Video: Anti.Mono.Stereo: Julia Bremermann

Ein Gesicht hat keine Fehler

9. Mai 2014 — Von Silke Janovsky

Für seine Serie ›Anti.Mono.Stereo‹ fotografiert Tomaso Baldessarini 365 Gesichter in extremer Nahaufnahme. Er ist auf der Suche nach etwas, das alle Menschen verbindet.

Natürlich sind die Fotografien von Tomaso Baldessarini Momentaufnahmen, entstanden im Bruchteil einer Sekunde eines ganzen Lebens. Aber wenn man die Gesichter ein wenig länger betrachtet, verspürt man so etwas wie eine sehr langsame Bewegung. Millimeter für Millimeter scheinen sie aus der Unschärfe des tiefschwarzen Hintergrunds ins Licht hervorzutreten. Es ist eine Inszenierung, die nur im Kopf stattfindet – und die mit einer kurzen Schrecksekunde endet.

Für mich ist es wichtig, dass in den Menschen eine Flamme lodert. Tomaso Baldessarini

Denn Baldessarini provoziert mit seinen Fotos eine ungewohnte Nähe zu Fremden, seine Porträts sind irritierend und intim. So unmittelbar sehen wir Menschen sonst nur, wenn wir ihnen tatsächlich nahestehen. Tief dringt das Licht in die Haut, zeigt Poren, Narben, Falten oder Härchen als Landschaft, in die sich das Leben eingeschrieben hat. "Meine Kunst ist die anarchische Antwort auf die Photoshop-Industrie, die Gesichter glättet, als seien sie aus Porzellan", sagt er. Zwar nutzt auch er die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung, jedoch um die Eigenheiten der Porträtierten herauszuarbeiten, nicht um sie zu vertuschen. "Gesichter haben keine Fehler," sagt Baldessarini.

Julia Bremermann © Tomaso Balessarini

Für sein Kunstprojekt Anti.Mono.Stereo stellt der junge Fotograf die unterschiedlichsten Menschen in ein gnadenloses Rampenlicht: Maler, Tänzer, Schauspieler oder Designer, die Teil der Berliner Bohème sind, aber auch der Weihnachtsmann des KaDeWe, ein Kioskbesitzer und die Kassiererin einer Parfümeriekette standen ihm Modell. "Für mich ist es wichtig, dass in den Menschen eine Flamme lodert", sagt er. "Und sie müssen die Offenheit haben, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen."

365 Porträts, jedes 500 Megabyte schwer

Tomaso Baldessarini © Martina Trommer

Wer vor seine Kamera tritt, wird vorher abgeschminkt, bloß ein wenig Puder ist erlaubt. So glaubt Baldessarini das zu finden, was er sucht: "Einen gemeinsamen Punkt, an dem wir uns alle gleich sind." Weil auch Mimik jede Momentaufnahme manipulieren kann, blicken seine Modelle betont neutral in die Kamera, kein Lächeln, kein Stirnrunzeln, kein Augenaufschlag.

Zwischen 50 und 70 Menschen fotografiert er während eines zweitägigen Shootings, 365 Porträts werden so bis Ende dieses Jahres entstehen. Baldessarini hat nur einen kurzen Moment, um mit seinen Protagonisten in Kontakt zu treten: zehn Minuten Maske, zehn Minuten Shooting, zehn Minuten Video. Die formale Strenge seiner Porträts wird durch dazugehörige Videosequenzen aufgelockert: In kurzen Filmen konfrontiert er die Porträtierten mit Begriffen wie Geburt, Verlust, Ziel, Schmerz, Liebe oder Hoffnung. Aus Worten, die im Laufe eines Lebens immer wieder auftauchen, formuliert Baldessarini Fragen.

Tomaso Baldessarini wurde 1984 in einer thüringischen Kleinstadt südlich von Jena unter einem anderen Namen geboren. Kaum 18 Jahre alt, floh er aus der dörflichen Enge, erst nach Heidelberg, später ins italienische Lucca, wo er BWL, VWL und Wirtschaftsinformatik studierte. "Ich habe am Anfang immer das Falsche gemacht", sagt er heute.

Video: "Ich habe gelernt, mit Schmerz zu arbeiten"
Tomaso Baldessarini konfrontiert für sein Kunstprojekt "Anti.Mono.Stereo" Menschen mit Begriffen wie Geburt, Liebe, Schmerz oder Hoffnung. Für uns hat er sich selbst vor die Kamera gewagt.

Ende der nuller Jahre spekulierte Baldessarini an der Börse. Damals, so erzählt er, habe er binnen kurzer Zeit sehr viel Geld gemacht. Er war eine Art Ikarus der Finanzkrise: Die fallenden Kurse, auf die er erst erfolgreich gewettet hatte, brachten ihn am Ende selbst zu Fall. Die Erfahrungen jener Zeit haben ihn geprägt und seinen Blick auf die Welt verändert. "Ich habe gelernt, Menschen mit Demut und Respekt zu begegnen. Wenn jemand verbittert ist, kommt das nicht von ungefähr. Meistens steckt der Grund dafür tief im eigenen Leben."

Kameramann Marc Huth © Yannic Pöpperling

Sein eigenes Leben änderte sich, als er sich vor fünf Jahren seine erste Kamera kaufte, eine Mappe machte und kurz darauf nach Berlin zog, um Fotografie zu studieren. An seinem Kunstprojekt Anti.Mono.Stereo arbeitet er seit etwas mehr als einem Jahr. Ende 2014 wird er das Ergebnis in einer großen Ausstellung präsentieren: 365 Porträts, jedes 500 Megabyte schwer.

Von Bild zu Bild verliert sich der Schrecken der plötzlichen Nähe. Das Serielle seiner Fotografie schützt den Porträtierten genauso wie den Betrachter, der jedes Bild beinahe topografisch begeht. Das Porträt ist für Tomaso Baldessarini die wahrhaftigste Form, die Identität eines Menschen zu erkunden. Gesichter lügen nicht, jedes Glück, jedes Scheitern bildet sich darin ab. Und Baldessarini weiß, wie nahe sich diese beiden Gegensätze liegen können.

Als Nächstes, sagt er, möchte er etwas Helleres machen.

Auf ZEITmagazin ONLINE zeigen wir ab sofort jede Woche ein neues Foto-/Video-Porträt der Serie "Anti.Mono.Stereo".