Video: Video-Still: An der Supermarktkasse

Schicksalstage einer Wurst

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Wer wissen will, was die Deutschen essen, muss nach Haßloch. Hier überlebt nur jede fünfte Wurst. Kulinarische Feldforschung in Deutschlands durchschnittlichstem Dorf

"Brigidde, hoschd Du die Brodwärschdelscha schun probiert?" Nein, die Brigitte hat die Bratwürste noch nicht probiert, und für ihre Bekannte ist das Grund genug, sie ihr in den Einkaufswagen zu legen. Brigitte interessiert sich gerade mehr für die Süßspeisen im Kühlregal. Die beiden Damen trafen sich im Penny-Discounter beim Endiviensalat (1,39 Euro), haben der Rahmschokolade mit Haselnüssen (0,79 Euro) widerstanden und sind vorbei am Streuselkuchen (1,79 Euro) in Richtung Kasse gezogen. Kaum hat die Bekannte den Supermarkt verlassen, nimmt Brigitte die Würste aus dem Wagen und legt sie zur Seite. Die Brodwärschdelscha, sie haben es nicht geschafft.

Eine Wurst, die es in Haßloch nicht schafft, ist eine arme Wurst. Etwa 3.400 Testkäufer aus dem Dorf in Rheinland-Pfalz entscheiden über das Schicksal einer Salami, eines Kekses oder eines Spülmittels. Sie bestimmen, ob der Rest von Deutschland diese Produkte im Supermarkt finden wird. Seit fast 30 Jahren betreibt die Gesellschaft für Konsumforschung, kurz GfK, in Haßloch eine Art Freiluftlabor, in dem Firmen neue Produkte testen können, bevor sie auf den Markt kommen. If I can make it there, I'll make it everywhere. Haßloch ist das New York für Konsumartikel.

Eine der letzten Metzgereien in Haßloch, die noch selbst schlachtet. © Silke Janovsky

Gleichzeitig ist Haßloch aber auch ein Ort, der auf seiner inneren Landkarte weit entfernt liegt von jeder Großstadtblase. In einer Zeit, als es noch keine Supermärkte gab, hieß der Ort Hasalaha, das bedeutet auf althochdeutsch durch Haselgebüsch fließendes Gewässer. Heute leben hier rund 20.000 Menschen, umgeben von Kiefernwäldern, Brombeerhecken und Pferdekoppeln, auf denen ein paar Kaltblüter gemütlich in die Welt glotzen. Ein Biergarten vor dem Ortsschild wirbt damit, idyllisch zu sein. Es gibt einen Vogelpark, Textildiscounter, eine Pferderennbahn, den spiegelverglasten Kreissparkassenbau, Sabines Dessousparadies, Fensterbänke voller Orchideen und jede Menge leerstehende Pizzerien, die nicht einmal als Lieferservice überlebt haben. Alles hier fühlt sich ziemlich nach Lindenstraße an.

Diese Schnittmenge aus Landidyll und Piefigkeit macht dieses kleinstadtgroße Dorf zu etwas Besonderem: Haßloch ist der durchschnittlichste Ort Deutschlands. Alter, Kinder, Familienstand, Einkommen, Arbeitslosigkeit, Kaufkraft, alles nahe am nationalen Durchschnitt. Aus Haßloch stammen ein Olympiasieger im Gewichtheben, ein Bestsellerautor für historische Romane und ein SS-Funktionär. Wer vor den Bundestagswahlen wissen möchte, wie die Stimmung im Land ist, der sollte ihr in Haßloch nachspüren. Und wer wissen will, was Deutschland isst, der muss den Menschen hier auf die Teller schauen.

Morgens um halb zehn in der Bäckerei Hofmann sind die Teller reich belegt mit Schinken, Salami und Käse. Zwei Brötchen, zwei Butter. Das Frühstück heißt "Weinbiet", die besten Rieslinglagen Deutschlands sind nur ein paar Kilometer entfernt. Auf Lederimitatstühlen sitzen Ausflugsrentner in sauerkrautfarbener Kleidung, Frauen mit lackierten Fingernägeln und der Haarfarbe Rote Beete halten sich an ihren Kaffeetassen fest und plaudern. Schlemmen und schlewwern. Die Teller sind leer, morsche gibt’s schänes Wetter.

Im Lidl nebenan umkreisen die ersten Einkaufswagen das Suppengrün (0,79 Euro), die Hähnchenschenkel (2,79 Euro) und die Ananas Supersweet (1,99 Euro). Geschätzte 80 Prozent sind Frauen und kaufen auf Vorrat: Zwei Salamistangen, sechs Joghurt, vier Flaschen Keimöl. Ist im Angebot diese Woche. Der Markt ist extrem sauber, sortiert und wirkt kaum wie ein Discounter. "Schönen Tag!", wünscht die Kassiererin jedem Kunden, und es klingt tatsächlich, als würde sie es ernst meinen.

Zwei Lidl-Filialen, ein Aldi, ein Penny, ein Real, ein Rewe und ein Edeka werben in Haßloch um die Gunst von Otto Normalverbraucher. Die Einkäufe der Testkunden werden mit einer Chipkarte an den Kassen registriert, alle Supermärkte außer Aldi sind an das System der GfK angeschlossen. Den gläsernen Käufern wird spezielle Radio-, Fernseh- und Printwerbung ins Haus gespielt, bis zu 1.500 Produkte werden so jährlich getestet. Aber Haßloch ist nicht zuletzt auch für jede der Filialen ein guter Standort, hier können sie besser als anderswo reflektieren: Angebot, Konkurrenz, Strategie – wie funktioniert das Land der kleinen Preise? Und wer sammelt die Herzen der Haßlocher?

Einer der sich das zum Ziel gemacht hat, ist Benjamin Stiegler: 29 Jahre alt, 40 Angestellte, 1.500 Quadratmeter, 20.000 Artikel, seit 14 Jahren "Edekaner", wie er sagt. Stiegler ist ein kerniger Typ mit knuffigem Gesicht, bodenständig, leutselig, einer von hier. Aber eben auch Geschäftsmann, und so erfolgreich, weil er seine Kunden kennt: Die Haßlocher kochen gerne selbst, viel Fleisch, viel Gemüse, sie probieren gerne Neues, mögen auch Vegetarisches.

Seine Angebote arrangiert er um deren Bedürfnisse herum. Gemüsechips 1,99 Euro. Liebesgewürzmischung mit Vanille und Lavendel für 500 Gramm Pasta 99 Cent. Diabetes Selbsttest 9,99 Euro. Er führt auch Chia-Samen, Matcha-Tee und Smoothies, und verkauft den Haßlochern damit ein Lebensgefühl, das ja eigentlich Großstädter exklusiv für sich beanspruchen. Bald gibt es auch vegane Produkte an der Frischetheke, da kann Berlin sich eine Scheibe abschneiden. Doch noch mehr als die Essgewohnheiten seiner Kundschaft hat Stiegler verinnerlicht, dass der Marktplatz vor dem Rathaus die Seele dieses Dorfes schon lange nicht mehr zusammenhält. Die Luftschleusen der Supermärkte atmen sie ein, atmen sie aus.

Nicht nur für Brigitte und ihre Damenclique ist der Supermarkt ein Treffpunkt geworden, zum Tratschen, Meckern und Lachen. Ein strammer Frühlingswind weht über den großen Multifunktionsplatz vor Stieglers Markt. Eben noch Parkplatz, morgen schon Festwiese, Rummelplatz und Showbühne. Hier veranstaltet Stiegler Rockkonzerte, Fischerfeste, American-Football-Partys oder Bauernmärkte: "Da grillen wir einen ganzen Ochsen, 420 Kilo, der ist in drei Stunden weg." Haßloch hat Hunger.

Ähnlich geht es auch im Supermarkt zu: Whiskey-Tastings, Schlemmerabende, Jazzbrunch, Wein-Messe und Chicken-Wettessen. Rund 1.000 Menschen folgen dem Supermarkt auf Facebook. "Der Bezug zu den Menschen, dem Markt und der Region wächst mit dir selbst", sagt der Event-Edekaner. Bald baut er auch wieder seine Herr-der-Ringe-Theke mit kesselfrischer Fleischwurst im Markt auf. "Ein Ring, um sie alle zu sättigen", sagt Stiegler und grinst. Ein Supermarkt, um sie alle ewig zu binden.

Die Pfälzer interessieren sich auch für Gerichte, die über die kulinarische Raffinesse eines Saumagens hinausgehen. Das zeigen die Kochkurse der hiesigen Volkshochschule: Nudelsoßen – unendliche Vielfalt. Tajine – leckere Schmorgerichte. Mit Schwung ins Frühjahr durch Ayurvedische Küche. Und: Keine Angst vor Hefeteig.

Dass die Haßlocher nicht viel mehr sein wollen als durchschnittlich, wirkt zunächst angenehm bescheiden. Besonders cool? Besonders hip? Nein. Aber besonders Normcore! Das muss der Durchschnittshipster erst mal hinbekommen, so mittelmäßig zu sein, dass es schon wieder etwas Besonderes ist. Hört man den Haßlochern zu, klingt auch immer ein wenig Stolz durch. Immerhin retten sie vier von fünf Produkten vor dem bundesweiten Flop, und haben Macht über die Kühlschränke der Nation. Dieses "Wir sind Deutschland" hat ja auch ein bisschen was von Nationalmannschaftsfeeling, über die GfK jedenfalls reden sie in etwa so liebevoll wie über den örtlichen Fußballverein.

Die Gesellschaft für Konsumforschung vermisst nicht nur dieses Dorf in der Rheinebene, deutschlandweit offenbaren 30.000 Haushalte den Marktforschern ihre Gewohnheiten. Pro Einkauf geben die Deutschen rund 10 Euro für Wurst und Fleisch aus, 5 Euro für Süßwaren, 4 Euro für Backwaren. Pro Sekunde gehen in der Bundesrepublik etwa 45 Kilo Fleisch über die Ladentheke, 50 Kilo Tiefkühlkost und 240 Kilo Obst und Gemüse.

Es ist Mittag in Haßloch, im Imbiss Vitamin Döner holen sich pubertierende Schüler und Männer im Blaumann eine schnelle Mahlzeit auf die Hand. Eine Frau bestellt aus Versehen Gyros.

Im Industriegebiet lockt im gelben Nutzbau der Chinese Dschingis Khan mit Mittagsbüfett für 8,90 Euro. Unmengen von Essen dampfen verheißungsvoll vor sich hin, die anwesenden Gäste könnten sich einen Monat lang davon ernähren. Ein Paar am Nebentisch beim Dessert. Sie: "Es ist schlimm mit dem Süßkram." Er: "Ich mache gerne Marmeladen." Sie: "Ich kann einfach nicht widerstehen." Er: "Das Einkochen ist überhaupt nicht schwer." Schweigen. Sie: "Ich hol' noch Nachtisch. Soll ich Dir etwas mitbringen, was Fruchtiges vielleicht?" Essen verbindet, selbst wenn man aneinander vorbeiredet.

Themenwoche Selbstkochen

Schmeckt wie selbstgemacht – mit diesem Slogan wurden einst Fertigprodukte verkauft. Heute ist selbstgemacht ein kochkultureller Trend, fast eine soziale Bewegung: Es gilt selbst zu ernten und einzukochen, zu schroten und zu backen, zu schlachten und zu räuchern. Woher rührt die neue Liebe zu Hof und Herd? Und wer kocht eigentlich so?

Unsere Themenwoche will Lust aufs Selbstmachen machen und zugleich den Trend hinterfragen. Muss wirklich jeder selbstkochen? Was passiert abseits von Großstadt und Bauernhof? Und was bedeutet selbstgemacht in Bezug auf Fleisch? Außerdem laden wir Sie ein, mit uns zu kochen: Diese Woche jeden Mittag in der ZEIT ONLINE Selfkantine und am Freitag, den 17. April, beim ersten Kochtag der ZEIT.

In den Gassen mit den Fachwerkbauten und Reihenhausklonen entdeckt man eine Menge kleiner Metzgereien, Obst- und Gemüseläden und Bäckereien, die eines gemeinsam haben: Mittagspause. Für Städter ein fast absurdes Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert. Und für die Supermärkte mit ihren sperrangelweiten Öffnungszeiten ein Vorteil. Auch der Wochenmarkt am Samstag ist zu einer traurigen Veranstaltung geschrumpft: ein Gemüsestand, Eier und Nudeln, Käse, Fleisch und zwei Blumenlaster.

Die Glocke an der Hofladentür von Fritz Wilhelm Handrich läutet zu selten, sagt er. Er ist Landwirt in sechster Generation, 47, auf den Feldern um Haßloch baut er Getreide und Kartoffeln an. In seinem kleinen Laden verkauft er Gemüse aus der Umgebung. Fünf Kilo Kartoffeln 3,50 Euro. Beutel Karotten 80 Cent. Kohlrabi 1 Euro. Eigentlich hoffte Handrich auf bessere Zeiten, denn der Trend zum nachhaltigen Einkauf ist auch in Haßloch angekommen: "Zwar kommen die Städter ins Dorf gefahren, um ihr Obst und Gemüse so frisch wie möglich beim Bauern zu holen. Aber die Haßlocher? Kaufen alles nur noch im Supermarkt", sagt er. Nun, es gibt davon auch auffällig viele hier.

Die Haßlocher, die mit ihren vollen Einkaufswägen aus den Supermärkten kommen, sagen, sie gingen ja auch zum Bauern, die kleinen Läden unterstütze man gerne, frisch vom Feld, die Qualität, das schmecke ja auch ganz anders als das importierte Zeug. Fleisch? Immer weniger, Antibiotika, die Schlachthöfe, schlimm. Und Bio? Natürlich, so oft es geht. Nur gerade sei eben wenig Zeit. Man kennt das ja: Regional, saisonal, heut' egal. Etwas Durchschnittlicheres hätten selbst sie kaum sagen können.


* Das jährliche Einkaufsvolumen deutscher Privathaushalte (GfK-Konsumerpanel 2014), heruntergerechnet auf Sekundenbasis.

Mitwirkende:
Video: Marie Kamprath, Fabian Mohr
Infografiken: Paul Blickle, Julian Stahnke, Sascha Venohr