Harald Martenstein Über Oberlehrer und Unterlehrer

© Fengel

In der Kommentarspalte des Artikels "Über das Verfassen von Onlinekommentaren" fand unser Kolumnist Harald Martenstein folgenden Kommentar des Lesers Zeilenknecht8:

Zeilenknecht8

Es bleibt also dabei: Der Journalist gibt den Oberlehrer. Es ist so schade, dass Ihre Zunft nicht begreifen will, welches Potential in uns Lesern und Kommentierern liegt. Wir sind nicht berufen, den reifenden Genießer-Text zu schreiben – aber wir können das liefern, was ihn erst richtig aufblühen lassen könnte: Andere Blickwinkel dazu, Auftakt für echte, weil zweiseitige Kommunikation (gleichberechtigt erhoffen wir nach den Erfahrungen der Ukraine-Belehrungen schon gar nicht mehr) und auch Härtetest für manchen vielleicht nur scheinbar gut gereiften Gedanken. Außerdem kennt sich jeder Leser mindestens irgendwo besser aus als der Journalist, der sich ja selbst als Oberlehrer in allem nur ein bisschen auskennt. Es könnte – Gott bewahre – gleichberechtigter Austausch sogar fachliche Qualität bringen, wenn sich zum Thema des Beitrags plötzlich drei Fachkundige zu Wort melden.

Zeilenknecht, Sie haben Recht. Journalisten sind in der Regel keine Experten. Klar, manchmal hat man ein Spezialgebiet und entwickelt sich im Lauf der Zeit zu jemandem, der den Experten Paroli bieten kann. Aber das ist nicht bei jedem von uns der Fall. Journalisten sind Übersetzer. Sie versuchen, verständlich und unterhaltsam zu schreiben. Sachlich richtig sollte es trotzdem sein. Experten, unter ihresgleichen, dürfen ruhig ihr Fachchinesisch verwenden, oft können sie gar nicht anders. 

Beim Schreiben gibt es ein paar Regeln, Dramaturgie, Struktur, Satzbau, Pointen, das ist gar nicht so einfach, glauben Sie mir. Wenn Sie eine Geschichte erzählen, können Sie es langweilig oder spannend tun. Auf dem Gebiet des Geschichtenerzählens sollte ein guter Journalist Experte sein. Dass wir uns gelegentlich irren, mich eingeschlossen, ist eine Selbstverständlichkeit. Irren Sie sich nie? Jeder Text ist ein Vorschlag. Ich mache nur Vorschläge, lieber Zeilenknecht. Gegenvorschläge sind jederzeit willkommen. Und wenn Sie sich über einen Text ärgern, ist das doch wunderbar. Ich jedenfalls liebe ärgerliche Texte, das macht mich produktiv und bringt mich dazu, die drei oder vier Wahrheiten, die ich für gesichert halte, auf den Prüfstand zu stellen. Was haben Sie gegen Oberlehrer? Lehrer braucht man doch. Ich habe viele Lehrer gehabt, denen ich dankbar bin. Und falls der Oberlehrer kompetenter sein sollte als der Unterlehrer, na, dann nichts wie her mit dem Oberlehrer. Ich selber sehe mich nicht als Oberlehrer. Ich mache nur Vorschläge.

Illustration Fengel  

Kommentare

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Sich aus freien Stücken dessen zu bedienen, was erwiesenermaßen als Beschreibung der Grundlagen gilt, auf denen menschlich jegliche Gemeinschaft fußt, bleibt das Mindeste, wessen sich ausnahmslos jeder zu befleißigen hat, wenn einem selbst daran gelegen ist, nicht vor der Zeit dem eigenen Tod ins Auge blicken zu müssen. Sich dazu eine Geschichte in der Form eines journalistisch verfassten Artikels auszudenken, bleibt daher eine zusätzliche Leistung, die zum Zwecke eines langen Lebens nicht erforderlich ist. Insofern sollte der Einzelne tunlichst die Finger davon lassen, die dadurch unverrückbare Reihenfolge von stets vorausgehenden Sozialwissenschaften und ihr folgenden Geisteswissenschaften um des eigenen Vorteils willen zu fälschen und beispielsweise von geistes- und sozialwissenschaftlichen Instituten zu reden, wie allen voran die Tübinger Universität ihr Blaubeurer Forschungszentrum geradewegs in die Irre gehend bezeichnet.