Wir müssen reden Ist Küssen wichtiger als Sex?

Es gibt kaum etwas, was man in einer Beziehung nicht über einen Kuss ausdrücken könnte. Der Sexualtherapeut Ulrich Clement erklärt, warum sich Menschen wie küssen. Von

ZEITmagazin ONLINE: Eine Studie hat gezeigt: Die Häufigkeit, mit der sich Paare küssen, steht im direkten Zusammenhang zur Zufriedenheit mit der Beziehung. Das gilt interessanterweise nicht für die Häufigkeit, mit der ein Paar Sex hat. Ist Küssen wichtiger als Sex?

Ulrich Clement: Das deckt sich mit meiner Erfahrung und dem, was der amerikanische Psychologe John Gottman herausgefunden hat: Dass sich die Qualität einer Beziehung nicht in großen Aktionen zeigt, sondern in den kleinen liebevollen Zuwendungen wie dem Küssen. Küssen ist alltäglicher als Sex. Die Verbundenheit zweier Partner zeigt sich demnach weniger in der Intensität zungenverschlingender Küsse als vielmehr in den En-passant-Küssen.

ZEITmagazin ONLINE: Welche Rolle spielen dann sexuell erregende Küsse?

Ulrich Clement

Prof. Dr. Ulrich Clement ist systemischer Paartherapeut und Sexualforscher. Sein Buch Think Love. Das indiskrete Fragebuch erschien 2015 bei Rogner & Bernhard, gerade hat er Dynamik des Begehrens im Carl-Auer Verlag veröffentlicht. In Heidelberg betreibt Ulrich Clement eine Privatpraxis für Coaching, Paar- und Sexualtherapie.

Clement: Für die sexuellen Abläufe ist der Kuss so etwas wie eine Ouvertüre. Wie in der Oper spielt er das Thema schon mal an, aber noch nicht aus. Diese Ouvertüre ist relevanter, wenn sich Paare noch nicht kennen. Man erfährt, ob der andere mitgeht, ob er die eigenen Reaktionen mit Mund oder Zunge beantwortet oder nicht, ob er invasiv küsst oder rücksichtsvoll, zärtlich, einladend. Diese Küsse sind eine ganz eigene Geschichte. Hier wird ausgelotet, wie es weitergehen soll. Mit der Zufriedenheit haben sie wenig zu tun.

ZEITmagazin ONLINE: Was ist so wichtig am alltäglichen Küssen für eine Beziehung?

Clement: Küssen ist Kommunikation. Damit kann man alles mitteilen, was man möchte: "Mach weiter!", "Ich mag nicht." Oder: "Nun ist mal gut." Es gibt eigentlich kaum etwas, was man in einer Paarbeziehung nicht auch über einen Kuss ausdrücken könnte.

ZEITmagazin ONLINE: Eigentlich erstaunlich, dass es ganze Regalmeter Sachliteratur über Sex und entsprechende Praktiken gibt, aber fast kein Buch übers Küssen.

Clement: Ja! Es gibt, glaube ich, nur eine einzige Studie dazu in der sexualwissenschaftlichen Zeitschrift Archives of Sexual Behavior. Das Thema bleibt völlig unbeachtet.

ZEITmagazin ONLINE: Küssen ist kein Sex. Warum tut man es dennoch ausschließlich mit dem potenziellen Sexualpartner?

Clement: Oh, nicht nur: Denken Sie an die freundschaftlichen Küsse in Frankreich, die bisous, oder an Breschnew und Honecker ...

ZEITmagazin ONLINE: ...okay, und selbst das asexuellste Wesen, das mir einfällt – der Papst – lässt sich von anderen zumindest den Ring küssen.

Clement: Genau. Aber obwohl es tatsächlich noch eine sinnlich-körperliche Geste ist, hat sie keinen Aufforderungscharakter im sexuellen Sinn – so weit kann man Sexualität nun wirklich nicht fassen. Denn selbst wenn sich zwei Menschen in der oberen Körperhälfte mit dem Mund berühren, halten sie die Unterleibe voneinander entfernt. Dieser Kuss sagt: Wir sind gut miteinander, oder er drückt Verehrung aus.

ZEITmagazin ONLINE: Eigentlich wollte ich auch von Ihnen wissen, welchen Zweck das Zungenküssen erfüllt?

Clement: Die üblichen Erklärungen stammen von Evolutionspsychologen: Der Kuss ist eine Fortsetzung davon, dass die Mutter das zerkaute Essen ihrem Baby in den Mund gibt. Dieser Erklärung kann man sich anschließen oder auch nicht. Eine andere Herleitung geht davon aus, dass die Immunverträglichkeit geprüft wird. Wir können beim Küssen die Immunkompatibilität des Partners riechen. Das läuft unbewusst ab, aber wir reagieren intensiv darauf.

ZEITmagazin ONLINE: Man kann heute leichter und schneller Sex haben als je zuvor. Braucht man da überhaupt noch das Vorprüfen durch Küssen?

Clement: Das kann ich nicht beurteilen. Tatsächlich wird aber nicht nur bei Prostituierten, sondern auch in Swingerclubs wenig geküsst. Wobei man das nicht leichtfertig parallelisieren sollte. Bei Prostituierten ist es ein Selbstschutz. Sie wollen den Kunden nicht zu nahe an sich heranlassen. In Swingerclubs ist der Grund die Schnelligkeit, mit der es zur Sache geht. Da kann das Vorprüfen tatsächlich entfallen. Weil in Swingerclubs meistens Paare gehen, vermute ich aber auch: Der feste Partner empfindet es als unangenehmer zu sehen, dass der andere jemanden küsst, als zu sehen, dass dieser Geschlechtsverkehr hat.

ZEITmagazin ONLINE: Weil Küssen intimer ist?

Clement: Das könnte die Erklärung sein. Ich riskiere mal die These: In einer Vereinigung der Münder und Zungen ist man näher an der Seele dran als bei einer Vereinigung der Genitale.

ZEITmagazin ONLINE: Weil mein Gehirn im Kopf sitzt?

Clement: Vor allem, weil das Gesicht mit seinen vielen unterschiedlichen Sinnen näher am Geschehen ist – speziell die niederen Sinne Geruch und Geschmack, die beim Küssen eine große Rolle spielen und unbestechlicher sind als Sehen und Hören.

ZEITmagazin ONLINE: Irgendjemand hat sich die Mühe gemacht, Filmküsse auszuzählen und festgestellt, dass in den frühen James Bond-Filmen sehr viel und ausführlich geküsst wurde. Im letzten, Skyfall, hingegen kein einziges Mal.

Clement: Das ist interessant. Denn die James Bond-Figur des Daniel Craig ist ja viel berührender, verletzlicher, menschlicher als seine Vorgänger. Man würde mehr Kussintensität von ihm erwarten.

ZEITmagazin ONLINE: Sagt das womöglich etwas darüber aus, dass der Zustand der Beziehungen in unserer Gesellschaft beklagenswert ist?

Clement: Nö. Dekadenz-Thesen sind einfach immer beliebt. Ich teile sie meistens nicht.

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