Video: Video-Still: Emil Weiß

Emils Ring

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Sein Wort ist Gesetz: Emil Weiss ist das Oberhaupt der größten Sinti-Familie Hamburgs. Doch der Hüter der Tradition führt einen Kampf gegen die Zeit.

Wer Emils Welt betritt, muss zuerst an ihm vorbei, wer sie verlässt, auch. Emil Weiss, 86 Jahre, bunter Schlips, weiße Lackschuhe, steht auf dem Bürgersteig vor seinem Haus am Eingang der Siedlung. Kinder schreien hier auf Romanes, der Sprache der Sinti und Roma, Autos rollen an Emil vorbei, die Fahrer nicken ihm zu, langsam lenken sie ihre Karossen über die Temposchwellen vor seinem Haus.

Emils Welt ist eine kreisförmige Straße mit nur einer Zufahrt. 44 rotbraune Klinkerbauten säumen den Georgswerder Ring im Süden Hamburgs, mehrere Hundert Menschen wohnen hier. Hätte jedes Haus ein Klingelschild, es stünde überall der Name Weiss.

Emil entgeht nichts, kein Raser, kein Fremder, kein Ehekrach. "Es muss alles seine Richtigkeit haben", sagt er. Hätte der Georgswerder Ring einen offiziellen Gerichtssaal, es wäre sein Wohnzimmer.

Das Museum der Erinnerung: An seiner Hauswand sammelt Emil Weiss die Schätze seines Lebens. © Madeleine Janssen

Emil ist das Oberhaupt der Familie Weiss, der größten Sinti-Familie Hamburgs. Er ist der Hüter jahrhundertealter Traditionen, länger im Amt, als er denken kann. Doch seine Welt verändert sich und Emil versucht, den Wandel aufzuhalten.

Es muss alles seine Richtigkeit haben. Emil Weiss

Vor Kurzem musste der Patriarch Recht sprechen. Ein Mann hatte seine Frau betrogen, sie wollte ihm nicht verzeihen. "Der Junge wurde verurteilt", sagt Emil. Er wurde aus der Siedlung gejagt, Emil verbot ihm den Kontakt zu seinen Kindern. Ein solcher Bann kann bis zu zehn Jahre dauern, er gilt als schlimmste Strafe. "Meine Aufgabe ist es, unser Volk im Zaum zu halten", sagt Emil.

An seinem linken Ringfinger prangt ein dicker Goldring mit Pferdekopf und Hufeisen. "Ein Familienerbstück", sagt er und schiebt den Klunker über den Finger, dessen Haut sich wie braunes Krepppapier wellt. Ein "echter Zigeunerring". Das Wort "Zigeuner", Emil benutzt es oft, wenn er von seiner Familie spricht. Sie alle hier nennen sich so, sie sagen es mit Stolz, schon immer. Emil sieht keinen Grund, das zu ändern, auch wenn andere den Begriff als Beleidigung verstehen.

Wer die Siedlung kennenlernen will, wird von Emil an die Hand genommen und auf sein Grundstück gezogen. In die anderen Häuser darf kein Fremder, das wollten sie hier nicht, sagt er. Nur eine unbequeme Frage, und Emil droht mit dem Zeigefinger: "Du schlimmes Kind, du!"

Unbequem sind für ihn schon Fragen nach seinem Namen. Wie jeder in der Siedlung trägt Emil neben seinem deutschen Namen einen auf Romanes, der aber ist geheim. "Unsere Tradition ist unser Schatz", sagt Emil. Einen Schatz, den die Weiss’ besonders gut bewahren; die Familie lebt traditioneller als viele andere Sinti.

Video: Emils Haus Abspielen
Emil Weiss führt im Video durch sein Haus, spricht über seine verstorbene Frau und erklärt, warum er für jede Gelegenheit die passende Krawatte braucht.

Emils Haus ist das Museum seines Lebens, vollgestopft mit uralten und neuen Familienfotos, antiken Holzschränken, in einer beleuchteten Vitrine schimmert eine Porzellankutsche. "Wir mögen das Alte", sagt er, "es ist gut für uns". Durch sein Reich führt Emil wie ein Händler durch sein Geschäft. Komm mal mit, guck mal da, guck mal hier. Der chinesische Pavillon im Vorgarten, das Beet aus Stoffblumen und Keramiktieren, so wild zusammengewürfelt, als wären sie der Arche Noah entsprungen: Flamingos, ein Löwe, ein Schaf mit abgebrochenen Ohren, eine ausgestopfte Möwe.

Seit rund 200 Jahren lebt Familie Weiss in Hamburg. 1982 wollte die Stadt die Großfamilie umsiedeln, raus aus ihren Wohnwagen an der Süderelbe, rein in feste Häuser, verteilt über ganz Hamburg. Doch die Weiss’ wollten zusammenbleiben. So baute die Stadt ihnen den Ring in Wilhelmsburg, 44 Mietshäuser für 144 Familienmitglieder, ein Modellprojekt mit dem Ziel, die Sinti besser in die Gesellschaft zu integrieren. Im selben Jahr hatte Helmut Schmidt als erster Kanzler den NS-Völkermord an den Sinti und Roma öffentlich anerkannt. Emil selbst hatte als 13-Jähriger Zwangsarbeit in einer Harburger Gummifabrik leisten müssen, seine spätere Frau Alma überlebte als Kind das Konzentrationslager Bełżec in Polen. Der Hamburger Senat verstand die Siedlung im Georgswerder Ring auch als eine Geste der Wiedergutmachung.

So zog Emil mit 54 Jahren in ein Haus ohne Räder. Aber nur tagsüber. Abends stieg er mit Alma in den alten Wohnwagen, den Emil vor dem Haus geparkt hatte. Noch jahrelang schliefen sie jede Nacht in dem Anhänger, Marke Tabbert, Modell Majestät, mit Goldtapete. Vor zwei Jahren hat Emil den Wagen verkauft, er geht nicht mehr auf Reisen.

Emil kann sich an viele Dinge in seinem Leben nicht mehr erinnern, aber seine Autos, die vergisst er nie. Diplomat, Admiral, Kapitän. Die Namen erfanden die Autobauer von Opel, man könnte meinen, sie dachten dabei an Emil.

375 Meter, 44 Mietshäuser, eine Familie: Die Siedlung der Familie Weiss am Georgswerder Ring. Oberhaupt Emil wohnt an der Einfahrt. © www.luftbilder.de

Den Titel des Oberhaupts teilte sich Emil früher mit seinen älteren Brüdern, einer kümmerte sich um die Geschäfte, der andere um Tradition und Ehre. Emil war der redegewandte Sprecher für die Weiss-Dynastie, zu ihm kamen Immobilienplaner, Journalisten, Bürgermeister.

Die hören alle auf mich. Emil Weiss

Nach dem Tod seiner Brüder fielen alle Aufgaben Emil zu. Seither dreht er jeden Tag eine Runde durch den Ring, manchmal auch zwei, und schaut nach dem Rechten, vermittelt, schlichtet. Emil hat immer das letzte Wort, er ist der Älteste, seine Entscheidungen sind Gesetz. "Die hören alle auf mich", sagt er stolz.

Wenn sich am Samstagabend die Alten in Emils Wohnzimmer zur Gebetsstunde versammeln, dann schält seine Schwiegertochter mit den Urenkelinnen in der Küche Kartoffeln. Die erwachsenen Frauen kochen, waschen, nähen und versorgen die Kinder. "Frauen sind dafür da, dass sie sich um die Engelchen kümmern", sagt Emil. Eine Frau könne seinen Platz niemals einnehmen. "Das ist so!"

Die Weiss-Frauen heiraten früh, meist mit 17 oder 18, meist ohne Standesamt. Bleibt eine Frau mit einem Mann über Nacht weg, gilt dies als Verlobung. Doch vor der Hochzeit müssen die Eltern das Ja-Wort geben. Stimmen sie zu, muss das Paar an jede Haustür im Georgswerder Ring klopfen und symbolisch um Zustimmung bitten. Als "Gebot" bezeichnet Emil diesen Brauch. "Es muss alles seine Richtigkeit haben."

Emils Welt ist auch eine Welt der Verbote: Vor den Alten fluchen die Jüngeren nicht, Mädchen tragen von der Pubertät an nur noch Röcke. Hat eine Frau ein Kind geboren, gilt sie als unrein, darf etwa nicht vom gleichen Teller essen wie der Rest der Familie. Erst wenn einer der Ältesten ihr ein Glas Schnaps anbietet, ist der Bann gebrochen.

Am Georgswerder Ring versorgen die Männer ihre Frauen und die Frauen die Kinder. Die Weiss-Frauen erlernen keine Berufe, kaum jemand von ihnen arbeitet außerhalb der Siedlung, viele erhalten Sozialhilfe. Die Kinder gehen zur Schule, häufig allerdings nur bis zur Pubertät. Die jungen Männer gehen dann arbeiten, meist im Beruf ihrer Väter, die jungen Frauen bleiben zu Hause, so wie das ihre Mütter und Tanten getan haben. Wer anders leben möchte, verlässt die Siedlung. Es sind nicht viele – und spätestens, wenn sie selbst verheiratet sind und Kinder haben, kehren sie oft in die Geborgenheit der Familie zurück.

Die Männer im Georgswerder Ring handeln mit Trödel, Schrott oder Antiquitäten, so wie Emil das sein Leben lang getan hat. Andere arbeiten als Handwerker. Verboten sind Berufe rund um Krankheit oder Tod, traditionelle Sinti dürfen nicht in Krankenhäusern arbeiten.

Abends nach der Arbeit kommen viele von Emils Söhnen, Enkeln und Neffen in seine Küche. Sie zapfen Kaffee aus der großen Pumpthermoskanne, laden sich den Teller voll, dann gehen sie wieder. Wohin? Das wisse er auch nicht, sagt Emil. Die Türen stünden immer offen. "Wir stellen hier keine Fragen. Hier sind alle Kinder frei." Wie viele Enkel und Urenkel er hat, weiß Emil schon nicht mehr. Wer nachzählt, kommt auf 23 Enkel, 23 Urenkel und einen Ururenkel. "Gar nicht so viele", sagt Emil enttäuscht.

Video: Emils Kinder Abspielen
Emil Weiss zeigt im Video Bilder seiner Verwandten und spricht über den Stellenwert, den Kinder in seinem Leben haben.

In Emils Welt sind Kinder das höchste Gut – je mehr eine Familie hat, desto größer ihr Ansehen. Es gebe unter den Weiss keine erwachsene Frau ohne Kinder, sagt Emil. So ganz stimmt das nicht mehr: Seine Enkeltochter Marcella ist 20, bestes Heiratsalter, doch noch immer ohne Mann. Emils Welt verändert sich, wenn auch langsam. Marcella trägt keine langen Röcke, ihre reichen gerade bis übers Knie. Anders als die älteren Weiss-Frauen darf sie inzwischen sogar allein in die Stadt gehen.

Emil gefällt das nicht. Er findet: "Frauen muss man so behandeln, wie es sich gehört." Und wie gehört es sich? Emil sagt, dass die jungen Frauen nicht tanzen gehen sollten, schon gar nicht sich mit fremden Männern treffen. Umgekehrt gelte aber: "Was die Frau nicht weiß, macht sie nicht heiß", sagt er und flüstert: "Frauen waren unser Leben."

Die Frau seines Lebens hängt in einem Goldrahmen an der Küchenwand: Emil mit hochgeschlossenem Hemd und gestriegelten Haaren, seine Frau Alma in rot-weißem Rüschenkleid, behangen mit dicken Goldketten. "Eine richtige Zigeunerfrau", sagt Emil, wenn er über seine Alma spricht, und er spricht oft über sie. Stiller wird er nur, als er das Bett zeigt, in dem er jetzt allein schläft. Vor einem Jahr ist Alma gestorben. Fast 70 Jahre waren sie zusammen.

Als Alma starb, brachte es Emil nicht übers Herz, die Tradition zu befolgen. Normalerweise verbrennen Sinti die Besitztümer ihrer Toten mit deren Wohnwagen. Doch der Wagen war verkauft, und Emil hing an Almas Kleidern, ihren Gläsern, ihren Schränken. Er verbrannte nichts, ließ alles so, wie es war. Noch heute sieht ihn seine Tochter oft vor dem Schrank stehen. Er berührt dann Almas Kleider und weint.

Zwei Engel und eine mannshohe Jesusfigur will er noch auf ihr Grab bauen. Emil mag Engel, und er mag den lieben Gott, so nennt er Jesus. Deswegen hängt der in jedem Zimmer, auf Bildern, an Kreuzen, über Emils Bett.

Jeden Sonntagabend spaziert Emil auf dem Weg zu Jesus den Ring hinunter. Dort steht die Kirche der Siedlung, eine Hütte aus roten Latten, auf dem Dach ein schmales Holzkreuz, um das sich eine Lichterkette rankt. Früher begleitete eine Band aus Familienmitgliedern den Gottesdienst, heute kommt die Musik aus dem Laptop. An diesem Sonntag sind etwa 100 Menschen gekommen. Der Pastor aber, erklärt Emil, komme von außerhalb, er sei "deutsch".

Die Weiss leben seit Jahrhunderten in Deutschland, alle haben einen deutschen Pass, trotzdem unterscheiden sie zwischen Sinti und Deutschen. "Wir sind echte Deutsche, aber wir bleiben Zigeuner – immer", erklärt Emil. Emils Generation heiratete nur innerhalb der Volksgruppe. Auf dem jährlichen Sinti-Treffen, mit Camping im Wald, Lagerfeuer, Musik und Angelausflügen, feierten die Familien die Tradition ihres Volkes und lernten Sinti aus anderen Städten kennen. Bei Emils Kindern änderte sich das. Emils Sohn hat eine Nicht-Sinti geheiratet, Schwiegertochter Monique wohnt bei Emil unterm Dach. "Wir behandeln sie wie unsere eigenen Kinder", sagt Emil und klopft Monique auf die Schulter. Monique trägt Röcke und kümmert sich um die Familie, sie bewahrt die Tradition, in die sie eingeheiratet hat.

In der Kirche sitzen Kinder auf Holzbänken in der ersten Reihe, sie zücken ihre Smartphones, sie tuscheln, teils auf Deutsch, teils auf Romanes. Alle wachsen zweisprachig auf, in der Familie sprechen sie Romanes, in der Schule Deutsch. Ihr Deutsch ist ausgezeichnet, es schleicht sich in ihre eigene Sprache. Magoja ist der Romanes-Begriff für Katze, bei den Weiss' sagen sie jetzt Katza. Viele alte Romanes-Worte kennen die Kinder nicht mehr.

Emil hat am Eingang Platz genommen, er schüttelt die Hände der Jüngeren, manche küssen ihn auf die Wange. Der Respekt vor den Alten wird im Georgswerder Ring bewahrt. Wer hier gebrechlich und hilfsbedürftig wird, den pflegen die Kinder und Nachbarn zu Hause; bis zum Tod, niemand kommt ins Altenheim. Emils Sohn Ingo ist teilweise gelähmt, auch er wohnt unter Emils Dach. Jeden Tag besuchen ihn Geschwister, Nichten und Neffen, täglich bringen sie Teller mit Brot, Kartoffeln und Fleisch in Ingos Zimmer. "Wir werden ihn pflegen, bis er stirbt", sagt Emil.

Emils Tochter Rosita hat schon eigene Enkel, ein eigenes Haus, aber kein eigenes Leben. Sie verlässt die Siedlung meist nur zum Einkaufen. Was solle sie in der Stadt, fragt sie, dort kenne sie niemanden, alle ihre Leute seien hier. Rosita kümmert sich um ihren Vater, schläft auf dem Sofa neben Emils Bett. "Das machen wir so, weil wir unsere Eltern lieben", sagt sie. "Man gewöhnt sich an alles." Auch an Emils Schnarchen. Wenn er mal nicht schnarcht, weckt sie ihn, weil sie Angst hat, dass er nicht mehr lebt.

Emil sagt, er habe keine Angst. "Wenn ich in die Kiste springe, rückt ein anderer nach." Wer? Emil denkt kurz nach. "Wahrscheinlich mein jüngerer Bruder Oskar." Die Familie muss zustimmen. "Es muss alles seine Richtigkeit haben."

Die Kleider seiner Frau dürfen dann auch verbrannt werden, zusammen mit seinen. Nur den goldenen Ring, den wird ein anderer tragen.


Die Multimedia-Reportage "Emils Ring" ist im Rahmen einer Kooperation zwischen der Henri-Nannen-Journalistenschule und ZEIT ONLINE entstanden.

Idee, Recherche, Texte, Videos, Fotos:

Madeleine Janssen, Jonas Krumbein, Sarah Levy, Christopher Pramstaller, Andreas Spinrath

(Teilnehmer des Jahrgangs 2013/14 der Henri-Nannen-Journalistenschule)