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Der Eurokiller

— Von

September 2025: Der Altkanzler Bernd Lucke hat Deutschland vor Jahren aus der EU geführt. Jetzt will er im Exil sein Schweigen brechen. Eine Kriminalgeschichte

1 — Der Auftrag
übersicht
  1. 1 — Der Auftrag
  2. 2 — Die Fahrt nach Turin
  3. 3 — Das Attentat
  4. 4 — Fuchsstrategie

Sehr geehrter Herr Doktor Makus,

Sie haben den richtigen Mann nach Italien geschickt. Ich hatte am Mittwochvormittag eigentlich versucht, Ihnen gegenüber anzudeuten, dass mir dieser Auftrag nicht liegt. Dass ich diesem Auftrag nicht liege. Aber Ihr Gesicht, Herr Doktor Makus, Ihr Gesicht: eine ironische Bastion, die mein Absagen augenblicklich zu meinem Versagen gemacht hätte. Das beherrschen Sie wie sonst niemand. Dem Schwächeren das Gefühl zu geben, er könne gegen Ihre Stärke bestehen. Also wagt er es. Und bringt sich selbst zu Fall. Also sind Sie an seinem Sturz unschuldig. Deshalb habe ich nicht widersprochen, als Sie mir diesen Job vor der versammelten Redaktionskonferenz befohlen haben, indem Sie ihn mir anboten. Jetzt ist mir klar: Es war gut, dass ich gefahren bin. Es war klug von Ihnen, ausgerechnet mich zu schicken. Darauf zu vertrauen, dass der richtige Mann die richtigen Entscheidungen treffen wird. Herr Doktor Makus, Sie sind ein Fuchs.

Als Fuchs und als Chefredakteur müssen Sie wissen: Ich liebe meinen Beruf. Und was man liebt, das möchte man nicht hergeben. Rente mit 71 bedeutet ohnehin, dass es sich niemand leisten kann, die Lust an der Arbeit zu verlieren. Aber davon, das will ich Ihnen an dieser Stelle versprechen, ist der olle Moll wirklich denkbar weit entfernt.

Wir hatten in der Vergangenheit unsere Konflikte, Herr Doktor Makus. Das wissen Sie, das weiß ich. Trotzdem müssen wir es noch sehr lange miteinander aushalten. In unserem Alter nimmt uns kein Online-Nachrichtenportal mehr. Wir müssen gemeinsam beim Blatt bleiben. Anschlussverwendung ausgeschlossen. Deshalb mein Vorschlag: Betrachten Sie den folgenden Text nicht einfach nur als Text. Sondern auch als Loyalitätsbeweis.

Simon Urban

ist ein deutscher Schriftsteller (geb. 1975). Im Jahr 2011 erschien sein bislang in elf Sprachen übersetztes Debüt Plan D, im April 2014 folgte der Roman Godwana (beide Schöffling & Co.). Exklusiv für ZEITmagazin ONLINE hat Simon Urban die vorliegende Dystopie entworfen als Antwort auf die Frage: Wie sähe unsere Zukunft aus, wenn Deutschland in den kommenden Jahren aus der EU austreten würde?

Hier kommt sie nun also, die Reportage. Ich hoffe, diese Version gefällt Ihnen, obwohl Sie vermutlich mit einer anderen gerechnet haben. Aber die konnte ich nicht schreiben. Das war mir unmöglich. So unmöglich, wie in einem deutschen Baumarkt eine gut ausgebildete Servicekraft zu finden, wenn Sie verstehen, was ich meine. Voilà: 

Lange hat Altbundeskanzler Bernd Lucke geschwiegen. Nachdem die Alternative für Deutschland (AfD) ihren einstigen Vordenker vor vier Jahren sang- und klanglos aus der Partei warf, zog sich der damals 59-Jährige umgehend ins italienische Exil zurück. Sämtliche Interviewanfragen internationaler Medien ließ er konsequent unbeantwortet. Vergangene Woche wurde unserer Zeitung dann völlig überraschend Luckes Gesprächsbereitschaft signalisiert – zum ersten Mal seit seinem Sturz scheint der Mann, der Deutschland aus der EU führte, wieder Auskunft erteilen zu wollen. Von einer ungewöhnlichen Autofahrt durch das herbstliche Piemont berichtet unser Reporter LUDWIG MOLL.

Alte Häuser mit klapprigen Fensterläden drängen sich in ockerfarbenen Reihen eng aneinander, großflächige Putzplacken blättern ab und entblößen rotbraunes Ziegelmauerwerk. Ein dreibeiniger Mischlingshund humpelt über den beinahe menschenleeren Marktplatz an der Via Adua, zwei Frauen schwatzen unter einer alten Platane. Kalter Rauch liegt in der Luft. Ich friere.  

Es ist wenig los in dem kleinen norditalienischen Örtchen Bra an diesem 29. September 2025. Die große Käse-Messe hat schon vor Wochen ihre Pforten geschlossen, die letzten Touristen sind längst abgereist, die Temperaturen steigen selten über 13 Grad. Sämtliche Eisdielen sind verrammelt. Es wirkt, als seien die rund 30.000 Einwohner bereits im Winterschlaf.

Nichts deutet darauf hin, dass in diesem ausgestorbenen Provinznest mitten im Piemont gleich ein Mann sein Schweigen brechen wird, der vor acht Jahren Europa veränderte, indem er es in eine seiner tiefsten Krisen stürzte. Bernd Lucke, ehemals Professor für Makroökonomie an der Universität Hamburg und Anführer der 2013 gegründeten Anti-Euro-Partei AfD, ab 2017 schließlich für rund eine Legislaturperiode Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, ist ein Mann, der seinen Platz in den Geschichtsbüchern bereits sicher hat. Von den einen als Retter nationalstaatlicher Souveränität gefeiert, von den anderen als rechtsradikaler Mörder der europäischen Idee verteufelt, hat Lucke die wohl polarisierendste deutsche Politkarriere der Nachkriegszeit hingelegt. Sein jähes Aus unter dem Druck desaströser Wirtschaftszahlen kurz vor dem offiziellen Ende seiner ersten Amtszeit kam wohl auch für ihn selbst überraschend. Seitdem hatte der "Eurokiller", wie ihn die englische Sun einst taufte, sich in seine italienische Ferienvilla zurückgezogen und hartnäckig geschwiegen. Bis heute.

© Felix Gephart für ZEIT ONLINE

Warum der umstrittenste Altkanzler in der deutschen Geschichte jetzt plötzlich mit einem Journalisten reden will, ist mir auch dann noch schleierhaft, als die Langversion des matt-silbernen 9er-BMWs etwas zu schnell aus der Via Isonzo biegt und, ohne einen Blinker zu setzen, neben mir bremst. Die beiden Frauen unter ihrer Platane sehen kurz herüber und lachen. Ob sie wissen, dass der deutsche "Eurokiller" seit Jahren unter ihnen lebt? Falls ja, haben sie sich ihren Humor bewahrt.

2 — Die Fahrt nach Turin
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  2. 2 — Die Fahrt nach Turin
  3. 3 — Das Attentat
  4. 4 — Fuchsstrategie

Ein Chauffeur, der eher wie ein Personenschützer aussieht, steigt aus dem Wagen und lässt sich meinen Presseausweis zeigen. Der Mann ist etwas zu braungebrannt für diese Jahreszeit. Aus dem Funk-Knopf in seinem rechten Ohr wächst ein transparentes Spiralkabel bis in seinen Hemdkragen. Ich warte. Er dreht und wendet das Dokument mehrmals in der Hand. Dann beschließt er, mir zu glauben, und öffnet die Tür zum Fond. Ich tauche ins Halbdunkel der Limousine ab und muss mich mit dem Rücken in Fahrtrichtung setzen, obwohl ich das eigentlich nicht ausstehen kann. Auf der Bank gegenüber: Bernd Lucke mit Mobiltelefon am Ohr, seine Sprecherin Katrin Albsteiger mit Computer auf dem Schoß. Beide nicken mir kurz aber freundlich zu. Lucke lauscht ins Handy und lächelt. Man sei sofort für mich da, sagt Albsteiger. Der Personenschützerchauffeur lässt die Tür ins Schloss schmatzen, draußen beginnen die Kirchenglocken von Bra zu läuten. Ein tiefer und ein hoher Ton, immer abwechselnd. Zwei völlig unterschiedliche Resultate ein und derselben Aktion. Ich schnalle mich an und nehme den schwachen Duft eines maskulinen Eau de Toilettes wahr: BOSS Germany.

Sie wollten mir mal den journalistischen Urinstinkt absprechen, Herr Doktor Makus. Personalgespräche 2021. Können Sie sich erinnern? Nein. Natürlich nicht. Sie haben diesen Satz sicher schon im Reden vergessen. Ich werde diesen Satz nie vergessen dürfen. Wenn Sie mit Ihrer Vermutung recht haben, warum, bitteschön, war mir dann schon in den ersten Fond-Sekunden klar, dass hier was nicht stimmt?

Bernd Lucke sieht älter aus, als ich vermutet hatte. Sein kurz geschnittenes Haar ist fast weiß, tiefe Falten meißeln eine maskenhafte Härte in sein Gesicht. Die viel zitierten Spuren der Macht – oder, in Luckes Fall, vielleicht auch der Ohnmacht. Von dem jungenhaften Charme, der ihn in seiner aktiven Zeit immer wie einen Oberstufensprecher beim Politikpraktikum wirken ließ, ist nichts mehr übrig. Der Altkanzler trägt einen schwarzen Anzug mit dem obligatorischen kleinen Deutschlandfahnen-Anstecker am Revers. Weißes Hemd. Elegante Lederschuhe, offenbar ein italienisches Nobelfabrikat. Wenn man ihn so sieht, könnte man fast glauben, der Mann sei noch im Amt und telefoniere gerade mit Finanzminister Lindner zum labilen D-Mark-Kurs. Ich versuche Blickkontakt aufzubauen, aber Bernd Lucke fixiert einen Punkt irgendwo schräg hinter mir. Er kneift die Augen leicht zusammen und nickt kaum merklich. Obwohl wir uns in einer Limousine direkt gegenübersitzen, kommt es mir vor, als sei er sehr weit weg. Das Handy bleibt am Ohr. Lauschen und Lächeln.  

© Felix Gephart für ZEIT ONLINE

Während hinter den stark getönten Scheiben des BMW die letzten Häuser von Bra und das erste Autobahnschild (Torino 57 Kilometer) vorbeiziehen, gehe ich im Kopf durch, was ich mit Bernd Lucke besprechen will. Die aktuellen Wirtschaftsdaten, die deutlich schlechter ausfallen als in seinen letzten Prognosen als Kanzler. Die aktuell leicht gesunkene Arbeitslosenquote von 11,6 Prozent. Die anhaltende Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland. Die gerade besiegelte Übernahme von Mercedes-Benz durch Dubai Motors. Die drohende Lufthansa-Pleite. Die nach wie vor extrem angespannte Situation der Mittelschicht. Aber auch die ungebrochen hohe Zustimmung zur Abschaffung Tausender EU-Richtlinien. Die 49 Prozent der Deutschen, die trotz der anhaltenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten immer noch froh sind, das Bürokratiemonster EU und die unkalkulierbaren Schuldenrisiken vom Hals zu haben. Die zuletzt wieder deutlich gestiegenen Exportzahlen. Die "Deutsche-kaufen-Deutsches"-Kampagne der Werbeagentur NotterSporer. Die gefeierte Rückkehr der Glühbirne. Die jüngsten Brüsseler Lobbyisten-Skandale. Ich hole vorsorglich mein Handy aus der Manteltasche und schalte auf Diktierfunktion.

Wir nähern uns jetzt der Autobahnauffahrt. Ein paar Halbstarke stehen um eine brennende Metalltonne. Ein fetter Rabe mit glänzend-schwarzem Gefieder hüpft am Straßenrand entlang. Obwohl wir dicht an ihm vorbeifahren, fliegt er nicht weg. Man sei gleich für mich da, sagt Katrin Albsteiger ohne von ihrem Computer aufzusehen.

Ich persönlich habe mich immer gefragt, warum Bernd Lucke vor vier Jahren ausgewandert ist. Als wir jetzt gemeinsam durch die herbstlich-triste Landschaft des Piemont gleiten und dabei eine prächtig-gelbe Weinbergwelle nach der anderen passieren, überkommt mich plötzlich eine Ahnung. Es könnte Lucke damals um Distanz gegangen sein, die den Blick schärft. Um die Außenperspektive auf ein Land, dessen Schicksal er so nachhaltig beeinflusst hat wie kein anderer Politiker im 21. Jahrhundert. Um eine Urteilsfähigkeit, die erst durch Abstand an Klarheit gewinnt. Auch darüber möchte ich gleich gerne mit ihm reden: Wie er Deutschland 2025 aus der Position des Exilanten wahrnimmt. Manche Kritiker würden ihn wohl auch einen Wirtschaftsflüchtling nennen.

Sie natürlich nicht, Herr Doktor Makus. Sie waren dem Mann immer gewogen. Wir haben vorletztes Jahr, beim Betriebsausflug nach Münster, mal einen ganzen Abend darüber diskutiert, ob Lucke ein moderner Held ist oder nicht. Können Sie sich erinnern? Es ging hoch her. Und erst nachdem Sie mir Ihr Pinkus Jubilate übergekippt hatten, war ich Ihrer Meinung.

Glaubt man der Opposition aus Bündnis Links, CDU und Eurogrünen sind wir außenpolitisch immer noch radikal isoliert. Das bestätigen auch die Umfragen. Satte 82 Prozent der Europäer (darunter 97 Prozent der Griechen) machen uns für das Scheitern des Euro und der EU alleinig verantwortlich. Immerhin 54 Prozent der Europäer geben an, dass sie deutsche Waren boykottieren und daran auch in Zukunft nichts ändern wollen. Obwohl die AfD unter Marcus Pretzell ihren Kurs nach dem Rauswurf Luckes und dem Rücktritt Henkels radikal korrigieren musste und längst eine privilegierte Partnerschaft mit der Neuen Europäischen Liga anstrebt. Erklärtes Ziel: eine möglichst schnelle Rückkehr zum System eines gemeinsamen Europäischen Binnenmarkts und seinen vier plötzlich heiligen Grundfreiheiten. Ich frage mich: Kann Lucke mit diesem Ergebnis wirklich zufrieden sein? Hat er so ein halbgares Resultat tatsächlich für möglich gehalten, als er 2017 im Wahlkampf auf die "Lügenbarone der etablierten Parteien" schimpfte, auf die "Ypsilantisierung der Politik", als er permanent den "historischen Drang des Deutschen Volkes nach Wahrheit" beschwor? Ich sehe auf die Uhr. Man sei jetzt gleich wirklich für mich da, murmelt Katrin Albsteiger und scrollt auf ihrem Laptop herum.

Die Kontaktperson im Verlag hat versichert, dass Sie kooperativ sein werden. Katrin Albsteiger

Ach, Herr Doktor Makus. Was ist Wahrheit? Eine Frage, über die wir ohne Unterbrechung bis 71 diskutieren könnten und dann dürften wir im Anschluss sofort in Rente gehen. Die Wahrheit des gestrigen Nachmittags ist, dass Katrin Albsteiger gar nichts murmelte, sondern zu mir sagte, ich sei ja offenbar noch nicht im Bilde über den Anschlag.

Ich ahne natürlich, was Luckes Antworten sein werden. Wie die in der AfD verbliebenen Hardliner, wird auch er zuerst mit der 49-Prozent-Zustimmungsrate aus Deutschland und dann mit dem Stimmungsbild der Amerikaner argumentieren. Ganze 79 Prozent der US-Bürger können nach jüngsten Umfragen immer noch nachvollziehen, dass "Deutschland 2017 mehrheitlich keinen Weg der vergemeinschafteten Schulden gehen wollte und sich quasi in letzter Sekunde auf seine positiven Zukunftsaussichten als wirtschaftlich kerngesunder Nationalstaat mit arbeitgeberfreundlichen beschäftigungspolitischen Rahmenbedingungen besonnen hat". Nicht zu vergessen: die Glühbirnen.

Dann legte sie ihren Computer zwischen sich und den telefonierenden Lucke auf den Sitz und fing an zu reden über meine Aufgabe oder, man könne auch sagen: über meine Rolle als Reporter Ludwig Moll in diesem Spiel. Sie habe natürlich in Erwägung gezogen, mich vorher einzuweihen, aber die Realisierbarkeit der Aktion sei bis zum Schluss unsicher gewesen, wegen der Verschwiegenheitserklärungen der Schauspieler. Deshalb habe man keinen Außenstehenden involvieren wollen, bevor man nicht einhundertprozentig sicher sein konnte, dass aus der Sache auch was werde. Nun sei aber dank glücklicher Fügungen doch noch alles glatt gelaufen und es käme jetzt lediglich darauf an, dass ich mitspiele. Die Kontaktperson im Verlag habe allerdings versichert, dass ich kooperativ sein werde. Und dass es ohnehin besser sei, mich nicht vorher einzuweihen, um unnötige Unsicherheiten zu vermeiden. Viel zielführender wäre es hingegen, mich in der konkreten Situation mit den Fakten zu konfrontieren und darauf zu setzen, dass ich die richtige Entscheidung treffen werde.

© Felix Gephart für ZEIT ONLINE

In jedem Fall würde der Name Ludwig Moll in Journalistenkreisen schon sehr bald einen exzellenten Ruf genießen. Welcher Reporter bekomme schon die Chance, bei einem Attentat auf einen Altbundeskanzler dabei zu sein? So viel zu meinen Instinkten, Herr Doktor Makus

Womit ich ebenfalls rechne: die Auferstehung des Arguments von der Langstrecke. Niemand habe behauptet, dass Deutschland für seinen mutigen und konsequenten Austritt aus der EU sofort mit glänzenden Zahlen belohnt werde. Das sei vielmehr ein schmerzhafter Prozess, aber eben ein schmerzhafter Prozess, der sich auf Dauer lohnen werde. Man müsse jahrelange Geduld aufbringen. Man muss offenbar auch jahrelange Geduld aufbringen, denke ich, wenn man auf ein Gespräch mit Ihnen wartet, Herr Lucke.

Attentat, Herr Doktor Makus. Sie haben richtig gelesen. Ich hatte richtig gehört. Schäuble-Bilder ploppten in meinem Kopf auf. Kennedy-Szenen. Albsteiger, die in einem pinkfarbenen Kostüm über den 9er-BMW krabbelt, um wummernden Schüssen zu entkommen, die aus dem Hinterhalt auf uns einprasseln. Luckes Schädel ein Berliner, auf den jemand draufgetreten ist. Und was macht das zukünftige Attentatsopfer? Es telefoniert seelenruhig und scheint sich nicht im Geringsten an seiner geplanten Ermordung zu stören.

Ich möchte mit Bernd Lucke aber nicht nur über Umfragewerte und Statistiken reden. Zum Thema Zahlen wird ein emeritierter Professor für Makroökonomie immer eine passende Antwort haben. Was mich persönlich viel mehr interessiert: hat der "Eurokiller" den Zehntausenden deutschen Arbeitslosen, die seine Politik bis heute mit sich brachte, etwas zu sagen? Denkt er in seiner italienischen Villa manchmal an diese Menschen? Will er sich vielleicht sogar entschuldigen? Und macht ihn der Suizid des früheren Kommissionspräsidenten Martin Schulz betroffen, der sich am Tag des EU-Austritts unter dramatischen Umständen vom Turm der Pfarrkirche St. Sebastian in Würselen stürzte? Wenn man den Altkanzler so sieht, wirkt es, als hätten diese Dinge in seiner Welt keinen Platz. Für eine Sekunde denke ich, dass Bernd Lucke mich ansieht. Aber er hat nur einen neuen Punkt zum Fixieren gefunden.

3 — Das Attentat
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  1. 1 — Der Auftrag
  2. 2 — Die Fahrt nach Turin
  3. 3 — Das Attentat
  4. 4 — Fuchsstrategie

Das Attentat werde in Turin direkt vor dem Palazzo Reale stattfinden, sagte Katrin Albsteiger. Die Sache ließe sich in wenigen Sätzen erklären: ein radikaler deutscher Europabefürworter will Altkanzler Lucke mit einem Messer töten. Motiv: Rache für den deutschen EU-Austritt. Der Angreifer fügt Lucke eine Wunde zu und flüchtet unerkannt, Passanten dokumentieren das Attentat mit ihren Handys. Lucke wird ins Ospedale Maria Vittoria gebracht und erzählt auf dem Weg ins Krankenhaus unter dem Eindruck des nahenden Todes mir, Ludwig Moll, was er im Leben unbedingt noch habe machen wollen: ein Comeback in der deutschen Politik. Mit einer zu diesem Zweck neu gegründeten Partei: die Neue deutsche Alternative (NdA). Das hätte ich dann exklusiv. Was für eine Story! Ganz Deutschland sorgt sich um Bernd Luckes Gesundheit. Weltweite Presse. Die Aussagen, mit denen ich Lucke zitieren könne, bekäme ich später schriftlich. Nach dem Verfassen des Artikels müssten sie bitte rückstandslos vernichtet werden. Nicht zuletzt im Interesse meiner eigenen Glaubwürdigkeit. Im Ospedale gibt man dann nach einer angemessenen medialen Präsenzspanne bekannt: Bernd Lucke hat nur eine harmlose Fleischwunde erlitten, er ist in wenigen Tagen wieder auf dem Damm. Und jetzt, da ohnehin die ganze Menschheit zuhört, die sensationelle Nachricht: Bernd Lucke gründet eine neue Partei!

© Felix Gephart für ZEIT ONLINE

Torino 23 Kilometer. Ich räuspere mich so deutlich, dass Katrin Albsteiger es nicht überhören kann. Sie blickt mich mitleidig an, zuckt zaghaft mit den Schultern, sieht etwas hilflos nach rechts und deutet mit einer Hand einen pantomimischen Telefonhörer an. Als ob ich nicht sehen würde, dass Lucke telefoniert. Der lauscht jetzt mit ernstem Gesicht ins Handy, ab und zu macht er ein zustimmendes Geräusch. Mm-Mm

"Wir haben ja meines Wissens nur die Fahrt für das Interview", sage ich leise zu Katrin Albsteiger, "oder können wir in Turin noch sprechen?" – "Leider hat Bundeskanzler Lucke direkt um 16 Uhr ein Meeting mit Staatspräsident Berlusconi." Blick auf die Uhr, Stirnrunzeln. "Aber das Telefonat ist bestimmt gleich beendet, Herr Moll."   

Bundeskanzler hat Katrin Albsteiger gesagt. Nicht Altkanzler, Professor oder Bernd. Ich frage mich, ob einem so was im Gefolge eines Ex-Mächtigen unbewusst passiert oder ob es zur Strategie gehört, die Gegenwart zu leugnen. Lucke lacht.

Was soll ich sagen, Herr Doktor Makus? Oder vielmehr: Was soll ich schreiben? Sie werden sich denken können, dass mir die Unverfrorenheit dieses Plans die Sprache verschlagen hat. Frau Albsteiger schien auch unbedingt davon auszugehen, dass ich dem Ganzen ohne Bedenken zustimme. Wie kann das sein? Auf der anderen Seite bin ich nicht so naiv, als dass ich nicht merken würde: hier haben Hintergrundabsprachen stattgefunden, die keine Rücksicht auf etwaige ethische Grundsätze von Ludwig Moll nehmen. Hier wird gar nicht ernsthaft in Betracht gezogen, dass Ludwig Moll zu so einer Sache Nein sagen könnte. Angesichts einer Arbeitslosigkeit von 11,6 Prozent. Angesichts einer Journalistenarbeitslosigkeit von 32,5 Prozent. Angesichts einer Printjournalistenarbeitslosigkeit von 68,1 Prozent. Mein erster Gedanke: Luckes Politik hat dafür gesorgt, dass Luckes Sprecherin mich jetzt erpressen kann. Mein zweiter Gedanke: Ich werde mich erpressen lassen. Das ist absolut alternativlos.

Alternativlosigkeit? Schon dieses Wort. Wie ein Gefängnis aus Buchstaben. Der Inbegriff der Unfreiheit Ludwig Moll

Während wir uns unaufhaltsam Turin nähern, während Bernd Lucke weiter seine zustimmenden Geräusche ins Telefon macht und Katrin Albsteiger unermüdlich auf ihrem Laptop herumscrollt, freunde ich mich mit dem Gedanken an, dass es während dieser kleinen Italienreise nicht mehr zum Interview kommen wird. Es bleiben gerade mal geschätzte 30 Minuten Fahrtdauer. Selbst wenn der "Eurokiller" sein Gespräch jetzt sofort beenden würde, wäre das nicht annähernd genug Zeit, um in die Komplexität der Thematik einzudringen. Was also sollte diese Interviewanfrage bezwecken? Wurde ein Augen- und Nasenzeuge dafür benötigt, dass Bernd Lucke lebt und sogar gut riecht? Dass er gesund, gewohnt schlank und vollkommen nicht-depressiv aussieht? Dass er offenbar alles andere als arbeitslos ist, weil er jede Menge Endlostelefonate zu führen hat? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.

Wo wir gerade bei der Alternativlosigkeit sind, Herr Doktor Makus: Kann es so etwas überhaupt geben? Das frage ich mich ernsthaft. Schon dieses Wort. Wie ein Gefängnis aus Buchstaben. Der Inbegriff der Unfreiheit. Pure Unterdrückung im Wortgewand der moderaten Bürokratie: Es muss jetzt etwas getan werden, das von äußeren Zwängen bestimmt wird und es gibt keinerlei Wahl zu dieser Handlung.  

In existenziellen, individuellen Situationen – bitte. Aber in der Politik? Ist nicht die Politik das Feld, das immer eine Wahl anbieten muss? Das Menschen vor eine Wahl zu stellen hat, weil es sich über Optionen definiert? Hört Politik nicht auf, Politik zu sein, wenn es keine Wahl mehr gibt? Und weil wir es gerade davon haben, Herr Doktor – wie diese Alternativlosigkeit in den Jahren vor Luckes Wahl zum Kanzler auch die Medien gleichgeschaltet hat, das war ein Akt des rabiaten Gesinnungsjournalismus. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Augstein-Denke. Rechtspopulismusvorwürfe haben wir alle mit links hingekriegt. Mangelnde Souveränität. Da waren wir ausnahmsweise mal einer Meinung. Wir Füchse

4 — Fuchsstrategie
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  2. 2 — Die Fahrt nach Turin
  3. 3 — Das Attentat
  4. 4 — Fuchsstrategie

Nicht, dass ich Europa nicht auch attraktiver fand und finde als Nicht-Europa. Trotz seiner wahnhaften Regelungswut. Trotz seiner kafkaesken bürokratischen Eskapaden. Trotz seiner raffgierigen verbeamteten Parasiten, die mit 50 Mann über die Gefahren einer Schnullerkette habilitieren. 

Aber wie es unmöglich wurde, vor 2017 über Alternativen zu reden und zu schreiben, wie jeder Zweifler zum Nationalisten erklärt wurde, zum Fortschrittsfeind, zum spießbürgerlichen Rechtsradikalen, das wird man in zukünftigen medienwissenschaftlichen Dissertationen noch ohne aufwendige Quellenforschung belegen. Wie es trotz zahlloser überschrittener roter Linien und angesichts der offensichtlichen Unfähigkeit der Politik, sehr nahe zukünftige Entwicklungen auch nur annähernd treffend einzuschätzen, plötzlich verboten war, frei zu denken – das, Herr Doktor Makus, fand ich beschämend. Das fanden wir beide beschämend. Das fanden wir auf die allertraurigste Weise undemokratisch. Uneuropäisch! Und doch mussten wir uns in die Verhältnisse fügen. "Die Blatt-Läuse" habe ich uns damals im Stillen genannt. Ganz treffend, oder?

Natürlich stellt man sich in meinem Beruf die Frage, wie man die letzten gemeinsamen zehn Minuten mit dem begehrtesten Interviewpartner Deutschlands nutzen kann, wenn der kommunikativ schlicht nicht zur Verfügung steht.

Ich kann meine Detail-Beschreibungen intensivieren: Lucke trägt Burlington-Socken, und wenn ich mich im Limousinenhalbdunkel nicht irre, spielen im Sockenmuster die Farben Schwarz, Rot und Gold eine Rolle. Ich kann versuchen, das Verhältnis zwischen Lucke und Albsteiger einzuschätzen: sie scheint ihm treu ergeben zu sein und übermäßigen Respekt vor ihm zu haben. Ich kann probieren, die Atmosphäre in der Altkanzler-Limousine irgendwie in Worte zu fassen: kühl und sachlich, geschäftsmäßig und, auch wenn das komisch klingen mag: optimistisch. Es scheint Ziele zu geben. Und diese Ziele scheinen nicht als unerreichbar eingeschätzt zu werden. Aber damit enden meine Optionen auch schon. Zum ersten Mal in meiner langen Laufbahn als Journalist fühle ich mich vollkommen hilflos. Aber ich kann einem früheren Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland ja schlecht in seinem eigenen Wagen das Googlephone entreißen. Torino drei Kilometer

© Felix Gephard für ZEIT ONLINE

Es sollte im Leben immer eine Option geben, Herr Doktor Makus. Es sollte immer eine zweite mögliche Erzählung geben. Die diametrale Geschichte. Eine ganz andere Version und eine ganz andere Vision. Finden Sie nicht? Das wäre, um es mit der Aufsichtsratschefin des Axel-Springer-Verlags, Angela Merkel, zu sagen: Alternativhaftigkeit. Und damit urdemokratisch. Und damit menschenwürdig. Ich glaube, darauf können wir uns einigen.

In Turin ist der Märtyrer-PR-Plan von Katrin Albsteiger dann gründlich in die Hose gegangen. Der Schauspieler, der den Attentäter spielen sollte, saß mit einem abgebrochenen Backenzahn beim Dentista. Eine Wurzelbehandlung droht. Arme Sau

Die Lucke-Zitate wurden mir gar nicht erst ausgehändigt. Der Altkanzler selbst hat übrigens tatsächlich die ganze Fahrt über telefoniert. Vielleicht wollte er sich für den Fall, dass ich keine Angst vor der Arbeitslosigkeit habe und die Wahrheit über diese Autofahrt zum Artikel mache, ein wasserdichtes Handy-Alibi verschaffen. Katrin Albsteiger war natürlich enttäuscht. Wenn ich richtig gezählt habe, hat sie mich geschlagene fünf Mal dazu verpflichtet, über die ganze Sache kein Sterbenswörtchen zu verlieren, sonst "könne ich in Zukunft mein Geld als Werbetexter verdienen".

So wie ich vor zehn Jahren die Menschen, die über eine Alternative zum Euro nachdachten, in meinen Artikeln pauschal als europafeindliche Nationalisten geschmäht habe, werde ich jetzt die Wahrheit über meine kleine Italienreise vergessen. Ludwig Moll

Dann rutschte ihr auch noch der Computer vom Schoß und lag direkt vor meinen Schuhen. Auf dem Display: ein Organigramm mit der Führungsstruktur der neuen Lucke-Partei Neue deutsche Alternative. Und was sehe ich dort, Herr Doktor? Sie. Position: Pressesprecher der NdA, Dr. Martin Makus. Sie werden es mir vermutlich nicht glauben, aber mein Instinkt hatte mir schon was in der Richtung zugeraunt.

Weil ich meine Arbeit liebe, werde ich auch weiterhin tun, was politisch korrekt ist. So wie ich vor zehn Jahren die Menschen, die über eine Alternative zum Euro nachdachten, in meinen Artikeln pauschal als europafeindliche Nationalisten geschmäht habe, werde ich jetzt die Wahrheit über meine kleine Italienreise vergessen. Eine druckbare Reportage habe ich, wie Sie bereits lasen, trotzdem hinbekommen. Betrachten Sie sie als notwendige Alternative zum Faktischen. Als Symbol einer Freiheit, die wir uns weder als Menschen noch als Journalisten jemals nehmen lassen sollten. Egal, wie gruselig der Zeitgeist gerade wieder spukt.

Und nur für den Fall, dass der Name Ludwig Moll vor meinem einundsiebzigsten Lebensjahr mal auf einer der beim Herausgeber so beliebten Wegrationalisierungslisten auftauchen sollte, Herr Doktor Makus – das Gespräch zwischen Frau Albsteiger und mir befindet sich als MPEG nicht nur auf meinem Handy. Fuchsstrategie

Der Personenschützerchauffeur stoppt den BMW direkt vor dem Palazzo Reale. Als ich aussteige, nickt mir Bernd Lucke kurz und freundlich zu, Katrin Albsteiger lächelt ein dürftiges Entschuldigungslächeln und zuckt noch mal mit den Schultern. Die Wagentür wird schmatzend ins Schloss gezogen, die Limousine fährt wieder an und biegt um eine Ecke. Berlusconi wartet. Eine gepuderte Mumie im Rollstuhl, die sich von niemandem ins Altenheim abschieben lässt.  

Sonnenstrahlen brechen durch die Wolken und ich habe für ein paar Sekunden das Gefühl, dass der Sommer noch einmal zurückkommt. Autohupen, ein Foie-gras-Händler preist lauthals seine Ware an. Ich mache mich auf die Suche nach einem Taxi und gehe im Kopf meine Rückreise durch. An der Grenze werde ich wieder mehrere Stunden für die Zollkontrolle und den Rücktausch der restlichen Lire einplanen müssen, verächtlicher italienischer Beamtenblick auf den deutschen Pass inklusive. Zum Glück habe ich den neuen Gedichtband von Christian Kreis dabei. Manchmal ist handfeste Lyrik der beste Zeittotschläger. 

Als ich über die sonnige Piazetta schlendere, merke ich, dass ich leicht nach BOSS Germany dufte. Dann überkommt mich plötzlich ein Gefühl: Wir werden in naher Zukunft noch von Bernd Lucke hören. Ich bin sicher, das ist alternativlos. 

Illustrationen: Felix Gephart