"Polizeiruf 110"-Kritikerspiegel Ein mörderisch liebender Mann

© NDR/Christine Schroeder
Der Täter steht von vornherein fest, die Polizei fährt dem Verbrechen 80 Minuten lang hinterher. Wird der "Polizeiruf" gerade deshalb genial? Der Kritikerspiegel weiß es.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Hinter jedem Familienmassaker kann ein liebender Mensch stecken. Eine grandiose Zumutung ist dieser Polizeiruf, bei der wir die Ermordung von Mutter, Tochter, Sohn aus der Perspektive des mordenden Vaters sehen.

Lars-Christian Daniels: Ich habe es ja schon immer gesagt: Krimis, in denen aus der Täterfrage kein Geheimnis gemacht wird, sind einfach die besseren!

Nikolaus von Festenberg: Das Streben nach absoluter familiärer Harmonie kann noch schrecklicher sein als Selbstmord, wenn ein pathologischer Narziss beschließt, nicht nur sich, sondern seine gesamte Familie auszulöschen.

Kirstin Lopau: Die Liebe, die Liebe, sie ist an allem schuld. Oder wie Bukow es sagt: "Jeder parkt mal in der falschen Garage." (Wirklich jeder?!)

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 9 Punkte
Lars-Christian Daniels:
8 Punkte
Nikolaus von Festenberg:
Charlie Hübner: 7 Punkte, Anneke Kim Sarnau: 5 Punkte
Kirstin Lopau:
Beide wirklich gut! Nordisch unterkühlt, einsilbig, nüchtern, treffsicher und eloquent. So sind wir halt. 9 Punkte für Frau König, 9 Punkte für Herrn Bukow.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Mitten in der Hochdruck-Ermittlung erfährt Kommissar Bukow, dass seine Frau ihn mit dem Kollegen betrogen hat – und liefert genau in diesem Augenblick den hoffnungsvollsten Moment in diesem Düster-Krimi.

Lars-Christian Daniels: So ziemlich jede mit dem einmal mehr bravourös aufspielenden Andreas Schmidt – diesmal als herrlich verkorkster Verzweiflungstäter. Seine Rolle als durchdrehender Familienvater erinnert stark an die im überragenden Kieler Tatort "Borowski und das Mädchen im Moor".

Nikolaus von Festenberg: Die lügnerische Großmannssucht des von Anfang an durchschaubaren Täters, der seine Frau und zwei seiner Kinder aus herrischer Fürsorglichkeit umbringt, wird von Andreas Schmidt mit Mitleid erregender Zartheit gespielt. Das bewirkt ultimatives Entsetzen.

Kirstin Lopau: Eine durch und durch spannende Verfolgungsjagd über 80 Minuten. Unterbrochen wird diese nur durch das zwischenmenschliche Desaster unter Kollegen und Freunden, erst verwechslungskomödiant, dann doch eher bittersüß – Sündenpfuhl Arbeitsplatz. Die Romantikerin in mir fand die Szene, in der Herr Bukow die Verfolgungsjagd unterbricht, um seiner Frau zu sagen, dass sie bei ihm bleiben muss/soll/darf, am schönsten. Gut waren sie aber alle. Besonders gut, nein, hervorragend war Andreas Schmidt als Psychopath mit "narzistischer Störung aus dem Bilderbuch".

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Bukows Frau und ihr Lover knutschen während einer Party auf dem Klo und der Superbulle kriegt nichts mit. Ein Komödien-Klischee, das die durchweg grandiosen Schauspieler souverän wegspielen.

Lars-Christian Daniels: Eine wirklich peinliche Szene ist mir nicht aufgefallen – das polizeiliche Saufgelage in der ersten Krimi-Viertelstunde gerät allerdings etwas zu ausführlich.

Nikolaus von Festenberg: Die Polizei fährt in diesem Film dem Verbrechen immer nur hinterher, obwohl alles nur in Rostock passiert. Das ist eine Verschwendung schauspielerischer Kapazität, Hübner und Sarnau wirken unterbeschäftigt.

Kirstin Lopau: Bukow zieht in einem Wohnwagen ein – aber was für einem!

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 8 Punkte
Lars-Christian Daniels:
8 Punkte
Nikolaus von Festenberg:
7 Punkte
Kirstin Lopau:
9 bis 10 Punkte

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

Endlich mal ein relativ unkonventionelles Kommissar Paar, zwar engagiert aber nciht ständig betroffen und schon schon wieder geht es ums Pädagogik Fernsehen und die Menschelei. Denn der Talk mit Jauch hats wohl auch zum Thema. Da freut man sich aufs fast ebenso vorhersehbare und geregelte Autorennen, bis zum Inspektor Banks und hofft das der wenigstens den Rest von heute schon fast "verschrobener" Klasse hält.