Wir müssen reden "Guck mal, wie bekloppt!"

ZEITmagazin ONLINE: Sobald man eine Maus bedienen kann, lässt sich im Internet zum Thema Sex so ziemlich alles finden. Da drängt sich nun die Frage auf, welche Auswirkungen das auf das eigene Erleben, gerade junger Menschen haben kann. Haben Jugendliche heute früher Sex?

Ulrich Clement: Die Zahlen der vergangenen 50 Jahre belegen, dass sich am Zeitpunkt des ersten Mals nicht viel geändert hat. Die Zahl der Koituserfahrung von unter 14-Jährigen ist laut einer Studie zur Jugendsexualität jüngst sogar leicht rückläufig.

ZEITmagazin ONLINE: Aber möglicherweise haben Jugendliche in einer neuen Beziehung, also mit einem neuen Partner, schneller Sex?

Clement: Nein, so weit ich die Zahlen kenne, gehen Jugendliche nicht schneller zur Sache. Die warten – und zwar nicht, weil sie prüder sind, sondern weil sie es einfach nicht so eilig haben.

ZEITmagazin ONLINE: Weniger eilig als ihre Eltern?

Clement: Jugendliche spielen heute mehr. Das kann man natürlich nur als Tendenz feststellen. Dass heute alles schneller und hastiger zugehe, trifft jedenfalls auf den Durchschnitt nicht zu.

ZEITmagazin ONLINE: Wie erklären Sie diese, nennen wir es "spielerische Gelassenheit" der Jugendlichen?

Clement: Dass sie qualitätsbewusster sind.

ZEITmagazin ONLINE: Qualitätsbewusster trotz der Durchsexualisierung unseres Alltags? Das ist doch erstaunlich, oder?

Clement: Aber genau darin liegt die Ursache: Wenn Sex überall zur Verfügung steht, braucht man sich um Schnelligkeit und Menge nicht zu kümmern. Die kriegt man überall von der Kultur angeboten. Also kommt es darauf an, auf Qualität zu achten: Will ich all das, was ich machen könnte, überhaupt? Passt es zu mir? Diese Fragen stellen sich bereits Jugendliche.

ZEITmagazin ONLINE: Aber haben sie auch eine so zuverlässige Selbstwahrnehmung, um das zu beurteilen?

Clement: Man darf natürlich nicht generalisieren. Es gibt noch immer viele Jugendliche, die sehr fremdbestimmt sind. Mädchen, die es den Jungs recht machen wollen, und Jungs, die sich den anderen beweisen wollen. Sie unterliegen externen Einflüsterungen und können nicht ausreichend auf sich selber achten. Aber es gibt tatsächlich auch ein ausgeprägtes Qualitätsbewusstsein unter Jugendlichen. Das zeigt sich beispielsweise im Pornokonsum von Mädchen: Die schauen sich das an, sagen "Guck mal, wie bekloppt" – und lehnen es ab.

ZEITmagazin ONLINE: Aber entsteht durch die Bilder, die alle sehen, nicht ein großer Druck? Wenn man auch nicht schneller zum Sex kommt als früher, hat man vielleicht heute früher beispielsweise Oralsex?

Clement: Oralsex ist in den vergangenen 30 Jahren tatsächlich unglaublich popularisiert worden. Er stellt heute keine Ausnahmepraktik mehr dar, sondern ist normal geworden. Was auch darauf zurückzuführen ist, dass gerade Pornos den Oralsex stark betonen. Er zeigt ihn in vielen Varianten, deep throating zum Beispiel... Oh, Entschuldigung, wissen Sie, was das ist?

ZEITmagazin ONLINE: Danke, ich kenne den gleichnamigen Film.

Clement: Das zählt jedenfalls ebenfalls zum Oralsex. Fellatio und Cunnilingus haftet nichts Ekliges mehr an. Man kann die Veränderung vielleicht so formulieren, dass sich früher, also vor einem halben Jahrhundert, Jugendliche gegenseitig fragten: "Hast du schon?" Heute fragen sie: "Was hast du schon?"

ZEITmagazin ONLINE: Jeder kann heute billig und anonym im Netz alle möglichen Praktiken kennenlernen. Hat das eher Vorteile oder Nachteile für eine junge Beziehung?

Clement: Beides. Es hat den Vorteil, dass Sex im Angebot und enttabuisiert ist. Darin liegt ein Aspekt von Freiheit und Möglichkeiten. Die Kehrseite ist, dass mitschwingt, man müsse das als sinnlicher und sexuell unverklemmter Mensch auch tatsächlich alles umsetzen. Die Qualität und Freiheit der postmodernen Sexualität besteht darin, dass man nicht alles tun muss, was man tun kann.

ZEITmagazin ONLINE: Warum sehen Sie in der Enttabuisierung sexueller Praktiken einen Fortschritt?

Clement: Weil Tabus über Angst und Bestrafungsandrohung funktionieren. Heute sind viele Tabus abgemildert oder gar nicht mehr vorhanden. In dem Maße, wie dabei Angst genommen wird, hat das Qualität.

ZEITmagazin ONLINE: Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgard beschreibt in seinem autobiografischen Roman Leben sehr eindrücklich, wie er sich Anfang der 1980er Jahre furchtbar Gedanken um seinen Penis gemacht hat, weil der ihm nicht gerade genug gewachsen schien. Er fürchtete glatt, damit niemals Sex haben zu können. Gehört eine tiefe Verunsicherung in der Pubertät nicht zur Grundstimmung?

Clement: Die Sorge und die Unsicherheit sind etwas Normales. Ich finde, man sollte nicht zu viel daraus machen, wenn sich ein Junge fragt, ob sein Penis groß oder gerade genug ist. Neu ist allerdings die Detailgenauigkeit der Frage. Und die kommt auch durch die größere Sichtbarkeit. In Pornos sind Männer mit großen Penissen überrepräsentiert. Das macht tatsächlich vielen Männern Kummer, weil sie nur haben, was sie haben.

Ulrich Clement

Prof. Dr. Ulrich Clement ist systemischer Paartherapeut und Sexualforscher. Sein Buch Think Love. Das indiskrete Fragebuch erschien 2015 bei Rogner & Bernhard, gerade hat er Dynamik des Begehrens im Carl-Auer Verlag veröffentlicht. In Heidelberg betreibt Ulrich Clement eine Privatpraxis für Coaching, Paar- und Sexualtherapie.

ZEITmagazin ONLINE: Mehrere Studien belegen, dass junge Menschen Pornos im Internet durchaus manchmal für problematisch oder risikoreich halten, allerdings nie für sich, sondern immer nur für die anderen. Es gibt hier den starken Immunitätsglauben: Mit mir macht das gar nichts. Führt das nicht zwangsläufig zu einem gedankenloseren Umgang mit sexuell aufgeladenen Inhalten?

Clement: Es ist ein relativ verbreiteter Abwehrmechanismus, dass man ein Problem bei anderen, nicht aber bei sich selbst wahrnimmt, auch weil man es damit quasi los wird. Das ist ein psycho-hygienischer Reinigungsakt und erst mal unproblematisch. Ich halte es für kritisch, jemandem ein Problem zuzuschreiben, das er selber nicht empfindet. In diesem Fall: Wenn ein Jugendlicher sagt, dass die anderen aus seiner Klasse Probleme haben, er aber nicht, dann würde ich ihm ungern antworten: "Du musst auch ein Problem haben, weil es die anderen haben." Auch Jugendliche sollen Herr oder Herrin über die eigene Problemdefinition sein.

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