Nackte Männer Rebellen mit Hühnerbrüsten

Von wegen metrosexuell, retrosexuell oder spornosexuell, ein neuer Männertyp prägt die urbane Freikörperkultur: Die Aerosexuellen ziehen blank. Von

Es gab eine Zeit, da gehörte der nackte männliche Oberkörper auf die Baustelle, in den Schrebergarten oder bestenfalls nur in die Privatgemächer. Bereits vergangenes Jahr war es modern, ihn in aller Öffentlichkeit zu präsentieren, jetzt wird es zu einer Plage: Die Männer ziehen blank. Obenrum ist immer Herrentag, sobald das Thermometer die 25 Grad passiert. Durch Parks und städtische Brachflächen keuchen Läufer mit derart schweißtropfenden Oberkörpern, dass man sich schon glücklich schätzt, wenn sie ihre Hosen anbehalten. An der Kassenschlange im Supermarkt könnte man freiliegendes Rückenfell kämmen und beim Mittagstisch in der Sonne wird man von den Brustwarzen fremder Männer angestarrt.

Die nackten Oberkörper sind, wie auch schon der Schnauzbart, ein Lifestyle-Konsens – sepiafarben gedacht. Bisschen Hippie, bisschen Truck Stop. Das Problem der All-inclusive-Hotels ist nun eines des öffentlichen Raumes, nur dass es hierfür weder Warn- noch Verbotsschilder gibt.

In Zeiten, da der Push-up auch als Unterhose für den Mann angeboten wird, in Form von Shapewear mit bum lift (Po-Heber) und frontal enhancement (Penisvergrößerung), ist offensichtlich, dass der männliche Körper sich den gleichen Vermarktungsstrategien unterwirft wie der weibliche. Der hypersexualisierte Mann ist nun nichts anderes als ein Objekt unter Objekten. Armseliger hat Gleichberechtigung nie ausgesehen.

Männern ohne Oberkörperbekleidung kann man kaum noch entkommen. © Chris Hondros/Getty Images

Lange war die Arbeit am eigenen Körper den Working-Class-Heroes der Vorstädte vorbehalten, nachdem das frontalbespoilerte Auto als Politur des Selbstwerts ausgedient hatte. In Fitnesscentern, Tattoostudios, und wenn es weich auf hart kam, auch Waxingsalons, wurde die Körperkunst zur befristeten Vollendung gebracht. Natürlich musste es ein Fußballspieler sein, der die Osmose des Körperkults zwischen Muckibudisten und studentischen Hilfskräften überhaupt erst möglich machte: David Beckham wurde als Mannschaftskapitän der Metrosexuellen gelabelt und als Vorbild verkauft. Er konnte sich herrlich auf heller Bettwäsche räkeln. 

Seit vergangener Woche spricht man nun von Spornosexuals, wenn man jene körperfokussierten Selbstperformer klassifizieren möchte, die aus den Umkleidekabinen Bilder ihres gestählten Torsos twittern. Sporno, jenes Kofferwörtchen aus Sport und Porno, wurde von dem Journalisten Mark Simpson ("Daddy of the Metrosexual, the Retrosexual & the Spornosexual") formuliert, der seit zwanzig Jahren die Selbstkonzepte männlicher Selbstdarstellung etikettiert.

Als Spornosexuals bezeichnet Simpson die Ronaldos dieser Welt: Männer, die ihren Körper täglich im Fitnessstudio retuschieren, sich beim Reden zärtlich an den übertrainierten Brustmuskel fassen und bei inneren Werten an das perfekte Verhältnis von Muskelmasse und Körperfett denken. Ihr Leben ist ein einziger Werbespot für sich selbst und sie fordern für sich mehr babeness ein, als sie ihrer Freundin zugestehen.

Die oberkörperfreien Großstadtmänner sind hingegen nur wenig an der eigenen Körperlichkeit interessiert. Distinktion ist ihnen wichtiger als Diskretion, kraft ihres Geistes verstehen sie sich als Antipoden zu den Körpernarzissten. Die oftmals hühnerbrüstigen Medienagenturmitarbeiter erinnern in Silhouette und Körperteint bisweilen an eine ungebackene Apfeltasche – was sie nicht im Geringsten davon abhält, sich an der frischen Luft überall und sofort frei zu machen. Wir haben es offenbar mit einem gänzlich neuen Typ von Mann zu tun: dem Aerosexuellen.

Männlichkeit wird nicht mehr durch Muskeln demonstriert, sondern durch den Mut, sich als muskellos zu entblößen. Der Aerosexuelle ist von den stets wechselnden Männerbildern seiner Jugend so irritiert, dass er sein sexuelles Attraktivitätsstreben auf die Optimierung des Bartwuchses durch Rasur-Verweigerung und seine Fähigkeit zum Zehn-Finger-Tippen beschränkt. Bei jungen Frauen, die im Retrorausch die bauchfreien Hochzeiten der Spice-Girls mit bunten Büstenhaltern als Oberbekleidung zelebrieren, kommt der Aerosexuelle grundsätzlich irre gut an.

Wahrscheinlich wird der Aero den Sporno ein wenig überdauern. Hallo, mein Name ist Tom und ich bin spornosexuell – das will ja keiner sagen. Im Streben nach der perfekten Männlichkeit müssen aber die Vertreter beider Gattungen noch dazu lernen, denn die plötzliche Körperlichkeit überfordert ja nicht nur Frauen. Also werden wir die Augen schließen, und darauf warten, dass ein Mann zum anderen sagt: Zieh Dir was über!

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