Wolfram Siebeck Der Restaurantkritiker als Mensch

Wolfram Siebeck hat mir den Weg in den Journalismus gezeigt: Geh hin, mach mit, lass dich nicht ablenken und schreib die Wahrheit. Den Rest habe ich mir angegessen. Von

Meine Eltern waren keine ZEIT-Abonnenten. Ich wurde im Jahr 1971 geboren, und wenn ich meiner Frau, die sehr viel jünger ist als ich, aus meiner Kindheit erzähle, dann tue ich das zunehmend gern, weil ich dann das Gefühl bekomme: Es war eine karge und zugleich reichhaltige Welt, in die ich hineingewachsen bin.

Gestern, ich schaute die Vorberichterstattung zum entscheidenden Fußballspiel, zeigte man mir in der Tagesschau kurz das Schwarzweißbild eines freundlichen Gesichtes und Jan Hofer sagte: "Wolfram Siebeck ist tot". Mir entfuhr es, ich sagte es laut vor allen anderen, die um mich herum saßen und aßen und tranken. Ich sagte es laut: "Nein!"

Ich war ungefähr einer unter siebenundzwanzig anderen. Und so ungefähr mag der sogenannte Proporz (ein schreckliches, hässliches Wort) sein, denen Wolfram Siebeck etwas bedeutet haben dürfte. Wer interessiert sich schon groß dafür, weshalb der Burger gut schmeckt oder warum diese Frittenkartoffeln aus Amerika stammen. Die sind ja mittlerweile – seit 1971 ist viel Zeit verstrichen – bundesweit so etwas wie: normal.

Es war circa im Juli des Jahres 1996, als Christian Kracht mich auf der Damentoilette des Tele 5 in der Hamburger Erichstraße fragte, ob ich Lust hätte, mit ihm nach Berlin zu gehen. Dort gebe es einen Wahnsinnigen, der für den Springer-Verlag eine Tageszeitung für Taxifahrer relaunchen dürfte. Christian sagte, es gäbe dort jede Menge Geld, dagobertmäßig, die einzige Bedingung war, ich müsste dann Restaurantkritiker werden.

Haha, sagte ich, geniale Idee – aber das kann ich doch gar nicht.

Na ja, sagte Christian, da waren wir bereits unterwegs auf der Autobahn, dann musst du dir halt mal überlegen, wie man das macht. Du redest doch andauernd übers Essen. Wie was schmeckt oder was du selbst besser machen würdest. Außerdem hast du doch eine Konditorlehre abgebrochen Punktpunktpunkt.

Also las ich mir das an. Ich kaufte Wolfram Siebecks Autobiografie, die den charmanten Titel trug: Das Haar in der Suppe habe ich nicht bestellt. Darin gab es ein Foto, da saß Wolfram Siebeck in seinem Cabriolet irgendwo im Umland von Cannes und tippte eine Filmkritik in eine Reiseschreibmaschine. Damit konnte ich leben. Und den Rest aß ich mir an.

Siebeck war immer bei mir

Fortan musste ich jede Woche drei Restaurantkritiken schreiben. Ich ging etwa eintausendzweihundertmal pro Woche essen. Ich nahm etwa sieben Kilogramm zu, weil Restaurantessen extrem nahrhaft ist und ich es nie fertigbrachte, etwas zurückgehen zu lassen. Und, es war ja noch eine andere Zeit, nicht alles so gut zubereitet wurde wie heute. 

All die Jahre, es wurden rund 180 Kritiken, war Wolfram Siebeck bei mir. Das ging so weit, mit mir und meinem Hausheiligen, dass ich meinen ersten Roman per Exposé an die Deutsche Verlagsanstalt verkaufte mit dem Titel Barbara Siebeck. Das wurde dann ein ganz anderer Text, der unter dem Titel Wir-Maschine veröffentlicht wurde, aber es waren wie gesagt noch ganz andere Zeiten. Blumfeld und Siebeck, das war so meine Welt.

Von Jochen Distelmeyer habe ich gelernt, wie man schreiben könnte, wenn man auch den Mut besäße, es öffentlich zu machen. Von Wolfram Siebeck habe ich dann gelernt, wie man herausfindet, worüber man schreiben könnte. Und das wurde im weiteren Verlauf der Zeit eben noch viel mehr als bloß über gekochtes und gekauftes Essen: nämlich Hingehen, Mitmachen, und dabei stets sich selbst belauschen. Und sich nicht ablenken lassen vom Pomp des Interieurs oder der angeblichen Tradition. Und danach die Wahrheit sagen. Egal, ob das dann in die schöne Stimmung passt wie, sagen wir, Hagel mitten ins Public Viewing. Klar, man hat dann Feinde. Aber, und das hat mich an Wolfram Siebeck beeindruckt: Man kann auch als Verschriener und Gefürchteter manchen, und wenn auch nur der eigenen Familie, liebenswert sein. Als Mensch.

Unter Tränen

Einmal saß ich dann im ICE nach Frankfurt am Main, und da kamen Barbara und Wolfram Siebeck ins Bordrestaurant. Er bestellte das Rührei und aß sogar das Aufbackbrötchen auf. Und ich war so glücklich, weil ich es jetzt aus der Anschauung wusste, was ich bis dato nur in seinen Texten gefühlt hatte: Wolfram Siebeck war, wie ich, ein ganz normaler Mensch. Der halt aber auch Geld verdienen musste und wollte und das eben am liebsten mit etwas, das gleichzeitig auch noch Freude machte.

In den letzten Jahren habe ich weniger und weniger Texte von ihm zählen dürfen. Und ich hatte wohl gespürt, woran das gelegen haben musste, #NormalerMensch. Es gab dann vor drei Jahren einen Restaurantbericht aus dem Museumsbistro in Amsterdam, bei dem mir die Tränen kamen, weil der mich so an die Stelle in der Suche nach der verlorenen Zeit erinnerte, ab Seite 3.000, wo der Schriftsteller Bergotte ins Museum geht, um sich den gelben Fleck auf einer von Vermeer gemalten Hausmauer anzuschauen. Und dann sieht er sie zwar noch, aber es ist ihm so schwindlig und er sagt zu sich: "Das liegt an den Kartoffeln, die ich zu Mittag hatte, die waren wohl nicht ganz gar". Aber daran liegt es halt nicht. Und dann ist er tot.

Gestern, als ich das Schwarzweißbild von Wolfram Siebecks Antlitz in der Tagesschau sah und Jan Hofer dazu diesen Satz sagte, kamen mir noch einmal die Tränen. Vielleicht nicht das letzte Mal. Aber dass Deutschland danach verloren hat, war mir sowas von egal.