© Hubert Peter

Korn Endlich cool

Nach Whisky und Gin steht nun Korn im Fokus kleiner Brennereien. Sie wollen dem verrufenen Weizenbrand zu neuem Ruhm verhelfen und ihn gesellschaftsfähig machen. Von

"Seine Brust ist von den vielen Zigaretten eingesunken, dazu hat er etwa einen Liter Fako getrunken, Fanta-Korn, im Verhältnis 1:1. Jetzt hat ihn der Schmiersuff befallen." Dass Heinz Strunk den Leser seines 2016 erschienenen Romans Der Goldene Handschuh in Trinklaune versetzt, kann man nicht gerade behaupten. Eher bestätigen die aschenbechergrauen Gäste der gleichnamigen Hamburger Kneipe Der Goldene Handschuh eine Vermutung: Eigentlich war Korn immer alles andere als cool. Vor allem in Variationen wie dem sogenannten Herrengedeck, das aus einem Bier und einem Korn-Shot besteht, oder der Kobra, dem Korn mit Ahoibrause.

Um den Weizenbrand von seinem Flatrate-Disko-Schützenfest-Image zu befreien, machte Theo Ligthart ihn zu Kunst. Für eine Ausstellung in der Berliner Galerie Thomas Schulte entwarf der Niederländer eine Kornmarke, die anders war als alle bisherigen. Ihr Name: Das Korn. "Ich verstehe dieses Getränk als soziale Plastik", erklärt Ligthart seine Geschäftsidee. Ihn habe das katastrophale Image dieser Spirituose gereizt, dazu kam der Ehrgeiz, eine exzellente Version dieses Brandes zu erschaffen. 

Dafür hält er die Filtration so gering wie möglich, um den Charakter des Weizens zu bewahren. Nach der Destillation lagert sein Korn wahlweise im Edelstahltank oder als alter deutscher Doppelkorn für fünf Jahre in badischen Weinfässern. Ligthart macht sich die Strategien großer Konzerne zu eigen – aus Frankreich importierte Flakons, Siebdruck-Etiketten, von prominenten Barkeepern entwickelte Rezepte – und überträgt sie auf sein Produkt. Noch immer steht seine Marke inklusive aller Nutzungsrechte als Gesamtkunstwerk zum Verkauf. Seinen Künstlerberuf hat er mittlerweile gegen den des Vollzeitbrenners eingetauscht und nebenbei ein Festival für Craft Spirits ins Leben gerufen.

Das Topsouvenir mit langer Geschichte

Dass Korn plötzlich die Chance hat, cool zu werden, liegt auch an der allgemeinen Begeisterung für alles Handgemachte. Genau wie zuletzt Gin ist Korn ein dankbares Produkt sogenannter Mikrobrennereien, kleiner, unabhängiger Betriebe mit hohem Wiedererkennungswert. Was nicht heißt, dass keine Überzeugungsarbeit geleistet werden muss. Als Vincent Honrodt sein Produkt zur Verkostung anbot, waren viele Gastronomen nur so lange begeistert, bis sie hörten, dass es sich um Getreidebrand handelte. Als Erbe eines Familienunternehmens brachte der 43-Jährige die nötige Geduld auf, seine Kunden zu einem zweiten und dritten Glas zu überreden und den Korn schließlich ins Sortiment zu nehmen. Mittlerweile gibt es seinen Berliner Brandstifter in Neuköllner Hipsterbars genauso wie in der gehobenen Gastronomie. Die New York Times empfiehlt den Brand als eines der "15 Topsouvenirs aus Europa".

Dabei ist Korn weniger ein europäisches als ein urdeutsches Produkt. Ähnlich wie Bier unterliegt er einem strengen Reinheitsgebot. Für seine Herstellung dürfen ausschließlich Weizen, Roggen, Buchweizen, Hafer und Gerste verwendet werden. Aus dem gemahlenen Getreide entsteht eine sogenannte Maische und durch zugesetzte Hefe schließlich Alkohol. Dieser entweicht beim Brennvorgang, wird aufgefangen, abgekühlt und schrittweise gereinigt, bis ein klares Feindestillat mit 85 Prozent Alkoholvolumen entsteht. Verdünnt wird es mit hochwertigem Quellwasser, bis es entweder 32 (Korn) oder 37,5 (Doppel- oder Edelkorn) Volumenprozent Alkohol enthält. Nach dem Brennen kommt der Brand entweder sofort in die Flasche oder reift in Eichen- oder Tonfässern, ähnlich wie Whisky. Selbst das bei der Destillation entstehende Abfallprodukt, die sogenannte Schlempe, ist so wertvoll, dass sie als hochwertiges Tierfutter genutzt wird. Somit ist der vermeintliche Fusel das Nose-to-tail-Produkt unter den Spirituosen: Alle Reste werden verwertet.

In der Preußischen Spirituosen Manufaktur entstand: Das Korn. © Preußische Spirituosen Manufaktur

Das gefällt auch Theo Ligthart. Die Schlempe seiner Spirituosen wird an Brandenburger Rinder der Gemeinde Steinreich verfüttert, die als Namensgeber für seinen zweiten, 2012 entwickelten Edelkorn dient. Sowohl dieser als auch dessen Vorgänger Das Korn entstehen in Zusammenarbeit mit der Preußischen Spirituosen Manufaktur. Dort hat man auch andere Sorten Hochprozentiges im Angebot, etwa Aquavit, Rosenlikör und den unvermeidlichen Gin. Noch ist der Gin das erfolgreichste Produkt, doch der Korn-Absatz steigt. Mitarbeiter Martin Barth schwärmt von komplexen Aromen von Brot, Vanille, Holz und Malz. Ihm zufolge kann es Korn mit manchem Whisky aufnehmen. Gegen die Herstellung eines solchen habe man sich bewusst entschieden, aus Respekt vor der deutschen Kultur.

Dass es sich um ein Kulturgut handelt, beweist die lange Geschichte des Korns. Seine Wurzeln reichen zurück bis ins 15. Jahrhundert. 1545 wurde ein Brennverbot erlassen, auf Druck von Brauereien, die um ihren Getreidevorrat fürchteten. Typisch deutsch: 1789 forderte ein Reinheitsgebot, dass mindestens zwei Drittel Roggen oder Korn und höchstens ein Drittel Gerste oder Malz verwendet werden dürfen. 1909 folgte ein zweites Reinheitsgebot, das Zusatzstoffe wie Zucker und Aromen verbietet. Während im Süden vermehrt Obstbrände hergestellt werden, ist Korn traditionellerweise ein norddeutsches Produkt. Dort sitzen auch die bisherigen Marktführer, etwa Oldesloer in Schleswig Holstein, Echter Nordhäuser Korn in Thüringen und Berentzen im niedersächsischen Haselünne.

Die große Herausforderung für die Kleinen

Konkurrenz machen ihnen neuerdings Kleinstbetriebe wie Nork. Gegründet von drei Freunden um die dreißig ,vereint dieser Getreidebrand alles, was gerade angesagt ist: einen wohlklingenden Namen, hochwertige Ausgangsprodukte, auffälliges Design und die Herkunft aus der Region. Jede Flasche ist nummeriert und von Hand abgefüllt. Lars Mehlhop-Lange und Johann und Ann-Katrin Dallmeyer brennen im norddeutschen Schleeß, das Leitungswasser kommt aus ihren Heimatstädten Bremen und Hamburg. Ebenfalls aus Hamburg kommt der Hochseekorn Hanseatic Spirits. Neben einem auffälligen Design macht er vor allem mit seinem Herstellungsprozess auf sich aufmerksam: Nach dem Brennen reift er in einem Whiskyfass, das 180 Tage auf hoher See unterwegs ist.

Für solche Geschäftsmodelle hat Hubert Peter wenig Verständnis. Als Betreiber der Bar Barrikade in Wien nutzt er Korn als Basis für seine hausgemachten Liköre. Nur die Jahreszeiten setzen seiner Fantasie Grenzen: Im Frühling verarbeitet Peter Spargel und Karotten, im Sommer Zitronen, im Herbst grüne Nüsse. Aufgrund seines neutralen Geschmacks sei der Korn hierfür ein idealer Geschmacksträger. Dementsprechend kritisch sieht Peter den aktuellen Hype: "Abgesehen vom Aufwand der Destillation ist der Unterschied von Wodka zu Korn gering. Spätestens beim Mischen verschwinden die Nuancen." Er selbst habe jahrelang in der Gastronomie gearbeitet, wo die Nachfrage nach Korn gleich Null gewesen sei. "Selbst Gin trinken die wenigsten Leute pur. Und egal ob Gin oder Korn: Ein Tonic fährt da meistens rüber wie ein Auto."

Während die einen Korn für seine geschmackliche Neutralität schätzen, halten ihn andere für im wahrsten Sinn des Wortes überflüssig. Sowohl das Münchner Fleur du Mal als auch die Zephyr Bar – beide gehören zu den besten des Landes – haben derzeit keine Drinks auf Kornbasis auf der Karte. Ein Grund mag das ungeschriebene Gesetz sein, dass es keine ernstzunehmenden Drinks auf Wodkabasis gebe. Schließlich gilt Korn als deutsches Pendant zum russischen Wässerchen.

Anders sieht man das im Berliner Buck & Breck, wo Gonçalo de Sousa Monteiro Cocktails aus Korn, Wermut und Crème de Framboise zubereitet werden oder mit weißem Portwein und Bitters. Sein Kollege Alberto Ferreiro Costa serviert den Gästen des Hamburger Hyatt-Hotels einen Green Korn Sour, bestehend aus Apfel- und Limettensaft, Zuckersirup und Korn. Ein Schelm, wer da an Berentzens Sauren Apfel denkt. Oder an Fako. Im Goldenen Handschuh muss keine Überzeugungsarbeit mehr geleistet werden. Auch Heinz Strunk bleibt beim Weizenbrand. Auf die Frage, wann er zuletzt einen Fako getrunken habe, antwortet er: "Gerade letzte Woche erst. Schmeckt gut, besser, als man denkt."

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