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Superfood Iss doch schön hier!

Mit Superfood essen sich attraktive Menschen noch schöner. Genau das verspricht ein Restaurant in Berlin-Mitte. Wir haben unseren hässlichsten Autor hingeschickt. Von

Meine Großmutter pflegte zu sagen: Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur falsche Kleidung. Daran muss ich denken, als ich an einem Donnerstag die Treppe des U-Bahnhofs Rosenthaler Platz hinaufsteige. Aus dem Dunkel steigend, aus Kreuzberg, vom Kottbusser Tor, diesem durch die U-Bahn-Linie 8 nur durch eine sklerotische Vene verbundenen anderen Körperteil von Berlin, komme ich woanders noch einmal zur Welt.

Meine Großmutter kochte eine gute Erbsensuppe, in jener Welt, in die ich vor 37 Jahren zum ersten Mal hineingeboren wurde. Sie lebte in einem Dorf, in einem Häuschen mit Garten, in ihrer kleinen Küche mit der Wachstischdecke, auf der, warum auch immer, ein irgendwie fernöstlich anmutender Fischer einen riesigen Karpfen in seinen Kescher hievte, meine gesamte Kindheit über, ohne ihn je wirklich zu bezwingen, ein Standbild des Kampfes um Ernährung und das Überleben, in dieser Küche, in der es Getränke aus ausgespülten Senfgläsern mit Singvögeln drauf gab, in der der Radiosender NDR1 lief und jeden Tag zur Mittagszeit das Lied Danke an den Müllmann kam, weit weg von diesem sogenannten Berlin.

Berlin, das kannte ich lange Jahre nur aus Praxis Bülowbogen mit Günter Pfitzmann und Anita Kupsch. Fernsehen war nicht dazu da, um die Welt kennenzulernen, es war dazu da, um die dreiviertel Stunde zwischen dem Abendbrot und dem Zubettgehen totzuschlagen, und Essen war nicht zum Genießen da, sondern zum Sattwerden: die Vernichtung des Hungers durch Essen. Gegessen wurde, was auf den Tisch kam, und das war viel, Kartoffeln, Soße, Fleisch, viel Fleisch, ich sollte groß und stark werden, glücklich und satt. Beim Sattwerden aber genoss ich die Erbsensuppe meiner Großmutter stets am meisten und trank dazu Sprudel aus dem ausgespülten Senfglas. Danke an den Müllmann, hat gut geschmeckt, Oma, darf ich jetzt spielen gehen? – Ja, aber zu Praxis Bülowbogen bist du wieder zu Hause!

Menschen, die aussehen wie ihr eigenes Instagram-Selfie

Sozialisiert durch Vorabendserien und die Wirtschaftswunderküche meiner Großmutter, bin ich vielleicht nicht der richtige Mann, um im Jahr 2016 eine Kritik über ein Detox-Restaurant zu schreiben, das gebe ich an dieser Stelle gern zu. Doch immerhin dürften nicht wenige Leser, die schon mal in Berlin-Mitte essen waren, eine ähnlich steile kulinarische Karriere gemacht haben und können sich, auch wenn sie sich in der urbanen Küche bereits akklimatisiert haben, noch daran erinnern, wie es war: das erste Mal. Wie spricht man das Gericht aus? Ist es unhöflich, wenn ich stattdessen nur die Nummer sage, bevor ich mich noch blamiere? Und was soll ich bloß anziehen? Was soll ich anziehen, damit die anderen Menschen nicht merken, dass ich heimlich immer noch am liebsten Erbsensuppe esse?

Ich trete an diesem Donnerstag also in die entsetzlich grelle Frühlingssonne hinein, die den Weinbergsweg ausleuchtet wie eine Mikroskoplampe einen Objektträger, und darauf tummeln sich Organismen, die keinen Schatten werfen und kein Geheimnis mehr haben: diese wunderschönen Menschen von Berlin-Mitte, die alle aussehen wie ihr eigenes Instagram-Selfie, mit ihren reinen Häuten und diesen Haaren, die auf ihren Köpfen liegen wie anmutige Tiere. Haben sie sich zeit ihres Lebens nur von Sonnenstrahlen ernährt? So was wie Erbsensuppe kommt ihnen womöglich ähnlich bizarr vor wie das Rezept der Aborigines, die einfach ein ganzes Känguru ins Feuer werfen und es dann aus der Asche essen.

Was für ein Scheißwetter, denke ich zunächst, was für eine Scheißsonne. Jetzt sehen mich alle, jetzt sehen alle, wie ich aussehe, oh Gott, wie unangenehm. Und dann eben: Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur falsche Kleidung. Und ich bin falsch angezogen, ich trage die falsche Kleidung, ich trage, um ehrlich zu sein, sogar den falschen Körper, meinen Erbsensuppenkörper. Und dafür kann die Sonne ja nichts, es ist ganz allein meine Schuld. Warum bin ich nicht einfach geblieben, wo ich hingehöre, mit meiner unreinen Haut und diesen Haaren, die auf meinem Kopf liegen wie ein geplatztes Kissen?

Vielleicht kann man sich auch schön sitzen. In Berlin-Mitte probt man ausgiebig. © Daluma

Hier in Berlin-Mitte habe ich, auch wenn ich nicht, wie jetzt, als Restaurantkritiker unterwegs bin, ständig Angst, dass mir Maxim Biller auf seinem Manufactum-Fahrrad plötzlich den Weg abschneidet und mich aus diesem Stadtteil herausredigiert, weil ich auf uninteressante Weise nicht gut aussehe. Hier hat man, wenn schon, auf die allerinteressanteste Weise nicht gut auszusehen, so wie Friedrich Liechtenstein, oder aber man hat es geschafft, sehr schön zu sein, dann muss man auch nicht mehr interessant aussehen. Der Anteil derer, auf die sogar beides zutrifft, der schönen Interessanten und der interessanten Schönen, ist nirgends höher als hier: Berlin-Mitte ist, vermute ich, ein einziges Nachherbild anderer Stadtteile, ja ganz Deutschlands. So könnten Kreuzberger, so könnten Osnabrücker aussehen, wenn sie sich nicht so entsetzlich gehen ließen und die ganze Zeit Erbsensuppe äßen und Grünkohl zum Nachtisch.

Und ich sehe nun mal, die Treppe des U-Bahnhofs Rosenthaler Platz hinaufgehend und plötzlich in der grellen Sonne stehend, wie sollte es auch anders sein, immer noch aus wie vorher: Ein Entlaufener aus den Randbezirken der Hässlichkeit, ein Eindringling in der Gated Community der Schönheit. Da, hinter dem Buchladen mit den Bildbänden zum Preis eines Kleinwagens im Schaufenster: Ist da nicht gerade ein Promi vorbeigehuscht? Wo kann ich mich verstecken in diesen wahnsinnig breiten Straßen zwischen all diesen wunderschönen, wunderinteressanten Menschen, die mit gnadenloser Entschlossenheit der Boutique oder dem portugiesischen Café entgegenflanieren? Wie lange bleibt meine Hässlichkeit noch unerkannt?

Aber genau deswegen bin ich ja hier: Ich gehe heute in ein Detox-Restaurant essen, ein Entgiftungslokal also. Ich reinige meinen Körper von mir selbst. Von den Schlacken, freien Radikalen, vom Nikotin und vom Alkohol, vom Fett und von den Kohlehydraten, radiere die Mitesser und Augenränder aus meinem Gesicht, all das Graue, Verlebte, Kottbussertorhafte meiner Visage, werde schön, indem ich Superfood speise. Vorher hässlich, nachher nicht mehr.

Sterben ist so Neunziger!

In Berlin-Mitte, dem Bullerbü der Besseraussehenden, ist dem Gesundheitssystem ein Gesunderhaltungssystem vorgeschaltet: Gesund zu sein ist hier nicht nur Mittel zum Zweck, es ist ein selbstbezogener Götzenkult. Wer nicht gesund ist, wer zum Arzt geht, der hat existenziell versagt. Es sei denn, er hat er sich nicht bei der rasanten Abfahrt am Piz Buin den Knöchel gebrochen; es sei denn, er geht hin, um noch gesünder zu werden, mehr Lebensenergie durch Akupunktur, viele sind privat versichert, in den Wartezimmern liegt statt der Sport Bild das Sleek Magazine. Nichts weniger als die Unsterblichkeit wird angestrebt, denn was bringt einem die 200-Quadratmeter-Dachwohnung, wenn man nur noch mit dem Treppenlift hinaufkommt oder mit der Bahre hinunter? Sterben ist so Neunziger! Also joggen, crossfitten, saunieren und detoxen sie dem Tod davon und der sitzt währenddessen im Wedding in einer Eckkneipe und bestellt sich noch ein Herrengedeck. Schon bilden die Krankenkassen riesige Rücklagen, weil sie es in ein paar Jahrzehnten mit lauter unsterblichen, wunderschönen Greisen zu tun haben werden, deren Gelenke jedoch vom Extremyoga zerstört sind.

Daluma heißt übrigens der Laden, in dem ich heute essen möchte, ein Akronym aus den Namen der drei Gründer, die natürlich nicht Dankwart, Lutz und Manfred heißen, so wie, ich erinnere mich vage, die Cousins meiner Großmutter, sondern David, Lukas und Marian. Eine "Wellfoodexperience" sei das Daluma, schrieb ein Fachblogger unlängst, also wohl eine Art Zauberberg der grünen Smoothies und der Glutenfreiheit. Hier, ich muss mich korrigieren, geht man nicht essen im volkstümlichen Sinne, so wie man eine Bratwurst isst – man tut etwas für sich. Hier wird nicht bloß gekocht, hier gibt es eine Philosophie und die lautet: "Unsere Motivation sind Produkte für eine bessere Ernährung auf drei Ebenen: Bessere Nährstoffe für den Körper, besserer Geschmack und höhere Nachhaltigkeit." Besser, besser, höher: Da will ich auch hin. Endlich weg aus meinem norddeutschen Kaff, endlich weg von der Erbsensuppe, endlich ankommen in Berlin. 

Ruft sie die Polizei, wenn ich das Whopper-Menü bestelle?

Wie weit ich aber noch davon entfernt bin, sehe ich sogleich am Blick der Bedienung: Ich suche nach einer Spur von Sympathie darin, Mitleid wenigstens, aber da ist nichts als Aversion und Skepsis. Sie schaut mich an wie ein Fernsehtechniker eine Glotze aus den Siebzigern, der sagt: "Das lohnt sich nicht mehr, kaufen Sie sich lieber einen neuen." Ich spiele kurz mit dem Gedanken, ob ich eine "hausgemachte Milch aus besten Paranüssen" exen und dann erst bestellen soll, aber sie trommelt schon ungeduldig mit den Fingern auf dem Tresen. "Schon entschieden?" Äh, Moment noch: Die Karte sieht ja aus wie das Periodensystem im naturwissenschaftlichen Trakt eines Gymnasiums, vom Linsenmix zeigt ein Pfeil auf das Granatapfel-Tahina-Topping, vom Quinoa einer auf die Miso-Shiitake, was nehme ich denn, was nehme ich denn, was ist das denn überhaupt? Hinter mir bildet sich bereits die schönste Schlange der Welt, französische Filmstudentinnen, skandinavische Leichtathleten, sie alle essen offenbar täglich mehrmals hier, tun etwas für sich, kein Genussgift verzerrt ihre edlen Züge. Ich würde jetzt wirklich sehr gern "Einmal das Whopper-Menü, bitte!" sagen, nur um zu sehen, ob die Bedienung dann die Polizei ruft, nehme aber, weil ich es am leichtesten aussprechen kann, den Reis mit Mandel-Limette. Dazu einen Saft namens Supergreen, der aus, wie ich erst später und zu spät erfahre, Wirsing, Gurke, Petersilie, Rauke, Brennnessel, Spinat und Kokoswasser besteht.

Ganz nah an der Natur: Gerichte aus dem Daluma auf einer Tischdecke aus Moos © Daluma

Er schmeckt dann auch ziemlich genauso, als würde man mit weit geöffnetem Mund in ein Gemüsebeet stürzen, doch immerhin: "Die alkalisierende Wirkung von Rauke und Wirsing neutralisiert Übersäuerungen." Der Reis mit Mandel-Limette neutralisiert durch seine süßliche Nachtischhaftigkeit, die entfernt an einen seit Kurzem abgelaufenen Müller-Milchreis erinnert, wiederum den allzu herben Saft und andersherum, ich nehme beides im schnellen Wechsel zu mir, so geht's.

Unter einer mit irisierenden Pfauenfedern geschmückten Wand sitzend, denke ich, dass ich mir dasselbe schon einmal selbst gekocht haben könnte, damals, in der armseligen Studienzeit, als nichts mehr im Hause und es zu spät zum Einkaufen war. Manchmal gab es nur Babybel zum Frühstück, in unserer Wohngemeinschaft nannten wir das den Holland-Brunch. Gut möglich, dass wir auch mal Reis und süße Soße zusammenschütteten, dazu Nüsschen. Es steckte damals bloß keine Philosophie dahinter, außer: Gekocht isses, weg musses. Dass Sattwerden eine Sache des Willens ist, hatte meine Großmutter mich gelehrt.

Aber solch unbotmäßigen Gedanken liegen sicher nur in meiner mangelhaften Erfahrung mit der Detox-Cuisine begründet. Die französische Filmstudentinnen und skandinavischen Leichtathleten am Nebentisch sehen jedenfalls so glücklich aus, als äßen sie pures Gold, würden gleich gemeinsam auf den K2 klettern und sich auf dem Gipfel der freien Liebe hingeben. Es gibt kein schlechtes Essen, denke ich, es gibt nur dumme Zungen.

Deshalb antworte ich auch auf die Frage der Bedienung, die sie mir stellt, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, ob es geschmeckt habe, wie einer, der gefragt wird, ob er das algerische Kino der frühen Sechziger auch so schätze, mit einem etwas zu enthusiastischen "Und wie!". Und natürlich bin ich noch beseelt von der Hoffnung auf den Vorher-Nachher-Effekt: Bin ich jetzt schöner oder wenigstens weniger hässlich als vor dem Supergreen und dem Mandel-Limetten-Reis? Würde Maxim Biller mich drin lassen in diesem Fortsetzungsroman über die Suche nach dem Sinn von Schönheit, Gesundheit, Unsterblichkeit, Rauke-Smoothies und Bildbänden zum Preis eines Kleinwagens im Schaufenster?

Die Scheißsonne scheint noch immer. Auf dem Gehweg macht ein super aussehendes Powerpärchen einen Bogen um mich, als wäre ich ein tollwütiger Fuchs, der überdies noch eine Straßenzeitung verkaufen will. 

© Silvio Knezevic

Möglicherweise muss ich gleich weinen. Schnell renne ich die Treppe hinunter, zur U-Bahn, und fahre heim zu meinen hässlichen Freunden. Der eine kriegt eine Glatze, der andere hat neulich gesagt, dass er jetzt in einem Alter sei, in dem er das Recht habe, fett zu werden. Ich finde sie beide sehr, sehr schön. Ich werde demnächst eine Erbsensuppe für sie kochen, nach altem Rezept.


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Kommentare

85 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren

Ich halte mich ja für einigermassen erfahren, auch in kulinarischen Dingen. Ich halte mich auch für breitbeinig genug im Leben stehend, dass ich die Sauen, die in schöner Regelmässigkeit durchs Dorf getrieben werden, mich einfach tunneln lasse.

Als ich das erste Mal den Begriff Superfoods las, habe ich noch hektisch geguckt, ob ich mich nicht verklickt habe, Scientology, Ryke Geer Hamer oder gar Otto Walkes. Also Danke für diesen Artikel, ab und an ein bisschen Ideologie ist OK, aber bitte nicht immer so ernst.