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Superfood Kann diese Superfrucht lügen?

Essen wird nicht durch Supereigenschaften zum Superfood. Sondern mit Supermarketing. So wurden Avocados Bestseller. Und den Grünkohlhype? Hat eine Agentur angezettelt. Von

Beim Einkaufen ist heute alles super. Im Superfoodregal steht das Superfoodpulver (mit Macawurzel und Acerola) neben dem Superfoodmüsli (mit Gojibeeren) und den Superfoodriegeln (mit Chiasamen). Man kann sich Superfoods aufs Brot oder ins Gesicht schmieren, es gibt sogar Hundefutter mit Superfood.

Superfoods stehen für Fitness, für vollwertige, leichte Ernährung – ohne dass man dafür lange Zutatenlisten studieren und vergleichen muss. Superfoods nehmen uns die Entscheidung für das vermeintlich Supergesunde ab, und das nicht erst, seit sie so heißen.

Popeye zum Beispiel kannte das Wort zwar nicht, trotzdem war er der erste Superfoodinfluencer der Neuzeit. Dem Comic-Matrosen schwollen die Muskeln an, sobald er eine Dose Spinat aß, er wurde mit jedem Gegner fertig. Dank ihm funktionierte die Gleichung Spinat = Eisen = Kraft von den Dreißigern an über Jahrzehnte hinweg als Elternargument, um Kinder vom Spinathassen zum Spinatessen umzuerziehen. Und die Strategie ging auf: Vor ein paar Jahren belegte eine in Bangkok durchgeführte Studie, dass Kinder, die Popeye-Filme zu sehen bekommen, das Doppelte an Gemüse essen

Man weiß heute, dass Spinat zwar Vitamine, Eiweiß, Ballaststoffe und Folsäure, aber nicht übermäßig viel Eisen enthält. Und dass Popeye seine Muskeln nur wegen eines alten Rechen- oder Übertragungsfehlers ausgerechnet dem Spinat verdankt. Trotzdem hielt sich dessen Ruf als Eisenlieferant hartnäckig. Einmal Superfood, immer Superfood.

Während Spinat noch konkurrenzlos war, vergeht heute kaum ein Monat ohne Nachrichten von neuen Heil bringenden Superfrüchten, Superkräutern, Supersamen. Nicht etwa, weil Wissenschaftler darin zufällig neue überragende Eigenschaften entdecken. Sondern weil einzelne Personen oder Unternehmen gut daran verdienen.

Erst fett, dann fit

Geplante Superfoodhypes gibt es schon seit den Achtzigerjahren. Die Werbegemeinschaft California Avocados, zu der sich kalifornische Avocadobauern zusammengeschlossen hatten, startete 1981 eine Offensive. In einem halbminütigen Werbespot löffelt die Schauspielerin Angie Dickinson im weißen Gymnastikanzug eine halbe Avocado, während sie die enthaltenen Nährstoffe aufzählt. "Would this body lie to you?", fragt die durchtrainierte Dickinson dazu in einer Anzeige, neben einem Hinweis, dass eine Scheibe Avocado "nur 17 Kalorien" enthalte. Dabei galt sie wegen ihres hohen Fettanteils bis dahin eigentlich bloß als Dickmacher.

In den Neunzigern setzte California Avocados darum auf die Wissenschaft und ließ unter anderem die Harvard University etwas Positives über die Avocado herausfinden, um den Verkauf zu fördern. Mit Erfolg. Die enthaltenen Vitamine, Nährstoffe und einfach ungesättigten Fettsäuren – die man mittlerweile auch gern "gesunde" Fettsäuren nennt – haben seit der Jahrtausendwende die Nachfrage rasant steigen lassen. Die Avocado passt zur Low-Carb- wie zur Paleo-Bewegung und genauso zum veganen Ernährungstrend, mittlerweile ist sie im Mainstream angekommen, dank geschickter Marketingstrategien. Die Werbegemeinschaft Hass Avocado Board half der Fast-Food-Kette Subway sogar bei der Entwicklung eines Avocado-Sandwiches. 

In vielen Kulturkreisen dient Essen heute nicht dem bloßen Überleben. Man isst nicht nur – nein, man isst, womit man sich besser fühlt. Sogar Fast-Food-Ketten verschafft die Superfrucht Avocado darum ein zusätzliches Verkaufsargument, und zwar ein mächtiges: In Deutschland hat sich die Importmenge von Avocados in weniger als zehn Jahren fast verdreifacht. 2016 wurden beinahe 60.000 Tonnen eingeführt.

Chiasamen wurden dann gleich mithilfe der Wissenschaft zum Kassenschlager gemacht. Bereits in den Neunzigerjahren stellte Wayne Coates, Professor für Agrarwesen an der University of Arizona, argentinischen Bauern lukrative Kultursorten vor, darunter Chia. Die Wirkung testete er erst an Hühnern, Schweinen, Kühen und Ratten, danach erforschte er den gesundheitlichen Nutzen für den Menschen, vor allem wegen der darin enthaltenen Omega-3-Fettsäuren. 2005 bekam Coates die Genehmigung, Chiasamen als Lebensmittel in den USA zu verkaufen. Heute stecken sie im Pudding, im Müsli, in Keksen und im Brot. Eigentlich überall also.

Superfoods sind nicht gesünder als einheimische Erzeugnisse. Aber teurer: 100 Gramm Chiasamen in Bioqualität kosten etwa einen Euro, die gleiche Menge Leinsamen – der sehr ähnliche Inhaltsstoffe enthält – gibt es für 25 Cent. Wer sie kauft, handelt nicht rational. Er will dazugehören, zu den Fitten, den Gesundheitsbewussten, den Schönen und Erfolgreichen. Zum Inbegriff der idealen Athletennahrung wurden die Samen durch Christopher McDougalls Bestseller von 2009: In Born To Run preist der Marathonläufer Chia als Powerfood der Maya und Azteken an. The Chia Co., einer der größten Erzeuger, gewann den Surf-Weltmeister Kelly Slater als Werbegesicht. 

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