Stil in Berlin "Berlin ist eine Mittagessensstadt"

© Stil in Berlin

Nach Street Style kommt Street Food. Mary Scherpe dokumentiert auf "Stil in Berlin" seit zehn Jahren das Lebensgefühl der Stadt. Und jetzt auch ihren Appetit Ein Interview von

ZEITmagazin ONLINE: Frau Scherpe, feiert man einen Blog-Geburtstag? Ihr Blog Stil in Berlin wird zehn Jahre alt, für Blogger ist das ja eine gefühlte Ewigkeit.

Mary Scherpe: Natürlich feiert man! Ich liebe das Restaurant The Store Kitchen im Erdgeschoss des Soho House, also werde ich dort ein kleines Essen mit Freunden und Weggefährten von Stil in Berlin veranstalten. Es gibt ein vegetarisches Menü, eine große Auswahl an Gerichten aus regionalem Gemüse, einen Dhal mit Kürbis und Spinat, bunten Mangold mit Mandeln, und Pilze mit Gochujang, einer koreanischen, fermentierten Bohnenpaste.

ZEITmagazin ONLINE: Welche Rolle spielen regionale Zutaten in der Berliner Gastronomie?

Scherpe: Sie werden zum Glück immer wichtiger. Im Sternerestaurant Nobelhart und Schmutzig in der Friedrichstraße ziehen sie dieses Konzept konsequent durch und verzichten sogar auf Zitrone und Pfeffer. Mittlerweile arbeiten viele Köche eng mit den Bauern und Produzenten der Region zusammen. Dylan Watson von dem Projekt Ernst kooperiert zum Beispiel mit einem Kräutersammler, der sich mit essbaren Wildpflanzen auskennt.

ZEITmagazin ONLINE: Was macht die Berliner Gastronomie sonst noch aus?

Scherpe: Schnelle unkomplizierte Gerichte stehen immer hoch im Kurs, aber die werden immer spezieller, und damit interessanter. Zum Beispiel das Street Food im Kanaan. Das sind zwei israelisch-palästinensische Imbisse in Prenzlauer Berg und Kreuzberg mit Köchen aus Syrien und Marokko. Dort bekommt man hervorragendes Hummus oder Malawach, das ist ein jemenitischer Pfannkuchen, der dort wie ein Sabich serviert wird, das ist ein israelisches, gefülltes Sandwich. Generell gilt: Berlin ist eine Mittagessensstadt.

Mary Scherpe (33) ist studierte Kunsthistorikerin und Japanologin. Seit zehn Jahren betreibt sie das Blog "Stil in Berlin". © Lukas Korschan

ZEITmagazin ONLINE: Was meinen Sie damit?

Scherpe: Die meisten neuen Lokale konzentrieren sich auf einen guten Mittagstisch oder servieren abends Fast Food wie Burger oder Bibimbap. Neben vielen neuen veganen Restaurants wird die Küche auch landesspezifischer. Früher bezeichneten sich Restaurants einfach als Orientale oder Asiate, heute dagegen geht man zum Libanesen oder Taiwanesen. Genau wie in der Mode gibt es aber noch viel Luft nach oben. Und das ist die Berliner Eigenart: die Kultur, Dinge einfach auszuprobieren. Das macht die Stadt so großartig.

ZEITmagazin ONLINE: Welche Berliner Straße eignet sich zum kulinarischen Flanieren am besten?

Scherpe: Die Kantstraße in Berlin Charlottenburg. Es gibt dort so viele gute Chinesen, Vietnamesen und Thailänder nebeneinander. Gleich am Savignyplatz ist das Saigon Green, ein exzellenter Vietnamese. Besonders herrlich: dessen vegetarische Suppe Súp Rau mit Glasnudeln. Im Lon Men gibt es gutes taiwanesisches Fast Food, zum Beispiel Nudeln in Erdnusssoße. Die Thailänder Dao und Papaya sind auch sehr zu empfehlen. Von den Chinesen dort ist Do De Li mein Favorit. Der sieht auch so aus, wie man sich ein chinesisches Restaurant in den Achtzigern in Deutschland immer vorgestellt hat, überdekoriert in vermeintlich landestypischem Stil mit roten Lampen und dunkellackierten schweren Möbeln. Im Supermarkt Go Asia bekommt man außerdem die ganze Bandbreite an fernöstlichen Zutaten – von chinesischem Essig über japanische Algen bis zu Tofu in zig Varianten.

Die Markthalle Neun veranstaltet regelmäßige Events rund ums Essen. Besonders bekannt ist dort der Streetfood Thursday. © Stil in Berlin

ZEITmagazin ONLINE: Eigentlich haben Sie ja mal Berliner Street-Style-Mode fotografiert. Warum dann doch Essen?

Scherpe: Meine Interessen haben sich verschoben – und deswegen auch die Themen im Blog. Nach ungefähr vier Jahren merkte ich: Die Streetstyle-Nummer ist irgendwie durch, mit dieser Ästhetik wird jetzt fast jede Werbekampagne gemacht. Ich habe dann angefangen, mehr über Essen und Stadtpolitik zu schreiben.

ZEITmagazin ONLINE: Heißt das, Sie mussten noch einmal von vorne anfangen?

Scherpe: Das Publikum hat sich natürlich verändert. Aber die Leser sind mit mir gewachsen. Wäre ich 2006 mit einem Food-Blog gestartet, hätte ich wahrscheinlich nach ein paar Monaten aufgegeben. Aber Anfang der 2010er Jahre merkte ich, dass sich einiges tat in der Stadt, es eröffneten immer neue Restaurants und Imbisse. Und diese Entwicklung gibt es bis heute: Ich habe den Eindruck, dass sich Berlin auch durch seine Gastronomie momentan enorm weiterentwickelt.

Im Bandol & 3 Minutes sur Mer gibt es französischen Käsetoast, besser bekannt als Croque Madame. © Stil in Berlin

ZEITmagazin: Woran machen Sie das fest?

Scherpe: Mittlerweile kann man in Charlottenburg problemlos eine japanische Bäckerei aufmachen. Denn selbst in den gesetzteren Bezirken leben genug Menschen, die sich für ausgefallene kulinarische Angebote interessieren. Nicht weit von der japanischen Bäckerei Kame in der Leibnizstraße hat ein Laden namens Koshary Lux eröffnet, der nordafrikanisches, israelisches und libanesischen Essen serviert. Hinter jedem Gericht steht, woher es kommt. Alles wird frisch zubereitet und nicht an den deutschen Geschmack angepasst. Außerdem kommen mittlerweile viele Köche aus dem Ausland nach Berlin, weil es für sie billiger ist, hier ein Restaurant zu eröffnen als in London oder Paris.

Handgemachte chinesische Nudeln mit Gemüsebrühe isst man am besten im Shaniu’s House of Noodles. © Stil in Berlin

ZEITmagazin ONLINE: Sie haben sich nun zehn Jahre lang durch die Stadt gegessen, welche Restaurants empfehlen Sie unseren Lesern?

Scherpe: Ich finde, die Franzosen von Bandol & 3 Minutes sur Mer haben die Torstraße schon veredelt, als sie den meisten noch völlig egal war. Wer meiner Meinung nach die Wahrnehmung Berlins auf kulinarischer Ebene wirklich verändern wird, ist das bereits erwähnte Nobelhart & Schmutzig. Außerdem wird es hoffentlich dazu beitragen, dass die Berliner das Brandenburg um sie herum mehr zu schätzen wissen. Die Markthalle Neun ist zwar kein Restaurant, aber sehr wichtig für die neue Berliner Esskultur und die Menschen, die sich dafür interessieren. Außerdem ist die Stadt bekannt für ihren fiesen Winter. Den überlebt man sehr gut im Cocolo Ramen, dort servieren sie seit Jahren die beste japanische Ramensuppe. Frische chinesische Nudeln gibt es außerdem im Shaniu's House of Noodles.

11 Kommentare

Schade, dass die deutsche Küche den Jüngeren fast unbekannt ist. Dabei ist der schlechte Ruf nicht der Küche als solcher geschuldet, sondern der so lust- wie talentlosen Zubereitung der Speisen durch ungezählte Gastronomen der alleruntersten Kategorie.

Ich bilde mir ein, für jegliche Küche empfänglich zu sein, ich sage immer, wenn ich gefragt werden, dass ich im Prinzip alles esse, was gut zubereitet ist. Aber es zieht mich doch immer zurück zur heimischen Küche, zu Sauerkraut und Saumagen (etwas sehr Feines, mageres Fleisch mit Kartoffeln und Gewürzen), Tafelspitz und Grüner Soße, Königsberger Klopsen oder einfach einem Brathering mit Bratkartoffeln, Nordseekrabben mit Rührei...

In Berlin kann man für eine Stadt dieser Größe erstaunlich schlecht auswärts essen. Kleiner Tipp: die Fahrt in den Speckgürtel nach Brandenburg raus lohnt sich. Wesentlich besseres Essen, oft auch für kleineres Geld, aber darum geht es gar nicht. Etwas weiter draußen muss man sich offenbar einfach mehr anstrengen und kriegt nicht, wie im "Szenekiez" eh die Laufkundschaft garantiert, die schon zufrieden ist auf 2nd Hand Möbeln zu sitzen und fahrig bedient zu werden während die "Lounge Musik" monoton im Hintergrund wummert. "Ui supi, is das chic hier".

Das sind keine Gerichte, die eine 33jährige zugezogene Geisteswissenschaftlerin in einem Blog behandeln würde. Eher chinesische Reisbrötchen in der Kastanienallee, japanische Hot Dogs am Rosenthaler Platz und dann ein schicker Burgergrill in Charlottenburg.

Nicht mal das - ist ja alles vegetarisch.
So ein Blog ist ungefähr so, als würde man über Essen in Thüringen berichten, und weder über Klöße noch Bratwurst noch Bienenstich berichten. Oder über Essen in Bayern, und man erwähnt weder Weißwurst noch Brezeln oder Fleischkäse - man hat zwar über Restaurants IN Berlin, Thüringen oder Bayern berichtet, aber nicht über berlinerisches, thüringisches und bayrisches Essen. Ich finde es halt seltsam, wenn man einen Blog nach einer Stadt/ Gegend benennt und die regionalen Spezialitäten, die es nur dort gibt, nicht mal ansatzweise erwähnt.

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