Abend in Marikana © Philip Faigle/ZEIT ONLINE

Ihr Leben für unser Platin

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Autos, Handys, Medikamente – unser Alltag hängt ab von den Platinminen Südafrikas. Doch dort tobt ein Konflikt um die Frage: Wer verdient an Afrikas Bodenschätzen?

1 — Marikana
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  1. 1 — Marikana
  2. 2 — Der Händler
  3. 3 — Unter der Erde

Wenn doch bald alles vorbei wäre, flüstert Lerato Mahlangu*. Von draußen dringt das beunruhigende Leben von Marikana in das Halbdunkel der Wellblechhütte, das Murmeln der Männer, die Karten in der afrikanischen Wintersonne spielen, Fetzen von Musik, die durch die staubverwehten Straßen wehen. Mahlangu, eine Frau Anfang 30, sitzt an einem Küchentisch. Ihre Haare, voll und schwarz und kraus, zittern vor Angst.

Es ist ein hellblauer Tag in Marikana und Mahlangu hat Angst um ihr Leben.

Seit sie von den Morden gehört hat, fühlt sie sich in ihrer Hütte nicht mehr sicher. Arbeiter kamen in der Nacht in die Siedlungen, sie kamen mit Macheten und erschlugen andere Arbeiter, die trotz des Streiks in die Minen gingen. Rats nennen sie die Streikbrecher. Ratten. Arbeiter töten Arbeiter – so weit ist es gekommen, sagt Mahlangu. Dabei begann der große Streik als etwas Gutes, etwas Gerechtes. Oder war das nur eine Täuschung?

"Ich war für den Streik", sagt Mahlangu. "Aber jetzt geht er schon fünf Monate. Unser Leben ist hart geworden." Vor einer Woche erschossen Männer den Warenhändler zwei Straßen weiter. Am hellichten Tag. 

Marikana, im Nordosten Südafrikas gelegen, eine wuchernde, staubige Wellblechsiedlung im Schatten von Schmelzen und Raffinerien, ist seit Monaten Schauplatz des längsten Arbeitskonflikts in der Geschichte des Landes. Ein zäher und gewaltsamer Streik, der es nicht in die deutschen Abendnachrichten schaffte, obwohl kaum ein Ort für die Weltwirtschaft so wichtig ist wie Marikana.

Unser Leben ist hart geworden. Lerato Mahlangu

In den Wellblechhütten wohnen Zehntausende Arbeiter, die die moderne Welt täglich mit einem Stoff versorgen, der immer wichtiger wird: Platin, eines der wertvollsten Metalle. Die Industrie braucht es für Handys, Flachbildschirme, Düngemittel, Medikamente, vor allem aber für die Katalysatoren von Autos. Kein Konsument in Europa kennt Marikana, aber fast jeder hat ein Stück Marikana in seinem Auto, in seinem Wohnzimmer, in seiner Hosentasche. Drei Viertel der jährlichen Platin-Förderung stammen aus Südafrika.

Philip Faigle

Philip Faigle ist Redakteur im Team Investigativ/Daten bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Rund 340 Euro verdient ein Hauer bisher im ersten Jahr damit, dass er für eine der großen Minengesellschaften kilometertief unter Tage geht, um bei Temperaturen von 45 Grad das Platin aus der Erde zu holen. Sechs Tage die Woche, neun Stunden lang. Viele werden von der Arbeit krank, die Tuberkulose geht um. In manchen Stollen arbeiten die Hauer mit schweren pneumatischen Bohrern, die hoffnungslos veraltet sind. 

Schon vor zwei Jahren hatten die Arbeiter für bessere Löhne und andere Arbeitsbedingungen demonstriert. Der Protest endete mit der schlimmsten Gewalt seit dem Ende des Apartheid-Regimes: Am 16. August 2012 erschoss die Polizei 34 Menschen an einem Felsen am Rande von Marikana. Die Ruhe nach dem Schock währte nicht lange. Am 23. Januar dieses Jahres rief die Gewerkschaft AMCU ihre rund 80.000 Anhänger abermals zum Streik auf. 

Auch Mahlangu folgte dem Aufruf. Sie verdient unter Tage schon 420 Euro, die Gewerkschaft forderte einen Mindestlohn von 12.500 Rand für jeden Arbeiter. Umgerechnet sind das 900 Euro – fast doppelt so viel. "Die Leute brauchen mehr Geld", sagt Mahlangu. "Es reicht sonst nicht zum Leben."

Und doch ging es um mehr als höhere Löhne. Über dem Streik schweben globale Grundsatzfragen: Wer verdient wie viel an den Rohstoffen Afrikas? Ist die Macht der Minenarbeiter in Afrika groß genug, um die Konzerne aus dem Norden herauszufordern, die den Schatz seit Jahren ausbeuten? Wie kann es sein, dass Menschen unter furchtbaren Bedingungen einen Rohstoff fördern, von dem die ganze Welt abhängig ist? Noch dazu in Südafrika, das als das modernste und fortschrittlichste Land des Kontinents gilt? 

Wer nach Antworten sucht, trifft auf verzweifelte Arbeiterinnen wie Mahlangu in Südafrika, auf kühl rechnende Rohstoffexperten in London und auf gelassene Edelmetallhändler in Deutschland. Es sind Begegnungen, die zeigen, wie schwer es ist, die Asymmetrie der Macht in der Globalisierung umzukehren. 

2 — Der Händler
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  2. 2 — Der Händler
  3. 3 — Unter der Erde

Wenn Hans-Günter Ritter am Morgen sein Büro im hessischen Hanau betritt, wirft er als erstes einen prüfenden Blick auf die Kurse. Es ist Mitte Juni, wenige Tage bevor sich Mahlangu in ihrer Hütte das Ende des Streiks herbeisehnt. Vieles deutet auf ein Ende des Konflikts hin. Die Agenturen melden, es gebe eine grundsätzliche Einigung zwischen AMCU und den Arbeitgebern. 

Auf den Monitoren des Handelsraumes verfolgt Ritter, wie die Welt reagiert. Seine zehn Mitarbeiter sitzen in einem länglichen, mit Jalousien verdunkelten Zimmer vor ihren Computern und werten Information über Edelmetalle aus. An der Wand zeigen Uhren die Ortszeit in New York, Frankfurt, London. Kurse flattern über die Bildschirme, Gradmesser von Angebot und Nachfrage: Palladium, Gold, Silber. 

Platin ist in der Nacht um 30 Dollar gefallen. Offenbar wetten die Anleger darauf, dass der Streik von Marikana zu Ende geht. Wenn die Arbeiter wieder arbeiten, wird wieder mehr Platin aus der Erde geholt. Dann wird das Angebot steigen. Mehr Angebot in der Zukunft bedeutet auf dem Markt heute sinkende Preise. Für Händler wie Ritter ist das eine gute Nachricht. 

Ein Wohnwagen eines Arbeiters in Marikana © Philip Faigle/ZEIT ONLINE

Ritter leitet den Edelmetallhandel von Heraeus, einem Technologiekonzern mit Sitz im hessischen Hanau. Heraeus ist mit einem Umsatz von 17 Milliarden Euro und rund 12.000 Mitarbeitern eines der größten deutschen Familienunternehmen, ausgezeichnet als Arbeitgeber, geschätzt für seine Produkte. Der Gründer des Unternehmens, Wilhelm Carl Heraeus, erfand vor mehr als 150 Jahren das Schmelzverfahren für Platin. Es war ein Meilenstein für die industrielle Nutzung des Edelmetalls, der Beginn einer technologischen Ära. 

Es gibt weltweit viele Käufer für das Platin aus Marikana. Heraeus ist ein besonders wichtiger Kunde. Wie viel von dem Metall das Unternehmen jedes Jahr kauft und verkauft, ist nicht öffentlich. Aber im vergangenen Jahr hat Heraeus einen Umsatz von 13 Milliarden Euro im Edelmetallhandel gemacht. Das Unternehmen verarbeitet südafrikanisches Platin zu Drähten, die in Handys verbaut werden, es stellt die Vorprodukte her, die zu Herzschrittmachern zusammengesetzt werden, ebenso wie feine Platinnetze, die in Autokatalysatoren verwendet werden. 

Es sind Produkte, für die die Deutschen in der Welt bewundert werden und die sich in den Hochglanzbroschüren der Forschungsministerien wiederfinden. Produkte, die die Welt grüner und gesünder machen sollen und die dafür sorgen, dass Deutschlands Wohlstand wächst. 

Wir haben damit gerechnet, dass die Preise steigen werden. Aber nichts dergleichen ist geschehen. Hans-Günter Ritter

Ritter ist gelernter Kaufmann, er verwendet Worte wie "Edelmetallfluss" und "Risikominimierung". Der Streik in Marikana, sagt Ritter, hat die Branche in Sorge versetzt. Außer in Südafrika wird Platin nur noch in Russland, Kanada und in einigen politisch unsicheren Ländern wie Simbabwe gefördert. Kaum eine Mine auf der Welt aber kann die Produktion aus Südafrika kompensieren. Zwar hat die Industrie ihre Bemühungen verstärkt, das alte Platin aus den Katalysatoren zu recyclen, ersetzen kann das die Minenproduktion aber längst noch nicht.  

Eigentlich müssten die Arbeiter in Marikana also die Macht haben, die Weltwirtschaft anzuhalten. Während des Streiks fehlten zeitweise 40 Prozent der gesamten Weltproduktion. Ritter lächelt. "Wir haben damit gerechnet, dass die Preise steigen werden", sagt er. "Aber nichts dergleichen ist geschehen."

3 — Unter der Erde
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  3. 3 — Unter der Erde

Die funkelnden Steine: Mahlangu weiß nicht, was mit ihnen geschieht und warum die Welt so viel davon braucht. Aber bis zum Streik sicherte das Metall ihr Überleben. An den Tag vor sechs Jahren, als sie ihr Elternhaus in Eastern Cape verließ, um in die Minen von Marikana zu kommen, erinnert sie sich gut. Eastern Cape ist der ärmste Teil Südafrikas, eine Provinz im Süden rund um die alte Hafenstadt Port Elizabeth. Mahlangu war dort arbeitslos. Ihre Brüder arbeiteten zu jener Zeit in den Minen und sagten, bei Lonmin gebe es Jobs. 

Lonmin ist die größte Mine der Region und die drittgrößte Platinmine der Welt. Das Unternehmen beschäftigt rund 30.000 Arbeiter und exportiert in alle Welt. Die Firma herrscht über die Region wie eine Regierung. Seit 1969 lässt sie in Marikana nach Platin schürfen. 

Ein Arbeiter vor seiner Hütte © Philip Faigle/ZEIT ONLINE

Ein Auto von Bekannten brachte Mahlangu her. Vor dem Fenster sah sie den Ort vorbeiziehen: die Hauptstraße, an der sich Bordelle, Supermärkte und ein Kentucky Fried Chicken aufreihten. Dann, hinter den Bahngleisen, das glitzernde Stahlgerüst der Schmelzen und die weite, staubige Fläche, auf der Tausende Wellblechhütten standen. In der Ferne ging die Sonne hinter den silbrig leuchtenden Halden unter, die sich rund um Marikana erheben. 

Am ersten Tag in der Mine sei sie in Panik verfallen, sagt Mahlangu. Die Enge, die Dunkelheit, die Hitze und Tiefe. Die Chemikalien, die unter Tage zum Einsatz kommen, bissen in den Augen. Die Stirnlampe, die an ihrem Helm klemmte, war zu schwer und machte ihr Kopfschmerzen. Später kamen die Belästigungen durch die Männer hinzu, für die Arbeiterinnen oft eine Provokation sind. Nur fünf Prozent der Arbeiter unter Tage sind Schätzungen zufolge Frauen.

Wenn sie abends am Ende der Schicht aus dem Stollen stieg, musste sie noch einen langen Fußweg zur Hütte zurücklegen. Ihre Wellblechhütte hat weder Strom noch Wasser, im Sommer lädt sie sich mit Hitze auf, im Winter bietet sie kaum Schutz vor der Kälte.

Mahlangu gewöhnte sich daran. Mehr als fünf Jahre lang stand sie um vier Uhr morgens auf und lief zu Fuß zur Mine. Die Schicht begann um kurz nach fünf und ging bis um zwei, manchmal länger, wenn der Aufzug nach oben nicht rechtzeitig kam. Von ihrem Gehalt schickte sie 140 Euro ihrer Familie in Eastern Cape. 

Mahlangu hat zwei Kinder, ihre Tochter ist zehn und in Eastern Cape geblieben, ihr dreijähriger Sohn lebt bei ihr in Marikana. Der Vater hat die Familie verlassen, Mahlangu bringt sie alleine durch. Um die Miete für ihre Hütte und das Nötigste finanzieren zu können, hat sie sich mit Mikrokrediten verschuldet, wie viele in Marikana. Wie hoch ihre Schulden sind, weiß sie nicht genau, vielleicht 1.000 Euro, vielleicht mehr. 

Als der Streik begann, war er für Mahlangu ein Grund zur Hoffnung. 12.500 Rand für jeden, das war ein Versprechen, dem viele in Marikana folgten. Der Chef der Gewerkschaft AMCU, Joseph Mathunjwa, versprach, bis zum Letzten dafür zu kämpfen. Auch Arbeiter der anderen beiden Minen – Amplats und Implats – legten die Arbeit nieder. 

Die Euphorie der ersten Tage verflog schnell. Je länger der Streik dauerte, desto härter wurde das Leben. In Südafrika gibt es keine Streikkassen, deshalb bekam niemand mehr Lohn – auch Mahlangu nicht. Sie konnte zusehen, wie sich der Ort von Menschen leerte, wie viele Arbeiter zurück in ihre Heimatländer gingen: Lesotho, Simbabwe, Mosambik. Die Supermärkte und Imbisse entließen ihre Mitarbeiter. Marikana wurde zu einem Ort der Hoffnungslosigkeit, in dem sich die Menschen mit dem Sammeln von Müll und Metall über Wasser hielten. Und dann waren da die Morde. Bis heute wabern die Gerüchte durch die staubigen Straßen, wer die Täter waren und was sie antrieb. 

Im Mai warnten erstmals Hilfsorganisationen vor den Folgen des Streiks und brachten Lebensmittel in den Ort, weil die ersten Arbeiter hungerten. Zudem gingen viele chronisch Kranke nicht mehr zum Arzt, die Gefahr von Seuchen stieg. Unter dem Streik litten aber nicht nur die Arbeiter von Marikana, auch Südafrikas Wirtschaft nahm Schaden. Im Juni stufte die Ratingagentur Fitch die Bonität des Landes herunter. 

Mahlangu findet noch immer, dass den Arbeitern das geforderte Geld zusteht. Aber sie sagt auch, dass der Streik den Arbeitern schon einen zu hohen Preis abverlangt hat. Und dass sie froh ist, wenn sie wieder arbeiten und Geld verdienen kann. Zählt man alles zusammen, hat sie bisher fünf Monatsgehälter verloren – mehr als 1.500 Euro. 

In Hanau kann Hans-Günter Ritter an seinem Computer den Preis verfolgen, den die Industrie zahlen musste. Nachdem der Streik ausgebrochen war, bewegte sich der Kurs je Feinunze nur leicht – er liegt noch immer stabil bei 1.400 Dollar, weit niedriger als 2010. Normalerweise steigt der Preis, wenn das Angebot abnimmt, wenn der wichtigste Produktionsstandort nicht mehr liefert. Diesmal war es anders. "Es kam zu keinem Moment wirkliche Nervosität auf", sagt Ritter. "Wir konnten weiterarbeiten wie bisher." 

Fragt man Experten, hört man viele Erklärungen. Die wohl schlüssigste lautet: Es gab vor dem Streik schon zu viel Platin auf der Welt. 

Die Wirtschaftskrise ließ 2008 fast überall die Wirtschaft einbrechen: in Europa, in den USA, aber auch in manchen Schwellenländern. Vor allem der Verkauf von Autos ging stark zurück und damit auch der von Katalysatoren. Weil fast 50 Prozent allen Platins in Katalysatoren verbaut wird, braucht die Industrie auch weniger Platin. Die Minen in Marikana produzierten weiter wie bisher, nur fand das Platin keine Abnehmer. Ein Kenner der Branche sagt: "Die Minengesellschaften haben einen gewaltigen Fehler begangen." 

Gleichzeitig traten neue Spieler auf, so genannte ETFs. Das Kürzel steht für Exchange Trade Funds. Es sind Investmentfonds, bei denen Anleger mit Platin handeln können. Sie speicherten in der Krise das Metall, einige lagerten es physisch in Tresoren in der Schweiz. 

Das ist einfacher als es klingt, denn die jährliche Menge an produziertem Platin passt in ein 15 Quadratmeter großes Zimmer. Als die Nachfrage nach der Krise wieder leicht nach oben ging, war das Angebot auf dem Markt groß genug, um sie zu befriedigen. Es brauchte kein neues Platin aus Marikana. Dem Kampf der Arbeiter fehlte damit von Anfang das wichtigste Druckmittel: Er tat den Konsumenten nicht weh. "Ich habe Verständnis für die Nöte der Arbeiter", sagt Ritter. "Aber es war abzusehen, dass der Streik nicht ewig weitergehen konnte." 

Eingang zu einer der Wohnsiedlungen © Philip Faigle/ZEIT ONLINE

Glaubt man Experten, traf der Streik zudem die Falschen. Die Minengesellschaften mögen viele Jahre lang gute Geschäfte gemacht haben, doch in Südafrika stoßen sie langsam an ihre Grenzen. Um an das Platin zu kommen, müssen sie immer tiefer graben. Die Produktivität einiger Minen sinkt seit Jahren. Lonmin selbst gibt an, fast die Hälfte seiner Minen nur noch mit Verlust betreiben zu können. Womöglich wird der Konzern bald einige Minen schließen. "Einige Arbeiter in Südafrika werden ihren Job verlieren", sagt ein langjähriger Manager der Platinindustrie. Selbst unabhängige Experten halten das für keine leere Drohung. 

In Marikana, zwei Wochen später, kann Lerato Mahlangu das Ergebnis des Streiks im Fernsehen verfolgen. Es ist der 24. Juni, ein Montagmorgen, und Josef Mathunjwa, der Chef von AMCU, steht im Royal Bafokeng Stadion in Rustenburg vor Tausenden Arbeitern. "Was andere Gewerkschaften in 20 Jahren nicht geschafft haben, habt ihr in fünf Monaten geschafft", ruft er in die Menge. Es klingt, als verkünde er einen großen Sieg. 

Es gibt in diesem Geschäft schon extreme Gegensätze. Hans-Günter Ritter

Über drei Jahre sollen die Gehälter der schlechtbezahltesten Arbeiter nun steigen. Um 70 Euro im ersten und zweiten Jahr, dann noch einmal um 66 Euro. In drei Jahren soll jeder Minenarbeiter mindestens 550 Euro verdienen. Das ist mehr als bisher, aber es ist eben auch weniger als die 900 Euro, die die Gewerkschaft ursprünglich gefordert hatte. 

Viele Arbeiter glauben daran, dass die Einigung ein historischer Sieg ist. Doch in Wahrheit haben sie während der vergangenen fünf Monate so viel Geld verloren, dass sie rund drei Jahre arbeiten müssen, damit sie die Lohnsteigerungen spüren werden. Hinzu kommt, dass sich viele verschuldet haben und ihre Schulden während des Streiks noch gewachsen sind.

Hans-Günter Ritter ist nie in Marikana gewesen. Aber er hat den Streik in den vergangenen Monaten genau beobachtet. Er sagt: "Jeder Tote ist natürlich einer zu viel". Würde er sagen, dass das Geschäft mit Platin global gesehen ein gerechtes ist? Ritter zögert, faltet die Hände, denkt nach. Dann sagt er: "Es gibt in diesem Geschäft schon extreme Gegensätze." Er habe große Wertschätzung für die harte Arbeit, die in Marikana getan wird. "Das sollte man sich stets bewusst machen." 

Man kann es eben leicht vergessen.

* Name von der Redaktion geändert

Mitarbeit: Victoria Schneider