Wir müssen reden Wie geht eigentlich schlechter Sex?

© Ronny Hartmann

ZEITmagazin ONLINE: Muss man sich, bevor man im Urlaub guten Sex haben kann, erst an die bestehenden Probleme in der Beziehung wagen?

Ulrich Clement: Bloß nicht! Besser ist es, die Probleme einfach mal beiseitezulegen und die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken. Es gibt zwei Prinzipien, wie man mit Problemen umgehen kann: Das eine besteht darin, sie durchzuarbeiten, bis Licht am Ende des Tunnels aufscheint. Das ist zumindest die Hoffnung. Ich favorisiere die andere Variante, sie funktioniert über Aufmerksamkeitssteuerung. Ich lenke den Blick nicht auf das, was problematisch ist, sondern auf das, was gerade schön ist. Wir haben Zeit, wir haben Sonne, wir haben keine Verpflichtungen. Daraus entsteht eine starke Kraft. Es gibt einen zentralen Satz in der Psychotherapie von Milton Erickson: "Energy flows, where the attention goes." Genau so ist das auch in der Urlaubssituation.

ZEITmagazin ONLINE: Nach vielen Modellen gibt es in einer Partnerschaft immer einen, der mehr, und einen, der weniger Sex will. Letzterer beherrscht die Beziehung, weil er oder sie bestimmt, wann es zur Sache geht. Im Urlaub gibt es dann aber fast keinen Vorwand mehr, um zu sagen: "Ich will jetzt nicht." Sex dauert im Schnitt lediglich rund zehn Minuten. Das kann ja wohl nicht so schlimm sein.

Clement: Das kommt darauf an, ab wann man rechnet. Die simpelste, behavioristische Variante besteht darin, die Zeit ab "Penis in Scheide" bis zum Wiederherausziehen zu messen. Wenn man jedoch den Kontext dazu nimmt, also die Situation und das Vorspiel, geben Partner durchaus unterschiedliche Zeitspannen an. Frauen lassen Sex meistens früher beginnen als Männer.

ZEITmagazin ONLINE: Frauen empfinden Sex subjektiv als länger als Männer?

Clement: Ja, sie sagen, das hat viel früher angefangen, schon als man etwa beschlossen hat, zum Strand zu gehen. Es gibt eine lustige Definition des Vorspiels: "Vorspiel ist alles seit dem letzten Geschlechtsverkehr." Den Frauen gefällt das, die Männer schlucken und denken "Oje!".

ZEITmagazin ONLINE: Um noch mal auf die Sache mit dem unterschiedlichen Verlangen zurückzukommen: Ist es nicht häufig ein Druckmittel oder zumindest der Ausdruck von etwas ganz anderem, wenn einer sagt "Ich will nicht"?

Clement: Genau das ist die entscheidende Frage: Wozu sagt jemand Nein? Das variiert sehr. Sagt jemand Nein zum Geschlechtsverkehr? Zu Nähe und Körperlichkeit? Dazu, überhaupt gemeinsame Zeit zu verbringen, die gleiche Luft zu atmen? Der Urlaub macht ein paar Ausreden unmöglich und es zeigt sich offensichtlicher, worum es eigentlich geht.

ZEITmagazin ONLINE: Viele Frauen sagen auch, dass ihr sexuelles Verlangen vom Zyklus abhängt. Ist es dann schlicht Pech, wenn der gerade nicht mit dem eingereichten Urlaub zusammenpasst?

Clement: Kommt darauf an, wie kurz der Urlaub ist.

ZEITmagazin ONLINE: Wie eng ist dieser Zusammenhang?

Clement: Das Verlangen von Frauen ist tatsächlich zyklusabhängig. Wegen der Hormonvariation ist es während der fruchtbaren Tage stärker. Und Frauen haben keine Wahl: Manche sind sehr stark zyklusabhängig, andere weniger. Allerdings ist der Zyklus auch nur ein Faktor von mehreren, er entscheidet nicht alles.

ZEITmagazin ONLINE: Und welche Rolle spielt die männliche Physis? Eine Kollegin hat halb scherzhaft erzählt, dass sie seit März praktisch keinen Sex mehr hat, weil sie und ihr Partner ihn immer aufschieben – schließlich hätten sie bald Urlaub. Eine gute Idee?

Clement: Wenn dahinter die triebtheoretische Ansicht steckt "Der Mann spart sich auf und dann explodiert es richtig doll", ist das Quatsch. Was ich jedoch sehr wohl für einen qualitätserhöhenden Faktor halte, ist die Haltung: Lieber keinen Sex als lausigen Sex.

ZEITmagazin ONLINE: Ist es sinnvoll, regelmäßig Sex zu haben?

Clement: Das ist individuell verschieden, und jedes Paar entwickelt im Lauf seiner Beziehung eine eigene sexuelle Kultur. Manchen ist Kontinuität sehr wichtig. Es ist nicht zu unterschätzen, wie vielen Paaren es beim Sex nicht nur um Lust geht, sondern auch um Sicherheit. Man vergewissert sich einander. Anderen bedeutet Sex gerade nicht Routine. Sie sagen: Lieber einmal im Monat ein Fest als alle zwei Tage Butterbrot.

ZEITmagazin ONLINE: Wobei "Donnerstag ist unser Sexabend" ja tatsächlich ungefähr so viel Charme versprüht wie die Öffnungszeiten des Finanzamtes.

Clement: So eine Vereinbarung klappt gut bei Paaren, die sich in Langeweile hineinmanövriert haben. Die warten auf Spontaneität, aber sie kommt nicht. Wenn ein Paar jedoch sehr spannungsgeladen ist, funktionieren solche Verabredungen nicht gut.

ZEITmagazin ONLINE: Was empfehlen Sie den Spannungsgeladenen?

Clement: Unter diesen Paaren gibt es welche, die ihren Ärger sexualisieren können und die selbst während oder nach einem großen Streit guten Sex haben können. Das sind wenige, aber es gibt sie. Daneben gibt es diejenigen, die Sex zur Versöhnung nutzen, alles Paare mit sehr volatilen Stimmungen, mit vielen Auf und Abs. Denen kann man keine Regelmäßigkeit empfehlen. Darin besteht eben die Kunst: die Sexualität passend zur entwickelten Sexualkultur der Partnerschaft zu gestalten.

ZEITmagazin ONLINE: Sie haben auch schon mal den Tipp gegeben: Machen Sie mal schlechten Sex! Wie funktioniert das denn?

Clement: Mehr theoretisch als praktisch. Die paradoxe Frage dahinter lautet ja: Wenn Sie schlechten Sex haben wollen, wie machen Sie das eigentlich? Wenn das Paar weiß, wie es schlecht läuft, dann wissen die beiden zumindest schon mal, was sie bleiben lassen sollten. Wenn ich dazu rate, geht es nicht darum, tatsächlich schlechten Sex zu haben, sondern darum, darüber zu reden, wie er wäre.

ZEITmagazin ONLINE: Na, das ist doch durchaus eine Anregung für ein Urlaubsgespräch!

Clement: Es setzt jedoch ein Minimum an Humor voraus. Humorlosen Paaren rate ich davon ab.

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