Gesellschaftskritik Im Angesicht des Smoothies

© Dimitrios Kambouris / Getty
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Seit es sich herumgesprochen hat, dass wir Menschen immer älter werden, ist ein irrsinniger Wettlauf gegen die Zeit ausgebrochen. Jung und schön zu bleiben ist heute ja nur noch der Bodensatz der selbstdisziplinären Anforderungen, das wahre Diktum unserer Zeit heißt Gesundheit. Das wissen wir natürlich nur deshalb, weil Heidi Klum, Jennifer Aniston, Gwyneth Paltrow oder Gisele Bündchen die Öffentlichkeit stets sehr detailliert über ihre Detox-Kuren informieren. Das Leben, so lernen wir, ist eine einzige Entgiftungskur. Vor allem für diejenigen, die stoffwechselbeschleunigt durch die giftgelbe Presse hetzen.

Gestern Burger posten, heute heilfasten: Viele Prominente verwechseln Instagram neuerdings mit Kilogramm. Andere verstecken ihre Dauernulldiät hinter smoothiegrünen Detox-Rezeptesammlungen und schreiben ganze Bücher oder Blogs darüber. In denen kann man mitverfolgen, wie neben den Problemzonen auch das Denkvermögen auf Size Zero schrumpft. Morgen Schampus schnasseln, übermorgen detoxen. À notre santé!

Wenn wir von der Gesellschaftskritik uns morgens die Schlafbrille mit dem Kamillenextrakt von den Augen nehmen und in unser Sojamilch-Honig-Bad steigen, fühlen wir uns kerngesund. Auch noch, wenn wir unseren Matcha-Tee mit dem Bambusbesen schaumig schlagen und in unser Granatapfelmüsli mit der Hand schroten.    

Doch dann wirken Umweltgifte auf uns ein, schlimmer als alle Formaldehyddämpfe oder Flammschutzmittel: Kim Kardashian wagt sich mit Töchterchen North West in transparenter Spitze in die Front-Row? Darauf schnell ein Schlückchen Grünkohl-Smoothie. "BH-Hammer beim Promiboxen?" Danach zutschen wir an mild gegarten Artischockenblättern. Justin Bieber hat eine Trommelfellverletzung? Nun aber hurtig eine Nasendusche mit Gletscherwasser.

Sie denken jetzt vielleicht, wir neigten zur Hypochondrie und würden uns dem Entschlackungswahn blindlings hingeben. Keineswegs. Wir machen das alles nur, damit Sie gesund bleiben.

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

ach nee

Die industrie hat es doch schon lange verstanden den konsumenten vermeintlich gute dinge als kompensation für ihr schlechtes gewissen zu verkaufen. Das wird natürlich vorher noch geschickt gestreut und zementiert. Ob nun mit bio was gutes für die umwelt tun oder der aspekt das es scheinbar keine eier mehr ohne bodenhaltung gibt zaubern doch ein wohliges gefühlt ins herz und ganz nebenbei noch grössere zahlen auf die konten der produzenten. Mission konsumenten einlullen und ausnehmen erfolgreich. "Werbung spielt dir vor das du brauchst was du nicht hast. Und wenn du das produkt nicht kaufst das du was verpasst" das zitat ist schon 20 jahre alt

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