Gesellschaftskritik Mit posthumen Grüßen

Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Manche Leute warten ihr Leben lang, um auf die richtige Party zu kommen. Andere werden noch umworben, wenn sie längst verstorben sind. Die SPD-Zeitung Vorwärts hat dem Kabarettisten Dieter Hildebrandt eine Einladung zu ihrem diesjährigen Sommerfest geschickt. Dessen Witwe bewies Humor. Auf dem Antwort-Fax setzte Renate Küster ein Kreuz in das Feld "Nein, ich kann leider nicht kommen" und schrieb dazu "weil ich, Dieter Hildebrandt, am 20. Nov. 2013 leider verstorben bin".

Die Organisatorin der Party schiebt die Schuld auf einen veralteten Mailverteiler. Nach unserem Kenntnisstand sind bisher noch keine sich selbst verwaltenden, mit Wikipedia automatisch abgleichenden Adresslisten erfunden worden. Und es ist wahrlich menschenunmöglich, solche Karteien zu pflegen. Es würde ja voraussetzen, dass man die Leute kennt, mit denen man korrespondiert.

Weil dem heutzutage nicht mehr zwangsläufig so ist, geschehen immer öfter derlei Missgeschicke. Um objektiv abbilden zu können, wie dramatisch die soziologischen Veränderungen im Übergang von Post-Moderne zu E-Mail-Moderne tatsächlich ausfallen, haben wir eine Anfrage an unseren Verteiler geschickt und um die Einsendung aktueller Fälle gebeten. Hier die erstaunlichsten Ergebnisse:

"Hi John! Wir sollten mal wieder zusammen rumhängen. George hab ich auch schon lang nicht mehr gesehen. Ich hatte überlegt, ob Ihr auf unserer übernächsten Rolling-Stones-Tour die Vorgruppe sein wollt." – "Hi Mick! Frag mal Michael Jackson."

"Lieber Johannes Heesters, in unserer nächsten Ausgabe von Frau im Koma möchten wir zeigen, was im hohen Alter noch alles möglich ist. Stünden Sie bereit als Protagonist einer Fotostrecke zum Thema Erotisches Senioren-Yoga?" – "Danke. Genau Jopis Ding. Er übt täglich, allerdings jenseits von Gut und Böse."

"Sehr geehrter J.R.R.Tolkien, ich schreibe Ihnen im Auftrag der Intendanz der Bayreuther Festspiele. Als wir gerade Ihre interessante DVD-Box Herr der Ringe I-III gesichtet haben, fragten wir uns, ob Sie nicht ein glühender Wagnerianer sind. Können wir Sie als Regisseur des Ring des Nibelungen im Jahr 2038 gewinnen?" – "Dumme Hobbits."

"Lieber Willy Brandt, wir finden Sie super, deshalb haben wir einen Flughafen nach Ihnen benannt. Kommen Sie zur Einweihungsparty?" – "Vielen Dank für den Hinweis. Herr Brandt hat eine frühere Maschine genommen."

Kommentare

5 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wenngleich gar nicht mehr unterhaltsam, wie treffend Herr Jochen Malmsheimer den Zustand derer beschrieben hat, die es tatsächlich fertig bringen, eine Mail an John Ronald R. Tolkien zu schicken, der zu einer Zeit lebte, als es noch gar keine E-Mails gab. Zitat: "Ich sehe hier doch einige recht spärlich möblierte Gesichter..."

Right said Fred.

Die Menscheheit nähert rasant sich dem Zustand des IQ's von 3 - ab 4 kann man Bananen schälen...

Obwohl man tot ist, eine Einladung zu einem Fest zu bekommen, geht ja noch. Nach dem Tod meines Großvaters hat es - trotz einer per Einschreiben verschickten notariell beglaubigten Kopie des Totenscheines - mehr als zwei Jahre gedauert, bis seine Brandschutzversicherung aufgehört hat, ihn, da er ja umgezogen sei, postalisch zu seiner neuen Wohnsituation zu befragen, um einen angemessenen Tarif berechnen zu können... Erst als ein Vertreter von denen zum Grab geführt wurde, endete das.
Der Tod ist anscheinend kein hinreichender Grund, um sich vor seinen Vertragsverpflichtungen zu drücken. Es wäre interessant zu wissen, was Dieter Hildebrandt dazu zu sagen hätte. Er wird unserem Land fehlen.