Crystal Meth Freitags ist immer alles mega

© David Ebener/DPA
Nele hat gerade Abitur gemacht, wohnt im Einfamilienhaus ihrer Eltern – und nimmt jedes Wochenende Crystal Meth. Eine Geschichte von leeren Tagen und langen Nächten. Von

Jeden Freitagnachmittag ruft Neles Freund Tom an. Er wohnt in einer Kleinstadt, eine Autostunde von Leipzig entfernt und fragt: "Was möchtest du fürs Wochenende, mein Schatz?" Tom bringt dann ein Tütchen mit.

Das erste Mal hat Nele Crystal Meth mit ihm in einem Auto genommen. Dort haben sie auf dem Rücksitz die Kristalle "aufgeknackt" und durch die Nase gezogen. Sie erinnert sich nur an ein Gefühl: "Es ist, als würdest du dich in Hulk verwandeln. Unglaublich. Ein mega Adrenalin-Schub. Einfach geil, geil, geil."

Nele, ihr Name wurde wie alle anderen in diesem Text geändert, ist 19, ihr Freund ist 22. Seit mehr als einem Jahr ist sie mit Tom zusammen. Im Sommer 2013 hat sie an einem Leipziger Gymnasium das Abitur gemacht, Note: gut. Sie wohnt noch bei ihren Eltern, in einem großen gelben Einfamilienhaus mit Garten, in einer schmalen Straße mit denkmalgeschützten Lindenbäumen. Hier in dieser grünen Oase kurz vor dem Zentrum lebt die gehobene Leipziger Mittel- und Oberschicht. Solange Nele keinen konkreten Zukunftsplan hat, darf sie nicht ausziehen.

Führ mich doch mal ein in die Drogenwelt.
Nele, 19

Jedes Wochenende kommt Tom zu ihr. Er macht eine Ausbildung in seiner Heimatstadt und "hat einen übelst großen Drogenfreundeskreis". Nele erzählt das wie etwas, auf das sie stolz ist. "Er nimmt auch täglich Tabletten", sagt sie, während sie an einem grauen Nachmittag auf einer Parkbank sitzt und sich eine Zigarette dreht. Sie ist hübsch, sehr blass. Ihre Haare hat sie zu einem Dutt zusammengesteckt. Sie trägt, was Mädchen in dem Alter tragen: viel Farbe, viele Armbänder und große Ohrringe.

Vor mehr als einem Jahr hat sich Nele dafür entschieden, Drogen zu nehmen. "Führ mich doch mal ein in die Drogenwelt", hat sie zu Tom gesagt. Und er tat es. Nele mag, dass man sich dann anders fühlt und dem Alltag entfliehen kann. "Alle sind supernett, verstehen sich gut und haben ein mega Wochenende."

Leipzig gehört, neben Bayreuth und dem thüringischen Städtchen Pößneck, seit zwei Jahren zu den Epizentren des Crystal-Meth-Missbrauchs im Osten Deutschlands. Sachsen, Thüringen und Bayern liegen Tschechien am nächsten, wo die Meth-Küchen seit einigen Jahren brodeln. Die Droge der Armen, der Junkies und der Außenseiter ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, in Kreisen jedenfalls, die laut "Ja!" zum Leben sagen. Abhängig fühlt sich keiner. 

Der Freitagabend läuft gewöhnlich so ab: Abendessen mit den Eltern, danach verziehen sich Nele und Tom in ihr Zimmer im Dachgeschoss. Nele verbringt viel Zeit hier, auf dem Boden liegen leere Flaschen, Kleidungsstücke, Schuhe, Farbtuben und selbstgemalte Bilder. An den Wänden hängen Fotos, Postkarten mit Lebensweisheiten, ausgerissene Seiten aus Modemagazinen. Das Bett, eine große Matratze auf dem Boden ist Neles liebster Ort. Dort präparieren sie das, was Tom mitbringt. Wenn Nele und Tom "drauf" sind, spielen sie Computerspiele, hören Musik im Internet oder reden stundenlang. "Laberflash" nennt sie das. "Auf C kann ich nicht tanzen", sagt Nele.     

Wenn ich sterbe, sterbe ich halt.
Nele, 19

Manchmal nimmt sie erst morgens nach dem Aufstehen etwas, damit ihre Eltern nicht misstrauisch werden. Nach einer Nase Crystal Meth ist man mindestens sechs, eher zehn Stunden wach. Einmal musste Nele, um nach einer viel zu langen Nacht rechtzeitig runterzukommen, drei Valium schlucken. Eine Elefantendosis. Tom lag neben ihr und hat ständig ihren Puls gefühlt, aus Angst, ihr Herz könnte aufhören zu schlagen.  Nele sagt: "Wenn ich sterbe, sterbe ich halt."

Neles Eltern sind Akademiker, ihr Jahreseinkommen liegt weit über dem des deutschen Durchschnitts. In den Sommerferien reisen sie nach Asien, Amerika oder fliegen auf kleine Inseln mit weißen Sandstränden. Nele hat einen Kleiderschrank voller Klamotten, Schuhe, Handtaschen und Accessoires. Ihre Wünsche werden fast immer erfüllt, solange sie den Familienfrieden nicht stört. "Liebt meine Mutter mich nicht?", fragt sie per SMS ihre Freundin nach einer schlaflosen Nacht. 

Nele lacht nervös, wenn sie über ihre Drogenkarriere spricht. Sich am Wochenende ein bisschen Spaß gönnen, aussteigen – da ist doch nichts dabei. Ab und zu, um nicht wieder zu Hause zu versacken, geht Nele mit Tom in ihren Lieblings-Club im Leipziger Westen. Dort wird harter Techno gespielt. Meist ist Nele schon bei der Ankunft voll drauf. Um nachzulegen fährt sie mit Tom zwischendurch nach Hause oder in die Wohnung eines Freundes. Lines auf der Club-Toilette zu ziehen ist uncool und gefährlich. Niemand will von den Türstehern, die regelmäßig die Toiletten kontrollieren, erwischt werden. Der Freundeskreis von Nele konsumiert Drogen nur im privaten Umfeld und oft nach der eigentlichen Party. "Afterhour" heißt das dann, das Rumhängen nach einer Clubnacht in den frühen Morgenstunden.    

Mit C musste aufpassen, weißte ja.
Felix, 18

Felix, 18, ist beim Chillen immer dabei. Heute ist Samstag, es ist halb sechs am Morgen. Er sitzt steif auf einem der Sofas in der WG seiner Kumpels, sein Gesicht ist teigig und grau, glänzt. Tücher dunkeln das Zimmer ab, draußen geht die Sonne auf. Felix ist auf Keta, also Ketamin, weil er nicht jede Woche Crystal Meth nehmen kann. "Mit C musste aufpassen, weißte ja. Musste nur eine Zeitung lesen." Felix sagt, dass die Gesellschaft total abgefuckt und sein Leben scheiße ist – auch weil er zu viele Drogen nimmt. Irgendwann will er Biochemiker werden, gerade macht er Abitur. Seine Kumpels neben ihm, Jungs in teuren Markenklamotten und im ersten Semester Betriebswirtschaft, Politik oder Philosophie, sind alle auf Meth.   

Gelacht oder getanzt wird nicht. Die meisten malen still in Skizzenblöcken und entwerfen neue Graffitis: Crystal Meth fördert die Konzentration auf eine einzige Sache. Und Malen ist ein guter Katalysator. Die meisten dealen mit Drogen wie Marihuana oder Kokain, um sich ihre Droge zu finanzieren. Ihre Augen sind groß und leer, die Blicke irren im Raum umher. Überall liegen Rasierklingen, kristallklare Lines auf kleinen Glashockern, bereit zum Verzehr. Und vor der nächsten Nase beschwört sich jeder gegenseitig den Reinheitsgehalt von 80 Prozent: ein bläulicher Kristall muss es sein.

Hautprobleme bekommt man nur von Meth mit Klebstoff oder Glassplittern, sagt Nele. Wie die meisten glaubt sie den Versprechen ihres Dealers, in ihrem Fall Tom. "Ich kenn ja auch die Leute, die das Meth herstellen und hab' mir das auch angeguckt." In Filmen sei das immer gelb und eklig. "Bei Toms Freunden waren das immer pure Kristalle."

Gesundes Meth gibt es nicht. Die psychischen Schäden, die der Konsum verursacht, bleiben – selbst wenn der Körper längst clean ist. Gegen die Hirnschäden, Halluzination, Psychosen und den Verfolgungswahn helfen nur langwierige Therapien. Die Rückfallquote liegt bei mehr als 90 Prozent. Aufklärungskampagnen gab es lange Zeit keine. Aber die Zahlen sprechen für sich: Der jüngste Drogenbericht der Bundesregierung vermeldete bei der Zahl der Erstkonsumenten von Methamphetamin und anderen Amphetaminen eine enorme Steigerung. Auch außerhalb der bisher auffälligen Bundesländer stieg der Konsum. Ein Gramm Crystal Meth kostet zwischen 40 und 60 Euro. Der Rausch hält viel länger an als bei anderen Aufputschdrogen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt, könnte man sagen.

Nehmt nicht so viel!
Mutter von Nele

Viele Eltern wissen nicht, was Crystal Meth ist. Neles Mutter ahnt zwar, dass ihr Kind am Wochenende Drogen nimmt, kann aber nicht sagen, welche. Sie will es gar nicht so genau wissen. Wenn ihre Tochter am Wochenende ausgeht, sagt ihre Mutter manchmal: "Nehmt nicht so viel."

Ob ihre Eltern verdrängen, dass sie Drogen nimmt? "Die verdrängen einiges, auch dass ich Depressionen habe", sagt Nele. Sie gibt sich Mühe, kocht für die Familie, hilft im Haushalt. Ausziehen darf sie erst, wenn sie einen Job hat, studiert oder zumindest weiß, was sie mit ihrem Leben anstellen will. Dass sie zu Hause wohnt, hemmt den Konsum. "Ich bin nie auf Drogen vor meinen Eltern aufgetreten, das wäre echt uncool." Wenn ihre Eltern nicht so konservativ wären, sagte Nele, hätte sie vielleicht auch nicht mit den Drogen angefangen.

Disziplin ist wichtig, ermahnt Tom sie immer. Wenn man unter der Woche was nimmt, dann ist man ein Junkie. Am Freitag sei eine Nase schon okay. Tom kontrolliert die Dosen, auch weil das Loch nach dem Hoch, die Depression am nächsten Tag, so krass ist. Deswegen legen so viele oft tagelang nach. 

Man erreicht ein bisschen Übermenschlichkeit.
Nicolas, 18

Bei den meisten Jugendlichen fängt der Drogenkonsum in der Schule an. Jede Schule in Leipzig habe ihren Dealer und jeder Schüler wisse, wer das ist, erzählen Jugendliche, auch solche, die nicht süchtig sind. Nicolas kannte den Dealer auch, kannte ihn sogar sehr gut. Der 18-Jährige sitzt in einem Café in der Innenstadt. Er trägt ein blaues Hemd von Ralph Lauren, eine schwarze Jeans und einen schwarzen Mantel. Er hat schöne blaue Augen und schöne Zähne, seine Haut ist unrein. Wenn er spricht, fasst er sich nervös an seinen linken Oberarm. Vor drei Jahren bekam Nicolas das erste Meth-Päckchen von seinem Dealer, bei dem er vorher nur Gras gekauft hatte. Nicolas dachte: "Gut, bin ich eben ein bisschen wach!" Das war er dann die ganze Nacht.  

Weil er in die Schule musste, legte er am Morgen aus Panik noch mal nach. Danach ging es stetig bergab. Während der Woche hat Nicolas dann nur noch gekifft, getrunken und Schule geschwänzt. Als kleines Highlight gab es am Wochenende ab und zu Meth, Koks, Speed. "Ich hab immer gern Speed genommen, weil es nicht so auf die Psyche schlägt." Wer einmal chemische Drogen ausprobiert hat, könne Musik nicht mehr so hören wie früher. "Dass die Musik mit dem Herzschlag harmoniert, das ist schon toll. Man erreicht ein bisschen Übermenschlichkeit." Seit fast einem Jahr ist er clean und lernt für sein Abitur.

Früher oder später muss man sich entscheiden, entweder ganz oder gar nicht.
Nicolas, 18

Nicolas’ Eltern hatten damals bemerkt, dass Geld aus dem Portemonnaie fehlte, er den Alkohol aus dem Schrank im Wohnzimmer ausgetrunken hatte, irgendwo besoffen herumlag. Heute, nach mehreren Aufenthalten in Entzugskliniken, ist das Ausgehen nicht mehr Teil seines Lebens. Nicolas wird psychologisch betreut. "Früher oder später muss man sich entscheiden, entweder ganz oder gar nicht", sagt er. Seine Drogensucht hat die Familie aus dem Leipziger Osten schwer belastet. Er saß zugedröhnt am Esstisch, die Augen glasig, die Pupillen stecknadelgroß. Wenn seine Mutter ihn mit Fragen konfrontierte, ist er völlig ausgerastet. Seine drei Jahre jüngere Schwester hat oft geweint, weil sie das alles nicht verstand. Heute trinkt die Familie vor Nicolas keinen Alkohol mehr. 

Ohne seine Mutter, eine sensible und wachsame Hausfrau, wäre Nicolas vielleicht nicht mehr am Leben. Die Angst vor dem Tod ihres Kindes trieb sie fast täglich um. Oft war sie damit allein, weil ihr Mann, ein Ingenieur, nur wenig zu Hause war. "Drogen zu kaufen ist ein Kinderspiel", sagt Nicolas' Mutter. Und Lehrer könnten Drogenberatung und psychologische Betreuung nicht leisten. "Wir brauchen Sozialarbeiter und Schulpsychologen", sagt sie. Und die Eltern: "Wir können uns da nicht rausziehen. Wir haben Probleme, uns um die emotionalen Bedürfnisse der Kinder zu kümmern. Es ist Überforderung und Hilflosigkeit."

Wir haben Probleme, uns um die emotionalen Bedürfnisse der Kinder zu kümmern.
Mutter von Nicolas

Wenn sich Nicolas heute Fotos aus seiner Drogenzeit anschaut, erschrickt er vor sich selbst. Die leeren, toten Augen, der dünne Körper. "Wenn die Einsicht nicht von selber kommt, nützen auch die Drohungen von den Eltern nichts", sagt er. Ein anderer Mensch sei er gewesen, ein Arschloch. Er wollte seinen Spaß haben, cool sein, wie im Film, sagt Nicolas. Bei den Dealern konnte Nicolas ungestört fernsehen, kiffen, abhängen. Aber einem 15-Jährigen Meth zu verkaufen, sagt Nicolas, das sei schon krass. Nicolas Mutter sagt, Jugendliche tun so, als hätten sie einen neuen Körper im Schrank.

Einmal hat Nicolas gemeinsam mit einem Kumpel und einem Meth-Junkie Mitte 30 in einer verwahrlosten Wohnung auf den Dealer warten müssen. Sie saßen auf dem Sofa, und der Meth-Junkie auf einem Stuhl am Fenster. Er hat sich die ganzen anderthalb Stunden nicht ein einziges Mal bewegt oder etwas zu ihnen gesagt. Nur aus dem Fenster hat er gestarrt. In diesem Moment hat Nicolas sich zum ersten Mal gefragt: "Was mache ich hier eigentlich?"

Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Nele hatte es zu gut. Sie lebt in einer guten Gegend, ihre Eltern erfüllen alle ihre Wünsche. Man mach Urlaub weltweit an den schönsten Orten. Nele darf zur Schule gehen und wenn sie bis dahin nicht an ihrer Drogensucht umkommt noch etwas studieren. Noch ist Nele hübsch. Bald nicht mehr. Dann wird sie ihren Dud nicht mehr benötigen und ihr von Drogen entstelltes Gesicht hinter den Haaren verbergen. Nele ist es egal wenn sie stirbt. Nele ist ein Egoist. Sie denkt nur an sich, nicht an ihre Familie. Nele ist ignorant, denn sie erkennt nicht wie gut es ihr eigentlich geht. Nele hat keinen Freund. Freunde machen Freunde nicht süchtig. Noch wohnt Nele in einem Haus. Vielleicht schafft sie es bald unter die Brücke? Vielleicht geht Tom ja mit? Da wird es dann dank Chrystal dann richtig geil, geil, geil. Ich habe kein Verständnis! Nele wach auf, sonst gehst Du unter und nimmst alle mit, denen Du wichtig bist!

"Nele ist es egal wenn sie

"Nele ist es egal wenn sie stirbt. Nele ist ein Egoist. Sie denkt nur an sich, nicht an ihre Familie."

Wirklich? Ich vermute, wenn Nele nur an sich denken würde, würde sie kein Meth nehmen. Und möglicherweise denkt sie nicht an ihre Familie, weil sie zunächst mal gar nicht genau weiß, wer das ist: ich.

Aber wenn man bei "es geht ihr gut" ein "eigentlich" dazusetzen muss, sagt das eigentlich auch schon alles.

Wie traurig. Mich macht es nur wütend. Dieses "Probier alles, du bist jung. Lass nichts aus!" scheint einigen schon im nüchternen Zustand das Hirn zu vernebeln. Diesen Jugendlichen geht es einfach zu gut. "Wenn ihre Eltern nicht so konservativ wären, sagte Nele, hätte sie vielleicht auch nicht mit den Drogen angefangen." Was für eine Ausrede. Sicherlich scheinen ihre Eltern ein beschränktes Aufnahmevermögen zu haben (jeder Mensch kennt mittlerweile die Auswirkungen dieser Droge), aber wer alt genug ist, durch die Nacht zu ziehen, sollte auch genügend Eigenverantwortung mitbringen. Echt schade, ihnen steht alles offen, aber sie werfen alles weg. Ein Hohn allen gegenüber, die es schwieriger haben. Aber wenigstens kann man sagen, man hat alles mitgenommen!