Video: Zeitraffer: Illegale in Hamburg

Bürgerlich. Fleißig. Illegal.

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Alejandro arbeitet, der Sohn geht zur Schule. Offiziell gibt es die Familie nicht. Seit zwölf Jahren lebt sie illegal in Hamburg, versteckt vor der Behörde. Wie geht das?

Eben noch haben sie gescherzt, Gelächter in der Fahrerkabine, Latinomusik aus den Boxen. Der Transporter fährt durch den Elbtunnel. Alejandro Salinas* sitzt auf dem Beifahrersitz, sein Kumpel am Steuer. Es ist März 2014, ein sanfter Frühlingstag in Hamburg. Das erste Schild haben sie übersehen, das zweite auch. Auf ihrer Spur, rechts, droht das dritte Schild: "Zollkontrolle". Und plötzlich begreift Alejandro, dass gleich alles vorbei sein kann. 

"Auf die andere Spur, schnell!"

Er hört das Klicken des Blinkers, wie einen Countdown. Doch links verhindert ein Lkw den rettenden Spurwechsel – und schon teilt sich die Fahrbahn, es gibt kein Zurück mehr.

Zollstation. Die Papiere, bitte. Alejandro hört auf zu atmen.

Drei Monate später steht Alejandro, 52 Jahre, im vornehmen Hamburger Stadtteil Blankenese, um ihn herum mehr Park als Garten, alte Kastanien, ein Rasen wie mit dem Lineal gezogen.

Ich mag keine Lügen.
Alejandro

Er erzählt von der Fahrt im Elbtunnel, er sagt: "Ich mag keine Lügen." Aber was hätte er denn sagen sollen?

"Ich habe keine gültigen Papiere. Ich bin 2002 aus Chile gekommen. Ich dachte, ich würde eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland bekommen. Das war ein Irrtum. Also habe ich meinen Reisepass in eine Schublade gelegt und bin geblieben. Das war vor zwölf Jahren. Es tut mir leid."

Die Wahrheit hätte sein Leben in Deutschland beendet, sagt Alejandro.

Deshalb folgte er dem Beamten in sein Büro, setzte sich auf den Stuhl und begann zu lügen:

"Ich komme aus Spanien, bin Handwerker. In Deutschland suche ich einen Job. Mit Freunden bin ich auf dem Weg an die Ostsee, ich habe das deutsche Meer noch nie gesehen. Leider habe ich die falsche Tasche dabei. Meine identidad, der Personalausweis, liegt noch in meiner Wohnung."

Die Fahrt auf der falschen Spur war ein Anfängerfehler, sagt Alejandro heute, im Garten in Blankenese, umgeben von Vogelgezwitscher.

Vielleicht hat ihm der Zollbeamte die Geschichte vom spanischen Handwerker wirklich geglaubt. Oder er hatte einfach Mitleid. Was auch immer den Beamten an jenem Märztag dazu bewog, den Mann ohne Papiere gehen zu lassen, Alejandro hat seine Erklärung gefunden: "Gott wollte, dass ich in Deutschland bleibe".

Einmal in der Woche kommt Alejandro nach Blankenese, er arbeitet für den Besitzer einer alten Fachwerkvilla. Er mäht den Rasen, schneidet Kirschlorbeerhecken, rupft Unkraut, das um die Johannisbeeren wuchert.

Zwischen zehn und fünfzehn Euro verdient er in der Stunde, der Hausherr zahlt bar, an heißen Tagen bekommt Alejandro Limonade und Kekse gebracht. Es gibt keine Mehrwertsteuer, keine Rechnung, aber auch keine Sozialversicherung, keinen Arbeitsvertrag. Vor allem aber: keine Fragen.

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Alejandro arbeitet schwarz als Gärtner und renoviert Häuser. Als er wieder einen Auftrag bekommt, sagt sein neuer Arbeitgeber plötzlich: „Ich bin Polizist.“

Alejandro war in seiner Heimat nicht politisch verfolgt. Es herrschte kein Krieg, niemand hat ihn gefoltert.          

Alejandro kam nach Deutschland, als seine Ehe in Scherben lag. Er hatte eine neue Frau kennen gelernt, sie wollte in Hamburg leben, er ging mit ihr. Der erste Monat lief gut, sein Rückflugticket, Flug LA601 über Amsterdam nach Lima, ließ er verfallen.

Nach sechs Monaten zerbrach auch die neue Beziehung. Alejandro zog in eine Nische im Flur der Ex-Geliebten, vier Quadratmeter groß, ohne Fenster. Er zimmerte sich eine Tür und zahlte ihr 150 Euro im Monat.

Man könnte sagen: Alejandros Leben in Deutschland basierte zuerst auf dem Irrglauben, dass er mit der neuen Frau glücklich werden würde. Später hatte er Angst, zurückzugehen und sich als Versager zu fühlen.

2007 sind ihm seine frühere Frau Lucia* und sein Sohn Nico* nach Hamburg nachgereist. Seither spürt Alejandro die Verantwortung, alles dafür zu tun, dass die beiden ihre Entscheidung nicht bereuen.

Alejandro weiß, dass er in der Migranten-Hierarchie ganz unten steht. Er kommt nicht aus den Kriegsgebieten Syriens oder Somalias. Er weiß, dass andere sehr viel mehr Elend ertragen mussten als er – trotzdem ist das für ihn kein Grund, nach Chile zurückzukehren. Er habe doch nur ein Leben, sagt Alejandro.

Nach zwölf Jahren Illegalität kennt Alejandro die ungeschriebenen Gesetze, die ein Leben ohne Aufenthaltsstatus möglich machen.

An diesem Morgen ist er mit der S-Bahn nach Blankenese gekommen, fast eine Stunde war er unterwegs. Er hätte sich auch den Wagen eines Bekannten leihen können. Doch die chilenische Fahrerlaubnis gilt nicht in Deutschland, der internationale Führerschein ist nur in Verbindung mit einem Reisepass gültig – in dem aber fehlt der rettende Stempel.

Doch selbst wenn er einen Führerschein vorweisen könnte, sagt Alejandro, würde er nicht Auto fahren. Ein banaler Auffahrunfall, eine einfache Verkehrskontrolle, ein kurzer Moment der Unachtsamkeit: die Papiere, bitte.

Bevor Alejandro in die S-Bahn nach Blankenese gestiegen ist, hat er Heckenschere und Schaufel in einem großen Rucksack verstaut.

Alejandro sagt, er wisse, wie die Polizei Illegale erkennen würde. Welcher Gärtner fahre schon mit all seinen Arbeitsgeräten in der S-Bahn zum Kunden? Es würde die Beamten stutzig machen, wenn er, olivbraune Haut, schwarze Haare, am Bahngleis mit einem schweren Werkzeugkasten wartete. Oder mit einem Sack Strauchschnitt.

Wenn er den Laubbläser braucht, viel zu groß für den Rucksack, lässt er sich von einem Freund zu der Villa in Blankenese fahren.

Seinen Blaumann zieht er erst im Haus der Arbeitgeber an. Alejandro hat sich schon auf vielen Toiletten umgezogen. Bei Ärzten in Blankenese, Hausbesitzern auf St.Pauli, sogar bei einem Polizisten in Süddeutschland.

Alejandro sagt, er versuche nur Jobs anzunehmen, die unsichtbar stattfänden, hinter Wänden, in Kellern, hinter den Hecken großer Gärten.

Auf seinem Handy wischt er sich durch Fotos gefliester Böden, frisch verlegten Laminats und glänzender Holzterrassen. Die Bildergalerie ist seine Arbeitsmappe, das digitale Portfolio eines Illegalen. Ein Mensch wie er kann anders keine Werbung für sich machen.

Nur als Schemen will er hier gesehen werden: Im vornehmen Stadtteil Blankenese pflegt Alejandro den Garten einer privaten Villa. Der Lohn ist in Ordnung - und niemand stellt Fragen.

Es hat nicht lange gedauert, bis Alejandro nach seinem ersten Job weiterempfohlen wurde, er ist ein guter Arbeiter. Als er 2002 in Deutschland angekommen war, hatte er einen Afrikaner kennengelernt, der einen Callshop eröffnen wollte. Alejandro baute den Laden um. Später arbeitete er bei einem Großhändler, räumte Ladungen voller Rosinen und Kokosraspeln aus, fünf Euro bekam er pro Container. Alejandro hat viele Jobs gehabt. Nur am Hamburger Hafen arbeitet er niemals, "zu viel Polizei", sagt er.

Heute verdiene er in manchen Monaten nur 500 Euro, in anderen schon mal 6.000 Euro. Es ist ein Leben zwischen Sozialhilfesatz und Großverdiener.

In Chile hatte Alejandro als Tontechniker gearbeitet. Dort war er als Spezialist gefragt, hier in Hamburg nur als billige Arbeitskraft, sagt er. Weil er sich danach sehnte, wieder wegen seiner besonderen Fähigkeiten engagiert zu werden, legte er von seinen Löhnen so lange etwas zur Seite, bis er sich ein Mischpult und vier Boxen leisten konnte. Seither bedient er sonntags die Musikanlage in einer Hamburger Kirche. Geld erhält er dafür nicht – aber eine Anerkennung, die ihn stolz macht.

Wie viele Menschen in Hamburg ohne Aufenthaltsstatus leben, erfasst keine offizielle Statistik. Schätzungen gehen von 8.000 bis 32.000 Menschen aus – genug, um einen eigenen Stadtteil zu bevölkern. Es gibt Leute, die sagen, man dürfe diese Menschen nicht "Illegale" nennen. Sie sprechen von Illegalisierten, von Menschen ohne offiziellen Aufenthaltsstatus, von Sans Papiers. Kein Mensch sei illegal.

Die Betroffenen nennen sich trotzdem: illegal.

"Das ist keine Beleidigung, das ist Realität", sagt Alejandro.

Illegale leben einen Alltag unterhalb des Radars der Behörden. Sie tun alles, um nicht aufzufallen. Kleinigkeiten wie ein falsches Abbiegen, ein falsches Wort, eine Fahrt ohne Fahrkarte könnten ausreichen, um aufzufliegen und abgeschoben zu werden. Wäre nicht schon ihre pure Anwesenheit ein Gesetzesverstoß, die Illegalen wären vermutlich die gesetzestreuesten Bürger Hamburgs.

Wenn mich jemand gefoltert hätte, wäre mein Leben hier einfacher.
Alejandro

"Wenn mich jemand gefoltert hätte, wäre mein Leben hier einfacher", sagt Alejandro. Mit Folter hätte er bessere Chancen auf eine Aufenthaltsberechtigung. Es ist Mittwochabend, Alejandro sitzt mit seiner Familie im Café Why not? in Hamburg. Die Chilenen haben Spanien 2:0 bei der Fußball-WM besiegt, Alejandro und Nico haben auf Spanisch geflucht und auf Deutsch gejubelt. Seine Frau Lucia hat Sopaipilla gebacken, chilenische Kürbisfladen mit Tomatendip.

Das Café Why not? ist eine Anlaufstelle für Ausländer, die in Hamburg eine neue Heimat suchen. Mitarbeiter bieten Sprachkurse und Sozialberatung an, Anwaltsvermittlung und gemeinsames Fußballschauen. Alejandro kommt oft hierher, er mag die hohen Fenster des Altbaus, die Holzdielen, die Gespräche mit Menschen aus Iran, Spanien, Ghana.

Er nennt es "sein Wohnzimmer". In seine eigene Wohnung im Osten Hamburgs lädt er nur selten Freunde ein, zu gefährlich. Der Mietvertrag seiner Wohnung läuft über einen Bekannten. Er zahlt die Miete in bar, 800 Euro im Monat. Der Freund überweist das Geld an den Vermieter.

Erinnerung an ihr Heimatland: Alejandros Ehefrau Lucia backt chilenische Maisfladen in einem Café für Migranten. © Christopher Piltz

Alejandro ist ein vorsichtiger Mensch, er trifft Fremde erst nach mehreren Vorgesprächen. Er besteht auf einer schriftlichen Erklärung, die garantiert, dass er in diesem Text und auf Fotos nicht zu identifizieren sei. Alle anderen Bilder seien sofort zu löschen. Alejandro hat Angst, die Behörden könnten auf fremden Computern Bilder von ihm finden.

Wie hält ein Mensch über Jahre diese Angst aus? "Man braucht Leute, die einem helfen", sagt Alejandro.

Viele Illegale werden von einem Netzwerk unterstützt. Einem Netzwerk aus Ärzten, Lehrern und Sozialarbeitern. Menschen, die helfen, den Graben zwischen legaler und illegaler Welt zu überqueren. Es ist die Schulleiterin von Alejandros Sohn Nico, die stillschweigend ignoriert, was mit ihm nicht stimmt. Es sind Bekannte, die Alejandros Laubbläser und Werkzeugkasten zu seinem Arbeitsplatz fahren. Es sind Ärzte, die Menschen ohne Papiere unentgeltlich in ihren Praxen versorgen. Es ist die Hamburger Diakonie mit ihrer Ambulanz für Illegale.

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Der Sozialarbeiter Glen Ganz hilft Menschen ohne Papiere beim Deutschlernen und bei Behördengängen. Die Ärztin Nina Schmedt behandelt sie auch ohne Krankenversicherung.

Selbst die Behörden, vor denen Alejandro so viel Angst hat, leisten mitunter Hilfe. So kann Alejandros Sohn Nico die Schule besuchen, ohne eine Abschiebung fürchten zu müssen: Direktoren müssen Schüler ohne Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr melden, seit der schwarz-grüne Senat 2009 die entsprechende Pflicht abschaffte.

Als Alejandro vor einem halben Jahr an den Leisten operiert wurde, zahlte die Clearingstelle den Eingriff, eine Institution der Hamburger Sozialbehörde. Von 2012 bis 2014 hat die Stadt Hamburg der Clearingstelle für solche Nothilfen 550.000 Euro bereitgestellt.

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Hans Andereya ist als Pastor eine wichtige Bezugsperson für Papierlose. Und die Schule von Hiltrud Kneuer nahm schon vor dem Ende der Meldepflicht „illegale“ Kinder auf.

Was macht die Illegalität aus einem Menschen?

"Sie friert ihn ein", sagt Alejandro. Er sieht es bei seinem Sohn. Nico kam mit neun Jahren nach Deutschland. In Chile war er lebhaft, spielte Basketball, ein Kind, das man in Deutschland bremsen muss:

"Nico, fall' nicht auf!"

"Wenn deine Freunde Quatsch machen, mach' nicht mit"

"Wenn du von Polizisten gefragt wirst, wie du heißt, nenn' den Namen deines Freundes."

"Nico, wenn sie dich erwischen, erwischen sie auch uns".

Als Nico seinem Vater Alejandro einmal dabei half, eine Terrasse für einen Kunden zu bauen, riefen Nachbarn wegen Ruhestörung die Polizei. Nico musste sich mit seinem Vater im Badezimmer verstecken, sie zogen sich um und flohen durch den Hintereingang. "Wie Verbrecher", sagt Nico.

Seine Lehrerin hat gesagt, jeder Schüler müsse jährlich eine ganz persönliche Herausforderung meistern. Über die Alpen wandern etwa oder Kajak fahren in Italien. Jedes Jahr nach den Sommerferien haben die Schüler zwei Wochen dafür Zeit. Nico kann nur Herausforderungen annehmen, die in Deutschland stattfinden. Er hat Angst, an den Grenzen kontrolliert zu werden.

Dieses Jahr will er zwei Wochen in ein Kloster gehen und dort das Schweigen lernen. Er ist jetzt 16 Jahre alt. Das ist ein Alter, in dem man beginnt, sich neue Freiheiten zu erobern.

Doch wie soll das jemandem gelingen, der niemals auffallen darf, der nicht ins Ausland reisen, keinen Führerschein machen kann? Nico würde gerne seine alten Freunde in Chile besuchen, ihnen erzählen, wie es ihm in Deutschland ergeht. Doch er weiß, dass es eine Reise ohne Rückkehr wäre.

Eigentlich könnte Nico seiner Lehrerin sagen, dass er jeden Tag eine Herausforderung meistert. Seit seine Mutter beschlossen hat, vor sieben Jahren seinem Vater nachzureisen und ihn zwang, unsichtbar zu werden.

Nico wird nächstes Jahr die Schule abschließen. Dann möchte er Tontechniker werden, wie sein Vater. Aber er ahnt, dass er ohne Papiere keinen Ausbildungsplatz bekommt. "Illegal zu sein, ist scheiße", sagt er.

Erste Praxis für den Wunschberuf: Sohn Nico möchte nach der Schule eine Ausbildung als Tontechniker beginnen, schon jetzt sitzt er ab und zu bei privaten Veranstaltungen am Mischpult. © Anja Reumschüssel

Wie weit sollte eine Gesellschaft gehen, um Menschen wie Alejandros Familie zu unterstützen? Müsste jemand, der ohne Not die Heimat verlassen hat, nicht zurückgeschickt werden? Was wiederum würde dann aus Nico, für den Deutschland längst Heimat geworden ist?

Die Hamburgische Bürgerschaft hat eine Instanz gegründet, die solche Fragen beantworten soll: die Härtefallkommission. Ihre Mitglieder, allesamt Abgeordnete der Bürgerschaft, urteilen über das Schicksal von Menschen, die ohne Aufenthaltstitel in Hamburg leben. Wer darf bleiben, wer muss raus? Die Kommission ist die letzte Hoffnung für Migranten, die nach allen juristischen Kriterien Deutschland längst hätten verlassen müssen.

Im vergangenen Jahr stellten knapp 400 Menschen bei den Behörden den Antrag, ihren Fall vor der Härtefallkommission verhandeln zu lassen. 59 von ihnen schafften es vor die Kommission, 41 durften in Deutschland bleiben.

Wie ein Bandit rumzulaufen, macht müde.
Alejandro

"Wie ein Bandit rumzulaufen, macht müde," sagt Alejandro. Er sagt auch: "Die Zeit läuft mir davon." Falls er erwischt und abgeschoben werde, dann besser jetzt als später. Denn heute, mit 52 Jahren, hätte er vielleicht noch eine Chance, in Chile neu anzufangen.

Deshalb will sich Alejandro offenbaren: Er wird einen Antrag bei der Härtefallkommission stellen. Eine Mitarbeiterin des Cafés Why not? hat das Leben der Familie Salinas in einem Schnellhefter zusammengefasst, ihr Schicksal aufbereitet für den deutschen Staat. Zehn Seiten Alejandro, fünf Seiten Lucia, 39 Seiten Nico. Alejandro will Zertifikate seiner Arbeiten aus Chile zeigen, Zeugnisse seines Sohnes, Sprachkurs-Bescheinigungen seiner Ehefrau. Die Akte muss eine eindeutige Botschaft haben: Seht her, ich lebe seit Jahren in Deutschland, ich habe Freunde, mein Sohn geht zur Schule, ich finde hier Arbeit.

Am liebsten würde Alejandro selbst vor der Kommission sprechen. Er würde sagen, dass er nie bei Rot über die Ampel gegangen ist, nie ohne Fahrkarte die Bahn betreten hat. Dass er endlich die Möglichkeiten haben möchte, eine Anzeige bei der Polizei zu erstatten, weil seine Heckenschere geklaut worden ist, weil seine Nachbarn Haschisch rauchen und er von einem Arbeitgeber immer noch keinen Lohn erhalten hat. Er würde sagen, dass er selbst nur zwei Mal deutsches Gesetz gebrochen hat: Als er sich entschloss, unerlaubt in Deutschland zu bleiben. Und als er begann, schwarz zu arbeiten. Um zu überleben.

Alejandro weiß: Ein persönliches Vorsprechen vor den Mitgliedern der Härtefallkommission ist nicht vorgesehen. Sie werden ohne ihn die Akten durchblättern und über sein weiteres Leben entscheiden.

Wie gut seine Chancen tatsächlich sind, ist schwer einschätzbar. Man müsse den richtigen politischen Moment abwarten, es müsse Deutschland einen Vorteil bringen, wenn die Familie Salinas im Land bleibe, man brauche Glück, sagt eine Mitarbeiterin des Café Why not?.

Sollte Alejandros Gesuch abgelehnt werden, wird die Ausländerbehörde seine Ausreise fordern. Dann muss er sich entscheiden. Taucht er wieder unter oder fliegt er zurück nach Chile? Es ist ein Schritt aus der Deckung. Es ist ein Alles oder Nichts.

*Namen aller Familienmitglieder geändert.

Wann ist ein Mensch "illegal"?

Ein Mensch hält sich illegal in Deutschland auf, wenn er keinen Aufenthaltsstatus hat. Es gibt mehrere Möglichkeiten, einen solchen Status zu erlangen. Wer die deutsche Staatsbürgerschaft hat, etwa weil die Eltern Deutsche sind, hat ein automatisches Aufenthaltsrecht. Gleiches gilt für Menschen aus anderen EU-Staaten, außerdem aus Island, Liechtenstein, Norwegen und der Schweiz.

Wer aus einem Land außerhalb der EU nach Deutschland kommt, braucht ein Visum (etwa bei Touristen oder Studenten) oder eine andere Art von Aufenthaltserlaubnis. Diese kann befristet erteilt werden (etwa für einen Job oder nach einer Heirat) oder unbefristet. Nur wer schon mehrere Jahre mit einem befristeten Aufenthaltsstatus in Deutschland gelebt hat, hat die Möglichkeit, eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis zu bekommen.

Wer Asyl in Deutschland sucht, erhält eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis, bis über den Asylantrag entschieden ist. In der Regel erhält nur Asyl, wer in seiner Heimat politisch verfolgt wird und nicht über ein sicheres Drittland nach Deutschland eingereist ist. Lehnt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge einen Asylantrag ab, muss der Asylsuchende Deutschland wieder verlassen. Eine Duldung kann eine Abschiebung vorübergehend verhindern. Die Landesinnenbehörde kann die Duldung aus völkerrechtlichen oder humanitären Gründen anordnen.

Wer illegal in Hamburg lebt, ist entweder unbemerkt eingereist oder hat Deutschland nach dem Erlöschen der Aufenthaltserlaubnis nicht wieder verlassen – viele "Illegale" haben abgelaufene Touristenvisa oder abgelehnte Asylanträge.


Die Multimedia-Reportage Bürgerlich. Fleißig. Illegal. ist im Rahmen einer Kooperation zwischen der Henri-Nannen-Journalistenschule und ZEIT ONLINE entstanden.

Idee, Recherche, Texte, Videos, Fotos:

Vivian Pasquet, Marcel Pauly, Christopher Piltz, Anja Reumschüssel

(Teilnehmer des Jahrgangs 2013/14 der Henri-Nannen-Journalistenschule)

Infografik: 

Steffen Hänsch