Fotografie-Projekt Shift "Was ist Rio? Was ist Brasilien?"

Die Fußball-WM ist ein mediales Konsumprodukt. Aber wie sieht die Realität aus? Deutsche Fotografiestudenten waren vier Wochen mit der Kamera in Brasilien unterwegs. Ein Interview von

Wie sieht es aus in Brasilien, kurz vor der Fußballweltmeisterschaft 2014 und den Olympischen Spielen 2016? Neun Fotografiestudenten der Hochschule für Künste in Bremen und eine Kulturwissenschaftsstudentin der Leuphana Universität Lüneburg reisten im vergangenen Jahr nach Südamerika, um sich vier Wochen lang einen eigenen Eindruck zu verschaffen. Nun erscheint ein Bildband mit ihren Fotos. Wir sprachen mit Bennie Julian Gay, 25, einem der Studenten.

ZEITmagazin ONLINE: Wie kam es zu der Idee, für ein Fotoprojekt nach Brasilien zu reisen?

Bennie Julian Gay: Am Anfang stand ein Interesse am Menschen und seinem Lebens- und Wohnraum. Auf der Suche nach einem gemeinsamen Projekt sind wir über die Megasportevents in Brasilien gestolpert. Alle Prozesse, die dort ablaufen, sind in irgendeiner Form auch mit uns verwoben. Etwa durch deutsche Unternehmen, die dort operieren.

ZEITmagazin ONLINE: Was hat Sie besonders interessiert?

Gay: Hier konsumieren wir Fußball als kulturelles Phänomen. Fünf Wochen lang wird Brasilien in den Medien präsent sein. Was aber davor und danach geschieht, wird total ausgeblendet. Schnell war uns klar: Wir können nicht von Deutschland aus einen Katalog an Motiven entwickeln, den wir dann in Brasilien abfotografieren. Dazu müssen wir ins Land.

ZEITmagazin ONLINE: Woher kam das Geld für die Reise?

Gay: Wir haben ein paar Spenden bekommen, aber der Großteil war selbstfinanziert.

ZEITmagazin ONLINE: Wie lief Ihre Arbeit vor Ort ab?

Gay: Es gab eine Kooperation mit der Universität in Rio, da wurde uns theoretisches Wissen vermittelt. Was ist Rio? Was ist Brasilien? Welche Bedeutung haben die Comunidades, die kleinen Gemeinschaften innerhalb des urbanen Raums? Um zu verstehen, welche Auswirkungen die infrastrukturellen Prozesse haben. Wir wollten die grundsätzlichen Unterschiede zu Europa begreifen. Überrascht haben mich zum Beispiel die vielen Straßenhändler, die das Stadtbild prägen. So etwas gibt es in Deutschland nicht.

ZEITmagazin ONLINE: Welche Probleme ergaben sich beim Fotografieren?

Gay: Wir haben Großformate produziert. Bis die Kamera aufgebaut war, dauerte es eine halbe Stunde. Das fand nicht unbeobachtet statt. Deshalb war es essentiell, sich bedacht und respektvoll zu nähern. Da haben unsere Übersetzer uns sehr geholfen.

ZEITmagazin ONLINE: Inwiefern unterscheidet sich die Realität vom medialen Image Brasiliens?

Gay: In den Nachrichten fungiert ein einzelnes Bild oft stellvertretend für einen ganzen Konflikt. Dabei ist es in Wirklichkeit nicht so, dass man vor einem Stadion steht, unmittelbar daneben Leute umgesiedelt werden und im Vordergrund eine Demonstration stattfindet. Alles verläuft parallel, aber nicht am selben Ort. Ich habe vor einiger Zeit ein Interview mit Tobias Zielony gelesen, darin sagt er: "Bilder aus Konfliktgebieten sind in hohem Maße konstruiert." Ich sehe das genauso.

ZEITmagazin ONLINE: Was hieß das für Ihre Arbeit?

Gay: Dass sich dasselbe Problem stellt, wenn man sich künstlerisch nähert und eine serielle Ausarbeitung entwickelt. Oft formuliert man eine These und die Bilder dienen als Beweise. So konnten wir aber nicht herangehen, das wäre dem Thema nicht gerecht geworden. Wir sahen das eher als Forschung und vorsichtige Annäherung.

ZEITmagazin ONLINE: Warum haben Sie dem Projekt den Namen SHIFT gegeben?

Gay: Das Wort bedeutet "Verschiebung, Verlagerung". Beim Segeln meint es einen Richtungswechsel. Das ist es, was gerade in Brasilien stattfindet, auch durch die Umsiedlungen.

ZEITmagazin ONLINE: Sie haben vor allem analog fotografiert. Warum?

Gay: Das bietet Vorteile bei Architekturaufnahmen. Man verhindert stürzende Linien und erhält unglaublich viele Details, weil das Negativ so groß ist. Auch bei den Porträtfotos hat es eine Rolle gespielt. In dem Moment, in dem man seinen Apparat aufbaut, hat man eine große Präsenz. Sowohl als Fotograf, als auch als Porträtierter. Da entwickelt sich ein spezielles Bewusstsein: Es entsteht nur dieses eine Foto, und es ist unglaublich teuer.

ZEITmagazin ONLINE: Wie verlief die Arbeit mit den Porträtierten?

Gay: Im Voraus hatten wir diese romantische Vorstellung vom absoluten Moment für beide Parteien. In der Realität überwogen oft Skepsis und Unverständnis. Dann haben wir erklärt, dass wir das Ganze nicht ohne Grund machen. Dass es uns um Bedachtheit bei der Ausarbeitung geht.

ZEITmagazin ONLINE: Welches Feedback gab es bisher auf die Fotos?

Gay: Bei der ersten Präsentation fehlte vielen das Verständnis. Sie haben gesagt: "Eure Bilder sind ja total leise, total ruhig. Wo ist denn der Konflikt? Wo ist das, was man so kennt?" Aber darum ging es uns nicht, wir wollten die Situation nie verklären. Ich denke, wir haben uns der Thematik auf angemessene Weise genähert. Unserer Meinung nach gibt es keine klaren Antworten. Wir können mit den Fotos nur Raum zum Denken schaffen.

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