Gemüsegefühle Die Liebende aus der Müslischüssel

© ZEIT ONLINE
Allein weht sie ziellos umher, nur in Gesellschaft blüht sie auf. Die Haferflocke ist das vielleicht romantischste Lebensmittel im Vorratsschrank. Von

Sie kann vieles, nur eines nicht: alleine sein. Die Haferflocke lebt von der Zweisamkeit. Sie ist gnadenlos bedürftig. Ohne Milch, Wasser, Joghurt, Früchte oder Kakao ist die Haferflocke nur ein kleines, zu groß geratenes Etwas aus den Kernen des Saat-Hafers: 70 Prozent Kohlenhydrate, 15 Prozent Eiweiß, reich an ungesättigten Fettsäuren, Vitamin B1, B9 und K sowie Magnesium, Eisen und Zink. Außerdem hat die kleine Flocke extra viele Ballaststoffe, deren Beta-Glucan sogar den Cholesterinspiegel senken kann.

Aber das kleine Etwas ist gut zu gebrauchen. Es macht satt. Es schmeckt nussig. Es ist flexibel und leicht – so leicht, dass es mittlerweile auf jedem Diätplan steht, so leicht, dass es, liegt es einsam und allein, selbst der leichteste Windstoß wie eine Flocke aus dem Fenster trägt. Hinaus in die Welt. Dann muss sich die Haferflocke treiben lassen und geht wie Staub in einer Wolke aus Materie auf.

Ist die Haferflocke aber zweisam oder kommen auf ein Exemplar noch drei- oder vierhundert ihrer Art, wird aus einer leblos treibenden ohne Ziel und Zweck ein Haufen, der umflossen und umgarnt werden will. Und so ist die Haferflocke vielleicht das romantischste Lebensmittel im Vorratsschrank: die Liebende aus der Müslischüssel. Sie giert nach Wärme. Sie liebt es, sich zu verbinden. Sie umarmt ihre Partner wie ein liebestoller Teenager und macht aus dem dünnsten Wässerchen einen dichten Fluss.

Anstatt als traditioneller Haferschleim füllt die Haferflocke mittlerweile als Porridge oder Overnight Oats die Einweckgläser der Foodies. Sie ist Sättigerin, Darmfloristin, die perfekte Partnerin. Vielleicht ist sie sogar das einzige Superfood, das diesen Namen wirklich verdient.

Auch wenn die ältere Generation sie nur ungern isst. Essen ist Erinnerung. Die Haferflocke steht für härtere Zeiten, für Tage des Hungerns, das Wunder des Instant-Effekts, sie steht für das Aufgießen, Andicken, Mehrwerden.

Wahrscheinlich ist die Haferflocke deshalb auch so beliebt bei den Hartz-IV-Prinzessinnen der Kreativwirtschaft, beim modernen Wohlstandsprekariat, das sich lieber mit Haferflocken geißelt, als eine Arbeit zu tun, die der Selbstverwirklichung zwar nichts, vielleicht aber ein Croissant auf den Tisch bringen würde. Doch wer braucht schon Croissants – Fett! Zucker! Kohlenhydrate! –, wenn er allmorgendlich liebeswütige Superflocken in seine Schüssel rieseln lassen kann. Vielleicht siegt am Ende doch die Romantik.


Zu manchen Zutaten hat man ein besonderes Verhältnis. In unserer neuen Serie "Gemüsegefühle" geht es um mehr als Geschmack. Hier sammeln wir Liebeserklärungen an alles, was man essen kann.

© Silvio Knezevic


Am 22. April dreht sich alles ums Genießen: Jeder, der Spaß am Kochen hat und selbst gemachtes Essen schätzt, kann sich am ZEIT Kochtag beteiligen – mit einem privaten Kochabend oder auf einer Veranstaltung. Weitere Infos unter www.zeit-kochtag.de

Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

eigentlich nett geschrieben... aber das ist ja wohl geschmacklos....Zitat " beim modernen Wohlstandsprekariat, das sich lieber mit Haferflocken geißelt, als eine Arbeit zu tun, die der Selbstverwirklichung zwar nichts, vielleicht aber ein Croissant auf den Tisch bringen würde. "
Evt. sollte die Autorin sich einmal überlegen ob es nicht viele Leute gibt die Hartz IV nicht beziehen um sich "Selbstzuverwirklichen" sondern weil Sie Probleme haben.

> Evt. sollte die Autorin sich einmal überlegen ob es nicht
> viele Leute gibt die Hartz IV nicht beziehen um sich
> "Selbstzuverwirklichen" sondern weil Sie Probleme haben.

Die sind von der Autorin auch sicher nicht gemeint ... je nachdem, wo Sie leben, haben Sie vielleicht mit den betreffenden Milieus wenig zu tun. So kennt wohl jeder jüngere Berliner die intellektuell-gesundheitsbewussten-weltverbessernddenkenden-etc. alternativen Szenen, die übrigens i.d.R. nicht von Hartz IV leben, sondern tatsächlich (und trotz ganz anderen Potenzialen) gehäuft von prekär selbständigen, aber auch selbstgewählten Job-Modellen. Obwohl ich selbst nicht dazugehöre, besteht ein Gutteil meines Bekanntenkreises aus solchen tendenziell verrückten, aber eben auch sehr sympathischen Leuten. Verzeihen Sie also der Autorin ;-)