Geschlechterfrage Männer am Krisenherd

© Jörg Block

Der neue Mann lässt das Auto stehen, holt sich einen Fuhrpark in die Küche und gart Ultraschall-Pommes. Er ist gastrosexuell. Von

Die moderne Küche begann, als der Mensch lernte, Feuer zu machen. Damit begann auch vieles Leid, und eines kann man gegenwärtig im Fernsehen besichtigen: Ein promovierter Hersteller von Tiefkühlgerichten wirbt dort für den Kurzschluss aus Pizza und Hamburger, der praktischerweise Pizzaburger genannt wird und besonders für eine Zielgruppe gedacht ist: für Männer. Zwei stehen in diesem Spot vor dem Backofen und schauen dem Oschi, wie sie ihn vermutlich nennen würden, zu, während Käseähnliches auf ihm zerläuft. Dazu erzählt eine Stimme, dass dieses Produkt für alle sei, die keinen Appetit hätten, sondern Hunger.

Die Website des Herstellers preist die weiteren Vorzüge der Erfindung: Sie "verbindet den Geschmack einer Pizza mit dem einfachen Handling eines Burgers". Die Verpackung weist ebenfalls darauf hin, dass der Essvorgang einfach zu bewältigen sei, als hätten die Käufer gerade erst ihren Fellumhang abgeworfen, die Höhle verlassen und würden Essen bloß für Nahrungsaufnahme halten, die man grunzend hinter sich bringt. Vielleicht erklärt das immerhin, warum das Ding eher einem vollgesoßten Faustkeil ähnelt. Und das ist keine Lappalie, sondern womöglich eine Angelegenheit der, Entschuldigung, Geschlechterpolitik.

Denn wo der moderne Mann beginnt und wo der Steinzeitmensch aufhört, ist eine Frage, die in den vergangenen Jahren mit einem kuriosen Eifer verhandelt wurde. In all den Büchern von Autoren, die sich von Feministinnen beleidigt fühlen, wird man womöglich keine Antworten darauf finden. Stattdessen immer häufiger in der Küche. Während einige Männer sich noch etwas aufbacken, also fröhlich kulinarisch herumregredieren, weil das irgendeinem archaischen Sosein des Mannes entspräche, sprechen andere, oft solche, die sich erfolgreich ins Dachgeschoss hochgewohnt haben, Einladungen aus: Sie wollen einen bekochen und einem bei dieser Gelegenheit mal ihre Küche zeigen. Die sei ihr ganzer Stolz.

Der neuste Schrei aktueller Männlichkeitserzählungen

In solchen Fällen stellt sich meistens heraus, dass das Wort Küche eine Untertreibung ist. Vielmehr betritt man jählings einen Raum voller Schränke, die aus Läden stammen, in denen man für gewöhnlich etwas zu laut sagt, dass man sich bloß umschaue. Die Kochfläche wird präsentiert wie ein Altar, abwaschbar und aus Edelstahl, alles ist aus Edelstahl, und darauf sein Gerätearsenal, das sowohl in Sterneküchen als auch in die Laboratorien von Spukschlossgrafen aus dem 19. Jahrhundert passen würde, nicht nur wegen der Namen: Vakuumierer, Schwungradschneider, Homogenisatoren, Rotationsverdampfer. Für Leute, die so etwas in ihrer Freizeit ansammeln und benutzen, hat man das Wort gastrosexuell erfunden, und Gastrosexuelle sind, so geht die Geschichte, immer Männer.

Fachorgan des gastrosexuellen Mannes: Die Zeitschrift "Beef" © G+J Verlagsgruppe

Der gastrosexuelle Mann ist nach dem metrosexuellen Mann, der sich schminkt und cremt, der neuste Schrei aktueller Männlichkeitserzählungen. Wobei nach dem Sexuellen hier noch zu fragen wäre. Die Erotisierung des Kochens konnte man bereits bei Jamie Oliver mitansehen, der manchmal von "Zutaten spüren" geredet hat, woraufhin Menschen in Supermärkten in Reissäcke griffen und an Basilikumtöpfen rochen, weil sie sich auf der Seite gehobener Lebensart glaubten. Es hatte sich schließlich herumgesprochen, dass man das wahre Wesen des Menschen am Essen erkennen kann. Heute streiten sich die Leute in Internetforen darüber, ob Yotam Ottolenghi ein Sexsymbol ist oder nicht doch sowas wie der Paulo Coelho der Kochbücher.

Nun kann man kann den Rückzug des Mannes in die Küche so deuten, dass am Herd ein Platz frei geworden ist, nachdem die Frau ihn verlassen hat, um in der Welt Karriere zu machen. Der Herd als letztes Residuum, in dem der Mann wieder Mann sein könne, wäre eine vielleicht vorschnelle, auch weinerliche Interpretation. Und es ist ebenso naheliegend, Gastrosexualität einfach nur als technologisch aufgerüstetes Balzverhalten zu verstehen, als Darstellung der eigenen Kultiviertheit. Schopenhauer hat ja schon gesagt, jede menschliche Handlung ließe sich ohne große Umwege auf den Geschlechtstrieb runterbrechen. Die Frage ist: Wäre das so schlimm? Solange der kochende Mann nicht Wörter wie "Gaumensex" benutzt, kann man ja einfach darüber lachen. Und vielleicht sogar bei ihm essen.

Jedenfalls ist es wichtig, den gastrosexuellen Mann vom Foodie zu unterscheiden, einem weiteren neuen Typus des irgendwie mit Essen befassten Menschen. Foodie nennt man jene Leute, die in Berlin oder Hamburg jede frisch eröffnete Asia-Fusion-Eatery vollstehen. Man findet sie auch in Burgerbars, den Bubbletealäden der urbanen Amüsierklasse, wo das Essen erst durch den Sepiafilter fotografiert und anschließend ins Internet hochgeladen wird. Dort sollen Freunde oder alle, die man kennt, es mit einem "HMMMMMMM" kommentieren, dem Geräusch, bekannt aus allen Kochshowhöllen dieser Erde. Dem Foodie geht es um die Statusmeldung im doppelten Sinne: Ich esse gerade das, und ich kann es mir leisten.

Natürlich ist auch dem gastrosexuellen Mann sein Status wichtig. Wer sich mit dem Hoch- und Tiefbau von Thesen beschäftigt, könnte hinzufügen, dass es hier eigentlich nur um einen neuen Materialismus geht, um besitzbürgerliches Herumopern mit teuren Dingen und um Gewürzgeheimwissen wie damals in der Aristokratie, kurz: um neue Distinkitonsmühen und Statussymbole, weil die alten inzwischen jeder hat. Was früher der BMW war, das ist heute die Kochinsel. Und ganz fern steht der Autonarr dem Küchennarren ja ohnehin nicht: beide vergleichen Leistungsstärken und Drehmomente, bestellen Bauteile, und wie der Sportwagen wird die Edelküche auch nur selten eingesetzt. Dann aber so richtig.

Schicksalsfrage: Gas oder Induktion?

Der gastrosexuellen Mann will vor allem zubereiten. Darin lebt er manchmal komplexe biophysikalische Fantasien aus, mit denen sonst nur Küchendemiurgen aus der Molekularküche hantieren. Vielleicht ist das auch die Fortführung des Achtsamkeitskultes, der alle verausgabten Menschen erfasst hat, denen langweilig genug ist, in einem Salat nicht nur einen Salat zu sehen, sondern etwas, das ihre volle Aufmerksamkeit und Andacht verlangt. So wäre es nur logisch, wenn die High-End-Küche der Profis erobert wird von engagierten Dilettanten, die ihr Holunderjus selbst emulgieren. Nun ist es das Kennzeichen des Kleinbürgers, dass er kein Restaurant betritt, von dem er glaubt, er könne das alles zu Haus' selbst und besser nachkochen. Teile dieser Vorstellung finden sich auch im Gastrosexuellen, allerdings verbunden mit dem Ingenieursgeist und fast schon sakraler Demut vor dem Handwerk, von dem er weiß, dass er es nie so erlernen wird, wie jene, die er bewundert.

Der Journalist Carsten Otte hat vor einem Jahr Der gastrosexuelle Mann verfasst, eine amüsante Selbstbeschreibung, sozusagen sein Coming-Out. Darin besucht der Autor andere Männer, die so sind wie er. Er erzählt von Leuten, die Wasser durch Osmose-Apparate laufen lassen, und wie das schmeckt. Männer, die mit heiligem Ernst von ihrem Sous-Vide-Garer schwärmen und den Texturen, die der hervorbringt. Die überlegen, ob sie sich einen Fleischwolf zulegen wollen und sich dem eigentlichen Krisenherd des modernen Mannes zuwenden: Gas oder Induktion? Die Küche als Variante des bürgerlichen Herrenzimmers, wo nicht mehr die Zigarre qualmt, sondern das Bratfett.

Als Standardkochbuch des gastrosexuellen Manns gilt das fünfbändige Werk Modernist Cuisine, eine von technikbegeisterten Jüngern erschaffene Bibel. Ein Rezept für ein Frühstücksei erinnert an eine Bauanleitung für ein Raumschiff oder eine Laserkanone. Ein ganzer Maschinenpark muss dafür in Bewegung gesetzt werden.

Berühmt geworden ist der Cheeseburger, dessen Herstellung 30 Stunden dauert, nicht zu verwechseln mit dem Pizzaburger. Es gibt ein Rezept für Ultraschall-Pommes, die mehrmals in sogenannten Dörrautomaten gegart und dann fritiert werden müssen. Und wenn man mit einem Rezept fertig ist, kann es passieren, dass Rote Beete aussehen wie Froschlaich und eine Ananas wie eine Gaswolke. Falls der Fortschritt ein Windhauch aus dem Paradies ist, wie poetische Geister ihn nennen, so muss der biophysikalische Fortschritt in der Küche darauf hindeuten, dass Adam und Eva ihren verbotenen Apfel nie mehr in ursprünglicher Form bekommen, sondern nur noch "mit aufgebrochenen Zellstrukturen".

Themenwoche Selbstkochen

Schmeckt wie selbstgemacht – mit diesem Slogan wurden einst Fertigprodukte verkauft. Heute ist selbstgemacht ein kochkultureller Trend, fast eine soziale Bewegung: Es gilt selbst zu ernten und einzukochen, zu schroten und zu backen, zu schlachten und zu räuchern. Woher rührt die neue Liebe zu Hof und Herd? Und wer kocht eigentlich so?

Unsere Themenwoche will Lust aufs Selbstmachen machen und zugleich den Trend hinterfragen. Muss wirklich jeder selbstkochen? Was passiert abseits von Großstadt und Bauernhof? Und was bedeutet selbstgemacht in Bezug auf Fleisch? Außerdem laden wir Sie ein, mit uns zu kochen: Diese Woche jeden Mittag in der ZEIT ONLINE Selfkantine und am Freitag, den 17. April, beim ersten Kochtag der ZEIT.

Aber zu irgendetwas müssen diese Geräte ja gut sein, sonst enden die Kenner wie die ältlichen Rockmusiker in Musikgeschäften, die sich eine Gitarre für 3.000 Euro kaufen, aber daheim nur die Scorpions nachspielen. Über Preise sollte man ohnehin nicht reden, was aber den Gastrosexuellen nicht davon abhält, es zu tun: Wer selbst vorhat, gastrosexuell zu werden, sollte sich eine Oberfräse anschaffen, den sogenannten Pacojet; kostet etwa 5.000 Euro und fräst gefrorenes Obst zu Eiscreme. Und wer bei Oberfräse an den Heimwerkerkeller denkt, liegt nicht ganz falsch. Vielleicht ist die gastrosexuelle Küche auch nur eine moderne Form des höheren Angestelltenhedonismus, die Verlängerung des Bastelkellers mit anderen Mitteln. Mit Lebensmitteln.

Es heißt zwar immer, die Deutschen gäben viel für ihre Küchen aus, aber nichts für Lebensmittel. Ein Blick in die Zeitschrift BEEF, einem Fachorgan des gastrosexuellen Mannes, zeigt jedoch, dass das Fleisch, um das es hierin vor allem geht, im Kilo soviel kosten kann wie ein Gebrauchtwagen. In BEEF finden sich interessanterweise auch Innenaufnahmen der Küchen stolzer Männer, die ihr schweres Gerät präsentieren.

Eine Sonderausgabe der BEEF lädt ein zum Selberwursten, und wem die erotische Komponente da immer noch zu kurz kommt, dem säuselt eine Anzeige für Wagyu-Rind entgegen: "Japanische Erotik für den Grill". Das ist ebenso kurios wie die Schwundformen der Jagd- und Erlegesymbolik, die in seitenlangen Messerbestaunungen zu finden sind.

Carsten Otte, der Vorzeige-Gastrosexuelle, sagt übrigens: Er kenne einen Mann, "dem nie beim Sex Tränen in die Augen traten, beim Essen schon". Und das ist eigentlich, bevor man jetzt über weitere Zusammenhänge von Kochen und Sex nachdenkt, traurig genug.

Kommentare

31 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Schön formuliert.

Schön formuliert.
Was fehlt, wie so häufig bei Männergruppencharakterisierungen, sind die Frauen. Kann mir keiner erzählen, dass die leuchtenen Augen und leicht roten Wangen bei Frauen, insbesondere der erstaunlich großen "Ich kann nicht kochen"-Fraktion, bei dem Thema keine Rolle spielt. Hat sich erstmal die Kunde verteilt, man könne richtig gut kochen, wird auch das banalste Essen für die Mittagspause bestaunt und das eigene Urteil als Ritterschlag anerkannt, wenn man irgendwo 'unbedingt' was probieren muss.

Ich koche gerne und nach Aussagen anderer auch gut. Auf den ganzen Unsinn, der vom Autor aufgezählt wird, kann ich getrost verzichten. Ich wüsste ehrlich gesagt auch nicht, was ich damit anfangen sollte. Aber zum Thema Frauen/kochen kann ich was beisteuern: Wenn ich sonntags koche - und ich koche immer für eine halbe Kompanie - kann meine Frau die Reste am Montag ins Büro mitnehmen, was sie u.a. auch deshalb gerne macht, weil sie die neidischen Blicke der anderen Damen so liebt. Die übrigens allesamt nicht kochen können...

>> Schicksalsfrage: Gas oder Induktion? <<

Das ist doch nur Schein, kein Sein. Die Wahrheit liegt mit dem Pizzaburger in den meterlangen Kühl- und Gefrierschränken der Supermärkte, in die man mittlerweile gar nicht mehr gehen braucht, denn was man da noch kaufen könnte, findet sich schneller im Drogeriemarkt. Nahezu alles an Essbarem, das es dort gibt, ist irgendwie fertig abgeschmeckt und abgeschmackt, vorgefertigt, vorgewürzt, vorgeformt, zum Glück noch nicht vorgekaut. Das ist aber auch das Einzige, das man noch selbst zu erledigen hätte.

Der Kult ums Kochen ist, fürchte ich, weitgehend eine Ersatzhandlung. Statt tatsächlich zu Kochen. Das machen auch welche. Aber in relativ normal ausgestatteten Küchen. Und keine rote Beete, nie. Auch wenn sie noch so hip ist.
Gut, das mit der Beete gilt jedenfalls für mich :-)