis: Sie laden das Bild vom tollen Teller bei Facebook, Flickr oder Instagram hoch und zeigen ihren Freunden so, welch köstlich arrangiertes Mahl sie gegessen haben. Für mehr und mehr Menschen – meist junge Großstädter – gehört das Smartphone inzwischen zum Essen wie Messer und Gabel. Und die Freude auf die Kommentare ihrer Freunde ist so groß wie die Vorfreude auf das Dessert.

"Foodies" nennen die einen diese Form der Fotografie – eine Abwandlung der "Selfies", bei denen man sich selbst fotografiert und in Szene setzt –, andere nennen sie "Food Porn", weil sich die Fotos von gebratenem Fleisch so unaufhaltsam im Netz ausbreiten wie die von nacktem. Es entstehen gerade sogar Soziale Netzwerke für Freunde der Nahrungsdokumentation, sie heißen CrazyChow!, Burp oder FoodieQuest. Hersteller von Digitalkameras wie Nikon oder Sony bieten bereits Modelle an mit speziellen Aufnahmemodi für Essensfotografie an. 

Der Foodie-Trend beruht wie viele andere auf der Verbreitung von Smartphones, die dabei sind, eine neue Weltsicht hervorzubringen. Für die steht auch das Akronym POIDH, "Pics or It Didn’t Happen" (Fotos her, oder es ist nie passiert), das sich oft in Online-Kommentaren findet: Der Sänger hat dir bei einem Konzert zugezwinkert? POIDH! Ohne Fotobeweis ist das nie geschehen! Du warst beim Champions-League-Endspiel? Wo sind die Bilder? Das selbst gemachte Rosmarin-Hähnchen auf toskanischem Brotsalat war ein Traum? Und warum gibt es davon kein Foto? Überall leuchten die Smartphones, die Gegenwart wird erst zur Realität, wenn man sie durch ein Display sieht.

Essen ist dabei ein Sonderfall. Denn eine Mahlzeit ist etwas besonders Flüchtiges. Nichts anderes wird so schnell so komplett verschwunden sein wie das Essen auf einem gerade noch vollen Teller. Mehr POIDH geht nicht. Foodies halten einen Augenblick fest, der intimer und exklusiver ist als ein Fußballspiel oder ein Konzert und den es so nie wieder geben wird. Foodies sind ein Schnappschuss der Freude über eine leckere Mahlzeit, über einen gelungenen Abend mit Freunden. Sie sind wie ein altes in Öl aufgehobenes Stillleben: das Einzige, das den Moment überdauern wird.

Doch warum die Bilder ins Internet stellen? Wofür die Öffentlichkeit? Weil der schönste Augenblick nichts wert ist, wenn ihn niemand mitbekommt? Wenn er unkommentiert bleibt und niemand "Gefällt mir" klickt? Eine mögliche Erklärung: Gut inszeniertes Essen hat einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert (der Anteil an Döner-Foodies ist verschwindend gering). Wer gut isst und das mit Fotos belegt, zeigt, was er sich leisten kann. Wer Selbstkreiertes fotografiert, dokumentiert, dass er die Zeit und Muße für die Küche hat. In Kreisen, in denen es unterste Schublade wäre, sich bei Facebook für das neue Auto oder die teure Markenhandtasche feiern zu lassen – da hat ein Foto von Kabeljau im Parmamantel mit Zitronen-Basilikum-Risotto: Stil. Das schafft Aufmerksamkeit. Und eine gut dosierte Prise Neid.

Kein Trend ohne Gegenbewegung. Deshalb gibt es auch Sad Desk Lunch mit traurigen Bildern von Bürosnacks, und auf Pictures of Hipsters Taking Pictures of Food finden sich Fotos von jungen Leuten, die ihr Essen abfotografieren. Und Köche machen inzwischen mobil gegen die Foodies. Weltweit verbieten Restaurants das Fotografieren ihrer Speisen. Ihr Hauptgrund neben der Belästigung der anderen Gäste: Die Qualität der Foodies sei so mies, dass sie um ihren Ruf fürchteten. Die Forderung der Essensknipser daraufhin: besseres Licht (dazu ein Tipp vom Gourmetfotografen der New York Times: bei Kerzenschein mit der Speisekarte Licht auf den Teller reflektieren).

Amerikanische Wissenschaftler haben übrigens den Effekt von Foodies untersucht. Ihr Ergebnis: Zu viele Fotos von gut drapiertem Essen zu betrachten kann den Appetit auf Mahlzeiten schmälern, die real auf den Tisch kommen. "Food Porn" eben.

Illustration: Julia Pelzer

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können. © DIE ZEIT

Machen Sie auch "Foodies", wenn Sie ins Restaurant gehen? Oder verdirbt Ihnen diese Form der digitalen Nahrungsaufnahme eher den Appetit? Schicken Sie uns ein Foto, wenn Sie das nächste mal einen vollen Teller vor sich und Ihr Smartphone dabei haben. Oder schildern Sie uns Ihre Beobachtungen von Teller fotografierenden Restaurantgästen am Nebentisch oder Ihre eigenen Erklärungen für das Phänomen "Foodie". Bitte mailen Sie Ihre Beiträge an leseraufruf@zeit.de, Betreff "Foodie". Eine Auswahl werden wir in Kürze auf ZEIT ONLINE veröffentlichen.

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

Im Artikel wird hervorgehoben, dass immer mehr Köche/Restaurantbetreiber sich gegen die "Foodies" aussprechen, sie teilweise sogar verbieten und DIE ZEIT animiert ihre Leser, solche Bilder zu machen und einzusenden?
Respektieren Sie doch bitte die Köche und auch die anderen Gäste, denen solches Gebaren den Genuss eines schönen Abends mit gutem Essen verdirbt.
Eine unsägliche Modeerscheinung, die hoffentlich bald wieder verschwindet.
Ist man nirgendwo mehr vor knipsenden Selbstdarstellern sicher?

Liebes Zeitmagazin,
ein foodie ist mitnichten ein "voll leckerer Schnappschuss" sondern bezeichnet eine Person die: "ein starkes Interesse (eine Leidenschaft) daran hat, zu essen und über das Essen zu lernen ohne dabei ihren Lebensunterhalt mit einer gastronomienahen Tätigkeit zu bestreiten" Zitat Wikipedia (http://de.wikipedia.org/w...)
Der Anwendungsfehler erinnert an das gute alte "Handy" bei dem auch der vermeintlich englische Begriff falsch benutzt wurde.
Im übrigen gebe ich meinem Vorredner Recht was das inflationäre fotografieren von Essen im Lokal angeht, einfach nur nervig!
Wenn sie also tatsächlich weiterhin dazu aufrufen Fotos vom Restaurantessen zu machen hat das nichts mit zu Foodies gewordenen Selfies zu tun.
Erfinden sie doch einfach einen neuen Begriff für diese unsägliche Tätigkeit oder nennen sie es "food porn"