Gesellschaftskritik Echt jetzt?

© Reuters / Fred Thornhill

Es ist die ureigene Aufgabe der Filmbranche, dasjenige zu zeigen, was uns vorzustellen wir kaum in der Lage sind. Nicht zufällig nennt man die Studios von Hollywood auch die Traumfabrik – ein Ort, an dem das Unglaubliche und das Aufwühlende so zuverlässig produziert werden, wie andernorts die Karosserieteile des neuen Golf.

Doch dann lasen wir, dass die Schauspielerin Reese Witherspoon nun offenbar genug von der ewigen Phantasterei habe. Bei den Dreharbeiten zu ihrem neuen Film Wild soll sie reale Sexszenen verlangt haben. Alles sollte diesmal "echt und roh" wirken.

Wir von der Gesellschaftskritik mutmaßten sofort, dass in Witherspoons letzter Philosophievorlesung die alte Debatte zwischen Idealismus und Realismus neu entflammt ist und sie nun versucht, ihr Publikum davon zu überzeugen, dass nur das wirklich Gegebene einen Einfluss auf unser Bewusstsein hat.

Und natürlich war uns auch bang vor weiteren Schlagzeilen: "George Clooney und Matt Damon im Casino verhaftet! Hollywood-Stars krochen durch Lüftungsschacht in den Tresor" – "Coen-Brüder verteilen Cowboy-Hüte und Schusswaffen im Death Valley" –"Andrew Garfield von NYPD gerettet! Spiderman-Star verfing sich im 42. Stock an einer Regenrinne." – "Bankrotteur der Wall Street! Leonardo DiCaprio verzockt Milliarden." 

Doch dann stellte sich heraus, dass nicht der neue Hang von Schauspielern zur Wirklichkeit gefährlich werden könnte, sondern die Wirklichkeit von falsch übersetzten Meldungen gefährlich ist. Denn Witherspoon wollte keineswegs echten Sex vor der Kamera haben, sondern Sex auf der Leinwand endlich einmal realistisch darstellen. 

Bevor wir also weiter über die Konsequenzen von Reese Witherspoons zwischenmenschlichem Realismus grübeln, können wir Cineasten auch weiterhin nach dem fiesesten Thriller ruhigen Gewissens zu Bett gehen, sanft gewogen vom Bewusstsein für die Unwirklichkeit des Dargestellten. Und wissen, die Wirklichkeit ist manchmal schlimmer als ein schlecht synchronisierter Film.  

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Oh my Goddess, raw and real - ächt ätzend! Wild Thing, you make everything groovy - und die Troglodyten sitzen in ihren dunklen Höhlen und schmatzen vor sich hin. Und noch einen Begriff hat sie empört unter die Journaille-Troggs geschleudert: "Profanity"! Wie passend, daß sich dahinter der hübsche Doppelsinn von Obszönität und Gotteslästerung verbirgt, der die Chose als gefinkelte Inszenierung erahnen läßt. Die Dame Witherspoon ist ja nicht nur Nachfahrin schottischer Presbyterianer ("halt den Löffel trocken"), sondern auch Ururenkelin eines amerikanischen Verfassungsvaters - na denn, auf zum Pursuit of Sappiness. Calvinistische Gottesdienste "sind nüchtern und wortbetont" (Wikipedia, s.v. "Presbyterianische Kirchen") - höchste Zeit, zwischenmenschliche Begegnungen ins Animalische driften zu lassen ("Shake it, shake it, wild thing" - so die Troggs).
Allerdings sollte man kurz auf das Schicksal von Monica Bellucci verweisen, die im Film "Irréversible" 9 quälende Minuten lang die sadistischen Praktiken eines Vergewaltigers über sich ergehen lassen mußte. "But I wanna know for sure" (Troggs). Da wird der Zuschauer zum Voyeur und Mittäter - und das mögen sehr viele nicht: "most-walked-out-of-movie" (Newsweek). Realismo ist nicht sacro, sondern furchterregend.