Selfie-Kultur Wollt ihr noch reden? Nö!

Kirsten Dunst in "Aspirational" © Iconoclast

Ein Kurzfilm im Netz zeigt Kirsten Dunst als Opfer eines Selfie-Überfalls. Statt Autogramme wollen Fans das perfekte Bild für Instagram. Müssen Prominente damit leben? Von

"Wollt ihr noch reden oder so?" Nö, wollen sie nicht. Die beiden jungen Frauen sind zu beschäftigt damit, ihr gerade geschossenes Selfie mit der Schauspielerin Kirsten Dunst auf Facebook und Instagram hochzuladen, als dass sie noch Zeit für Gespräche hätten. Wobei, eine Bitte hätten sie doch: "Kannst du uns taggen?" Stille. Nö, kann sie nicht. Na gut, danke für's Foto und tschüss!

Zweieinhalb Minuten bloß dauert der Kurzfilm Aspirational des Filmemachers Matthew Frost, der Kirsten Dunst als Opfer eines modernen Drive-By-Shootings zeigt und seit Kurzem im Netz kursiert. Dunst steht vor ihrem Haus und wartet auf ihren Uber-Fahrer, ein Oldtimer tuckert vorbei, eine Frau führt den Hund Gassi, da fahren zwei junge Frauen mit ihrem Toyota Prius vor. Kurze Nachfrage, ob sie auch wirklich "Kirsten 'Fucking' Dunst" sei – und schon werden die Smartphones gezückt und der Schauspielerin vor die Nase gehalten. 

Nun ist Aspirational nicht der erste Kurzfilm, der das Umsichgreifen der Selfie-Kultur und deren Abgründe thematisiert. Doch er unterstreicht die These, die die Musikerin Taylor Swift kürzlich in einem Artikel für das Wall Street Journal aufwarf: Das Selfie ist das neue Autogramm. Vorbei sind die Zeiten, in denen Fans brav aus der Ferne Fotos machten oder darauf warteten, dass ihre Vorbilder ihre Initialen auf verknickte Poster und Postkarten kritzelten, die anschließend Zuhause über dem Bett gerahmt wurden. Das Share- und Like-Potenzial eines analogen Autogramms ist eben überschaubar. Soweit, so verständlich. 


Doch der kleine Film bezieht seinen Wert aus einer weiteren Erkenntnis: Die Annäherung an bekannte Persönlichkeiten erfolgt heute nicht mehr aus Bewunderung, sondern vor allem im Dienste der eigenen Selbstdarstellung. Der Star wird im Selfie zur Kulisse. "Die 'Instagram-Generation' erlebt die Gegenwart als vorweggenommene Erinnerung", sagte der Psychologe und Nobelpreisgewinner Daniel Kahneman früher in diesem Jahr in einem Vortrag. Die ständige Dokumentation durch Smartphones und soziale Netzwerke führe dazu, dass wir Momente so inszenieren, wie sie uns in Erinnerung bleiben sollen. Auf der Suche nach Anerkennung in Form von Likes und Followern dienen Bilder mit Prominenten also der digitalen Selbstoptimierung. "Schon 15 Likes", jubelt dann auch eine der jungen Frauen in Aspirational, während sie ebenso schnell davonfahren wie sie zuvor aufgetaucht waren. Was zählt, ist das eigene Antlitz neben dem des Prominenten – notfalls eben am Rande der Übergriffigkeit.

Müssen Prominente damit leben? Nö, müssen sie nicht. In Aspirational wird die Schauspielerin von einem Menschen mit alltäglichen Problemen (Fusseln auf dem Pullover, Taxi zu spät) zu einem Gebrauchsgegenstand. Im wahren Leben hat Kirsten Dunst mehr Glück. Als der Buzzfeed-Redakteur Alan White sie vor einigen Wochen auf der Straße sah, wollte er erst ein Selfie mit ihr machen. Hat er dann aber doch nicht, denn sein Regenponcho habe ihn "wie einen Perversen aussehen lassen", schrieb er auf Twitter. Diesen Anblick hätte offenbar auch Kirsten Dunst nicht mehr retten können.

Kommentare

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"Die Annäherung an bekannte

"Die Annäherung an bekannte Persönlichkeiten erfolgt heute nicht mehr aus Bewunderung, sondern vor allem im Dienste der eigenen Selbstdarstellung. Der Star wird im Selfie zur Kulisse."

Nun ja, es habe sich ja auch so die Zeiten schon lange geändert "der Star als Vorbild" tja was sind vorbilder, vorbilder sind Bilder , was macht man mit Bilder? Man hängt sie auf!
Vielleicht hat das viel weniger mit "eigener Selbstdarstellung" zu schaffen wie manche jetzt gerne verkünden! Vielmehr ist die oftmals "nebulöse" Selbstdarstellungs - Varianten der Stars nicht mehr vorhanden! Sie sind nichts weiteres als Menschen, die einen Job machen, die sich sonst mit der "Bewunderung ihrer Fans schmückten, jetzt aber die Erfahrung machen, man kann dieses "Spiel" umkehren, man schmückt sich mit ihnen, da es doch so viele von ihnen existieren!

Wie mit Traumdeutung der "Köngisdiziplin: Regemäßig wenn ich vom Essen träume werde ich wach? Und was ist, ich renne zum Kühlschrank. Deutung: Ich hatte Hunger! :-)