© Hölker Verlag

Amuse Buch Hänsel und Gretel am Herd

Brunchen auf dem Dach, Pilzesammeln im Wald: Das Kochbuch "Krautkopf" versöhnt Stadt und Land. Man muss nicht alle Tipps befolgen – Currypaste gibt es auch im Asiamarkt. Von

Der Zeitgeist trägt eine große Brille, Vintage-Garderobe und Topffrisur. Vor allem liebt er die Natur. So wie Susann Probst und Yannic Schon. Seit 2013 betreibt das Paar den gemeinsamen Blog Krautkopf, im Sommer dieses Jahres erschien er in gedruckter Form. Den Traum vom eigenen Kochbuch träumen viele Foodblogger. Dass er sich für diese beiden erfüllt hat, liegt wohl auch an ihrer Selbstinszenierung als urbane Naturkinder. Regional-saisonal Kochen ist mittlerweile Pflicht, genau wie Einkaufen auf dem Bio-Wochenmarkt. Wer es richtig ernst meint, zieht seine Tomaten auf dem Fensterbrett. Oder sammelt, sofern ein Wald in der Nähe ist, dort die Zutaten für ein Pilzragout.

© Hölker Verlag

Hip ist es offenbar auch, auf Dächern zu brunchen oder in halbleeren Lofts zu dinieren. Getrunken wird selbst gemachte Limonade aus Marmeladengläsern. Momente dieser Art dokumentiert das Buch Krautkopf – Vegetarisch kochen und genießen mit ansprechenden Bildern. Fast alle haben die hauptberuflich als Fotografen arbeitenden Autoren selbst gemacht. Die abgebildeten Gerichte machen auch ohne Farbfilter Lust darauf, sie nachzukochen. Auf den ersten Blick wirkt die Liste der Zutaten überschaubar. Auf den zweiten fällt Exotisches wie getrocknete Sojahaut oder gemahlener Sumach ins Auge, ebenso wie in Vergessenheit geratene heimische Gemüsesorten und Kräuter, die nur Biokistenabonnenten kennen: dicke Bohnen, Pimpinelle, Knoblauchsrauke, Gelbe Bete.

Alle Rezepte sind vegetarisch, viele vegan oder glutenfrei. Von der Mandelmilch über die Gemüsebrühe bis hin zur indischen Gewürzpaste wird nach Möglichkeit alles selbst gemacht. Es liegt in der Natur des Kochbuchs, dass es den Ehrgeiz seines Lesers weckt und ihn zugleich in seine Schranken weist. In einer perfekten Welt hätten alle einen so "wohlgefüllten Vorratsschrank" wie das Krautkopf-Paar und würden ihr "fruchtiges Schwarzwurzel-Curry" mit selbstgemachter Currypaste zubereiten, statt im Asia-Markt das Instant-Produkt zu kaufen.

Mit Fertigpaste und ohne selbstgemachte Gemüsebrühe genügt dieses Schwarzwurzel-Curry vielleicht keinem Loftdiner, aber einem Abend mit guten Freunden. Diese wissen, dass die Gastgeberin nicht schon am Vortag mit dem Kochen begonnen hat. Hätte sie das Rezept vorher durchgelesen ("Schwarzwurzeln zuzubereiten kann eine ganz schöne Sauerei sein!"), müsste sie hinterher keine klebrige Paste von den Fingern kratzen. Komplikationsfrei hingegen gelingen die "Mandelgnocchi alla Romana" und die mit Datteln und Erdnussmus gefüllten Auberginen. Auch der "Wildkräutersalat mit Dicke-Bohnen-Falafel" lohnt einen Versuch, vorausgesetzt, man findet frische dicke Bohnen.

Die Vorliebe der Autoren fürs Schummeln entspricht leider auch dem Zeitgeist. Aus einem Maiskolben wird "frische Polenta", aus geraspelten Möhren Tagliatelle. Jetzt im Herbst braucht der Mensch allerdings Kohlenhydrate. Wenn schon keine Tagliatelle, dann Bärlauchgnocchi. Bärlauch im Oktober? Sind Rezepte, wie in diesem Buch, nach Jahreszeiten geordnet, lauert das schlechte Gewissen hinter jeder Seite. Der Ökobilanz zuliebe verabschiedet man sich vom Bärlauch-Gedanken. Immerhin fordert die Beschränkung aufs saisonale Angebot unbekannte Gemüsesorten zutage. Jedoch: Ohne eigenen Schrebergarten oder bestens sortiertem Biosupermarkt gibt es auch keine Gelbe Bete. Folglich sieht die "Kürbis-Gelbe-Bete-Suppe" anders aus als auf dem Foto, aber optische Unterschiede zwischen Rezept und Ergebnis liegen in der Natur des Kochbuchs. Die bei 160 Grad zu frittierenden Chips lösen zwar leider den Rauchmelder aus. Aber wenn man sie entfernt, schmeckt die Suppe sehr gut. 

Kürbis-Gelbe-Bete-Suppe © Hölker Verlag

Statt des "Lieblingserdbeerkuchens" gibt es zum Nachtisch "Polentakuchen mit eingelegten Pflaumen". Der Boden lässt zu wünschen übrig, aber gegen die kleinen und großen Unfälle in der Küche ist leider auch in Krautkopf kein Kraut gewachsen. Dass dieses Buch dennoch einen prominenten Platz in der Kochbuchsammlung bekommt – und sei es eher zum Durchblättern als Nachkochen –, liegt an den schönen Fotos von gusseisernen Pfannen, Hexenhäuschen mit Outdoor-Küche und einem Paar, das aussieht wie Hänsel und Gretel. Märchen mag der Zeitgeist nämlich gerne.

Mandelgnocchi alla Romana © Krautkopf / Susann Probst & Yannic Schon

Mandelgnocchi alla Romana für 4 Personen

50 g Parmesan
850 ml Mandelmilch (selbst gemacht oder gekauft)
70 g Butter
200 g Hartweizengrieß
50 g gemahlene Mandeln
1-2 TL Meersalz
frisch gemahlener schwarzer Pfeffer
frisch geriebene Muskatnuss
1/2 Bund Salbei
Butter für das Backblech

Den Parmesan reiben. Die Mandelmilch zum Kochen bringen und 50 Gramm Butter darin schmelzen. Grieß und Mandeln mit einem Schneebesen einrühren, drei Viertel des geriebenen Parmesans dazugeben und die Masse mit Salz, Pfeffer und Muskat würzen. Die Masse bei geringer Hitze und unter ständigem Rühren ca. 15 Minuten weiterköcheln lassen, bis der Grieß ausgequollen und ein fester Brei entstanden ist.

© Hölker Verlag

Ein Backblech fetten. Den Grießbrei darauf 1,5-2 cm hoch verstreichen und auskühlen lassen.

Den Backofen auf 180°C (Umluft 160°C) vorheizen und eine flache Auflaufform fetten. Aus dem fest gewordenen Grießbrei mit einem runden Förmchen beliebiger Größe Kreise ausstechen und mit den Salbeiblättern in der Form verteilen. Alles mit dem restlichen Parmesan bestreuen, die übrigen 20 Gramm Butter in Flöckchen daraufsetzen und die Gnocchi im Ofen ca. 15 Minuten goldbraun backen.

Susanne Probst, Yannic Schon: "Krautkopf – Vegetarisch kochen und genießen", Hölker Verlag, 29,95 €

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

Diese Rezension ist keine. Sie soll der Autorin wohl nur eine Plattform für ihre "stiffed upper lip" bieten. Die Autorin arbeitet sich erst am Style des Autorenpaares (eher unwichtig bei einem Kochbuch!) ein bisschen ab, hat weder das Kochbuch, noch die einzelne Rezepte so richtig gelesen. Es scheint eine (misslungene) Abrechnung zu sein - mit wem eigentlich? Mit Hipstern? Mit Menschen, die regional und saisonal einkaufen? Wenn ich im Herbst ein Kochbuch teste, nehme ich eben kein Rezept aus dem Frühling (das Kochbuch ist nämlich sinnvollerweise nach Jahreszeiten aufgeteilt). Und wenn, dann ätze ich nicht darüber, dass ich mich im Oktober "der Ökobilanz zuliebe" vom Bärlauch verabschieden muss. Lustig. Und von "Schummelei" kann in diesem Kochbuch auch nicht die Rede sein - höchstens bei der Selbsteinschätzung der Kochkunst. Ansonsten schließe ich mich uneingeschränkt dem Inhalt des Blogposts von Steffen Sinziger an.