Video: Fotoprojekt "This Place"

Sehen, um zu verstehen

Zwölf renommierte Fotokünstler haben in einem monumentalen Projekt einen neuen Blick auf Israel und das Westjordanland gewagt – jeder auf seine Weise.

Wie erzählt man von einem Ort, über den alles gesagt scheint? Welche Bilder findet man für eine Region, die aus allen Winkeln fotografiert und porträtiert wurde? Aus Israel erreichen uns immer die gleichen Bilder, von einem Dafür und einem Dagegen, von Opfern und Tätern. Vor diesem Hintergrund hat der französische Fotograf Frédéric Brenner für sein Projekt This Place elf international renommierte Kollegen aus acht Nationen nach Israel und in die palästinensischen Gebiete des Westjordanlands eingeladen, um neue Bilder für die Region zu finden. Zwölf Fotografen haben vier Jahre lang Land und Leute immer wieder mit anderen Augen betrachtet.

Brenners Projekt steht in der Tradition fotografischer Großprojekte wie der Farm Security Administration oder der Missions Héliographiques, die Amerikas Große Depression oder die französische Denkmallandschaft dokumentierten. This Place erhebt indes keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ganz im Gegenteil leben die Fotoarbeiten von den Leerstellen und Widersprüchen, dem großen Dazwischen und den Fragen, die diese Region jedem von uns stellt: Woher kommen wir? Wohin wollen wir? Und wie weit sind wir dafür bereit zu gehen?

Für viele der Fotografen von This Place war die Reise durch Israel und das Westjordanland auch eine Reise in die eigene Vergangenheit. Für den Tschechen Josef Koudelka zum Beispiel, der sich in seinen Fotos ausschließlich mit der 759 Kilometer langen Sperranlage beschäftigt, die die Gebiete voneinander trennt. Auch er ist hinter einer Mauer groß geworden. Andere wie der Kanadier Jeff Wall haben Ort und Geschichte bewusst voneinander lösen wollen. Wall hat drei Wochen lang um fünf Uhr morgens Olivenpflücker beim Schlafen fotografiert: "Die einen schlafen draußen, die anderen drinnen. Das hat mich fasziniert", sagt Wall. "Das hat aber eigentlich nichts mit Israel zu tun. Das Bild könnte an jedem Ort entstanden sein." Was nicht ganz stimmt, weil die Schlafenden Beduinen sind.

Brenner hat zwölf renommierte Fotokünstler an einem symbolischen Ort vereint, um ihn von seinen Symbolen zu befreien. This Place ist ein monumentales Projekt, das die Region in Würde porträtiert und  keine falsche Rücksicht nimmt. So wie der deutsche Fotograf Thomas Struth: "Geografisch ist das Land nicht überwältigend; es ist an sich nicht schön. Ich war nicht überrascht, dass hier unsere Religionen entstanden sind, da die brache Landschaft die Menschen zum Träumen einlädt." Der Traum, dieser diffuse Moment zwischen Wachen und Schlafen, Wissen und Glauben, zeichnet die Bilder der zwölf Fotografen aus. Sie erzählen im Folgenden von den Recherchen zu ihren Fotografien.

1 — Josef Koudelka

„Wall“ von Josef Koudelka

Seit ich 1986 begann, für die Datar in Frankreich mit einer Panorama-Kamera Landschaftsaufnahmen zu machen, habe ich versucht zu zeigen, wie der heutige Mensch die Landschaft beeinflusst. Aber so was wie hier habe ich noch nie gesehen. Meiner Meinung nach hätte ich keinen ausdrucksstärkeren Bildgegenstand finden können als die Mauer, die das Heilige Land verunstaltet.

Eines Tages, als wir an der Mauer entlang liefen, sah ich ein Graffiti: "Eine Mauer, zwei Gefängnisse." Das drückte genau das aus, was ich fühlte. Sie müssen wissen, ich bin in der Tschechoslowakei aufgewachsen, hinter einer Mauer. Ich wollte immer auf die andere Seite. Ich weiß also, worum es bei einer Mauer geht.

Mein Ansatz war von Anfang an unpolitisch. Ich wollte nur zeigen, was ich gesehen hatte. Eines Tages, als das Projekt fast beendet war, zeigte ich meine Arbeiten jemandem, den ich in Israel kennengelernt hatte. Er sagte: "Josef, dieses Buch geht weit über Politik hinaus. Das ist ein Buch über den Menschen und das Land." 

Man muss das Ganze sehen, um auswählen zu können. Ich habe mal einen Fotografen-Freund von mir zum Lachen gebracht, indem ich sagte, dass ich mich eher als Bilder-Sammler sehe als als Fotograf. Tatsächlich suche ich nach dem Ort, an dem das Bild auf mich wartet. Und dann gehe ich so oft dorthin zurück, bis ich es bekommen habe.

Der Tscheche JOSEF KOUDELKA hat sich auf die Mauer konzentriert, die Israel und die palästinensischen Gebiete trennt.

2 — Jungjin Lee

„Unnamed Road“ by Jungjin Lee

Mein Vorschlag war, mein Projekt in der Wüste auf historisch vielschichtigem Boden zu verwirklichen. Die Landschaft verändert sich ständig, trotzdem gibt es ein paar fundamentale Wahrheiten, die sich niemals ändern. Genau darauf wollte ich mich konzentrieren.

Es gibt Landschaften, wie die Berge und Hügel entlang des Westjordanlandes in Richtung Nazareth, die sehr spirituell sind. Es liegt nicht alles in den Händen der Natur, man entdeckt immer Spuren des Lebens und dessen, was davon übrig geblieben ist. Gerade genug, um zu spüren, was dort passiert ist.

Wonach ich in meinen Bildern suche, hat etwas mit dem Leben zu tun. Es geht um die Einsamkeit des menschlichen Daseins. Oberflächlich betrachtet verändert sich das Leben wie ein Ozean. Das Wasser ist ständig in Bewegung, aber tief unten, im Innersten, ist es still.

Auf der letzten Reise war es eher... Wie soll ich das beschreiben? Kennen Sie den buddhistischen Ausdruck Nirwana? Es war, als ob ich mich endlich von meinen Abneigungen und Wahnvorstellungen befreien und mich mit etwas viel Wesentlicherem beschäftigen konnte. Es war, als ob Eis flüssig wird, es war nicht länger fest, sondern floss wie Wasser. Vielleicht ist das für andere schwer verständlich; es ist ziemlich schwierig.

JUNGJIN LEE, Koreanerin aus New York, interessiert sich als Fotografin für das "Unbekannte, Unbewusste und Unsichtbare". In Israel reiste Lee durch die Wüstenlandschaft im Süden, bis sie Stellen fand, an denen sie das Gewicht der Geschichte des Landes spürte.

3 — Thomas Struth

„Thomas Struth“ von Thomas Struth

Als Künstler musst du latent größenwahnsinnig sein, um das Risiko einzugehen, es für möglich zu halten, etwas Bedeutungsvolles, vielleicht Unglaubliches zu schaffen, ohne dich von dem Gedanken an ein mögliches Versagen einschüchtern zu lassen, insbesondere bei einem Thema wie diesem. Als politisch und gesellschaftlich interessierter Künstler war ich mir nicht sicher, was es bedeuten würde, in einem Krisengebiet zu arbeiten. Und ob ich dem Ganzen gerecht werden kann.

Meine Arbeit in Israel bestand hauptsächlich darin, zu beobachten, was die Situation verlangte; an etwas anzuknüpfen, was ich bereits wusste, weil es eine allgemein menschliche Lebenserfahrung war.  

Ich bin immer weniger daran interessiert, Landschaften zu fotografieren. Man kann eine Landschaft nur als potenziellen Ort für menschliche Erfahrung wahrnehmen. Eine Landschaft braucht weder mich, noch dich, noch irgendwen sonst. Sie wird erst interessant, wenn sie zum Grundstock für menschliche Erfahrungen, Projektion oder Wünsche wird.

Israel und das Westjordanland waren für mich keine angenehme Erfahrung, sie entpuppten sich als große Herausforderung. Geografisch ist das Land nicht überwältigend; es ist an sich nicht schön. In gewisser Weise war ich nicht überrascht, dass hier unsere Religionen entstanden sind, da die brache Landschaft die Menschen zum Träumen einlädt. Der Charakter liegt stark im Detail, in der Armut und den extremen Wetterbedingungen; rau und unverzeihlich. Es war schmerzhaft für mich, ein Land zu besuchen, in dem es so viele Konflikte gibt und in dem sich zwei Gemeinschaften prinzipiell wünschen, die andere wäre einfach nicht da.

Der deutsche Fotokünstler THOMAS STRUTH hat unter anderem in Tel Aviv, auf den Golanhöhen und in Ramallah fotografiert. 

4 — Frédéric Brenner

„An Archeology of Fear and Desire“ von Frédéric Brenner © Mack Books

Es gibt ein Versprechen, das diesem Land anhaftet und alle drei Perspektiven der monotheistischen Religionen beinhaltet. Was haben wir mit diesem Versprechen gemacht? Was können wir tun? Was werden wir damit tun? Und was wird es mit uns machen? Es steht dabei nicht nur ein Stück Land auf dem Spiel, sondern das universelle Ganze.

Die Aussagekraft eines Bildes ist begrenzt. Schlimmer noch, ein Foto zeigt Vitalität und Robustheit. Wo sind die Narben, wo das ewige Sehnen? Ich habe der Versuchung widerstanden, erklärende Bildtitel zu verwenden und mich stattdessen für einen poetischen Ansatz entschieden. Indem ich dem Betrachter wertvolle Informationen vorenthalte, hoffe ich, ihm gleichzeitig die Illusion nehmen zu können, es gäbe eine endgültige Antwort.  

Für mich beginnt alles mit einer Geschichte, die meine Fantasie anregt, als Gegenleistung will ich sie erzählen. Ich bin ein Geschichtenerzähler, der durch seine Bilder letztendlich seine eigene Geschichte erzählt, aber damit auch den Betrachter dazu bringt, sich mit seiner eigenen Geschichte, der Geschichte des menschlichen Seins, auseinanderzusetzen.

Das Ziel meiner Auswahl war, dem Betrachter beim Öffnen meines Buches die fehlenden Lösungen und Antworten spüren zu lassen. Ich will, dass die Fotos für den Betrachter zu einer Art Werkzeug werden, mit dem er sein eigenes Konstrukt aus Ängsten und Wünschen verstehen kann.

Der Franzose FRÉDÉRIC BRENNER betrachtet Israel als einen Ort, an dem Gefühle wie Sehnsucht, Zugehörigkeit und Ausgrenzung permanent im Alltagsleben zu spüren sind. 

5 — Stephen Shore

„From Galilee to Negev“ von Stephen Shore

Im amerikanischen Fernsehen besteht die Idee eines objektiven Berichts meist darin, zwei gegensätzliche Meinungen zu präsentieren. Dem Zuschauer wird damit vermittelt, dass alles auf zwei unterschiedliche Ansichten heruntergebrochen werden kann. Es reflektiert nicht die komplexe Natur der Realität, insbesondere nicht die einer so schwierigen Situation wie der zwischen Israel und Palästina.

Einer der Menschen, die ich traf, war der griechische Patriarch Jerusalems. Meine Frage an ihn war: Glaubt er, dass das, was in seinem Land während der letzten 3.500 Jahre geschehen ist, damit zu tun hat, dass sein Land ein besonderer Ort auf diesem Planeten ist, oder hat er eher das Gefühl, das Land sei besonders aufgrund der Geschehnisse der vergangenen 3.500 Jahre? Er befürwortete Ersteres. Das Gefühl hatte ich auch, dass etwas Einzigartiges an diesem Land war. Mir wurde klar, dass diesem Ort etwas ganz Besonderes innewohnt, das viele Menschen anzog und für sich in Anspruch nehmen wollten.

Ich wollte kein Buch über Israel und das Westjordanland machen, das einen definiten Anspruch hat. Ich weiß nicht, ob das überhaupt möglich ist. Ich habe das, was ich tue, immer als Teil eines umfassenderen Projektes betrachtet und eine Freiheit darin gesehen, meine eigenen Interessen zu verfolgen. Es wäre anmaßend, über einen so komplexen Ort ein abgeschlossenes Werk schaffen zu wollen.

Alles, was ich über Israel und das Westjordanland gelesen habe, thematisierte den Konflikt, der wohl das Hauptmerkmal des Landes ist. Dabei gibt es dort noch viel mehr zu sehen. Es ist ebenso ein Land voller zuverlässiger, normaler Leben, die lediglich in einer angespannten Umgebung stattfinden.

Der New Yorker STEPHEN SHORE fühlte sich von der extremen Vielfalt Israels angesprochen und fotografierte vor allem Landschaften, Straßenszenen und Heiligtümer, etwa das griechisch-orthodoxe Kloster Mar Saba in der Judäischen Wüste.

6 — Wendy Ewald

„This Is Where I Live“ von Wendy Ewald

Ich habe den Menschen, denen ich begegnet bin, verschiedene Aufgaben gegeben. Zunächst sollten sie ihre Familien fotografieren. Danach ihre Gemeinde – was oder wen sie auch immer dafür hielten. Vorher hatten wir gemeinsam die Dinge aufgelistet, die sie an ihrem Wohnort mochten, und die, die sie nicht mochten und darüber diskutiert. Ich half ihnen, die Aspekte der Liste auszuwählen, die sie fotografisch darstellen wollten. Das sollte ihnen helfen, sich darüber klar zu werden, wie sie ihre Ideen in ein Foto umsetzen wollten. Das war wahrscheinlich die schwierigste Aufgabe.

Ich habe eine andere Art der Erzählung gewählt, eine, die vielleicht ein wenig subtiler ist und einen Ort aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Gleichzeitig wollte ich beobachten, wie unterschiedlich die Leute in diesen vierzehn Orten die Kamera verwenden – um zu verstehen, wie sie die Dinge sehen, anstatt nur singuläre oder duale Erzählperspektiven abzubilden.

Das ist das Schöne an der Fotografie – sie kann dir Kontrolle über deine Umgebung geben. 

Als ich nach Hause kam, habe ich sofort angefangen, die Bilder auszuwählen. Ich habe sehr viel Zeit darauf verwandt, mich so gut wie möglich in sie und ihre Art zu sehen hineinzuversetzen. Für mich war das faszinierend, ich habe es geliebt. Sie haben mich sehen lassen, was sie gesehen haben.

Die Amerikanerin WENDY EWALD ermutigt immer wieder Menschen, denen sie bei ihrer Arbeit begegnet, selbst zu fotografieren – wie beispielsweise die Sechstklässlerin Amal aus einem Beduinendorf im Negev.

7 — Jeff Wall

Ich wollte Israel nicht anders behandeln als andere Orte. Um kein Vorurteil zu schaffen, was für mich künstlerisch uninteressant gewesen wäre. Ich wollte mich nicht in den Ideen anderer Leute verlieren. Ich habe keine Vorstellung und beginne auch mit keiner, ich freue mich  einfach das Thema, das mir in die Quere kommt.

Ich vergesse meine Bilder nicht, wenn sie fertig sind, und von Zeit zu Zeit schaue ich sie mir noch mal intensiv an und beurteile sie dann erneut. Das mache ich regelmäßig mit jedem Foto, das ich jemals geschossen habe; ich kehre sozusagen zu ihnen zurück und bewerte sie zu einem anderen Zeitpunkt in ihrem und meinem Leben noch einmal neu. Sie erscheinen mir stets aktuell; sie altern nicht wirklich, weil ich sie bei jeder neuen Betrachtung aufs Neue erfahren und hoffentlich auch genießen und schätzen kann und sie somit meinen Erwartungen genügen.

Der Kanadier JEFF WALL hat seine Arbeit in Israel einem einzigen Motiv gewidmet: schlafenden Arbeitern nach der Olivenernte auf einer Farm im Negev 

Daybreak, 2011. Schlafende Arbeiter nach der Olivenernte auf einer Farm im Negev

8 — Fazal Sheikh

Ich wollte wirklich etwas über diesen Ort erfahren – über diese komplexe, dichte und verwirrende Zusammenkunft von geschichtlichen und politischen Umständen, über die ich, wie andere Leute auch, schon viel gelesen hatte. Nach einigen Tagen merkte ich jedoch, dass das zuvor erworbene Wissen wenig wert war und dass es besser wäre, nochmal von vorne anzufangen und zuzulassen, dass es mich wegspült.

Wenn man einen Ort nicht mit Vorsicht betritt, ist es schwer zu begreifen, was man genau sieht. So ist es auch, wenn man sich Luftaufnahmen anschaut.

Ich habe mich auf den Negrev konzentriert. Ich bin in einer kleinen Cessna ohne Tür über das Land geflogen, um besser sehen zu können. Ich konnte die Dinge aus einer Perspektive sehen – die Spuren der Dinge –, die für jemanden am Boden nicht sichtbar sind. Ich dachte an die Beduinen, die hier seit Hunderten von Jahren lebten, und fragte mich, wie ihr Leben wohl von oben aussah. Wie versorgen sie sich auf diesem unbewohnbaren Stück Land? Von oben konnte ich sehen, dass ihre fragilen Unterkünfte in Harmonie mit den Geboten der Wüste und der unversöhnlichen Natur des Landes stehen.

Das Interessante ist, wie das Foto als Archäologie funktionieren kann. Es ist eine Pause entlang eines Kontinuums; es beinhaltet alles, was du brauchst, und gleichzeitig ist ein geschultes Auge notwendig, um zu enträtseln, was man gerade anschaut. Das Werk ist ein Klagelied über etwas, das vorübergeht, sich verändert. Jeder dieser Orte in den Desert Bloom Bildern kann auf Google Earth gefunden werden. In den Bildtiteln sind die Koordinaten des Ortes enthalten; das war mir wichtig, damit der Leser zu Google Earth gehen und für sich selbst entdecken kann, was die letzten zehn Jahre mit diesem Ort gemacht haben.

Der New Yorker FAZAL SHEIKH hat Israel aus der Luft fotografiert – etwa an der israelisch-ägyptischen Grenze im Negev. In seinen Bildern geht er Veränderungen durch Jahrzehnte der Militarisierung nach – etwa dem Verschwinden der Beduinendörfer in der Wüste.

9 — Gilles Peress

Ich glaube daran, an seine Grenzen zu gehen, und ich glaube auch an die Erfahrungen hinter den Grenzen im Niemandsland zwischen verschiedenen Erzählformen. Genau das ist für mich das Niemandsland, ein freier Ort ohne Schubladen und Label, im Zwischenraum zwischen Fotografie, Film, Literatur, Malerei, Kunst und Journalismus. Traue ich dem Ganzen? Daran arbeite ich gerade.

Jeder aufreibende Ort birgt ein tiefes Geheimnis. Es hat mit der menschlichen Natur zu tun, damit dass sich Menschen gegenseitig als anders wahrnehmen, obwohl sie Seite an Seite leben und gleich aussehen, wie im Fall von Palästinensern und Israelis. Das Mysterium ist so unergründlich wie der Mythos, deshalb wurde es ein zentrales Element meiner Suche.

Je weiter ich vorankomme, desto deutlicher wird mir klar, dass die Konstruktion des Anderen jenseits der traumatischen Konsequenzen auf beiden Seiten – jenseits von Gewalt und Hass – auch die Konsequenz eines Zeitparadigmas ist, in dem die Zeit einem sich ständig wiederholenden Strudel gleicht, der Leben und Generationen buchstäblich verschlingt. Ich werde für immer versuchen, das zu begreifen, denn dieser Prozess des Verstehens hat kein definiertes Ende, selbst wenn das Buch gedruckt ist und die Arbeit an der Wand hängt.

Für mich handelt Fotografie von dem, was zwischen dem Moment des Sehens und dem Moment der Einordnung dieses Sehens passiert. Sie funktioniert in diesem Raum und handelt von ganzen Kategorien von Ideen, die noch nicht von Sprache definiert und reduziert worden sind. Ich könnte sie als unverfälschte Ideen bezeichnen, aber sie ähneln wohl eher unerforschtem Terrain.

Der Franzose GILLES PERESS dokumentiert in seinen Bildern Alltagszenen aus Ostjerusalem und dem palästinensischen Dorf Silwan. Ihn habe vor allem die psychologische Seite des Konflikts interessiert, sagt er.

10 — Nick Waplington

„Settlement“ von Nick Wapplington

Als ich Israel im Jahr 2007 das erste Mal besuchte, war ich beeindruckt davon, wie viele unterschiedliche Gruppen in der Region lebten und wie viele Möglichkeiten es gab, anders zu sein – nicht nur jüdisch oder arabisch, sondern auch innerhalb der Kategorie Israeli. Das schien insbesondere in Bezug auf die umstrittenen Gebiete des Westjordanlandes zuzutreffen.

Gleichsam faszinierten mich die jüdischen Siedlungen, die scheinbar ihre eigene Realität geschaffen hatten. Offensichtlich waren diese Gemeinschaften Teil einer Belagerung im Name Israels, aber sie waren auf gewisse Weise genauso gegen die etablierte israelische Mitte gerichtet. Viele dieser Gemeinden waren florierende Vororte mit bepflanzten Straßen und Sportplätzen. Andere waren spartanische Wohnwagen-Siedlungen mit Beeten mit biologisch angebautem Gemüse und bewaffneten Wachmännern. Einige sahen aus wie Bunker eines neuen Weltkrieges. Ich versuchte, zu erklären, dass ich kein Interesse daran hatte, eine visuelle Polemik zu schaffen, weder als Verurteilung noch als Befürwortung der Siedlungen. Vielmehr wollte ich die widersprüchliche Dimension von Insidern und Outsidern so neutral wie möglich darstellen.

Wenn ich auf die fertige Arbeit zurückblicke, meine ich, dass sie ein realistisches Bild jüdischen Lebens im Westjordanland zeigt – jenseits der Kriegsbilder und der politischen Auseinandersetzungen, die in den Medien präsent sind. Vereinfacht drückt meine Arbeit aus: Das sind die Menschen, das ist die Landschaft. Aber natürlich hängt die Bedeutung des Werkes auch von der Interpretation des Betrachters ab, der selbst niemals unvoreingenommen auf die Bilder schaut. Das ist mir ganz recht. So sehr ich mich während meiner Arbeit auch bemühte, meine eigene Perspektive zu neutralisieren und meine eigenen politischen Sympathien zu ignorieren, so sehr betrachte ich meine Arbeit als Diskurs-Katalysator, als den Anfang von etwas, nicht das Ende.

Der Brite NICK WAPLINGTON hat in den jüdischen Siedlungen der besetzten Palästinensergebiete fotografiert.

11 — Martin Kollar

„Field Trip“ von Martin Kollar

Ich habe entschieden, dass jede naheliegende Darstellung des Nahost-Konfliktes, so wie wir sie aus den Medien kennen, für mich nicht interessant ist. Irgendwie habe ich verstanden, was da los war, aber ich wollte vermeiden, mich daran zu beteiligen oder mich darin zu verwickeln. Mich hat eher neugierig gemacht, woher die angespannte Situation rührt.

Als ich in Israel arbeitete, habe ich mich gefragt, ob es eine Möglichkeit geben kann, die Anspannung so direkt wie möglich in mein Buch zu bringen, die Bilder mit ihr aufzuladen und sie so auf das Publikum zu übertragen. Ich wollte Fotos machen, die man gerne anschaut, die aber trotzdem die angespannte Stimmung im Land widergeben.

Ich habe mich nicht um die tatsächlichen Konsequenzen des Konflikts gekümmert, sondern versucht, mich damit auseinanderzusetzen, wie die Zukunft Israels aussehen könnte. Was kann passieren, welche Auswirkung hat die Angst vor der möglichen Gefahr und wie sieht die aus. Mir ist klar, dass es ein fiktionalisierender Prozess ist, darüber nachzudenken, wie etwas sein könnte. Deshalb habe ich immer nach Bildern Ausschau gehalten, die Möglichkeiten darstellten oder als Vorbereitung auf etwas dienen konnten.

Man arbeitet an einer Szene, die irgendwie aus dem Kontext zu fallen scheint, weil man nur einen kleinen Teil des Films dreht. So funktioniert auch die Welt, die uns umgibt, die uns real erscheint, aber irgendwie auch immer etwas Verzerrtes in sich birgt, das es erschwert herauszufinden, was wahr ist und was nicht."

Der Slowake MARTIN KOLLAR hat seine Motive in Tel Aviv und an der Küste gefunden und sich Zugang zu verschlossenen Orten verschafft. Seine Bilder wirken wie Ausschnitte einer rätselhaften Geschichte.

12 — Rosalind Solomon

„THEM“ von Rosalind Solomon

Mich haben die kulturellen und politischen Konflikte emotional betroffen. Meine Bilder kamen nicht einfach so aus der Kamera, sie kamen direkt aus dem Bauch. An jedem Tag, den ich dort verbrachte, war ich angespannt und emotional aufgeladen. Man kann in so einer Umgebung nicht leben, ohne die Anspannung und den Stress zu spüren. Ich habe das Chaos gefühlt. Vielleicht vermittelt sich ein Teil dieses Gefühls über meine Bilder.

Ich habe mich dafür entschieden, jeden zu fotografieren, der mir seine Zeit schenkte. Wenn ich fotografiere, spreche ich dabei so wenig wie möglich. Das vereinende Element der Projekte ist eine Porträt-Serie, obwohl ich auch immer ein Notizbuch dabei hatte. So wollte ich die Menschlichkeit jeder Person, die ich ablichtete,  bewahren. Eine Person führte mich zu der nächsten.

Meine Texte für mein Buch Them entwickelten sich oft aus Fragmenten aus Konversationen, an die ich mich erinnern konnte und die mich manchmal amüsierten und überraschten, meist jedoch verstörten und verängstigten.

Meine persönlichen Konflikte und Reaktionen sind Teil dessen, was ich als Künstlerin tue. Wenn ich versuche, die Aspekte zu verstehen, die andere Menschen beeinflussen, dient mir meine eigene Geschichte als Referenzpunkt. In Israel und dem Westjordanland bezogen diese Aspekte Raum, Abstammung und Religion mit ein. Sie beeinflussen, wo Menschen leben, wie sie behandelt werden und was sie von der Zukunft erwarten. Ich schöpfe aus all meinen Ressourcen, wenn ich mich mit der Kultur, in der ich mich befinde, auseinandersetze. Das hier war eine ganz besonders prekäre Situation.

Die Amerikanerin ROSALIND SOLOMON hat ihre Protagonisten in Israel und den palästinensischen Gebieten oft in Bussen angesprochen, in denen sie über Land fuhr – von Tel Aviv über Bethlehem nach Jerusalem und Dschenin.


Die Ausstellung This Place wird am 24. Oktober im DOX Centre for Contemporary Art in Prag eröffnet und ist dort bis März 2015 zu sehen, danach geht sie nach Tel Aviv und New York.

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Bildredaktion: Nina Lüth, Andreas Wellnitz
Redaktion: Maria Exner, Silke Janovsky, Mareike Nieberding
Übersetzung: Nicola Steinigeweg