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Backen Uromas sanftes Geheimnis

Adventswochenenden kann man wunderbar mit Backen verbringen. Das alte Rezept dieser Schokokekse kommt aus Thüringen und zerfällt bereits. Helfen Sie ihm beim Überleben. Von

Wenn wir nach drei Stunden Fahrt von Berlin aus mit dem Auto die kleine Anhöhe zum Parkplatz entlangfuhren, konnte man sie schon im fünften Stock am Hausflurfenster hinter dem Vorhang sehen. Sie stand dort immer und wartete, weil wir sie von der Autobahnabfahrt aus angerufen hatten. Sah sie uns kommen, ging sie zurück in ihre kleine Wohnung und machte die Nudelsoße warm, stellte die vielen Dosen mit Keksen zurecht, wischte mit der Hand über das Tischtuch, überlegte, ob sie noch etwas vergessen hatte. Davor hatte sie immer Angst. Etwas zu vergessen. Und wenn es wirklich mal eintraf, dann lachte sie und legte ihr Gesicht in ihre beiden großen Hände.

Auf die Plätzchen, fertig, los

In Selbstgebackenem stecken häufig die schönsten Erinnerungen. Vor jedem Adventssonntag veröffentlichen wir deswegen ein Backrezept, das mehr ist als nur eine Anleitung. Es ist ein Rezept mit Geschichte, ob von der Uroma oder der Mutter des Ex-Freundes. Liebe ist immer in der Teigschüssel, und Zucker auch.

Meine Urgroßmutter lebte in einer kleinen Stadt in Thüringen. In dem seniorengerechten Hochhaus roch es nach Linoleum und Putzmittel – für mich als Kind der Inbegriff der Moderne. Es gab eine Klingel unten an der Haustür, deren Knopf ich jedes Mal drücken durfte, es gab einen Fahrstuhl da und einen Fernseher mit Fernbedienung. Und es gab Uroma, die für mich selbstverständlich jahrelang "Uhroma" geschrieben wurde, weil ich dachte, sie wäre nach der Uhr in ihrem Wohnzimmer benannt.

Meine Uroma war keine Frau der großen Worte, lieber raschelte und kramte sie, kochte und machte, fuhr auf und räumte ab. Sie kümmerte sich, sie fragte, manchmal erzählte sie von früher. Vor allem aber zauberte sie. Vor dem Zubettgehen nahm sie die Klammern aus ihrem Dutt am Hinterkopf auf und zum Vorschein kam ein langer geflochtener Zopf weiß-grau-schwarzer Haare, der ihr bis zur Hüfte ging. Und wenn wir um den großen runden Tisch saßen, der fast das ganze Wohnzimmer einnahm, holte sie aus ihren Schränken und der winzigen Küche Unmengen an Essen hervor. Sie fuhr jedes Mal auf, als hätten wir seit Wochen nichts gegessen, als wäre dies die letzte Gelegenheit für uns, noch einmal zuzugreifen. Und sie brachte es fertig, unsere Teller niemals leer werden zu lassen.

Natürlich gab sie uns später ihre Rezepte weiter, doch es war nicht möglich, den Geschmack der Soße so hinzubekommen, wie sie es ihr gelang. Es war auch nicht möglich, genau dieselbe Farbe oder Festigkeit zu erreichen, solange man auch übte. Aber auch das gehörte zu Oma. Ihre kleinen Geheimnisse, das verschmitzte Lächeln, ihr leises Seufzen, wenn sie uns beim Essen zusah.

Ein Rezept gibt es, das nah herankommt an diese Tage. Die braunen Kugeln, die ich mittlerweile umgetauft habe in: die Thüringer Sanften. Denn ihre Konsistenz und ihr Geschmack versetzen mich sofort zurück auf das zu tiefe Sofa in dem zu kleinen Zimmer an den zu großen Tisch, neben dem die kleine Frau mit dem Dutt stand, aus dem Fenster schaute und sich freute, wenn die Vögel auf dem Balkon ihren Teil der Mahlzeit zu sich nahmen.

Ich empfehle, den Teig nicht mit einem Rührgerät zu kneten, sondern mit den Händen. Denn es gibt keinen Teig, der sich sanfter und schöner anfühlt als dieser. Achten Sie auf das Geräusch, das er am Ende macht, wenn sie mit den Fingern hindurchfahren. Und auf das Glänzen, bevor man ihn in kleine Portionen teilt, um die Kekse daraus zu formen. Das Rezept aus dem alten Kochbuch haben wir mittlerweile laminiert, da das Papier bereits begann, sich aufzulösen. Im Internet wird das Rezept hoffentlich länger überleben.

Für ein Blech der Thüringer Sanften brauchen Sie:

  • Eine halbe Stunde Zeit
  • 250g Margarine
  • 1 Päckchen Vanillezucker
  • 100g Puderzucker
  • 250g Weizenstärke
  • 75g Mehl
  • 30g Kakao
  • Mandeln zum Dekorieren
  • Puderzucker zum Bestäuben

Zuerst die leicht angewärmte Margarine schaumig rühren. Weizenstärke, Mehl und Kakao mischen. Die Mehl-Stärke-Zucker-Mischung in die schaumige Margarine rühren. Anschließend Vanillezucker und Puderzucker hinzugeben. Nun den Teig mit den Händen kneten (und genießen). Danach aus dem Teig Rollen mit etwa zwei Zentimetern Durchmesser formen und ein Zentimeter dicke Scheibchen abschneiden. Diese zu Kugeln oder Ovalen formen und auf ein mit Backpapier belegtes Blech setzen. Nun können die Mandeln oben hineingedrückt werden. Im vorgeheizten Backofen bei 200 Grad ungefähr zwölf Minuten backen. Anschließend kurz abkühlen lassen und mit Puderzucker bestäuben. 

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