Gesellschaftskritik Diagnose: Instagramitis vulgaris

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© Screenshot Instagram

Wir von der Gesellschaftskritik sind ja das Fieberthermometer in der Achsel des Bösen, überwachen mit dem Stethoskop den Herzschlag unserer Zeit und möchten im Folgenden auf gar keinen Fall Reflexe testen, aber wir müssen gestehen: Wir sind ernsthaft besorgt.    

Die Tatsache, dass Prominente ungemein viele Fotos von sich ins Netz stellen, hätten wir noch als risikohafte Nebenwirkung des Zeitgeistes abgetan wie andere ein morgendliches Hüsterchen. Im Kampf um den täglichen Marktwert ist es mittlerweile ein gesellschaftlich anerkanntes Syndrom, dass man das Bild von sich in der Gesellschaft über Fotos von sich im Internet definiert. Fast footage sozusagen. Das allein bereitete uns keine Magenschmerzen.

Doch nun mussten wir bei unserer morgendlichen Routineuntersuchung von Instagram feststellen, dass manche Patienten enorme innere Gleichgewichtsprobleme haben, einhergehend mit einer besonderen Ausprägung von Realitätsverlust: Heidi Klum zeigt sich barbusig mit dem Designer Zac Posen, Justin Bieber macht Schlüpferschleichwerbung und Miley Cyrus postet Pipi-im-Busch-Bilder von sich, während wir eigentlich auf magnetresonanztomografische Scheibchen-Aufnahmen ihres Oberstübchens warten. 

Unsere Diagnose: Instagramitis vulgaris
Instagramitis vulgaris ist ein häufig auftretender, akuter Selbstdarstellungszwang nach einer Infektion mit Popular-Viren. Als Ursachen der Erkrankung vermuten Wissenschaftler eine akute Form der Charakterschwäche. 

Symptome:
Im Frühstadium neigen die Betroffenen zu Pool- oder Urlaubsbildern, viele Patienten posieren auch mit einem Hündchen. Bei akuter Erkrankung kommt es zu Totalausfällen der Gesichtsmuskulatur, die Betroffenen tendieren zu Duckfacing, Augenaufreißen, Haifischlächeln oder Zunge-Rausstrecken. Ebenso wurde zwanghaftes Grimassieren und Entblößen verschiedener Körperpartien festgestellt, häufig kommt es auch zur krampfhaften Abspreizung von Fingern (Daumen, Mittelfinger, Zeige-und Mittelfinger). 

Heilungschancen: 
Eine Smartphone-und-Internet-Diät oder das Entlassen des Personality-Promoters kann kurzzeitig zur Linderung führen. In diesem Fall beklagen die Patienten zu Beginn der Therapie oft eine gewisse innere Leere und leiden an Phantomknipskrämpfen im rechten Arm (Selfietis irrealis). Die Rückfallquote bei Instagramitis vulgaris liegt bei etwa 60 Prozent.

Dennoch weist die Therapie immer wieder einzelne Heilungserfolge auf. Eine Intensivpatientin hat auf Instagram nun ein Bild von sich gepostet, auf dem sie ganz normal in die Kamera schaut. Auch wenn es nur ein Passbild war: Wir wünschen Kim Kardashian weiterhin gute Besserung!

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