Andersrum ist auch nicht besser Li-la-lesbisch!

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Obwohl wir wissen, dass Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung gerne mal kontinentalweit auseinanderklaffen, haben wir Bilder im Kopf. Von uns selbst, aber mehr noch von anderen. Wer die so sind. Was die so machen. Warum die was denken. Wie die so leben. Bilder von Fußballfans, Universitätsprofessorinnen, Konditoren und auch Bilder von Lesben.

Ich bin eine. Oder zumindest so etwas in der Art. Ohne Haare an den Beinen, Kampfmontur und Damenbart. Ich habe noch nicht mal ein Frauenzeichen auf den Oberarm tätowiert. Nein, ich wirke wirklich nicht besonders lesbisch. Dachte ich. Bis zu dem Treffen mit Karla.

Wir waren zum Essen verabredet und sie begrüßte mich tatsächlich mit den Worten: "Wie toll, dass wir zusammen ausgehen! Dann verstehen die Leute endlich, dass ich eine Lesbe bin." Mein Blick muss ziemlich stumpf gewesen sein, wenigstens ratlos und auch ein bisschen fragend, denn sie fügte erklärend hinzu: "Na, weil du so lesbisch aussiehst!"

Als ich meine Fassung wiedergewonnen hatte, suchte ich mich unauffällig nach lesbischen Insignien ab. Achselhaare? Baggy-Pants? Lila Shirt mit dem Aufdruck "All Men Are Pigs"? Keine Spur. Ich trug schmalgeschnittene Jeans, Chucks und einen schlichten orangefarbenen Pullover. Auf vertrackte Weise kränkte mich Karlas Kommentar, wofür ich mich, auf nicht minder vertrackte Weise, hasste.

"Lesbisch aussehen" ist für viele heterosexuelle Menschen ein Synonym für hässlich. Ganz anders als das Schimpfwort "Lesbe" übrigens, das ziemlich oft das Gegenteil bedeutet: sexy, aber nicht zu haben. Der letzte Mann, der mich als Lesbe betitelte und es nicht nett meinte, war mindestens 20 Jahre älter, 20 Zentimeter kleiner und 20 Kilo schwerer als ich.

Karla hingegen meinte es als Kompliment. Sie ist lesbisch und leidet, weil niemand es merkt. Vielleicht, weil sie so elegant aussieht, mit ihren halblangen blonden Haaren, ihrer schmalen Goldrandbrille und den zarten, selbst gestrickten Wunderbarkeiten, die sie sich um Hals, Kopf und Körper schlingt.

Früher haben mich lesbische Frauen auch nicht erkannt. Dank des Eigensinns meiner Friseurin, die sich schlichtweg geweigert hatte, mir die langen Locken abzuschneiden, stand ich – langhaarig und aufgebrezelt – in einschlägigen Lokalitäten und war unsichtbar. Wochenendenlang. Ich versuchte es offensiver, zerschnitt die Regenbogenfahne, schneiderte mir ein Kleid daraus und spickte es mit launigen Buttons. Umsonst. Nicht einmal ein Kopfschmuck aus blinkenden Streitäxten half.

So ist das mit Bildern, die man von sich hat, während andere ein ganz anderes haben. Ich dachte, ich wäre eine abenteuerlustige Lesbe auf der Suche nach einer ebensolchen. Meine Zielgruppe aber sah eine unsichere Hete, die in der Ecke steht mit einem arm candy, dem schwulen Schönling, der ihre Eintrittskarte in diesen Club ist.

Ich versuchte es mit Anpassung und schnitt mir die Haare ab. Eigenhändig. Zur nächsten Party ging ich im schwarzen Kapuzenpulli. Das Wunder geschah: Flirten, Sex, Liebe. Viel davon. Wo Klischees sind, da ist manchmal auch Feuer.

Tania Witte

Tania Witte lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin und ist in Gestalt ihres Alter Egos CayaTe als Spoken-Word-Performerin auch auf der Bühne zu sehen. Ihr dritter Roman bestenfalls alles ist im September 2014 beim Querverlag erschienen.

Aber diese Geschichte ist 15 Jahre her! – dachte ich an dem Abend, an dem ich plötzlich als Karlas arm candy herhalten sollte. Es ist doch 2014. Wir haben Fernsehserien wie The L-Word und Orange is the New Black aus den USA geschaut und auch in Deutschland trumpft beinahe jede Vorabendserie mit einer haarlängenunabhängigen Quoten-Lesbe auf, die allesamt angepasster sind als meine sämtlichen heterosexuellen Freundinnen zusammen. Die Szene hat sich geändert. Und ich mich offenbar auch. Früher wollte ich unbedingt erkannt werden, heute will ich bestenfalls gar nicht einzuordnen sein.

Karla aber schon. Gehorsam hängte ich mich an ihren Arm und gab mir Mühe, möglichst lesbisch auszusehen. Ob die Bedienung in dem Restaurant Karla als Lesbe wahrgenommen hat, weiß ich nicht. Geflirtet hat er jedenfalls mit mir.

Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Und irgendwie ist andersrum nicht mal anders.

Besonders wenn man sich seiner selbst nicht so sicher ist, möchte man einer Gruppe angehören und macht dafür auch Kompromisse, wie Haarschnitt und Kleidung.

Deswegen sollte auch jeder sein Comming out haben, ob schwul, heterosexuell oder lesbisch, denn im Grunde ist es nichts anderes als herauszufinden, wer man ist und was man im Leben will und dann versuchen, es zu tun.
Und das gilt für die junge Türkin genauso wie für Hella von Sinnen.

Wenn man das dann weiß und älter wird, dann ist eben auch nicht mehr so wichtig, sich über eine Gruppe zu definieren, sondern man ist eben die komplexe Persönlichkeit, die man ist.