Andersrum ist auch nicht besser Jetzt wollen die auch noch Kinder!

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Bei heterosexuellen Paaren gibt es einen gesellschaftlich anerkannten und gut strukturierten Ablauf: Sie lernen sich kennen, ziehen zusammen, heiraten. Irgendwann bekommen sie Kinder, dann bauen sie ein Haus. Die ganz Rebellischen wechseln auch mal die Reihenfolge, aber überwiegend läuft das wohl so. Lesben, so sagt ein Klischee, ziehen zusammen und lernen sich dann kennen. Manche machen etwas Ähnliches wie Heiraten und ein paar davon bekommen auch Kinder. Aber diese Spezies, dachte ich bisher, lebt in einer anderen Welt als ich. Oder zumindest auf dem Land.  

Bei meinen heterosexuellen Freundinnen und Freunden ist der Babyboom inzwischen vorbei und sie sind wieder ansprechbar. Fernab von Elternabenden oder Familienpicknicks können wir uns sogar gut miteinander amüsieren. Aber ausgerechnet jetzt beginnen meine lesbischen Freundinnen mit der Vermehrung.

An sich eine großartige Idee – es ist schließlich wichtig, dass Kinder in alle möglichen Zusammenhänge, Konstellationen und Lebenskonzepte hineingeboren werden. Sonst wäre die Welt am Ende nur von Pirinçcis und Matusseks und Lewitscharoffs bevölkert, und das kann ja niemand ernsthaft wollen. Aber warum mussten ausgerechnet Nesrin und Marion damit anfangen? 

Aus meiner Sicht hatten sie alles: eine schöne Wohnung, erfüllende Berufe, ein bewegtes Leben und einen großen Freundeskreis. Beide sind Mitte Dreißig und in Zeiten sozialisiert, in denen Lesben versucht haben, möglichst anders zu leben als die heterosexuelle Masse. Zeiten, in denen lesbische Frauen keine Zweisamkeit wollten und ganz sicher keine Homoehe, sondern Polyamorie, Selbstbestimmung und Chancengleichheit. Und auf Kinder, die die Freiheit der Frau für ein bis drei Dekaden einschränken, wollten sie auch gerne verzichten. Ein Konzept, das wiederum den Pirinçcis und Matusseks und Lewitscharoffs dieser Welt in die Hände spielt und vor diesem Hintergrund bin ich Nesrin und Marion natürlich absolut dankbar. Auch wegen der Rente.

Einmal angefangen, wollte der lesbische Babyboom nicht mehr aufhören. Nur ein Jahr später folgte auf den ersten Nesrin-Marion-Spross der zweite. Auch Jenny und Frida bekamen einen Sohn. Und meine Freundin Laura zog sogar nach Berlin-Blankenfelde, um dort ihr Kind gemeinsam mit seinen beiden schwulen Vätern großzuziehen. Dahin fährt nicht mal ein Nachtbus!

Tania Witte

Tania Witte lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin und ist in Gestalt ihres Alter Egos CayaTe als Spoken-Word-Performerin auch auf der Bühne zu sehen. Ihr dritter Roman bestenfalls alles ist im September 2014 beim Querverlag erschienen.

Aber derartige Hedonismen sind offensichtlich kein Argument. Wie sonst wäre es zu erklären, dass ich neulich auf einer Demo gegen Homophobie diese selbstbewusste Lesbe aus dem Berliner Nachtleben auf einer Bank sitzen sah? Eine von denen, die so cool aussieht, dass sie von der Straße weg als Testimonial für Boss, Klein oder Gaultier gecastet werden könnte. Und auch diese hippe, junge Szenelesbe war ziemlich schwanger. 

Erst nachdem ich das vage Gefühl von Verrat an der Sache bewältigt hatte, habe ich das gesamte Konzept verstanden: Natürlich ist sie schwanger – und das ist auch gut so. Weil die Welt Vielfalt braucht. Und vor allem: Mehr Liebe! Diese Mütter und Väter, die jungen wilden genauso wie die besonnenen Regenbogenfamilien, sind Vorbilder dafür, dass alles geht: Kunst und Babykotze, Coolness und Krabbelgruppe, Homosexualität und Kinder. Ich werde also einfach einen weiteren geschlechtsneutralen Strampler kaufen und mich daran gewöhnen.

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12 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

"Zeiten, in denen lesbische

"Zeiten, in denen lesbische Frauen keine Zweisamkeit wollten und ganz sicher keine Homoehe, sondern Polyamorie, Selbstbestimmung und Chancengleichheit" - liebe Autorin, auch, wenn es Ihnen vielleicht spießig vorkommt: Heiraten und Kinderwunsch sind ja eben genau auch eine Ausdrucksform der Selbstbestimmung... Daran schonmal gedacht? :-)
Schließlich ist Homosexualität doch keine Verpflichtung auf eine bestimmte Grundhaltung, geschweige denn einen bestimmten Lebensentwurf: Nur weil Frau Frau und Mann Mann liebt, heißt es doch nicht, dass sie automatisch Revoluzzer sein müssen. Freiheit und Selbstbestimmung sind in der Tat die Zauberwörter - aber das gilt eben in alle Richtungen :-)