Wir müssen reden "Die Lust, sich hinzugeben, ist ein Tabu"

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ZEITmagazin ONLINE: Einerseits streben wir nach fairen, ausbalancierten Beziehungen, in denen wir Partner uns absolut gleich behandeln. Andererseits lebt Sex auch von ganz anderen Qualitäten: vom Machtgerangel, Erobern und Erobertwerden. Ist das nicht ein konfliktträchtiges Dilemma?

Ulrich Clement: Ja, wir leben heute in unserer Beziehung den demokratischen Wertekanon. Er zielt auf Gleichwertigkeit: Mann und Frau haben die gleichen Rechte, man behandelt sich fair. Die interessante Frage ist: Wie weit kann man beim Sex dieses Gleichgewicht verschieben?

ZEITmagazin ONLINE: Ich kann beim Sex beispielsweise sagen: "Komm her!", was ich am Frühstückstisch besser bleiben lasse.

Clement: Beim Sex können Sie auch sagen: "Du gehörst mir!" oder "Nimm mich!" Es gibt im sexuell-erotischen Sprechen Elemente von Ungleichheit, Macht, Besitz, Territorialität – das ganze Spektrum politisch unkorrekter Bedürfnisse. Den Partnern muss allerdings klar sein, auf welcher Sprachebene sie sich gerade bewegen. In der Sexualforschung vermeidet man interessanterweise immer einen Begriff, den ich aber für sehr interessant halte: "Hingabe". Im Englischen heißt das Verb dazu "surrender", was das Gleiche bedeutet wie "beim Kampf aufgeben".

ZEITmagazin ONLINE: Im Deutschen gibt es immerhin das schöne Wort "erliegen".

Clement: Ja, es drückt eine Asymmetrie aus, die zwar nicht in unser gleichwertiges Partnerbild passt, erotisch aber hoch besetzt ist. Mit dem Partner damit zu spielen, dass einer der Dominante ist und der andere sich unterwirft, kann äußerst reizvoll sein.

ZEITmagazin ONLINE: Das erinnert mich an den sagenhaften Erfolg von Fifty Shades of Grey, in dem sich eine Frau ebenfalls zum Objekt machen lässt und es sehr genießt.

Clement: Der Erfolg rührt wohl daher, dass die Geschichte eine klassische Soap ist, in der eine junge unschuldige Frau einen erfahrenen unglücklichen Mann kennenlernt, den sie am Ende heiratet. Doch sie heilt ihn auch von seinem Trauma. Er wurde als junger Mann von der Freundin seiner Mutter missbraucht und ist deshalb in die sadomasochistische Welt ausgewichen. Jetzt kommt diese junge Frau reinen Herzens in seine Folterkammer und er zeigt ihr erst mal seine Instrumente. Dann machen die beiden ein paar SM-Spielchen, die im Vergleich zu dem, was es so alles gibt, eher harmlos sind.

ZEITmagazin ONLINE: Da aber keine andere Seifenoper einen vergleichbar breiten Erfolg hatte, muss die besondere Faszination wohl an dem Unterwerfungsding liegen, das hier quasi kernseifenrein daherkommt. Könnte es sein, dass der Roman ein Defizit moderner Beziehungen anspricht? Asymmetrien können oder dürfen wir nicht mehr leben oder wir verbieten sie uns selbst. Unterwerfung, Hingabe, Dominanz – wird das zu häufig verdrängt? Negieren wir deren Reize?

Clement: Das stimmt. Es rückt ein Tabu auf verträgliche Weise ins Blickfeld: die Lust, sich hinzugeben. Zu dem Buch gibt es übrigens Leseranalysen: Es sind fast ausschließlich Frauen, die es lesen.

ZEITmagazin ONLINE: Ist es so etwas wie eine buchgewordene Vergewaltigungsfantasie? Der Vorteil einer Fantasie ist ja schließlich, dass ich Ängste, die in einer realen Situation vorherrschten, ausblenden kann.

Clement: Eine Prise Angst gehört zu dieser Art sexueller Vorstellung schon dazu. Man inszeniert sich schließlich eine spannungsvolle Geschichte. Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass die Frau in ihrer Fantasie die Autorin und Regisseurin dessen ist, was geschieht. In ihrem Kopf kann sie den Mann wie eine Marionette führen und ihn gedanklich über sie herfallen lassen.

ZEITmagazin ONLINE: Den Mann gedanklich über mich herfallen zu lassen – worin besteht denn dabei der Reiz?

Clement: Es gibt eine interessante Theorie zu Vergewaltigungsfantasien, die besagt, dass es sich um verkappte Triumphfantasien handelt. Die Frau folgt mit der Inszenierung einem Unwiderstehlichkeitsparadigma: "Der will mich, weil ich so attraktiv bin." Er kann gar nicht anders!

ZEITmagazin ONLINE: Das ist ja mal eine ausgewachsene Allmachtsfantasie.

Clement: Absolut! Die Vorstellung "Ich bin so unwiderstehlich, dass der andere nur über mich herfallen kann" ist grandios und macht es so erregend.

ZEITmagazin ONLINE: Sie sagten eben, dass das Thema Vergewaltigungsfantasien in der Sexualforschung aktuell sehr diskutiert wird. Warum?

Clement: Man weiß schon lange, dass es solche Gewaltfantasien gibt und wie häufig sie vorkommen. Man hat sie nur nicht richtig verstanden. Die Sexualforscherin Marta Meana sagt, wir haben uns darin geirrt, Frauen immer als Wesen zu betrachten, die ausschließlich an der Beziehung interessiert sind. Frauen sind viel narzisstischer, als sie zugeben. Sie wollen eigentlich großartig gefunden und begehrt werden. Deshalb denken sie sich Fantasien aus, in denen alle Blicke auf sie gerichtet sind.

Ulrich Clement

Prof. Dr. Ulrich Clement ist systemischer Paartherapeut und Sexualforscher. Zuletzt ist sein neustes Buch "Think Love. Das indiskrete Fragebuch" bei Rogner & Bernhard erschienen. In Heidelberg betreibt Ulrich Clement eine Privatpraxis für Coaching, Paar- und Sexualtherapie.

ZEITmagazin ONLINE: Das klingt so schlüssig, dass man sich fragt, warum die Forscher nicht früher auf diese Erklärung gekommen sind. Passte sie nicht ins Frauenbild?

Clement: Sexualforschungskolleginnen sagen, dass sie jahrelang das Bild einer Frau zur Referenz genommen haben, die autonom über ihre Sexualität verfügt und sagt, wann sie Lust hat, und sich dann auf einen Mann einlässt oder einen verführt. Das ist ein sehr feministisch inspiriertes Bild. Diese Sexualforscherinnen verstehen jetzt, das sie selbst einem politisch motivierten blinden Fleck aufgesessen sind: Sie haben gedacht, Begierde würde bedeuten, sich dem Mann und seinem männlichen Blick zu unterwerfen. Sie haben übersehen, dass es auch ein eigenes Bedürfnis der – ansonsten autonomen, starken – Frauen gibt, und zwar das Bedürfnis, begehrt zu werden. Das hatten viele Sexualforscherinnen sich bisher verboten zu sehen, weil es nicht in ihr Frauenbild passte.

Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Zit: "Das hatten viele

Zit: "Das hatten viele Sexualforscherinnen sich bisher verboten zu sehen, weil es nicht in ihr Frauenbild passte."

Das konnte man nun wirklich auch erleben, diesen Einfluss von Schwarzer und co . Ich meine, Deutschlands Intellektuellen wollten auch hier wieder Vorreiter sein. Erst denken obs richtig ist.

Gabs aber früher in der bürgerlichen Gesellschaft auch. Dumm f... gut der Wahlspruch für Mann und Salz auf unserer Haut später für die Frau.

So sagt uns die Wissenschaft in wohlerwogenen und dankenswerten Worten, was wir immer schon wußten.

Mit der Lust ist es so einfach nicht, aber sie könnte so einfach sein.