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Nur ein Gläschen

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Striptease, nackte Haut und Sex – die Reeperbahn feierte sich lange als Hamburgs Rotlichtmeile. Und heute? Undercover als Animierdame in der Tabledance-Bar

Da, wo der Staubsauger steht, ziehe ich mich aus. Die Abstellkammer ist auch unsere Umkleidekabine. Lange aufhalten sollen wir uns hier nicht, es ist eng und das Licht der nackten Glühbirne kompromisslos. Die Straßenkleidung haben wir in unseren Handtaschen verstaut, sie stehen auf dem Boden. Im weißen Büstenhalter und schwarzen Höschen ziehe ich den Vorhang zur Seite, trete auf Riemchen-High-Heels aus dem Verschlag.

"Personalmangel: Auf der Reeperbahn werden Animierdamen und Tänzerinnen gesucht. Eine gute Gelegenheit für meinen Selbstversuch." © Katharina Blaß

Meine Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit, die Lichtorgel malt ein Muster aus bordeauxroten Punkten auf meine Haut. Ich dufte nach "Pink Passion", rote Nägel, rote Lippen. Das goldfarbene, dicke Gliederarmband hängt schwer an meinem rechten Handgelenk.

Um 19.30 Uhr beginnt meine Schicht als Animierdame in einer Tabledance-Bar auf der Reeperbahn. Undercover. Ich will wissen, wie das Geschäft funktioniert – das Geschäft mit dem letzten Rest Erotik auf der einst so sündigen Meile. Die meisten Prostituierten verdienen ihr Geld mittlerweile in anderen Stadtteilen, und die wenigen Porno-Kinos halten der Konkurrenz des Internets nur noch als Nischen für den schnellen Gay-Gruppensex stand. Auf dem Kiez hat der Ausverkauf der Erotik begonnen – der Tanz an der Stange wird zum Restposten. 

Die Tabledance-Läden waren lange Zeit als "Abzock-Bars" verschrien. Die Animierdamen betrogen Gäste um ihr Geld. Im November 2013 entzogen Hamburgs Behörden einigen Bars die Lizenz und verschärften die Auflagen für neue Läden. Jetzt sei es merklich ruhiger geworden, sagt die Polizei.

Im Internet sind trotzdem Schauergeschichten über den Laden zu lesen, in dem ich angeheuert habe. "Die versuchen mit allen Mitteln, euch das Geld aus der Tasche zu ziehen für Getränke, die man nicht bestellt. Sie drohen mit den Türstehern, wenn man nicht bezahlt", warnt anonym ein Gast. Oder: "Nach gut 15 Minuten saßen wir mit vier Frauen am Tisch, und sie wollten Sekt ausgegeben bekommen. Man hatte keine Chance, auf die Karte zu schauen. Gute fünf Minuten später sollten wir 760 Euro zahlen."

Ich war noch nie in einem Tabledance-Laden. In meiner Vorstellung winden sich Tänzerinnen frivol um Edelstahlstangen. Und auf den Schößen der Gäste rackern sich Animierdamen in Personalunion als Krankenschwester, Mutti und Flittchen ab. 

Erst ein paar Tage vor meiner ersten Schicht hatte ich mich beworben – als Studentin auf der Suche nach einem Job. Ich habe mir einen typischen Reeperbahn-Laden ausgesucht: Klein, dunkel, von außen nicht einsehbar. Draußen blaues Blinklicht, innen rotes Dämmerlicht. Neben die Eingangstür ist eine nackte Frau mit großen Brüsten gemalt. Darunter ein Schild: "Unterhaltungsdamen und Tänzerinnen gesucht." 

Der Laden ist überschaubar: ein kleines Bühnenpodest, davor sechs runde Tische mit Tischplatten aus Riffelblech. Am Rand kleine, mit Vorhängen zum Nachbarn abgetrennte Separees. Im CD-Spieler läuft Chartmusik. Aus der Klimaanlage strömt kalte Luft.

"Meine Ausrüstung als Animierdame: BH, Höschen, High-Heels, Lippenstift, Nagellack, Schmuck und Deo." © Katharina Blaß

An diesem Dienstagmittag hat es keinen Gast in die dunkle Grotte verschlagen. Eine Frau in Unterwäsche sitzt mit geschlossenen Augen auf der Bank vor der Bühne. Sie tanzt nur, wenn ein Gast kommt. Hinter der Theke steht Maria* und raucht. Sie ist die Chefin, um die 60, hat weiße Haare, trägt Jeans und Turnschuhe. "Wer bist du denn?", fragt sie. Ich erzähle meine Geschichte: Studentin sucht Nebenjob als Unterhaltungsdame. "Nee", sagt Maria, "Animieren und Tanzen gibt's nicht getrennt. Alle Mädchen machen beides." 

Bisschen mit dem Popo wackeln. Ist nicht schwer. Maria

Aber ich habe noch nie an einer Stange getanzt! "Och, das lernst du schon. Bisschen mit dem Popo wackeln. Ist nicht schwer. Kommste Freitag, kannste direkt Geld verdienen", sagt Maria. Und dann: "Dreh dich mal." Ich drehe mich mal. 

"Ja, siehste, dich kriegen wir an den Gast. Die Mädchen zeigen dir alles." Ich soll mir "was Hübsches in Weiß oder Neon" anziehen. Das leuchte so schön im Schwarzlicht. "Noch schön schminken, dann wird das schon. Nur Mut!" Ich habe so viele Fragen. Wie überrede ich die Männer zur Bestellung? Was soll ich mit denen reden? Maria sagt: "Siehste alles Freitag."

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Das Gegenmodell: Als eine der größten Table-Dance-Bars auf dem Kiez will das Dollhouse "saubere Erotik" bieten.

Drei Tage später beginnt meine Schicht. Auf einer Lederbank vor der Theke sitze ich zwischen meinen Kolleginnen Magdalena und Viola. Eine vierte Animierdame sitzt dösend mit übereinandergeschlagenen Beinen auf der Bühne. 15 Minuten lang bleibt eine dort oben, dann wird gewechselt. Aber getanzt wird natürlich nur, wenn Gäste in der Bar sind. Noch ist niemand gekommen. Wir essen Brombeeren und Himbeeren aus Plastikschalen. 

Viola ist 24 Jahre alt und gelernte Metzgerei-Fachverkäuferin. Sie wischt auf dem Display ihres Samsung herum. Ihre Unterwäsche ist neonorange und leuchtet ordnungsgemäß im Schwarzlicht der Bühnenlampen. Filigrane Tattoos ranken sich vom Oberschenkel über Rücken und Bauch zu ihren operierten Brüsten. "Früher hatte ich A. Jetzt D", sagt sie. Die blonden Haare hat sie sich bis zum Po verlängern lassen. "Und noch künstliche Nägel und Wimpern. Das wars aber. Alles andere ist echt." Sie tanzt, weil sie Geld spart, um Model zu werden. Ihre Fingerspitzen mit den türkisfarbenen French Nails scrollen durch das digitale Drehbuch einer Scripted-Reality-Serie. Als Nebenjob wird sie vier Tage fürs Privatfernsehen vor der Kamera stehen. Sie spielt eine junge Frau, reich, beliebt und erfolgreich. "Geil, reich!", sagt sie. 

Viola raucht dabei Marlboro light und trinkt Mango-Direktsaft vom Penny. "Es ist so langweilig hier", sagt sie ständig. "Und immer voll dunkel. Das macht saumüde. Aber wenigstens brauchst du hier kein Make-up. Bei dem roten Licht sieht man keine Pickel, und da kann die Haut atmen", sagt Viola.

Um 20.30 Uhr zieht der Koberer, der die Gäste von der Straße in den Laden lockt, den Vorhang im Eingang zurück. "Immer rein mit euch", sagt er zu vier Engländern mit gebügelten Hemden, die sich direkt vor die Bühne setzen. Die Männer bekommen jeder ein Bier und schauen auf die Tänzerin, die jetzt langsam um die Stange scharwenzelt. In einem Wandspiegel schaut sie sich beim Tanzen zu. Die Chefin gibt uns ein Zeichen: Viola und ich sollen jetzt die Engländer animieren. Es gilt, den Männern so viele Getränke wie möglich für mich und meine Kolleginnen abzuschwatzen.

"Hello, boys!", sagt Viola und verschafft sich mit einer wedelnden Handbewegung Platz auf der Sitzbank der Männer. Ich hocke mich auf die andere Seite der Gruppe. Dann folgt die Blaupause des Bezirzens:

"Wo kommt ihr her?"

"Aus England."

"Oh, England! Ich mag das."

"Ja."

 "Seid ihr zum ersten Mal in Hamburg?"

"Ja."

"Auch zum ersten Mal auf der Reeperbahn?"

"Ja."

"Gefällt es euch hier?"

"Ja."

"Darf ich mir und den anderen Mädchen etwas zu trinken bestellen?"

"Ja."

Der Dialog läuft immer nach dem gleichen Schema ab. Auf Deutsch oder Englisch, zwischen Viola und den Gästen, Magdalena und den Gästen, mir und den Gästen. Um acht, um elf und um vier Uhr. Sprechen die Gäste Deutsch, fragen wir auch nach Berufen und Herkunft. Meistens assoziieren die Frauen frei zu Stichworten. "Ich komme aus dem tiefsten Bayern", sagt ein Gast. "Oh, dann bist du bestimmt Fußballfan", antwortet Magdalena. 

Du bist arbeitslos, dann kriegst du tausend Absagen, Absagen, Absagen, und dann sagst du: Scheiß drauf, ich gehe tanzen. Magdalena, Animierdame

Gleich bei den ersten Besuchern läuft es nach Lehrbuch, alle vier Mädchen dürfen sich etwas bestellen. Die Thekenfrau kommt an den Tisch geflitzt und serviert jeder von uns ein sektähnlich schmeckendes Getränk. "Wir Mädels bekommen keinen Alkohol", hatte Viola mir vorher zugeflüstert. 

Die Thekenfrau kassiert sofort. Auf der Quittung sind Rechnungs- und Steuernummer vermerkt. Und vier Gläser Sekt für je 60 Euro. Der Einkaufswert liegt bei 1,50 Euro. "Sehr teuer", kommentiert ein Engländer und zieht die Augenbrauen hoch. Aber er zückt seinen Geldbeutel und blättert 240 Euro auf den Tisch. Die anderen Männer lachen und hauen ihm kumpelhaft auf die Schulter.
Viola und ich bedanken uns bei den Herren für die Erfrischung und kehren zurück auf unsere Wartebank an der Theke. "Bei Engländern muss man nicht lange bleiben, die sind nicht spendabel", sagt Viola, zündet sich eine Marlboro an und löst mit einem Wisch die Tastensperre auf ihrem Smartphone. Die Brause schüttet die Thekenfrau in den Ausguss. Das Ganze hat acht Minuten gedauert.

Ab 21 Uhr füllt sich die Bar. Die meisten Gäste bleiben längstens eine halbe Stunde. Wir rotieren ohne Pause zwischen der Tanz- und der Animierfunktion. Die Personalverteilung: Kommen zwei Gäste, geht nur eine Animierdame an ihren Tisch. Kommt eine Gruppe, gehen wir mindestens zu zweit. Ich schwitze. Es ist warm, hektisch, eng. Ein Stammgast betritt die Bar, ein älterer, weißhaariger Herr im Anzug. Jeden Freitag lädt er die gleiche Frau auf fünf Getränke hintereinander ein. 

Ich lerne von Viola, dass wir bei Männern, die bei der Rechnung nach dem ersten Drink knauserig reagieren, auf keinen Fall sitzen bleiben. Unterhalten wird nur, wer bezahlt. Der Rest wird aktiv ignoriert. "Wir überhören dann absichtlich, wenn einer mit uns reden will."

Prickelnder Preis: Der Piccolo kostet im Einkauf 1,50 Euro. Gezahlt werden muss sofort - sonst rufen die Damen schon mal den Türsteher. © Katharina Blaß

Pro Getränk, das die Gäste mir spendieren, bekomme ich 20 Prozent Umsatzbeteiligung. Jeder wirtschaftet für sich, es wird am Ende nicht geteilt. Damit aber alle viel verdienen, bestellt jede für jede immer mit. Dazu gibt es 60 Euro Gage für die Schicht bis fünf Uhr morgens. Nach drei Stunden habe ich damit insgesamt 35 Euro verdient.

"Reich wird man hier nicht, aber es ist okay", sagt Magdalena. Mit 120 Euro pro Nacht gehe sie im Schnitt nach Hause. Magdalena ist 39 Jahre alt, dunkelhaarig und hat naturbelassene Brüste. Warum macht sie das hier, als gelernte Industriekauffrau? "Du bist arbeitslos, dann kriegst du tausend Absagen, Absagen, Absagen, und dann sagst du: Scheiß drauf, ich gehe tanzen." Das war vor zehn Jahren.

Auch sie starrt unentwegt auf ihr Smartphone-Display. Auch sie schaut in eine andere Welt. Sie spielt das Strategiespiel Sim-City

13 Jungen betreten die Bar. Österreicher. Auf Klassenfahrt. Aber volljährig. 

Viola hat Tanzdienst, ich gehe mit Magdalena zu den Buben. Von ihr lerne ich einen weiteren Trick: "Am besten sagst du zuerst, du willst Champagner. Da kriegst du 20 Prozent von 360 Euro. Das zweitbeste ist das Mischgetränk. Dann kommt eine Flasche mit 0,2-Liter-irgendwas, und die zahlen 190 Euro", sagt Magdalena. "Erst, wenn sie klar sagen, dass ihnen das zu teuer ist, muss man was anderes nehmen." Die Kunst ist es, den Preis vorher nicht zu nennen. "Du musst die halt immer belabern."

Wir albern mit den Jungs herum. Magdalena will gucken, wer das witzigste Passfoto auf seinem Personalausweis hat. Alois gewinnt. Diesmal stelle ich die Frage. "Dürfen wir uns was Kleines bestellen?" – "Was denn?", fragt der Wortführer. Magdalena und er greifen gleichzeitig nach der Getränkekarte. Magdalena ist schneller. Sie klappt die rechte Seite nach hinten ab und sagt: "Nichts Teures, also keinen Champagner. Nur etwas von dieser Seite hier." 

Auf der linken Kartenseite sind die Longdrinks aufgeführt. Gin Tonic, Cuba Libre, Wodka Lemon. Alle kosten 20 Euro. Außerdem Campari für 25 Euro, Orangensaft für 35 und der Piccolo für 60 Euro. Der Wortführer genehmigt uns je einen Orangensaft. Magdalena und ich prosten den Jungs zu und verschwinden. Die Buben schauen der tanzenden Viola zu. Wortlos. Andächtig. Brav. Und irgendwie niedlich. Sie sind die einzigen, die ihr Interesse an der weitgehend nackten Frau so offen zeigen. Die anderen Gäste widmen sich mehr ihren Kumpels und dem Bier. 

Viola wiegt sich zur Musik und pult dabei überschüssigen Kleber aus ihren Extensions. Immer wieder geht sie an den vorderen Rand der Bühne und beugt sich vor, um einen Blick auf die Uhr zu werfen, dann lässt sie erneut die Hüften kreisen. "Gott, ist das langweilig", raunt sie Magdalena auf der Bank zu.

Video: Ein Abend in der Tabledance-Bar Abspielen
Feldversuch unter erschwerten Bedingungen: Moritz Herrmann und Fritz Zimmermann testen eine Table-Dance-Bar als Kunden – und machen heimlich Fotos mit dem Handy.


Vier Stunden, sechs Getränke und sieben Tänze später breche ich mein Experiment ab. "Ich kann nicht mehr, ich habe nicht gedacht, wie anstrengend das ist", sage ich zur Thekenfrau und darf mich nach einem kurzen Telefonat mit Chefin Maria umziehen. 

Am Tag danach klingelt mein Telefon. Maria ist dran. Ob ich es nicht noch mal versuchen wolle? "Du passt so gut bei uns rein", sagt Maria. "Nein, das ist nichts für mich", sage ich. Ich werde keine Animierdame.

* Alle Namen geändert.



Die Multimedia-Reportage "Nur ein Gläschen" ist im Rahmen einer Kooperation zwischen der Henri-Nannen-Journalistenschule und ZEIT ONLINE entstanden.

Idee, Recherche, Texte, Videos, Fotos:

Katharina Blaß, Moritz Herrmann, Karoline Kuhla, Fritz Zimmermann

(Teilnehmer des Jahrgangs 2013/14 der Henri-Nannen-Journalistenschule)

Grafik "Tabledance-Auflagen":

Steffen Hänsch, Julian Stahnke