Gesellschaftskritik Aus die Maus

Einer der wichtigsten Grundsätze im Leben eines Herrschers: Man muss wissen, wann es Zeit ist, zu gehen. Er gilt für gute Herrscher wie für böse. Zu welcher Kategorie die Diddl-Maus gehört, das wird die Geschichte zeigen – jedenfalls hat sie jetzt abgedankt: Nur noch bis zum Jahresende will die Firma, die die Rechte an Diddl hat, diese auch nutzen. Dann ist Schluss.

Es ist das Ende einer langen Diktatur. Mehr als zwei Jahrzehnte hat Diddl junge und nicht ganz so junge Mädchen im Griff gehabt. Hatte sich eingenistet in den Zimmern der Kleinen, sich an ihre Ranzen geheftet und so den Schulhof erobert. Hatte sich bei Geburtstagen der Älteren auf Grußkarten mit seinen Riesenfüßen ins Wohnzimmer geschlichen und sich auf Bechern in der Küche festgesetzt. Hatte schließlich das Stadtbild erobert, in Buch- und Kramsläden, wo man dem schiefen Grinsen zwischen den schlappigen Ohren nicht entkommen konnte. Diddl wurde gekauft, gesammelt, getauscht, baumelte an Schlüsselanhängern, Handtaschen, Rucksäcken, Rückspiegeln, wurde auf Bühnen geworfen und auf Bettwäsche gedruckt. Diddl war, man muss es so sagen, das knuddelige Antlitz eines grauenvollen Imperiums. 

Sein verhängnisvollster Coup: Diddl schaffte es, sich die Gefühlswelt Erwachsener zu eigen zu machen. "Er spricht Dinge aus, die einem selbst manchmal nur schwer über die Lippen gehen. Gerade in Herzensangelegenheiten", beschrieb es sein Erfinder einmal. Diddl sagte dann "Ich denk ganz doll an dich!" oder "Ich hab dich superlieb!" Sätze, die klangen, als würden erwachsene Paare sie sich mit Kinderstimmchen zuflüstern. Diddl war die mausgewordene Infantilisierung der Realität. Vielleicht ist es kein Zufall, dass er seinen Siegeszug Anfang der neunziger Jahre startete, als das Land plötzlich wieder so groß war und versuchte, möglichst harmlos daherzukommen, um seine Nachbarn nicht zu verschrecken.

Aber um Diddl zu verstehen, muss man auch wissen, dass er eine schwere Kindheit hatte. Bei Geburt ein stolzes Känguruh, schrumpfte sein Schöpfer ihn auf eine handliche Größe, damit er besser aus Käselöchern und Bechern rausgucken konnte. Eine Demütigung. Zudem wuchs Diddl in einem Land auf, das einen in den Wahnsinn treiben muss. Es heißt, so steht es auf seiner Website, der "Käse-Päitsch", Käsekuchenland. Die dort wachsenden Gummibärbäumchen und Kartoffelchipsbüsche sind ja noch "okäse". Aber wenn es dort regnet, regnet es klebrigen Fruchtsirup. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie einen das auf Dauer fertigmacht.

Wozu zu klein geratene Männer fähig sind, wissen wir seit Napoleon. Diddl war nicht anders. Vom Käsekuchenland aus überzog er Deutschland und rund 50 weitere Länder mit seinem blubberbunten Kitschregime. Irre Schergen scharten sich um ihn, um von seiner Macht zu profitieren. Sie hießen Milimits, Tiplitaps, Diddluigi, Mimihopps, Wollywell, Vanillivi, Lolly Lovebear, Hampfdiddl Bogart, Professor Diddladaddl Blubberpeng. Um nur einige zu nennen.

Aber in den letzten Jahren war es ruhig um Diddl und sein Gruselkabinett geworden. Die Tage, an denen er einen schief vom Becher der Sachbearbeiterin auf dem Einwohnermeldeamt angrinste oder sich mit Saugnäpfen an die Fenster tiefergelegter Autos krallte, wurden seltener. Diddl war oft allein. Hockte nur da, auf dem Käsefelsen, blickte stumm über das Käsekuchenland und den Mondscheinfunkelsee, und fragte sich: Wo ist sie geblieben, all die Liebe, die mir das Land einst entgegenbrachte?

In das Machtvakuum sind längst andere gestoßen. Fellige, großäugige Tiere namens Ty Beanie Boos (Kampfname "Glubschis"), rosamähnige Pferde (Filly), Prinzessin Lillifee, Zauberfee Ylvi und Style Princess kämpfen um die Vorherrschaft im Mädchenzimmer. Es wird, wenn Diddl ganz weg ist, nicht besser. Nur anders. Vielleicht werden wir ihn noch vermissen.

Auf dem Friedhof der Kuscheltiere wird Diddls Grabstein aus Käse sein, und auf ihm wird etwas stehen wie: "Hallööööööchen! Huch, ganz schön dunkel hier! " Denn Diddl ist immer fröhlich. Vielleicht war das das Schrecklichste an ihm.

Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Richtig - ich erinnere mich. Irgendwann gab es dann sogar Folien für die Blätter - die durften ja nicht schmutzig werden, oder zerknittern. ;)
Zumindest hatte ich, nachdem mein Sohn zu alt wurde für Diddl, für eine lange lange Zeit Blöcke, Zettel und Folien. Und irgendwann fing es mit den Magic-Sammelkarten an - und diese Ordner hütet mein Sohn wie einen Schatz, der junge Mann ist nun auch schon 24. :)

Parturiunt mures, nascitur ridiculus stuss (Horaz, postmodern verändert) - Es kreißen die Mäuse, geboren wird ein lächerlicher St... Halt, halt - Untote soll man nicht beim Namen nennen! Das sage ich aus vollem Ernst (Spaß, geh beiseite!), der ich als Hamfdiddl Bogart, der Superschnüffler, ständig Geschichten erfinden mußte über die Wirkkraft von Weißem Käse, Marke Casablanca (ganz recht: "Verputzt den üblichen Verdächtigen") - zumal in Freßgemeinschaft mit Sherlock Diddl Holmes, der auch gerade wieder auferstanden ist in Gestalt des unvergleichlichen Benediddl Clumperquatsch und seinem Doktor Quarksen erschien wie die Große Weiße Hasenmaus Harvey. Herrscher gehen nämlich niemals so ganz, die guten nicht und die bösen schon gar nicht. Wie sagte bereits der verewigte Kaisermäuserich Gaius Julius: "Laßt kleine Mäuse um mich sein, die nachts gut knabbern" - und laut Schillers Bürgschaft sprach der fiese Tyrann Dionys zum Heimkehrer: "Was willst du mit dem Messer, sprich!" - "Käse schneiden, verstehste mich?" Friedhof der Kuscheltiere - das ist das Unwort, es hätte nicht ausgesprochen werden dürfen! Und schon wird er wieder da sein, King Stephen Diddl, der Wiedergänger, und zu mir raunzen: "Do it again, Hamfi" - und in seinen kleinen tückischen Augen flackert der Ungeist Wendigo, als wäre er die leibhaftige FDP. Ich aber, Hamfdiddl Bogart, werde die Krempe tiefer ziehen und in meinen Trenchcoat murmeln: "It's up to you, Diddl - welcome to the Big Sleep". Worauf Big Shot Diddl antwortet: "Wir sehen uns dann - From Dusk till Dawn" ...