Video: Pass am Strand in Libyen

Auf der anderen Seite des Meeres

— Von
Jawaher wollte mit dem Boot nach Europa. Wie Hunderttausende Flüchtlinge strandete sie in Libyen. Ausgeliefert der Willkür und Gewalt in einem untergehenden Staat.


1 — Zerstörter Traum

Es ist der Moment, in dem Jawahers Hoffnung stirbt. Ein Wächter tritt in die überfüllte Zelle, in der sie mit 40 anderen Frauen dicht gedrängt auf Etagenbetten sitzt. Die Frauen hoffen, dass sie bald entlassen werden. Der Wächter tritt zu Jawaher, zieht sein Telefon aus der Uniformtasche und zeigt ihr ein Foto: das Bild einer Frauenleiche.

Der Körper ist durchnässt, Sand klebt am blauen Oberteil, an den Jeans, am Gesicht, in den Haaren. Die Küstenwache hatte sie am Tag zuvor am Strand gefunden. Angespült nach einem gescheiterten Versuch nach Europa zu fliehen – 300 Kilometer über das Meer bis Lampedusa.  

Jawaher wirft sich auf den Boden. Sie schreit. Die anderen Frauen nehmen die 17-Jährige in den Arm, stimmen in ihr Wehklagen ein, schluchzen, schlagen um sich. "Jawaher, verstehst du nicht?", fragt der Wärter. Er versucht das Chaos aufzulösen, brüllt die Frauen an. "Beruhigt euch, beruhigt euch!" Vergeblich. Jawaher verliert das Bewusstsein.

Jawaher (links) in der Zelle der Ausländerbehörde in Subrata © Daniel Etter

2 — Begrenztes Versprechen

600.000 Flüchtlinge und Armutsmigranten warten laut Angaben der italienischen Behörden in Libyen auf eine illegale Überfahrt nach Europa. Viele kommen wie Jawaher aus Eritrea, andere aus dem Sudan, Äthiopien, Syrien und Bangladesch. Sie sammeln sich in Libyen, das seit dem Sturz von Muammar al-Gaddafi 2011 im Chaos versinkt: Die Grenzen zu den Nachbarländern Niger und Tschad im Süden sind offen, fast 2.000 Kilometer verlaufen sie dort in der Sahara. Schmuggler und Milizen finden hier ideale Bedingungen für das Geschäft mit Migranten, denn funktionierende staatliche Strukturen gibt es nicht.

Dieses Geschäft versucht die EU seit August 2013 in Libyen zu verhindern. Vor einem Jahr hat die European Union Border Assistance Mission, kurz Eubam, in Palm City, einer eingezäunten Luxusresidenz am Stadtrand von Tripolis, ihren Sitz bezogen. Am Wochenende wird hier in den Vorgärten gegrillt, Menschen dösen am Pool, der in die Felsen über dem Mittelmeer eingebettet ist. In diesem streng bewachten Idyll leben Botschaftsangestellte, Sicherheitsberater, Mitarbeiter internationaler Organisationen – all jene mit großen Budgets und noch größerer Sorge um ihre Sicherheit.

Peter Rundell, der Vize-Chef von Eubam in Libyen, in Palm City am Stadtrand von Tripolis © Daniel Etter

"Unser Ziel ist es, dass die libysche Regierung ihre Grenzen kontrolliert", sagt Peter Rundell, der Vizechef von Eubam. Er trägt einen weißen Borsalino zum schwarzen Leinenjackett und erzählt im modernen, ganz in weiß gehaltenen Café der Anlage von seiner Mission. 30 Millionen Euro hat sie jährlich zur Verfügung. Damit bildet sie Polizei, Küstenwache und Grenzschützer an den Flughäfen fort, die Teil einer mehrere Tausend Mann starken neuen Grenzschutztruppe werden sollen. Die knapp 50 Mitarbeiter von Eubam greifen aber nicht selbst in Kontrollen ein, die Mission finanziert nicht die libyschen Behörden und ist auch nicht für den Schutz der Migranten zuständig. In einer Mitteilung der Bundesregierung wird der zivile Einsatz der Eubam damit begründet, dass von den unbewachten libyschen Grenzen "potenziell eine erhebliche Bedrohung der europäischen Sicherheit (einschließlich durch Terrorismus)" ausgehe. 

Video: Küstenwachen-Leutnant Dendi über die Flüchtlingsboote Abspielen
Auf Patrouillenfahrt mit einem Boot der Küstenwache in Tripolis: Der Beamte Mohammed Dendi berichtet von den Aufgaben der Küstenwache – und dass es immer mehr überfüllte Flüchtlingsboote gibt.

Ungeachtet der Bemühungen von Eubam sind in den ersten sechs Monaten dieses Jahres mehr als 73.000 Menschen von Libyen über das Mittelmeer nach Italien geflohen – mehr als im gesamten vergangenen Jahr. Schon in den stürmischen Frühjahresmonaten nahmen täglich Dutzende Boote den Weg über das Meer, im Sommer werden es von Tag zu Tag mehr. Eine Katastrophe wie im Oktober 2013, als ein Boot mit über 500 Menschen an Bord vor der Küste von Lampedusa sank und 360 Menschen starben, kann jederzeit wieder geschehen.

© ZEIT ONLINE

3 — Auf der Flucht

Jawaher hat eine Zahnspange und trägt ein loses, schwarzes Kopftuch. Ihre großen, dunklen Augen und die weichen Gesichtszüge verraten nicht die Strapazen, die sie in den vergangenen drei Jahren durchgemacht hat. Mit 14 Jahren ist sie mit ihrer Mutter aus Eritrea geflohen, sie hatte gerade die zehnte Klasse beendet. In Eritrea kommt nach der Schule ausnahmslos die Wehrpflicht – auch für Frauen. Auf dem Papier müssen die Rekruten 18 Monate lang dienen, in der Realität dauert ihr Wehrdienst fünf Jahre oder mehr. Für umgerechnet 20 Euro Sold im Monat müssen die Soldaten Straßen bauen und andere schwere Arbeiten verrichten, es gibt schlechtes Essen, die medizinische Versorgung ist miserabel. Frauen werden in der Armee häufig sexuell misshandelt. "Vielleicht vergewaltigen sie dich", sagt Jawaher. Bis zu 2.000 Menschen fliehen deshalb jeden Monat aus Eritrea. Jawaher und ihre Mutter gingen erst in den Sudan und dann nach Saudi-Arabien, wo sie als Hausangestellte arbeiteten. Die Ängste blieben auch dort: "Ich habe Gerüchte gehört, dass sie in Saudi-Arabien kleine Mädchen vergewaltigen", sagt Jawaher. Zurück nach Eritrea konnten sie nicht, denn wer vor dem Antritt des Wehrdienstes aus dem Land flieht, dem drohen Gefängnis und Folter.

In Europa seien sie sicher, dachte Jawahers Mutter, und entschied, dorthin aufzubrechen. In welches Land, wusste sie nicht. "Zuerst wollten wir über das Meer kommen und dann weitersehen", sagt Jawaher. "Wir hatten keine andere Lösung." Ein Onkel im Sudan organisierte die Flucht nach Libyen. Sie schlossen sich einer Gruppe Eritreer an. Schmuggler verfrachteten sie mit Transportern in die Nähe der libyschen Küste und schlossen sie in einen dunklen Raum ein. Jawaher wurde nie hinaus gelassen, Fenster gab es nicht. "Es war beschissen", sagt sie. "Die Wächter haben uns geschlagen."

Küstenabschnitt zwischen Tripolis und der Grenze zu Tunesien

Eine Woche lang warteten Jawaher, ihre Mutter und Hunderte andere Eritreer darauf, dass das Wetter für die Überfahrt gut genug war. An einem frühen Morgen fuhren die Schmuggler die Männer und Frauen dann an einen Strand. Drei Boote warteten auf dem Meer auf die Flüchtlinge. In kleinen Schlauchbooten setzten sie zu den größeren Fischerbooten über, eine Gruppe nach der anderen. In der Dunkelheit verlor Jawaher ihre Mutter.

Video: Augenzeugin Hanan berichtet vom Fluchtversuch Abspielen
Im Büro der Ausländerbehörde in Subrata berichtet eine Augenzeugin, was in der Nacht des Fluchtversuchs passiert ist.

Von der Böschung am Strand sah Jawaher, wie ihre Mutter und andere Frauen in eines der Schlauchboote stiegen. Sie schrien aus Angst vor dem Wasser und der Überfahrt. Plötzlich fielen Schüsse. Chaos brach aus. Die Küstenwache hatte von dem Fluchtversuch erfahren und wollte die Boote an der Überfahrt hindern. Mit einer Gruppe Frauen rannte Jawaher in den Olivenhain neben dem Strand. Sie kamen an die Überlandstraße, die sich von Ägypten bis Tunesien an der libyschen Küste entlangzieht. Die Frauen hielten ein Auto an, fragten nach einem Telefon. Sie wollten den Schmuggler anrufen, den Jawaher nie gesehen hat. Er war nur eine Stimme hinter einer Telefonnummer, die ihr den Traum von Europa erfüllen sollte.

Zuerst wollten wir über das Meer kommen und dann weitersehen. Wir hatten keine andere Lösung.
Jawaher

Der alte Mann im Auto sagte: "Ich bringe euch in Sicherheit." Er fuhr die Frauen zu einem Checkpoint einer der unzähligen libyschen Milizen am Rande der Küstenstadt Zuwara. Die Milizen pferchten sie in eine provisorische Zelle, die so stank, dass die  Männer sie nur mit Gesichtsschutz betraten. Von dort holte sie die Ausländerbehörde ab und brachte sie in das Hauptquartier in der Stadt Subrata. In den folgenden zwei Tagen hoffte Jawaher, dass sie ihre Mutter wiedersieht, dass sie es nach Italien schafft und ihre Tochter holt – oder wenigstens zu Jawaher zurückkommt. Dann trat der Wächter in die Zelle und zeigte Jawaher das Bild auf seinem Telefon. Sie erkannte ihre tote Mutter.

Video: Jawaher erfährt den Tod ihrer Mutter Abspielen
Die 17-jährige Jawaher aus Eritrea erfährt, dass ihre Mutter bei dem Versuch, mit einem Schmugglerboot zu flüchten, ums Leben gekommen ist.


4 — Auf verlorenem Posten

"Wir wollten sie nicht länger anlügen", sagt Basim Al Gharabli später. Er ist Chef der Ausländerbehörde, dem Department for Combatting Illegal Migration, kurz DCIM, in der Stadt Subrata. Seine Männer hatten die tote Frau am Vortag gefunden, an dem Strandabschnitt, an dem sich Jawaher und ihre Mutter verloren hatten. Seine Einheit war in der Nacht dorthin gefahren, nachdem die Küstenwache den Flüchtlingstreck entdeckt hatte.

Am Strand zeigt Al Gharabli die Spuren des nächtlichen Fluchtversuchs. Reifenabdrücke der Küstenwache, verstreute Kleidung, eine Zahnbürste. Es ist ein stürmischer Tag. Der Wind verweht ein kleines, blaues Notizbuch im Sand, das halb mit Telefonnummern vollgeschrieben ist. Daneben liegt ein Ausweis mit dem Foto einer Frau mit einem schwarzen Kopftuch.

Video: Al Gharabli über die Fluchtversuche Abspielen
Basim Al Gharabli, Chef der Ausländerbehörde in Subrata, kehrt an den Ort des Fluchtversuchs zurück. Von dem Strand zwischen Subrata und der Grenze zu Tunesien starten die meisten Flüchtlingsboote.

Name: Rahma Ibrahim Ali 
Nationalität: Eritrea
Geboren: 1979

Das nächste Mal bringt ihr mir bei, wie man schwimmt.
Libyscher Grenzschützer

Al Gharablis Einheit der Ausländerbehörde kontrolliert den Küstenstreifen von Subrata bis Tunesien. Es sind jene 60 Kilometer, die Europa am nächsten liegen. Von hier sind es knapp 300 Kilometer über das Mittelmeer nach Lampedusa, von hier starten die meisten Boote. In der Mitte dieses Abschnitts liegt die Küstenstadt Zuwara, die fest in der Hand von Schmugglernetzwerken ist. Die meisten Schmuggler nehmen 1.500 Euro für die gefährliche Überfahrt, die billigsten bieten ihre Dienste schon für 300 Euro an. Menschenschmuggel zum Schleuderpreis – ein Indiz dafür, wie groß das Angebot an Schmugglern in Libyen ist.

Video: Leutnant Dendi über die Arbeitsbedingungen der Küstenwache Abspielen
Keine Versicherung, keine Ausrüstung, ab und zu ein neues Boot: Mohammed Dendi von der Küstenwache in Tripolis erzählt vom Alltag des Grenzschutzes.

Theoretisch gibt es hier außer Al Gharablis Männern auch eine Einheit der Küstenwache. Praktisch unternehmen diese Beamten aber fast nichts. "Sie essen, schlafen und ruhen sich aus", sagt Al Gharabli. "Die waren alle für Gaddafi. Jetzt haben sie keine Motivation, irgendwas zu tun." Außerdem bezahlt der Staat die Einheiten der Küstenwache nur unregelmäßig, viele haben für die Jagd auf Schmugglerbote weder kugelsichere Westen noch Ferngläser. In Subrata hat die Küstenwache neuerdings ein Boot. "Aber wo sind die Leute, die wissen, wie es funktioniert?", fragt Al Gharabli. 

5 — Geld am falschen Ort

In Tripolis bildet die EU-Mission Eubam libysche Küstenwächter auf solchen neuen französischen Schlauchbooten aus. Eine Woche waren die Männer hier, jetzt steht der praktische Teil an. Ein Trainer aus Malta zeigt ihnen, wie sie Menschen im Wasser ansteuern und ins Boot ziehen. In Vierergruppen geht es ein Mal durch das Hafenbecken – jeweils keine halbe Stunde. "Wir haben 50 Mann aus der Stadt Tobruk hier. Die gehen zurück und werden mit den Booten, die sie haben, umgehen können", hatte Eubam-Vize Rundell gesagt. Nach dem Training sagt einer der Küstenwächter: "Das nächste Mal bringt ihr mir bei, wie man schwimmt." Es wird gelacht. Er ist nicht der einzige, der nicht schwimmen kann.

Eubam-Training für die libysche Küstenwache © Daniel Etter

Zum Schluss gibt es für die Teilnehmer Zertifikate und Rundell spricht über Libyens internationale Verpflichtungen. Auf dem Hafengelände halten Personenschützer ihre gepanzerten Geländewagen startklar, außerhalb von Palm City bewegt sich die Eubam-Delegation nur in gesicherten Konvois. Die Stadtgrenzen von Tripolis verlassen die europäischen Helfer wegen der Gefahr von Entführungen so gut wie nie.

Trotzdem ist mindestens die Hälfte des Eubam-Budgets für Sicherheit veranschlagt. Heruntergerechnet auf den halben Tag, den die Vergabe der Zertifikate und das Training im Hafenbecken in Anspruch genommen haben, kostete allein die Bewachung der Eubam-Leute 20.000 Euro oder mehr. Für seine 139-Mann-starke Einheit der Ausländerbehörde hingegen, so sagt es Al Gharabli, habe er für zwei ganze Jahre ein Budget von 1.000 Euro, plus Gehälter, die aber unregelmäßig gezahlt werden.

6 — Einnahmequelle Flüchtling

Was in Libyen mit Migranten geschieht, die auf dem Meer festgenommen oder schon vorher entdeckt werden, kann man in zwei Internierungslagern in der Nähe der Stadt Gharyan am Fuße der Nafusa-Berge sehen.

Hunderte Menschen sind hier in großen Metallhütten untergebracht, die Temperaturen klettern in der Ebene schon am frühen Morgen auf über 40 Grad. In den Trinkwassercontainern, die vor den Gittern stehen, schwimmen Larven, wenn überhaupt Wasser da ist. Während der Essensausgabe droht einer der Wärter den Gefangen mit einem gelben Plastikschlauch, mit dem die Insassen oft ausgepeitscht werden, wie ein nigerianischer Gefangener sagt. Medizinische Versorgung für die fast 800 Insassen gibt es nicht. "Die Krankenhäuser wollen die Flüchtlinge nicht behandeln. Wir lassen sie hier sterben und bringen sie dann in die Leichenhalle", sagt einer der Wärter. 

Flüchtlinge in einem Lager in der Stadt Gharyan © Daniel Etter
Manche bringen Krankheiten ins Land, manche sind bewaffnet, weil sie Kriminelle in ihrer Heimat waren.
Zayed Ali Arhuma

Für die Milizen, die die meisten Landesgrenzen und Lager unter ihrer Kontrolle haben, sind die Flüchtlinge eine lukrative Einnahmequelle. Willkürlich nehmen sie Fremde in den von ihnen bewachten Gebieten fest, oft allein wegen deren Hautfarbe. Freiheit gibt es für viele Migranten nur gegen Bezahlung. 1.000 Euro sei der Preis, um sich freizukaufen, berichten übereinstimmend Gefangene in beiden Lagern. Dabei unterstehen diese formal dem Innenministerium.

Indirekt profitieren die Milizen von EU-Geld: Zur Renovierung von zwei Internierungslagern flossen über internationale und libysche Hilfsorganisationen bereits Mittel der EU. Und für die kommenden vier Jahre hat die EU Libyen zehn Millionen Euro zugesagt, um die Zustände in den Lagern zu verbessern.

Es sind diese Lager, in denen Flüchtlinge wie Jawaher und ihre Mutter landen, wenn die Eubam-Mission Erfolg hat.

7 — Nicht willkommen

"Die Europäer denken, dass das Problem der illegalen Migranten vor allem Europa betrifft, aber es schadet Libyen mehr und mehr", sagt Zayed Ali Arhuma in seinem Büro in Tripolis. Er ist der Vizechef der Ausländerbehörde DCIM, die dem Innenministerium untersteht. Scheich Zayed, wie er angesprochen wird, ist ein graubärtiger, älterer Herr. Er hat an der Grenze zu Algerien gearbeitet, bis er vor zwei Jahren zum DCIM nach Tripolis kam. 1,25 Millionen illegale Migranten seien in Libyen, sagt er, die meisten seien gekommen, um zu bleiben. Auf bis zu zwei Millionen Menschen schätzt man die Zahl der Immigranten im Büro des UNHCR, der Flüchtlingsmission der Vereinten Nationen in Tripolis. Einen genauen Überblick hat niemand. 

"Manche bringen Krankheiten ins Land, manche sind bewaffnet, weil sie Kriminelle in ihrer Heimat waren", sagt Scheich Zayed. Die Statistiken, die er aus seinem Schreibtisch zieht, sind überraschend genau: 2013 habe Libyen 36.514 Menschen abgeschoben, 1.915 davon hätten HIV oder Hepatitis gehabt. "Damit Sie den Schaden sehen, den sie in Libyen anrichten." 

Was Scheich Zayed nicht erwähnt, ist, dass die libysche Wirtschaft auf Arbeitsmigration angewiesen ist. Es gibt kaum Kellner, Müllmänner oder Krankenschwestern, die aus Libyen kommen. Als Tripolis 2011 an die Rebellen gefallen war, gab es in der Stadt plötzlich kein Brot mehr. Nicht weil das Mehl knapp wurde, sondern weil alle Bäcker in ihre Heimatländer geflohen waren. Trotzdem zieht sich die Diskriminierung von Migranten durch alle Institutionen.

8 — Gute Nachbarschaft

Nachdem Jawaher aus ihrer Ohnmacht erwacht ist, hat Al Gharabli, der Vertreter der Ausländerbehörde in Subrata, sie in sein Büro geholt. Sie erzählt von der Nacht das Fluchtversuchs. Es seien Schüsse gefallen. "Wer hat geschossen?", fragt Al Gharabli. Jawaher weiß es nicht. "Die Schmuggler sind weggerannt und die Polizei ist gekommen", sagt sie. Al Gharabli versichert, er habe verhindert, dass die Küstenwache auf die Boote schoss, schließlich seien Frauen und Kinder darauf gewesen. "Die Schmuggler haben geschossen", sagt er. Im Oktober vergangenen Jahres waren mindestens 33 Menschen zu Tode gekommen, nachdem ihr Boot beschossen worden war; Überlebende berichteten damals, die Küstenwache habe gefeuert. 

An welchen EU-Grenzen wie viele Migranten ums Leben kommen, zeigt die Online-Datenbank "The Migrants' Files".

Al Gharabli sagt, er sorge sich aufrichtig um Jawaher, um die Frauen aus Eritrea. Er habe die eritreische Botschaft angerufen, erzählt er, und nach Arbeit für sie gefragt. Er wolle Jawaher frei lassen, müsse aber sicher sein, dass sie nicht noch einmal versucht, über das Meer zu kommen. Es sei peinlich für Libyen, dass so viele Migranten von hier nach Europa fliehen, sagt sein Chef, Scheich Zayed. Schließlich wolle Libyen ein guter Nachbar sein. 

Noch ein Jahr wird die Eubam-Mission mit ihren beschränkten Mitteln und den hohen Sicherheitskosten Libyen helfen, seine Grenzen zu bewachen, Menschen abzufangen und Lager einzurichten. Was danach kommt, ist ungewiss.

In seinem Büro betrachtet Al Gharabli am Abend die Gegenstände, die er in der tragischen Nacht gesammelt hat. In dem kleinen, blauen Notizbuch stehen Telefonnummern von Schmugglern, die die Fahrt nach Europa organisieren sollten. Auf einer Seite ist der Kontakt einer Eritreerin notiert, die es geschafft hat.

Das Notizbuch und der Ausweis, sie gehörten Jawahers Mutter.

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Team:

Autor: Daniel Etter
Fotograf: Daniel Etter
Redaktionelle Koordination: Maria Exner, Meike Dülffer
Infografik: Paul Blickle
Grafik-Recherche: Livia Valensise, Maria Exner
Video: Daniel Etter; Schnitt: Adrian Pohr
Daten: Frontex, UNHCR, Mare Nostrum, Deutsche Bundesregierung, The Migrant's Files
Kartenmaterial: OpenStreetMap