"Tatort"-Kritikerspiegel Wie wird der "Tatort"?

© WDR/Filmpool Fiction/Wolfgang Ennenbach
Der "Tatort" kommt diese Woche aus Münster. Und unsere sechs Experten haben zu "Mord ist die beste Medizin" sechs sehr unterschiedliche Meinungen.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Warum das Thema Krebs nicht mal aus der Comedy-Perspektive erzählen? Ja, weshalb wohl nicht? Weil das Ergebnis dann so ungelenk, geschmack- und hilflos aussehen könnte wie diese Krimi-Schnurre über Medikamentenpfusch in einem Krankenhaus.

Lars-Christian Daniels: Wer mal als Hauptkommissar Karriere machen möchte, der sollte in jungen Jahren möglichst viel TKKG und Die drei ??? hören.

Kurt Sagatz: Mit Gesundheit lässt sich viel Geld verdienen – nicht nur auf ehrliche Weise.

Wolfram Eilenberger: Keinen Stoff streckt man ungestraft. (quod erat demonstrandum)

Ulrich Noller: Wir strecken jeden Stoff!

Kirstin Lopau: Ärzte sind die schlimmsten Patienten, "nicht nur Proktologen kennen sich mit Arschlöchern aus" und die Zwergmaus Alberich ist "every woman" (sie lebe hoch).

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 3 Punkte
Lars-Christian Daniels:
4 Punkte
Kurt Sagatz
: 8 Punkte
Wolfram Eilenberger:
6 Punkte
Ulrich Noller:
4 Punkte
Kirstin Lopau:
Thiel: 8, Boerne: 8, Nadeshda: 8 Punkte

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Die beste Szene ist in diesem Tatort ist auch die einzig gute: Hypochonder Professor Boerne lässt sich ins Krankenhaus einliefern – und faltet erst mal seinen Bettnachbarn, einen Lungenkrebspatienten, mit fachlicher Grandezza zusammen: "Freuen Sie sich auf Haarausfall, Erschöpfung, Schmerzen, Übelkeit, Lymphödeme."

Lars-Christian Daniels: Das ist diesmal einer der wenigen gelungenen One-Liner. Boerne: "Auch Proktologen kennen sich mit Arschlöchern aus!"

Kurt Sagatz: Kommissar Thiel (Axel Prahl) rennt die Krankenhaustreppe auf und ab, Boerne (Jan Josef Liefers) fährt mit der Verdächtigen im Fahrstuhl und beginnt direkt mit der Befragung.

Wolfram Eilenberger: Klarer Fall: Boerne singt Thiel mit Heidegger in den Schlaf. 

Ulrich Noller: Boerne, der DJ und der Hodenkrebs

Kirstin Lopau: Münster endlich mal wieder ohne viel Klamauk. Schön anzusehen war das Kompetenzgegockle zwischen Boerne und dem Oberarzt, das definitiv Boerne mit folgendem Satz gewonnen hat: "Unverrückbare Überzeugungen haben nur schlechte Ärzte, Heilpraktiker, Taxifahrer und meine Schwester Hannelore." Und natürlich der hoffentlich neue Lover von Nadeshda.

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Auf dem Revier wird Assistentin Nadeshda Krusenstern von einer zehnjährigen klugscheißenden Möchtegern-Detektivin belehrt. Irgendwie bezeichnend für den Infantilitätsterror dieser Münsteraner Episode.

Lars-Christian Daniels: Da reicht ein Wort: Bischudo.

Kurt Sagatz: Thiel wirft sich vor dem Krankenhaus auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit vor das Taxi seines Vaters (Claus D. Clausnitzer) – der lässt ihn gnadenlos stehen.

Wolfram Eilenberger: Nadeschdas Romanze mit dem alleinerziehenden Unterhosenmodelvater – pfff.

Ulrich Noller: Die Auswahl ist zu reichhaltig – entscheiden Sie selbst ...

Kirstin Lopau: Ein Kind verteilt seine Visitenkarte an den Notarzt (hä?) und der Song Das macht alles mein Frauchen im Volksmusik-Radio.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 1 Punkt
Lars-Christian Daniels:
4 Punkte
Kurt Sagatz
: 8 Punkte
Wolfram Eilenberger:
5 Punkte
Ulrich Noller:
3 Punkte
Kirstin Lopau:
8 Punkte. Solide Leistung.

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ha, naht Ihr Euch wieder, schwanke Gestalten - Tatortaster auf der Busspur des vorauseilenden Verrisses! Das können allesamt keine Westfalen sein - Sie kennen ihn nicht, den dort anzutreffenden leicht selbstzynischen Pragmatismus, der aus dem Horror Canceri eine Posse des "Irgendwann muß doch mal Schluß sein" macht - und deshalb auf dem Wege dorthin dionysische Kalauer abläßt: Merke: Nach den drei Tragödien des Lebens kommt immer noch das Satyrspiel - und das ist keine "Schnurre", weder mit Bart noch mit Pfeiferei, derentwegen der Buß ab in die Buße gehört. 10 Folgen kalter Tatortentzug - mindestens. Übrigens, "Bischudo" ist ein Wortspiel - geläufig, weil im Hömma-Stil das "Bischu doof?" des Herrn Bushido aufgespießt wird (vgl. Beckenbauer im Autowerbespot: "Mitzibuschi" statt Mitsubishi). Also simmelt ruhig weiter, nach dem Motto: "Mit den Clowns kamen die Tränen". Wäre doch schlimm, wenn Boerne zum Jüngsten Gericht müßte: "Und Jimmy ging zum Regenbogen". Aber Johannes Mario S. fehlte das lebererweichende Schnösel-Syndrom dieses schwerstakademischen Abziehbildes, das so gern moralisch wäre, wenn ihm nicht dauernd die Erwartungshaltung des vergnügungssüchtigen Tatort-Publikums entgegenstünde.