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Einsame Spitze

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Hamburg ist Deutschlands Onlinedating-Hauptstadt. Jeder Sechste sucht hier im Netz nach Liebe oder Liebelei. Wer sind die Begehrtesten und was macht sie so erfolgreich?

Auf den Rechnern und in den Datenbänken der großen Single-Börsen liegen die Liebesgeheimnisse fast einer ganzen Stadt: In Hamburg ist die Suche nach Romantik bereits digitalisiert, erfasst, in Tabellen gespeichert. Denn hier ist die Hochburg der Partnersuche im Netz. Vier von fünf Singles haben sich bei einem Datingportal angemeldet. Jeder sechste Hamburger nutzt diese Chance, scrollt durch Profile, klickt sich durch Fotos, schreibt Kontaktanfragen. Das ist Rekord, eine höhere Quote als in jedem anderen Bundesland. Das zumindest besagen aktuelle Zahlen (PDF-Dokument), die auf den Angaben der Onlinedating-Anbieter beruhen.

Wir hätten uns auch in einer Bar kennenlernen können. Aber wahrscheinlich hätten wir uns dann nicht so viel Zeit gegeben.
Lars

Über wenig wird so viel spekuliert und gemutmaßt wie darüber, wie die Liebe eigentlich entsteht. Aber was kommt raus, wenn man es genau wissen will, in Zahlen, Rankings, Statistiken? Für diese Geschichte haben wir in die Dating-Daten geschaut und die Menschen dahinter getroffen.

Womit ist man am erfolgreichsten in diesem digitalen Flirt-Dschungel? Zusammen mit einer Partnerbörse haben wir die Profile von 10.000 Mitgliedern ausgewertet und Überraschendes gefunden. Und dann wollten wir die Hamburger Singles treffen, die auf den Ranglisten der Zuschriften ganz oben stehen: die romantische Vanessa und Natalie, die nüchtern kalkuliert. Und Lars und Tine, die nun ein Paar sind. "Wir hätten uns auch in einer Bar kennenlernen können", sagt Lars, "aber wahrscheinlich hätten wir uns dann nicht so viel Zeit gegeben." Gibt es das also vielleicht – eine Romantik der Daten?

Vanessa: "Ich bin eine kleine Romantikerin"

Vanessa © Amelia Wischnewski

Ein guter Onlineflirt ist wie ein gutes Buch. "Da entsteht Kopfkino", sagt Vanessa. Und sie muss es wissen. Keine Hamburgerin wird derzeit beim Datingportal Friendscout24 mehr umworben: 289 Nachrichten bekam sie in 90 Tagen. Der Durchschnitt für diesen Zeitraum liegt bei 22 Nachrichten. Wusste sie das? Vanessa erstarrt, als sie von ihrer Spitzenposition erfährt. Und überbrückt den Moment der Überraschung mit einem Lachen. "Okay ... hm. Und wieso ist dann niemand für mich dabei gewesen?"

Unter den 23.000 Singles aus Hamburg, die regelmäßig auf Friendscout24 unterwegs sind, ist Vanessa die Begehrteste. Ihr Datingprofil: 33, lange dunkle Haare, grünbraune Augen, 1,77 m, Account-Managerin in Hamburg. Ihr Profilfoto zeigt eine lächelnde Geschäftsfrau, wer weiterklickt, sieht Vanessa entspannt im pinkfarbenen Pulli und cool mit großer Sonnenbrille.

An einem sonnigen Frühlingstag sitzt sie mittags in einem französischen Café an der Elbe. Sie lächelt viel. Gekommen ist sie mit Vespa und Trenchcoat, beige und beige. Vanessa hat frei. Und erzählt von ihrer Suche im Netz: Seit 2008 ist sie Single, vor drei Jahren versuchte sie es zum ersten Mal mit Onlinedating. Sie erlebte viele Dates mit interessanten Männern. Nur gefunkt hat es nicht. Gäbe es eine Formel für die Liebe, sagt Vanessa, die würde sie längst kennen.

Onlinedating in Deutschland und Hamburg

Quellen: A,B,D,E: Angaben der Onlinedating-Anbieter und Singlebörsen-Vergleich.de; C: Bundesverband Digitale Wirtschaft; F: Auswertung der Nachrichtenaktivität von 10.000 Parship-Nutzern

Vor einigen Monaten porträtierte ein US-Magazin die vier New Yorker Singles, die beim Datingportal OkCupid die meisten Nachrichten bekommen haben: junge Männer und Frauen, die das Portal wie ein Computerspiel nutzen, die mit ausgefeilten Strategien ihre Suche immer wieder optimieren. Sie sind die Attraktivsten – und sie wollen die Attraktivsten.

Vanessa tritt bescheidener auf, in ihrem Profil und in ihren Erwartungen: Wer sie anschreibt, kann athletisch sein oder ein paar Kilos mehr drauf haben, sich modisch, sportlich oder lässig kleiden, Fast Food essen oder sich vom Gourmetkoch verwöhnen lassen, ledig sein, getrennt oder verwitwet. Schwierig wird es für die Männer erst, wenn sie eine Nachricht schreiben sollen.

"Das hat ganz, ganz viel mit Gefühl zu tun. Ich bin eine kleine Romantikerin. Online ist es nicht so romantisch – aber man kann es romantisch gestalten", sagt Vanessa. Wie das? "Wenn mir jemand schreibt, der schöne Worte wählen kann, der auf mich eingeht und einfühlsam ist. Oder es zumindest vorgibt."

Und die Männer müssen etwas von sich geben. Vanessa will niemanden, der nur von seinem Haus, seinem Auto, seinem Geld redet. Die Männer der letzten Monate wählte sie nach zarten Kriterien aus: "Sie haben signalisiert, dass sie verletzlich sind, dass sie schlechte Erfahrungen gemacht haben, dass sie vielleicht auch traurig sind. Und dass sie Kleinigkeiten wertschätzen."

Wenn ihnen das gelingt, und wenn es irgendwie passt, dann wird der Internetflirt plötzlich sehr aufregend. Dann vibriert das Smartphone und im Bauch kribbelt es.

Wenn man sich das erste Mal trifft, dann hast du schon ein gewisses Bild.
Vanessa

Dieses Kribbeln im Bauch, das ist aber auch das Problem. "Wenn man sich das erste Mal trifft, dann hast du schon ein gewisses Bild." Wie bei dem guten Buch, das als Film auf die Leinwand kommt. Beim Date trifft das Kopfkino auf die Realität: "Der Typ sitzt dir dann plötzlich gegenüber, hat eine ganz andere Körpersprache und Haltung als erwartet." So hinreißend die Internet-Romanze auch war: "Nun müssen wir uns komplett neu kennenlernen."

Je größer die Erwartung, desto tiefer der Fall. Und davon hatte Vanessa irgendwann genug. Sie entschloss sich zu dem Experiment, Männer schon nach wenigen Nachrichten zu treffen, ohne Kopfkino. "Nicht so gut", das merkte sie schnell. Die Männer wollten schnell zur Sache kommen. Lektion gelernt: "Wenn man sich ein bisschen Zeit lässt, dann ist die Einstellung des Mannes eine andere", sagt sie heute. Respektvoller, achtsamer.

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Love Poetry: Wir haben die begehrtesten Singles Hamburgs gebeten, besondere Nachrichten aus ihrem Posteingang vorzulesen.

Den Traummann hat sie bisher nicht gefunden. Bei ihrem wichtigsten Anspruch bleibt sie dennoch: Die Männer müssen in ihren Nachrichten ehrliches Interesse zeigen. Der Ansatz funktioniert: "Die Dates der letzten Zeit waren alle von Grund auf positiv. Das waren alles anständige Männer, die haben mich nicht angelogen."

Außer einem.

46 Jahre wollte er alt sein, für die 33-Jährige ein deutlicher Altersunterschied. Doch er fand die richtigen Worte, ihre Neugier war geweckt. Sie hatten sich eine Zeitlang geschrieben. Dann trafen sie sich. Vanessa versuchte, aus der Distanz einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen, er wandte sich ab. Dann stand sie hinter ihm, tippte auf seine Schulter, er drehte sich um.

Vanessa war baff. Hatte er sich jünger geschummelt in seinem Profil?

Hatte er.

Der Mann war deutlich über 50. Ein netter Abend wurde es trotzdem – aber auch wirklich nur das. Und nur einer. "Ich habe es mit Humor genommen. Und er war ein interessanter Mensch."

Einige Wochen später erfuhr sie von einer anderen Onlindaterin, dass der Mann mit ihr als "Eroberung" angab. Heute lacht sie darüber. Ein Einzelfall. Während sie im Café sitzt, piepst die Dating-App. Eine neue Nachricht von einem Mann, dem sie häufiger schreibt? Nein, ein neuer Verehrer, der auf ihr Profil gestoßen ist.

Manchmal sprechen Männer sie auf der Straße an, dann schaut sie schnell zu Boden und hastet weiter. Für Flirts im Vorbeigehen ist sie zu schüchtern.

Vanessa arbeitet viel. Und die Partyjahre sind vorbei, sie verbringt gern Zeit mit ihrer Familie oder mit Freunden. Vanessa allein unter Pärchen.

"Wie soll man da jemanden kennenlernen?"

Standardsatz einer Generation.

Und so heilen die Onlineflirts die Konstruktionsfehler der modernen Großstadt-Romanze: Sie findet ohne Vereine und soziale Netze statt, die diesen Namen noch verdienen. Wir sitzen nicht einsam in Bars und werden vom Traumpartner angesprochen. Und irgendwann haben wir alle Freunde von Freunden kennengelernt. Kollegen daten? Das ist nicht jedermanns Sache.

Das Netz als Fluchtweg.

Natalie: "Wenn mir das Foto nicht gefällt, dann wird nichts daraus"

Natalie © Amelia Wischnewski

Vor 14 Monaten hat sich Natalie beim Datingportal ElitePartner angemeldet. Über 300 Männer haben sie seitdem angeschrieben. Damit ist Natalie, 29, PR-Beraterin, dieses Jahr eine der beliebtesten Hamburger Singles auf der Plattform. Keine Überraschung, auf den ersten Blick: Lange blonde Haare, große blaue Augen, lange Beine, hohe Wangenknochen – was immer bei Frauen gemeinhin als schön gilt, sie hat es. Warum bleibt so eine überhaupt Single?

"Es gibt einfach nicht viel Auswahl." Natalie greift zum Smartphone, öffnet ihre Dating-App und scrollt über die Liste der Nachrichten. Wahllos tippt sie auf das Profil eines der Absender und liest vor: "47 Jahre, zwei Kinder, geschieden … und das Gesicht sieht ein bisschen pummelig aus." Sie lässt das Smartphone sinken. "Spricht mich halt nicht an."

Und so ist es oft. Nur 60 Mails hat sie beantwortet, jede fünfte also. "Das klingt jetzt total oberflächlich", sagt sie, "aber ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn mir das Foto nicht gefällt, dann wird nichts daraus".

Wenn sie im realen Leben Männer kennenlernt, urteile sie nicht so hart, darauf besteht sie, da könne ein Mann ein mittelmäßiges Äußeres mit Charme und Witz wettmachen. "Das ist ein großer Nachteil des Internets: dass die Ausstrahlung nicht rüberkommt." Stattdessen, meint Natalie, verleite Onlinedating zu einer "Shopping-Mentalität". Wer nicht gefällt, wird weggeklickt, oft nach wenigen Sekunden.

Video: Machen? Oder sein lassen? Abspielen
Welche Sprüche bezirzen? Welche Profilfotos schrecken ab? Die beliebtesten Singles verraten, was ankommt. Und was man sich besser verkneift.

Sie sehe das kritisch. Zugleich wird sie selbst immer strenger bei der Auswahl. "Pingeliger", sagt sie. Sie war 25, als sie sich zum ersten Mal bei einer Partnerbörse anmeldete. Ein Mann schrieb sie an, "klang ganz nett", damals genügte ihr das. Zum Date kam er in roter Regenjacke, da war es für sie schon vorbei. Das Gespräch verlief zäh. "Danach war ich erst mal frustriert", erinnert sie sich. Kurz darauf verliebte sie sich in einen Bekannten.

Erst als sie vor zwei Jahren von Berlin nach Hamburg zog, ging sie erneut online auf Partnersuche, zunächst auf einer Gratis-Plattform. Kaum loggte sie sich dort ein, bombardierten die Männer sie mit Nachrichten, viele schrieben bloß: "Hey du!" Im Frühjahr 2013 wechselte sie zu ElitePartner, einer Plattform, die "Akademiker und Singles mit Niveau" verspricht. Auf den Dates, sagt sie, habe sie jetzt oft "interessante Gespräche", wenigstens das.

Die denken immer, vielleicht kommt noch eine Bessere.
Natalie

Mit zwölf der Männer hat sie sich persönlich getroffen. Nur eine Beziehung entstand daraus. Sie hielt ein halbes Jahr, dann entdeckte Natalie, dass er sich online mit anderen Frauen verabredete. Ein typisches Problem beim Onlinedating, glaubt sie: Einmal angemeldet, könnten viele das Flirten im Netz nicht lassen. "Die denken immer, vielleicht kommt noch eine Bessere."

Ist das eine grundsätzliche Falle der Singleseiten – die Illusion des unbegrenzten Angebots, die Vorstellung, dass man nur lang genug scrollen muss, bis man den Partner findet, der optimal den eigenen Suchkriterien entspricht?

Die Verlockung ist groß; schließlich funktionieren viele Datingseiten fast wie Onlinewarenhäuser. Wer sich etwa bei ElitePartner anmeldet, muss seine Attraktivität in Zahlen und Skalen pressen: Alter, Größe, Gehaltsstufe, Figur (zur Auswahl stehen "athletisch trainiert" bis "deutlich übergewichtig"). "Das ist wie beim Autokauf", sagt Natalie und lacht. Wenn sie online nach Männern sucht, filtert sie nach Alter, Größe und "Nichtraucher".

Das Problem: Anders als bei Shoppingseiten gibt es bei Datingportalen keine Garantie, egal, wie sorgfältig man siebt. Einer der Männer, die Natalie traf, verschwieg ihr seine Freundin, ein anderer war ihr zu spirituell, einem dritten spannte das Hemd vorm Bauch, obwohl er sich online als "athletisch" beschrieben hatte.

Trotzdem sagt sie: "Ich will die Erfahrungen nicht missen." All die Anfragen, die Gespräche und die Dates haben ihren Sinn geschärft dafür, was sie will, was sie braucht – und wo sie Kompromisse machen kann. Früher habe sie sich stark von ihrem "Beuteschema" leiten lassen, dunkle Haare, dunkle Augen. "Inzwischen weiß ich: Das ist nicht alles." Dafür achtet sie jetzt stärker darauf, wie ein Mann kommuniziert. Wenn er nur von sich selbst schreibt und keine Fragen stellt, wenn am Telefon das Gespräch nicht in Gang kommen will, bricht sie den Kontakt heute schneller ab als früher.

Hat es sie überrascht, zu erfahren, wie begehrt sie ist? "Ach, ich nehme das gar nicht so ernst ", sagt sie. "Ich bin halt groß und schlank und kann mein Geld alleine verdienen." Und was nützen ihr schon 300 Verehrer, wenn keiner ihr gefällt? Sie erzählt von einem Bekannten, "ein Durchschnittstyp". Drei Frauen nur traf er über ein Datingportal, in eine verliebte er sich. Jetzt sind die beiden verlobt.

Vielleicht spielt am Ende der Zufall eine ähnlich große Rolle für das Verlieben im Netz wie in der realen Welt – trotz all der Instrumente, die Programmierer und Psychologen erschaffen haben, um die Macht des Zufalls zu minimieren: die Suchfilter, die Psycho-Tests, die automatisch generierten Partnervorschläge. Natalie jedenfalls ist davon überzeugt, heute mehr denn je: "Vor allem anderen braucht man Glück."

Lars und Tine: "Sag mal, sind wir jetzt eigentlich zusammen?"

Tine und Lars © Amelia Wischnewski

An einem Sonntag im April, irgendwo auf der A1 kurz vor Hamburg, entscheidet sich Lars, einer der begehrtesten Hamburger Singles, dass er sich verlieben könnte. Er sitzt am Steuer seines VW-Busses und blickt nach rechts. Neben ihm, die Beine untergehakt, hockt die Frau, die er vor einer Woche zum ersten Mal gesehen hat: Tine.

Sie sieht ein bisschen anders aus als auf ihrem Profilfoto, aber immer noch sehr gut. Blondes Haar und rote Fingernägel. Es ist ihr zweites Date. Das zweite von sieben. Draußen bricht die Sonne durch die Wolken und eigentlich ist gerade alles gut. Nein, ohne eigentlich: Alles. Ist. Gut.

Wenn der Beginn einer Liebe eine Entscheidung ist, dann sind Datingportale nichts anderes als Lostrommeln, die Gelegenheiten ausspucken, sich zu entscheiden. So gesehen hat Lars alles richtig gemacht.

Am Morgen hat er Tine von zu Hause abgeholt, zusammen sind sie ans Meer gefahren, Pelzerhaken an der Ostsee, 100 Kilometer Fahrt. Wenn man sich fremd ist, können 100 Kilometer sehr lang werden. Doch am Ende der Fahrt sind sie überrascht, schon da zu sein.

Lars und Tine stapfen durch die menschenleeren Dünen in der Lübecker Bucht. Lars und Tine trinken Kaffee in einer Bude am Strand. Lars und Tine spielen ein Spiel, auf dem Rückweg im Auto: Jeder sucht einen Song aus. Lars wählt etwas von Bosse.

"Aber was Gutes wird passieren/
und wenn’s gut ist, bleibt’s bei dir/
Jede Liebe wird irgendwann ans
Licht kommen."

Lars findet, das passt. Irgendwann parkt er den Bus vor Tines Wohnung, Hamburg-Neustadt. "Wir sehen uns wieder, oder?", fragt Tine und greift nach seiner Hand. Jetzt wäre der Moment, wo er mich küssen müsste, denkt sie, und Lars küsst sie. Und dann steigt sie aus, und er geht nicht mit nach oben.

Lars und Tine haben sich viel Zeit gelassen. Nach dem siebten Date hat sie zum ersten Mal bei ihm übernachtet. Es gibt Singles, bei denen reichen sieben Dates für drei Affären. Aber vielleicht ist es für eine romantisch aufblühende Liebe völlig unerheblich, ob sie im Internet oder in der realen Welt entstanden ist.

Lars bekam von Anfang April bis Anfang Juni 30 Nachrichten - so viele wie kein anderer Mann auf eDarling. Tine war aber keine von den vielen Frauen, die Lars  Nachrichten schickten. Sie wollte erobert werden. Er hat ihr geschrieben.

Zwei Monate nach dem Tag am Meer sitzt Lars auf dem Sofa in seiner Wohnung im Hamburger Stadtteil Hoheluft – Altbau, drei Zimmer, Stuck an der Decke – und Tine bringt frische Erdbeeren aus der Küche. Es wirkt, als würde sie hier wohnen.

Vor einem Jahr zog Lars’ damalige Freundin aus der Wohnung, ihr Name steht noch immer auf dem Klingelschild. Tine bemerkte es sofort, als sie Lars das erste Mal besuchte; sie sagte nichts. Der Beginn einer Liebe ist eine heikle Sache. So zerbrechlich wie die Magie eines Zaubertricks. Der Trick kann funktionieren, wenn man daran glaubt. Und Tine wollte daran glauben. Lars sagt: "Wir hätten uns auch in einer Bar kennenlernen können. Aber wahrscheinlich hätten wir uns dann nicht so viel Zeit gegeben."

Am 6. Februar 2014 meldet sich Tine beim Datingportal eDarling an. Am 7. Februar schlägt der Algorithmus des Portals ihr Lars vor. Lars aus Hamburg, Alter: 39, Beruf: Senior Key Account Manager, Körpergröße: 183, Rauchgewohnheiten: ein paar Mal im Jahr. Sie klickt auf sein Profil, es gefällt ihr. Sie mag das Foto am Strand mit den verwuschelten Haaren, sie mag nicht das Foto mit den zurückgegelten Haaren, sie mag seine blauen Augen und wie er schreibt: "Meine Eltern haben mich wohl zur Höflichkeit erzogen. Freundlichkeit ist mir irgendwie wichtig. Ich mag es, anderen Leuten ein gutes Gefühl zu geben."

Lars arbeitet bei einer Werbeagentur. Er weiß, wie man sich inszeniert. Nach der Trennung von seiner Freundin im Juli 2013 hatte er sich bei eDarling angemeldet. Mit 39 ist es nicht mehr so leicht, Frauen kennenzulernen, mit 39 geht man seltener aus, Lars’ Freunde sind verheiratet und haben Familie.

Lars wird mit Zuschriften überschüttet. Ihm gefällt das, trotzdem antwortet er nur selten. Er will keine Abenteuer, eins nach dem anderen. Er will sich verlieben.

In neun Monaten hat er fünf Dates, mehr nicht. "Das ist ja auch ein Zeitinvestment", sagt er. Dann entdeckt er Tine.  

Lars kann sehen, dass sie sich sein Profil angeschaut hat. Er mag ihre Fotos, das auf dem Motorrad und das mit der verspiegelten Sonnenbrille, die schillert wie ein Ölfleck. Und er mag die Sache mit dem Kaffee. Tine schreibt: "So verbringe ich meinen Tag am liebsten: ausschlafen, den 1. Kaffee im Bett genießen (Urlaub spielen)."

Er schreibt ihr. Was er so macht, dass er einen Hund hat, Nera, und ob sie nicht mal einen Kaffee trinken wollen, im Portugiesenviertel. 

Tine gefällt das. Aber sie ziert sich, antwortet erst am sechsten Tag. Als wäre das alles ein Test. Wird er auf mich warten?

Und Lars wartet. Er hat genügend blöde Nachrichten bekommen. "Hey, mir gefällt dein Profil", oder: "Wir haben viele Gemeinsamkeiten." Tine schreibt anders.

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Wo lernt man in Hamburg am leichtesten Leute kennen? Sind Nordlichter im Internet offener als auf der Straße? Hamburger berichten von ihnen Dating-Erfahrungen.

In seiner zweiten Nachricht offenbart er: "Ich habe das Bedürfnis, dir meine Telefonnummer zu geben." Tine findet das sehr früh, aber irgendwie auch gut. Der meint es ernst, dieser Lars, denkt sie und schickt ihm ihre Nummer.

Wenn Lars und Tine davon erzählen, auf der Couch in seinem Wohnzimmer, wählen sie ihre Worte mit Bedacht. Sie sind behutsam miteinander, wollen ihre Leichtigkeit durch nichts verderben.

Am 31. März, fast einen Monat nach der ersten Nachricht, will Lars endlich wissen, wie Tines Stimme klingt. Die beiden telefonieren fast eine Stunde lang. In den folgenden Tagen schicken sie sich zahlreiche Nachrichten auf WhatsApp. Bis Tine sich ein Herz fasst:  

Samstag, 04. April, 10:27, Tine:
Also, wenn du Lust hast können wir mal ein livedate zum schnacken ausmachen ;) naaaaaaaa? (Smiley mit Zunge)

Samstag, 04. April, 10:36, Lars
Hey, guten Morgen! Juhu, da bin ich auf jeden Fall dabei! Wie wäre es zum Beispiel morgen früh zu einer Art Frühstück im Portugiesenviertel?

Sie treffen sich noch am selben Tag, um 16 Uhr am Michel. Tine erkennt ihn schon von Weitem, er sieht aus wie auf den Fotos. Sie ist erleichtert. Zur Begrüßung umarmen sie sich vorsichtig, Küsschen links, Küsschen rechts. 

Sie gehen in ein Café im Portugiesenviertel, trinken Kaffee und spazieren danach zum Hafen. Sie redet mehr als er, ist ein wenig aufgeregt. Lars mag das. Nach drei Stunden verabschieden sie sich, mit Umarmung, ohne Küsschen.

Lars sagt: "Wir fanden uns sympathisch. Aber es war nicht so, dass es total gefunkt hat."
Tine sagt: "Ich fand, ich habe einen tollen Menschen kennengelernt, aber ich hatte nicht das Gefühl, der steht jetzt total auf mich."  

In den nächsten Wochen schreiben sie sich fast jeden Tag, sie schicken sich Fotos von Kaffeetassen aus dem Bett, aus dem Büro, von Geschäftsreisen. Morgens frühstücken sie in einem Park, abends grillen sie auf seinem Balkon. Alles fühlt sich ein bisschen so an, als spielten sie Urlaub.

Am 1. Mai fahren Lars und Tine nach St. Peter-Ording. Ein Traumtag, sagt Tine. Am 3. Mai stellt sie Lars ihren Freunden vor, danach übernachtet sie das erste Mal bei ihm. 

Morgens im Bett fragt Lars: "Sag mal, sind wir jetzt eigentlich zusammen?"
Lars und Tine beschließen, dass der 1. Mai ihr Tag ist.
Danach daten sich die beiden nicht mehr, sie treffen sich. 

Und was ist mit eDarling?

Tine meldet sich einen Tag nach St. Peter-Ording bei dem Datingportal ab. Lars Profil ist noch online.

"Hast du wenigstens schon gekündigt?", fragt Tine ihn jetzt. Sie findet es komisch, dass ihr Freund gerade noch einer der begehrten Singles Hamburgs gewesen ist. Aber ein wenig stolz ist sie auch.

"Nee, ich hatte so viel im Kopf, habe nicht daran gedacht."

"Oh, Baby!", sagt sie. "Du bist so ein Typ, der alles auskosten will, wofür er bezahlt ..."

"Ja, und der nebenbei noch drei andere Frauen trifft", sagt Lars und grinst. Vor einer Woche hat er Tine seinen Eltern vorgestellt.

Lars sagt, wenn er einen Ort für ihre Liebe nennen müsste, dann wäre das nicht das Internet oder eDarling. Es wäre das Meer.



Die Multimedia-Reportage "Einsame Spitze" ist im Rahmen einer Kooperation zwischen der Henri-Nannen-Journalistenschule und ZEIT ONLINE entstanden.

Idee, Recherche, Texte, Videos, Fotos:

Vivian Alterauge, Maja Beckers, Mareike Enghusen, Isabell Prophet, Björn Stephan, Lars Weisbrod, Amelia Wischnewski

(Teilnehmer des Jahrgangs 2013/14 der Henri-Nannen-Journalistenschule)