Video: Longform Flüchtlinge "Lebendes Bild" NICHT AKTIVIEREN

Willkommen in Deutschland

6. März 2014 — Von Carolin Emcke

Wie geht es denen, die bei uns Zuflucht suchen? Ein halbes Jahr lang haben wir die Menschen in der Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt begleitet.

Dies ist eine Geschichte über Nähe und Distanz. Über eine Reise an die Peripherie, an den Rand, wo diejenigen untergebracht werden, deren Not möglichst nicht nahbar sein darf. Peripherie, von altgriechisch periphérein, "herumtragen, sich herumdrehen", bezeichnet eine Umfangslinie (besonders eines Kreises) oder einen Rand (besonders einer Stadt).

Dies ist eine Geschichte über das, was geschieht, wenn man diese Umfangslinie abschreitet. Wenn man die Distanz verliert. Auch wenn es die vorgeblich braucht. Wenn die Perspektive sich verschiebt. Auch wenn das nicht beabsichtigt war. Wenn nach und nach weniger der Rand, die äußere Grenze in den Blick gerät, sondern das Zentrum, der innere Kern – wir.

1 — Reise an die Peripherie – September
übersicht
  1. 1 — Reise an die Peripherie – September
  2. 2 — Nacht der Rache – Oktober
  3. 3 — Gelähmt vor Angst – November
  4. 4 — Anhören ohne Hinhören – Januar

Die Reise beginnt an einem feuchten Herbsttag, dem 24. September 2013. Vom Reichstagsgebäude in Berlin bis zur Zentralen Ausländerbehörde des Landes Brandenburg in Eisenhüttenstadt sind es 125 Kilometer. Eisenhüttenstadt, die ehemalige "Stalinstadt", liegt am Rand von Deutschland, direkt an der Grenze zu Polen. Und die Zentrale Ausländerbehörde in der Poststraße liegt am Rand von Eisenhüttenstadt. Peripherer geht es kaum. Hier landen Flüchtlinge, die gerade erst angekommen sind oder aufgegriffen wurden, hier werden sie registriert, fotografiert, mit Nummern und Dokumenten versehen, hier werden sie untergebracht für eine Zeit von maximal drei Monaten, bevor sie ausgewiesen oder weiterverteilt werden. Dies ist, wenn man den Polizeigewahrsam oder die vorübergehende Notunterbringung nicht mitzählt, ihre erste Adresse.

Erstregistrierung der Neuankömmlinge © Sebastian Bolesch

Das bundesweite Verteilungssystem für die Erstverteilung von Asylbegehrenden (EASY) ermittelt die Erstaufnahme-Einrichtungen in den Bundesländern und weist "quotengerecht" zu. Für die Erstaufnahme-Einrichtung in Eisenhüttenstadt bedeutet das konkret im ersten halben Jahr 2013 allein an zugewiesenen Neuzugängen: im Januar 188, im Februar 179, im März 202, im April 276, im Mai 258, im Juni 340. Als der neue, engagierte Leiter der Ausländerbehörde, Frank Nürnberger, am 15. Juli seinen Dienst antrat, zwei Monate nachdem sich ein Flüchtling aus dem Tschad dort erhängt hatte, war die Belegung des Heims schon grenzwertig: 685 Personen in einer Einrichtung, die Kapazitäten für die Unterbringung von maximal 700 Flüchtlingen bereithält. Im August waren es dann 730.

Die Anlage einer ehemaligen Kaserne in Eisenhüttenstadt besteht aus schmucklosen dreistöckigen Gebäuden in Gelb und Grau, alle durchnummeriert, vom Sitz der Wache, der Verwaltung und des Wohnheimbetreibers (Haus 1) über die Küche und den Speisesaal (Haus 3), die Wohnheime für die Flüchtlinge (Haus 5, "das Männerhaus", und 7, "das Familienhaus") bis zum Möbellager (Haus 16). Unnummeriert sind lediglich die vier neuen Wohncontainer mit bis zu 50 Plätzen, die angemietet wurden, um dem Raummangel zu begegnen. Auf demselben Gelände, in Sichtweite der Zimmer der Flüchtlinge, die noch auf Anhörung ihres Asylbegehrens hoffen, befindet sich zudem der Abschiebegewahrsam (Haus 6), in dem all diejenigen einsitzen, deren Hoffnung bereits erloschen ist.

"Warum wir aus Grosny geflohen sind?" Kheda Dovletmurzaeva, 27, schaut die Russisch-Dolmetscherin ungläubig an. Sie sitzt aufrecht an dem winzigen Holztisch im ungeheizten Besucherraum im Erdgeschoss des Abschiebegewahrsams und stockt. Seit gestern verweigern sie und ihr Mann Beslan, 26, die Nahrungsaufnahme, aber das hat hier noch niemand bemerkt, weil kaum jemand Russisch spricht. Oder nicht mit ihnen. Oder nicht seit gestern Morgen. Ursprünglich sollte das Paar am Vortag nach Polen abgeschoben werden. An der Wand ihrer Zelle hatte Kheda schon im selbst gemalten Kalender den letzten Tag durchgestrichen. Aber dann plötzlich gab es einen Aufschub. Irgendeine rechtliche Formalie, die weder Kheda noch Beslan verstanden haben. Nur dass sie wieder zurück in ihre Zellen im ersten Stock des Gefängnisses müssten. Dass sie noch einen Monat länger eingeschlossen würden. Kheda hat sich gewehrt. Gegen die Beamten, die sie abführen wollten. Gegen die Wände in ihrer Zelle. "Warum wir aus Grosny geflohen sind?", wiederholt Kheda noch einmal und reibt sich ihr wundes Handgelenk, an dem eine feine rote Linie zeigt, wo die Handschellen angebracht waren. "Die Frage hat uns, seit wir hier sind, noch nie jemand gestellt."

Wir wussten gar nicht, dass es innerhalb Europas Grenzen gibt. Kheda Dovletmurzaeva

Die Geschichte der Misshandlungen in tschetschenischen Gefängnissen, wie maskierte Männer in Militäruniform Beslan wieder und wieder mit gefüllten Wasserflaschen auf die Nieren geschlagen haben, seine eigene Geschichte, kann er nicht erzählen. Vielleicht ist das ein Indiz dafür, dass sie wahr ist. Er sitzt still und bleich neben Kheda am Tisch und hört zu, wie sie beschreibt, wie er das erste Mal abgeholt wurde, das zweite, das dritte Mal, und wie sie wussten, es würde nie mehr aufhören. Woher sie das wussten? Die Frage, suggeriert Khedas Blick, kann nur stellen, wer nie in einem Land gelebt hat, in dem Willkür herrscht, in dem ein Gerücht einen Verdacht schüren kann und in dem ein Verdacht sich nie ausräumen lässt, weil er nie in einem ordentlichen Gerichtsverfahren gegen einen erhoben wird.  

Beslan und Kheda Dovletmurzaeva © Sebastian Bolesch

Sie weiß, dass es ohnehin keine Rolle spielt, warum sie geflohen sind, sonst hätte ja vor uns jemand danach gefragt. Alles, worauf es ankommt, das hat sie inzwischen verstanden, ist, wie sie geflohen sind, welchen Weg nach Europa sie genommen, welche Grenzen sie dabei überquert haben, in welchem Land sie zum ersten Mal registriert wurden. "Woher sollten wir wissen, dass es illegal ist, von Polen nach Deutschland zu reisen?", sagt Kheda. "Wir wussten gar nicht, dass es innerhalb Europas Grenzen gibt." Dass die EU-Verordnung Nr. 604/2013, nach der Kheda und Beslan nach Polen abgeschoben werden, "Dublin III" heißt, wissen die beiden nicht, dass es reicht, dass ihre Fingerabdrücke in Polen genommen und in die europäische Datenbank Eurodac eingespeist wurden, auch nicht. Demnach muss ein Asylantrag in dem EU-Mitgliedstaat bearbeitet werden, in dem ein Drittstaaten-Angehöriger zuerst erfasst wird. 

Video: Das Asylverfahren in Deutschland
Welche Stationen durchlaufen Flüchtlinge, die in Deutschland Asyl beantragen? Die wichtigsten Regelungen

Ein Flüchtlingsheim ist ein Mikrokosmos, wo das, was Europa ist, auf das trifft, was andere denken, das es sei. Wo die Gesetze der EU-Asylpolitik und des deutschen Aufenthaltsrechts auf die Vorstellungen von Recht und Gesetz in Europa treffen, wie Menschen sie in sich tragen, die aus Eritrea oder Afghanistan, aus Syrien oder dem Kosovo geflohen sind, aus Not oder Hoffnung – Menschen, die manchmal bei der Erstregistrierung ihr Geburtsdatum nicht nennen können, weil das keine Rolle spielte in der Gegend, aus der sie stammen, oder weil dort ein anderer Kalender gilt, und die nun den 1. Januar als Geburtstag erhalten, weil Dokumente einen Geburtstag verlangen. Menschen, die manches offizielle Papier nicht verstehen, nicht nur, weil sie kein Deutsch lesen können, sondern manchmal, weil sie gar nicht lesen können.

Osadebamwen Edosa © Sebastian Bolesch

Dass vor zwei Tagen Bundestagswahl in Deutschland war, weiß Osadebamwen Edosa, 32, nicht. Der Nigerianer sitzt in seinem winzigen Zimmer mit der Nummer 232 im zweiten Stock des Wohnheims. "Wir bekommen hier gar keine Informationen", sagt er und zeigt auf den alten Fernsehapparat, der am Fußende seines Bettes thront und keinen Empfang hat. Das Bett ist eigentlich nicht wirklich "sein" Bett. Er muss es sich vorübergehend teilen. Mit einem anderen Flüchtling.

Osadebamwen ist heiter und offen. Ohne Scheu erzählt er, dass er nach Deutschland gekommen ist, um zu arbeiten. Jahrelang hat er als anerkannter Flüchtling in Spanien gearbeitet. Erst in einer Schlachterei. Dann auf dem Bau. Bis zur Finanzkrise ging das gut. Dann nicht mehr. Osadebamwen schönt nicht, was danach kam: die Reise nach Deutschland, die Jobs, mit denen er sich seinen Lebensunterhalt verdient hat, bis er aufgegriffen wurde.

Etwas anderes als dieses Flüchtlingsheim hat Osadebamwen in Eisenhüttenstadt noch nicht gesehen. Ins Zentrum der Stadt traut er sich nicht. Aus Angst, von der Polizei verhaftet zu werden. Was denn sein Aufenthaltstitel sei? "Dungdung", sagt Osadebamwen und lacht, weil er ahnt, dass er das ungefähr so akkurat ausspricht, wie der Fotograf und ich seinen Vornamen aussprechen. Er kramt das Dokument aus seiner Gesäßtasche. "Aussetzung der Abschiebung" steht darauf, "Duldung". Dass er sich in Eisenhüttenstadt frei bewegen darf, weiß Osadebamwen nicht, weil es auf dem Papier auf Deutsch steht. Er schaut schulterzuckend auf die Graffiti an den Wänden seines Zimmers. "Ignorance is not an excuse in law" hat einer von Osadebamwens Vorgängern dort hinterlassen.

2 — Nacht der Rache – Oktober
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  1. 1 — Reise an die Peripherie – September
  2. 2 — Nacht der Rache – Oktober
  3. 3 — Gelähmt vor Angst – November
  4. 4 — Anhören ohne Hinhören – Januar

Was zwischen diesem Besuch und dem eine Woche später, am 1. Oktober, geschehen ist, lässt sich nur bruchstückhaft rekonstruieren. Was die Massenschlägerei ausgelöst hat, ob es um eine Mütze ging, die jemandem geklaut wurde, oder um eine Frau, die von einem der Männer als Eigentum betrachtet wurde, wer überhaupt angefangen hat, ein Somalier oder ein Tschetschene – all das lässt sich nicht mit Gewissheit klären. Osadebamwen Edosa spricht von der "Nacht der Rache", als Tschetschenen durch die Gänge des Männerhauses gezogen seien: "Erst ging es um Somalier, dann um Schwarze, und am Ende haben sie die Türen aufgerissen und gefragt, ob wir Muslime oder Christen seien. Die Christen wurden geschlagen." Osadebamwen schaut auf den Bücherstapel auf seinem Tisch und schweigt. The Holy Bible liegt da. Als die Beamten der Polizei eintrafen, war Osadebamwen erstmals richtig erleichtert, sie zu sehen.

Kantinenessen für die Flüchtlinge © Sebastian Bolesch

Kheda und Beslan im Abschiebegewahrsam geht es besser. Beslan trägt immer noch seine tjubetejka, seine Mütze, und ein knallrotes Sweatshirt aus dem Kleiderbestand des Flüchtlingsheims, "Power Play" steht darauf, und er lächelt sogar zur Begrüßung. Dass sie wieder Nahrung zu sich nehmen, ist auch ein Verdienst von Frank Nürnberger. Er hat ihnen gut zugeredet, und vor allem hat er ihnen die Ungewissheit genommen, wann sie nach Polen abgeschoben werden. Den Kalender an der Wand ihrer Zelle hat Kheda um ein paar Kästchen erweitert. "Am Ende werde ich von Deutschland nichts gesehen haben", sagt Kheda zum Abschied, "wir sind ja eingereist und gleich verhaftet worden."

Am 3. Oktober 2013 sterben schätzungsweise 390 Menschen vor Lampedusa bei etwas, das "Bootsunglück" genannt wird, als handele es sich um Pech. In einer seiner letzten Amtshandlungen erklärt Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), ihm seien Forderungen nach größerer Solidarität Deutschlands oder gar einer Änderung der europäischen Asylpolitik "unbegreiflich".

Völlig unbegreiflich Der damalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) im Oktober 2013 als Reaktion auf die Forderung, Deutschland müsse mehr Solidarität mit Flüchtlingen zeigen.

Am 15. Oktober ist Frank Nürnberger drei Monate lang auf seinem Posten als Leiter der Zentralen Ausländerbehörde in Eisenhüttenstadt. Die Zustände in dem sanierungsbedürftigen Heim bezeichnet Nürnberger selbst als "prekär". Die Um- und Neubaupläne für die verrottete Anlage sind schon genehmigt und budgetiert, aber das nützt Nürnberger in diesen Wochen nichts. Seit Ende September hat er in seiner Not 28 Flüchtlinge in den Abschiebegewahrsam auf der Baustelle des Flughafens BER ausgelagert, Anfang Oktober hat er Feldbetten in der Turnhalle auf dem Gelände des Flüchtlingsheims aufstellen lassen. Da schlafen nun an der Seitenlinie des Spielfeldes, zwischen den Basketballkörben, 50 weitere Flüchtlinge. Es ist allemal ruhiger als in den Wohnhäusern.

Am 23. Oktober bricht in der Erstaufnahme multiresistente Tuberkulose aus: Eine Frau und zwei Kinder werden in Quarantäne gebracht – und es gilt ein Verteilungsstopp für 136 Kontaktpersonen, die potenziell hätten von Eisenhüttenstadt in umliegende Unterkünfte transferiert werden können. "Seit ich hier angefangen habe, war immer was", sagt Nürnberger in höflicher Untertreibung dessen, was auch ihm hier zugemutet wird. Der Leiter der Ausländerbehörde hat längst die psychosozialen Schwachstellen des Systems erkannt: Als die Firma B.O.S.S., ein Dienstleister, der sonst für Sicherheits- und Bewachungsaufgaben ausgewiesen ist, die Ausschreibung für die Wohnheimbetreuung gewann, ging die Behörde von einer Belegung mit 250 Flüchtlingen aus. Damals galt eine Quote von einem Sozialbetreuer für 100 Flüchtlinge als ausreichend. In Absprache mit der Niederlassungsleiterin von B.O.S.S., Anja Schoop, hat Nürnberger die Zahl der Sozialbetreuer für die Flüchtlinge erhöhen lassen. Nun kommt ein Sozialbetreuer auf 60 Flüchtlinge. 

Die Freundlichkeit, mit der uns alle, die hier arbeiten, ob in der Erstaufnahme, in der Verwaltung, im Abschiebegewahrsam oder beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Auskunft geben und sich bei ihrer Arbeit beobachten lassen, ist angesichts all der Belastungen erstaunlich.

Anfang November erreicht uns via Dolmetscherin eine E-Mail von Kheda aus Polen. Es gehe ihnen nicht gut. Sie sind nicht, wie erwartet, in einem der Flüchtlingslager bei Warschau gelandet, sondern in Łomża im Nordosten Polens. Osadebamwen Edosa ist nicht anzutreffen. In Zimmer 232 des Männerhauses in Eisenhüttenstadt wohnt nun ein anderer Flüchtling, der seinen Vorgänger so wenig kennt, wie Osadebamwen seinen kannte.

Am Ende einer Flucht ist kein Ankommen. Am Ende einer Flucht wiederholt sich die Flucht gleichsam als Fluch. In den ereignislosen Tagen im Flüchtlingsheim werden die vergangenen Schrecken gegenwärtig, wie taub gefrorene Füße, die erst im warmen Wasser, wenn die Kälte vorbei ist, zu schmerzen beginnen. In den schlaflosen Nächten wird die Flucht zum Fluch. 

Ghayeb Youssouf (rechts), Abdulkadar Mustafa (Mitte) und Hussein Mohammed (links) © Sebastian Bolesch

Sie haben unterschiedliche Strategien, der Zeitschleife aus Ohnmacht, Angst und Trauer zu entkommen, die drei kurdischen Flüchtlinge aus Syrien. Ghayeb Youssouf, 31, hat den Tag eingeteilt in kleine Stücke aus Struktur und Illusion: Er steht jeden Morgen um 7 Uhr auf, als habe er geschlafen, er wäscht sich in den schäbigen Duschräumen, als mache er sich frisch, er frühstückt um 7.30 Uhr in Haus 3, als habe er Hunger, und danach versucht er, sich zu beschäftigen, als könne er die Gedanken auf etwas fokussieren, das nicht aus Tod und Vertreibung besteht. Hussein Mohammed, 28, rührt den Tag nicht an, als könne er ihn im Ganzen schneller überwinden: Er steht so spät auf, wie es die Schmerzen im Stumpf seines amputierten Beins erlauben, das Frühstück lässt er ganz aus, er dehnt die Leere, als würde sie so irgendwann platzen. Abdulkadar Mustafa, 34, hält sich an Hussein, er weicht, wenn er darf, nicht von seiner Seite, er räumt auf, kocht Tee und ist dankbar, wenn er geduldet wird, denn das ist er nicht gewohnt. Abdul stottert. Bis zu seinem 13. Lebensjahr war er kaum außerhalb seines Elternhauses. Aus Angst vor Spott und Misshandlungen.

Es ist der 18. November, in Berlin werden immer noch Koalitionsverhandlungen geführt, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) meldet, dass heftige Kämpfe im Umland von Aleppo und Damaskus einen neuen Flüchtlingsstrom ausgelöst haben, und im Zimmer 126 von Haus 5 in Eisenhüttenstadt erzählen drei Kurden von ihrer Flucht vor dem Krieg in Syrien nach Europa.

Der Erste, der weint, ist Abdul, und er weint, noch bevor der Kurdisch-Dolmetscher, der uns begleitet, das Wort übersetzt hat, das den Schmerz aus der Ummantelung holt: daik, "Mutter". "Nie wollte ich meine Mutter sprechen", hatte Ghayeb gesagt, mit dieser leisen Stimme, die immer am Grat des Schweigens entlangzuhangeln scheint, "meine Mutter würde ich am Telefon nicht belügen können wie die anderen. Sie würde hören, wie es mir wirklich geht." Abdul stellt sich ans Fenster, damit niemand sieht, wie ihm die Tränen über das Gesicht rinnen, und so kann er nicht sehen, dass alle anderen auch weinen.

Wir wollen weitersprechen, als Hussein sich auf einmal erhebt. Er sei um 18 Uhr zum Gespräch mit seinem Bruder in Syrien via Skype verabredet. Das ist in anderthalb Stunden. Hussein zuckt die Schultern, stemmt sich in seine Krücken und setzt das intakte Bein mit einem Schwung nach vorn, auf die Tür zu: "Ja, aber das Internetcafé liegt im Zentrum von Eisenhüttenstadt. Wenn ich pünktlich sein will, muss ich langsam los."

Osadebamwen Edosa lässt sich weder über Handy noch per E-Mail erreichen.

3 — Gelähmt vor Angst – November
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  2. 2 — Nacht der Rache – Oktober
  3. 3 — Gelähmt vor Angst – November
  4. 4 — Anhören ohne Hinhören – Januar

Am 27. November brechen wir mit dem Auto von Berlin nach Łomża auf. Die Übersetzerin Andrea Schmidt, die schon mit im Abschiebegewahrsam war, begleitet uns. Nach acht Stunden Fahrt erreichen wir die Adresse, die uns Kheda gegeben hat. In dem Flüchtlingsheim in Warschau müssten sich zwei Familien ein Zimmer teilen, habe ein Bekannter ihnen erzählt, die Zustände seien fürchterlich. Das wollten Kheda und Beslan sich nicht antun. Stattdessen entschieden sie sich, von den 1200 Złoty (circa 270 Euro), die sie als Paar vom polnischen Staat erhalten, 650 für eine private Unterkunft auszugeben. Der Weg zu ihrer Wohnung führt an einer Außentreppe um das Haus herum und dann über eine stählerne Stiege zu einer Hintertür im ersten Stock. Es riecht faulig, sobald man den düsteren Vorraum betritt, von dem ihre winzige Wohnung und das schmutzige Bad abgehen, das sie sich teilen mit anderen. Ihre Wohnung besteht aus einem Zimmer mit einer kleinen Spüle, einem Gaskocher und einem Tisch mit zwei Stühlen, und hinter einem lilafarbenen Vorhang liegt der Raum, in dem ihr Bett untergebracht ist.

Hier harren sie aus, tagein, tagaus, gelähmt vor Angst, etwas falsch zu machen, und warten. Wie lange ihr Asylverfahren dauern wird, wissen sie nicht. Einen Anwalt haben sie nicht. Das Geld reicht kaum zum Überleben. Trotzdem wollen sie sich nicht zum Essen in der Altstadt von Łomża einladen lassen. Kheda stellt bunte kleine Plastikschälchen für uns auf den Tisch und füllt sie mit dampfendem Gemüsepüree auf. Als wäre das nicht schon beschämend genug, holt sie aus einem der leeren Schränke den Kuchen. Weil es keinen Ofen gibt, in dem sie einen Kuchen hätte backen können, hat Kheda eine Schichttorte bereitet. Lage um Lage hat sie in einer Pfanne auf ihrem Gaskocher gebacken und aufeinandergeschichtet.

Da sitzen wir nun, am Rand von Europa, mit diesem jungen Paar, das niemand haben will, und erhalten eine Lektion in Gastfreundschaft und Würde. 

Am nächsten Morgen holen wir sie ab für einen Spaziergang. Es ist ein neblig-kalter Novembertag. Kheda trägt eine dünne Sommerjacke und Schlappen an den Füßen. Etwas anderes hat sie nicht. Es gibt in Łomża nicht viel, was sich unternehmen lässt und nichts kostet. Deswegen spazieren Kheda und Beslan manchmal zu den modernen Einkaufszentren der Stadt. Da schauen sie Schaufenster an mit Produkten, die sie sich nicht leisten können. Das Einzige, was sie haben, ist ein Tablet, um mit zu Hause zu kommunizieren. Dafür haben sie bei der Pfandleihe in der Altstadt ihre Pässe als Kaution hinterlegt, und jeden Monat sparen sie sich nun etwas Geld ab, um die Leihgebühr abzutragen.

Die Autofahrt zurück nach Berlin verbringen wir weitestgehend stumm. Die übrig gebliebene Hälfte von Khedas Schichttorte liegt, ordentlich eingewickelt in einer Plastiktüte, auf der Rückbank. Als wir schließlich die Grenze überqueren, die nicht mehr Grenze heißt, sondern "Schengen-Binnengrenze", als sei das kein Paradox, dass im Innern noch mal zwischen innen und außen unterschieden wird, hat sich die Perspektive verkehrt, und die Unaufrichtigkeit Europas wird sichtbar: Das europäische Asylrecht beruht auf der Behauptung rechtlicher oder sozialer Gleichheit in den einzelnen EU-Staaten. Es sei gleich, so suggeriert "Dublin III", ob ein Flüchtling den Antrag auf Asyl in Schweden oder Polen stellt, die Versorgung sei gleich, ob in Deutschland oder Bulgarien, die juristische und die psychologische Betreuung seien gleich, ob in Ungarn oder Frankreich, die normativen Standards seien einheitlich, überall. Wirklich?

Immer wenn du kommst, werden die Steine in mir weniger, und ich weiß, du kannst sie tragen. Ghayeb Youssouf

"Es tut gut, mit dir zu sprechen", sagt Ghayeb Youssouf, "immer wenn du kommst, werden die Steine in mir weniger, und ich weiß, du kannst sie tragen." Es sind Sätze wie diese, die das Ende der Distanz erklären. Es ist nicht entschuldbar, dass wir einem von drei gleich bedürftigen syrischen Flüchtlingen mehr Aufmerksamkeit schenken. Es ist so professionell-unprofessionell wie willkürlich, aber es geschieht. Vielleicht, weil Ghayeb die Trauer in sich zu verbergen sucht, als könne er so verhindern, dass sie auch andere befällt.   

Es ist der 10. Dezember, und es ist das dritte Gespräch, in dem der junge Tischler aus Damaskus versucht, seine Geschichte zu erzählen. Immer wieder bricht er ab, auch wenn die Flucht noch nicht zu Ende ist, weil es gar nicht nur eine Flucht war, sondern acht Fluchten waren, und weil jeder einzelne Versuch so schrecklich scheiterte, dass Ghayeb nicht alle auf einmal erzählen kann. "Acht Mal bin ich fast gestorben, aber ich wollte nicht aufgeben, bis ich in Deutschland war", sagt Ghayeb. "Jetzt bin ich hier, jetzt kann ich auch sterben."

Am 17. Dezember findet in Eisenhüttenstadt eine Weihnachtsfeier für die Kinder im Heim statt. Alle haben sie sich dafür eingesetzt: die Mitarbeiter der Ausländerbehörde in der Erstaufnahme, die Kolleginnen und Kollegen von der Firma B.O.S.S., die Heimbetreiber und die Bürger der Stadt Eisenhüttenstadt, die einem Aufruf gefolgt sind und Geschenke gespendet haben. Auf der Bühne im ehemaligen Kinosaal über dem Speisesaal stehen mit weißer Watte dekorierte Weihnachtsbäume und stellen den Rahmen für die aufgetürmten Päckchen in der Mitte. Vor der Bühne stimmt Martina Bülow, die in der Erstaufnahme arbeitet, ihre Gitarre. Da stehen Kinder aus Tschetschenien und Kamerun, Kinder von Sinti und Roma, die neuerdings "Armutszuwanderer" genannt werden, weil niemand zugeben möchte, dass es Antiziganismus ist, der sie aus Serbien oder dem Kosovo vertreibt. Sie mögen nicht wissen, was Weihnachten ist, aber sie sehen, wie die herzliche Frau mit der Zipfelmütze ihnen mit der Gitarre ihren Einsatz anzeigt, und dann singen sie lauthals O Tannenbaum. 

Video: "O Tannenbaum"
Weihnachtsfeier in der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber: Flüchtlingskinder singen "O Tannenbaum".

Am 1. Januar rufen Ghayeb, Hussein und Abdul unseren Dolmetscher Delchar Rammo in Berlin an und bitten ihn, uns ein frohes neues Jahr zu wünschen. Kheda und Beslan schicken eine E-Mail und wünschen uns "die Erfüllung Eurer sehnlichsten Wünsche, und auch Glück".

Am 2. Januar fordert der UNHCR einen Überstellungsstopp nach Bulgarien. Weder Nahrung noch sauberes Trinkwasser, noch Unterkünfte würden für die Tausenden – vor allem syrischen – Flüchtlinge bereitgestellt.

4 — Anhören ohne Hinhören – Januar
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  1. 1 — Reise an die Peripherie – September
  2. 2 — Nacht der Rache – Oktober
  3. 3 — Gelähmt vor Angst – November
  4. 4 — Anhören ohne Hinhören – Januar

Am 6. Januar morgens um 8 Uhr ist es so weit. Nach zwei Monaten der Ungewissheit, ohne Auskunft, wie der deutsche Staat mit ihnen umzugehen gedenkt, findet die erste Anhörung von Ghayeb und Hussein durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge statt. Die Außenstelle des Amtes liegt zwar genau gegenüber, in Haus 2 der Anlage in Eisenhüttenstadt, aber das spielte bislang keine Rolle. Abdul ist erst in vier Tagen dran. Aber er sitzt still und aufmerksam im Warteraum im zweiten Stock neben Hussein. Ghayeb hat die Nacht nicht geschlafen vor Aufregung. Er weiß nicht, worauf es ankommt, niemand hat ihm erklärt, was so eine Anhörung eigentlich ist, ob dies das entscheidende Gespräch ist, ob danach entschieden wird, ob er bleiben darf oder ob er nach Bulgarien zurück muss. "Ich sage einfach die Wahrheit, ja?" – "Ja, Ghayeb."

Die in Eisenhüttenstadt ankommenden Flüchtlinge haben Dutzende unterschiedliche Nationalitäten. © Sebastian Bolesch

"Ach, Sie sprechen gar nicht dieselbe Sprache?", der Beamte des Bundesamtes schaut von seinem Computer auf. Vor ihm sitzt die extra für diese Anhörung bestellte Übersetzerin, aber sie stammt aus dem Irak und spricht einen anderen kurdischen Dialekt als die Kurden in Syrien. Ghayeb schüttelt verzweifelt den Kopf. Es dauert ein bisschen, doch dann darf unser Dolmetscher, der draußen bei Hussein und Abdul wartet und der Kurmandschi spricht wie Ghayeb, kurzerhand einspringen und den Fragenkatalog übersetzen. Wären wir nicht per Zufall anwesend gewesen, wäre die Anhörung ausgefallen. "Welche Sprache sprechen Sie?", "Staatsangehörigkeit?" ... Es geht zügig voran bis zu Frage 8: "Fluchtroute". "Syrien–Türkei–Bulgarien", antwortet Ghayeb und hofft auf eine Nachfrage. Aber es kommt keine. Nicht, wie lange er dafür gebraucht hat oder wie viele Versuche. Nicht, ob ihn dabei Grenzbeamte geschlagen und bedroht haben. Nicht, ob die Küstenwache dabei zugesehen hat, wie ihr überladenes Boot im Mittelmeer havarierte. Nicht, wie viele Mitfliehende gestorben sind. "Gibt es Gründe, die dagegensprechen, dass er wieder zurückgeschickt wird?" Ghayeb schaut kurz auf, "Was dagegenspricht?" Es ist ein bisschen unklar, ob sich die Frage auf Syrien oder Bulgarien bezieht. "Ich möchte wie ein Mensch leben." – "Wie ein Mensch leben", wiederholt der Beamte beim Tippen.

Sie haben gar nicht gefragt, warum ich aus Syrien geflohen bin. Wollen Sie mich das nicht fragen? Ghayeb Youssouf

Als es vorbei ist, versteht Ghayeb nicht, dass es vorbei ist. Es ist das einzige Mal, dass er etwas sagt, ohne gefragt zu sein, das einzige Mal, dass er selber eine Frage stellt, und sie bricht aus ihm hervor: "Aber warum ich geflohen bin ... Sie haben gar nicht gefragt, warum ich aus Syrien geflohen bin. Wollen Sie mich das nicht fragen?" – "Nein. Nicht bei dieser Anhörung."

Wer sind wir eigentlich? Wer wir sind, entscheidet sich auch daran, wie wir die behandeln, die uns vertrauen. Wer wir sind, entscheidet sich auch daran, ob wir das, was wir als unsere Werte behaupten, nicht nur gegen, sondern für andere verteidigen. Das europäische Asylrecht, das wir dulden, ist es wirklich mehr als die Simulation von Asylrecht? All die präzis definierten und kodifizierten Verfahren, die wir akzeptieren, weil wir nicht hinschauen, sind sie wirklich mehr als Inszenierungen eines längst nicht mehr ernst gemeinten Versprechens auf Schutz vor politischer Verfolgung?

Ghayeb Youssouf (rechts) bricht nach Brandenburg an der Havel auf. © Sebastian Bolesch

Eine Woche später, am 14. Januar, sitzt Ghayeb morgens um 7 Uhr in seinem aufgeräumten Zimmer. Er darf oder muss umziehen. In das nächste Heim. Nach Brandenburg an der Havel. Auf einem Zettel steht, was er vor seiner Abreise abgeben muss: 1 Kopfkissen, 1 Bezug, 1 Laken, 1 Decke, 1 Handtuch, 1 x Besteck, 1 Tasse – Ghayeb ist Analphabet, aber die Dinge, die ihm nur geliehen waren, hat er akkurat vor sich aufgereiht. Draußen vor dem Heim verabschieden sich Abdul und Hussein von ihm. Sie haben einen anderen Bescheid erhalten, einen anderen Ort, an dem ihre Hoffnungen weiterverwaltet werden: Bad Belzig. Immerhin, das ungleiche Paar darf zusammenbleiben.

Wir begleiten Ghayeb in das nächste Provisorium, zur Verlängerung der Verlängerung des Wartens. Das Zimmer 514 in Brandenburg ist ruhig und freundlich. Es gibt ein kleines Sofa und einen Tisch mit einem richtigen Tischtuch. Drei Betten stehen darin, für Ghayeb und die zwei anderen Kurden, die aus Eisenhüttenstadt hierher überwiesen wurden: Ebde Radwan und Marwan al-Khaled. Die Flüchtlinge erhalten nun 329 Euro im Monat, aber davon müssen sie sich versorgen. Es gibt eine Küche am Ende des Flurs. Zur Abwechslung hat Ghayeb mal Glück: Sein Zimmergenosse Ebde war Koch in Syrien.

Am 22. Januar sitzen Ghayeb, Marwan und Ebde in ihrem Zimmer in Brandenburg und verfolgen im Fernsehen auf Al-Dschasira die syrischen Friedensverhandlungen in Genf. Den Fernseher hat ihnen ein Kurde aus Brandenburg geschenkt. Ghayeb geht es nicht gut. Das Heim ist sauber und die Atmosphäre viel besser als in Eisenhüttenstadt. Aber noch immer hat sich nichts geändert an seinem Status. Noch immer darf er sich nicht außerhalb von Brandenburg bewegen. Noch immer darf er nicht arbeiten. Ghayeb ist krank geworden. Den Arzttermin hat er verpasst, weil kein Dolmetscher zu finden war. Den Tag über hat er vor sich hin geweint. Das erzählt er uns nicht selbst. Das erzählt Ebde.

Auf Anfrage stellt sich schließlich heraus, dass Osadebamwen Edosa bereits am 30. Oktober von Eisenhüttenstadt in die JVA Cottbus verbracht wurde. Die Pressestelle der Bundespolizeidirektion Berlin erklärt, dass ein Ersuchen aus Spanien zur Fahndung und zur Festnahme zum Zwecke der Auslieferung wegen Rauschgiftkriminalität vorliege. Ob und wann er nach Spanien abgeschoben werde, müsse die Generalstaatsanwaltschaft Brandenburg entscheiden.

Beslan und Kheda Dovletmurzaeva in Polen © Sebastian Bolesch

Am 6. Februar schreibt Kheda aus Polen. Beslan sei an einer starken Lungenentzündung erkrankt gewesen. Eine Anhörung hätten sie bislang noch nicht gehabt. Das Schweigen der Behörden sei nervlich kaum auszuhalten. Wenn sie auch von dort abgeschoben würden, schreibt Kheda, würden sie es noch einmal woanders versuchen. "Einen anderen Ausweg gibt es nicht."

Am 7. Februar darf Ghayeb das erste Mal nach Berlin reisen. Die einfühlsame Sozialarbeiterin im Heim in Brandenburg, Celina Sieg’l, hat die Anträge bei der Ausländerbehörde gestellt. Sie bringt Ghayeb persönlich in Brandenburg zur Bahn, und damit auch nichts schiefgeht, schickt sie uns eine E-Mail, in welchem Abteil er sitzt, damit wir ihn am Hauptbahnhof in Berlin abfangen können. Delchar Rammo, unser hilfsbereiter Dolmetscher, kann an diesem Tag nicht, und so spazieren wir wortkarg durch die Hauptstadt und erläutern Ghayeb das Kanzleramt, "Merkel" stammeln wir, und Ghayeb lacht darüber, dass wir so hilflos klingen wie er sonst. Wir haben zwei Stunden Zeit, dann bringen wir ihn zum "Behandlungszentrum für Folteropfer", wo er vermutlich schon vor drei Monaten einen Termin hätte haben sollen, damit ihm endlich jemand die Frage stellt, wie es ihm geht. Nicht um ihn als Flüchtling zu prüfen, sondern um ihn als Mensch anzuerkennen.

Am 10. Februar erreicht uns die Nachricht, dass Ghayeb in Brandenburg einen Suizidversuch unternommen hat. Er hat überlebt. Alles Schreiben wird umgehend sinnlos. Was Ghayeb und all die anderen brauchen, ist keine weitere Geschichte über ihre Verzweiflung wie diese, sondern ein Asylrecht, das mindestens die Möglichkeit impliziert, dass ein Flüchtling wirklich jemand sein könnte, der vor etwas geflohen ist. Was Ghayeb und all die anderen brauchen, ist eine Antwort, ob wir es ernst meinen, unser Versprechen auf Schutz vor Verfolgung, oder ob wir Mitleid nur mit den Bildern von leidenden Menschen im Krieg in der Ferne haben, aber nicht mit den realen Menschen hier in den Heimen an unserer Peripherie.

Es gibt verschiedene Arten von Unsichtbarkeit. Manche Menschen werden nicht gesehen, weil sie sich verstecken, manche werden nicht bemerkt, weil sie in Gegenden leben, die man nie besucht, an der Peripherie, und manche Menschen werden nicht gesehen, weil man wegsieht oder durch sie hindurch.

Was sichtbar wird, wenn man sich an den Rand begibt und die Umfangslinie abschreitet, sind nicht sie, sondern wir.




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Team:

Autorin: Carolin Emcke
Fotograf: Sebastian Bolesch
Artdirektion ZEIT ONLINE: Tibor Bogun
Artdirektion ZEITmagazin, ZEIT App: Katja Kollmann
Redaktionelle Koordination: Fabian Mohr
Infografik: Paul Blickle, Sascha Venohr
Grafik: Paul Blickle, Nora Coenenberg
Grafik ZEITmagazin: Nina Bengtson
Grafik-Recherche: Katrin Pepping,
Martina Powell, Sascha Venohr
Video: Sebastian Bolesch, Fabian Mohr
Entwicklungsredaktion: Michael Schultheiß
Interaktive Programmierung: David Lichtenberger
Technik: Ron Drongowski, Nico Brünjes, Anika
Szuppa, Thomas Baumann, Dominik Hoppe
Daten: BMI, BAMF, Pro Asyl, Eurostat, UNHCR, EASO
Kartenmaterial: OpenStreetMap