© ZEITmagazin

Truman Capote Neu entdeckte Geschichten von Truman Capote

In New York wurden unbekannte Erzählungen von Truman Capote gefunden. Hier erzählen die Herausgeber Anuschka Roshani und Peter Haag von ihrem spektakulären Fund. Von

New York, Sommer 2014, Truman Capote ist seit genau 30 Jahren tot, aber zwei Menschen glauben, dass er die Welt noch einmal überraschen könnte. Deshalb sind sie wieder einmal von Zürich in die USA gereist. Die Journalistin Anuschka Roshani und ihr Mann, der Verleger Peter Haag, suchen nach etwas, von dem die meisten Capote-Experten glauben, dass es gar nicht existiert.

Die Vorgeschichte: 1975 erschütterte ein Skandal die New Yorker High Society. Der kleine, schwule, geniale Schriftsteller, der – mit seinem Einfühlungsvermögen und seinem Talent zu unterhalten – ein Freund der Reichsten und Schönsten geworden war, hatte deren intimste Geheimnisse ausgeplaudert. La-Côte-Basque nannte er seine Geschichte, die im Magazin Esquire gedruckt wurde, es war keine ruhmreiche. Sie war das erste Kapitel des Romans Erhörte Gebete. Doch der blieb Fragment.

Nach der Veröffentlichung war das Leben Capotes nicht mehr dasselbe. Zu früheren Zeiten wäre er wahrscheinlich geteert und gefedert aus der Stadt geworfen worden, nun wurde er einfach geschnitten. Eine der wenigen, die auch nach dem Erdbeben, das La-Côte-Basque auslöste, zu ihm hielt, war Joanne Carson, Exfrau eines bekannten Talkmasters. In ihrem Haus in Los Angeles starb Capote 1984 nach langer Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit einen Monat vor seinem 60. Geburtstag.

Am Tag vor seinem Tod habe er ihr einen Schlüssel gegeben, erzählte Carson später. Es war der Schlüssel zu einem Schließfach in irgendeinem Busbahnhof. Dort, habe Capote gesagt, lägen die restlichen Kapitel von Erhörte Gebete. Seinem Lektor wiederum hatte er versichert, sie befänden sich im Safe irgendeiner Bank. "Das klingt, als habe er sich einen Spaß mit der Nachwelt erlaubt", sagt Anuschka Roshani. Aber Capote hat sich öfter Späße erlaubt. Seine Erzählung Sommerdiebe sei vernichtet, behauptete er. Und dann fand man sie 20 Jahre nach seinem Tod.

Also sind Roshani und Haag in diesem Sommer wieder nach New York geflogen. Wieder befragen sie Menschen, die Capote gut gekannt haben, wieder durchkämmen sie in der Public Library seinen Nachlass. Die Sedimente seines fast 50 Jahre währenden Schreibens sind in 34 Pappkartons verstaut: Akten, gelbe Notizzettel und die typischen amerikanischen Sketchbooks mit dem schwarzen Einband. Roshani und Haag müssen oft die Lupe zur Hand nehmen, so winzig klein ist Capotes Handschrift, und am Ende ihrer Recherchen im Sommer 2014 müssen sie bilanzieren: Sie haben die fehlenden Kapitel von Erhörte Gebete wieder nicht gefunden.

Aber sie haben etwas anderes gefunden.

Sie waren auf der Suche nach dem bitterbösen Spätwerk eines von der Welt enttäuschten älteren Mannes und entdeckten die ersten literarischen Werke eines Jungen, für den das Leben gerade anfing: ein Dutzend Gedichte und 20 Geschichten. Capote hat sie im Alter zwischen 14 und 17 geschrieben. Einige sind vor über 70 Jahren in einer Highschoolzeitung erschienen, die meisten wurden noch nie veröffentlicht. Wo die Welt anfängt heißt eine der Erzählungen, und so soll auch das Buch heißen, das bei Kein & Aber, dem Verlag von Peter Haag, 2015 erscheinen wird. Die englische Ausgabe wird Random House im selben Jahr verlegen. Vier der Erzählungen werden im aktuellen ZEITmagazin vorab zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Wie kann es sein, dass so ein Schatz 30 Jahre lang unentdeckt in einer Bibliothek liegt?

Weil die Bibliothek kein Geld habe, alle Nachlässe auszuwerten, und weil die Amerikanistik in den USA sich noch nicht auf Capote gestürzt habe, sagt Anuschka Roshani. "Vielleicht ist er noch nicht lange genug tot. Oder er ist einfach zu populär gewesen." 

Wenn man die neu entdeckten Geschichten liest, weiß man, warum er so populär war. Es sind Geschichten über Einsamkeit, Liebe, Verbrechen und Vergänglichkeit. Themen, die sich auch durch Capotes späteres Werk ziehen. Viele von ihnen spielen in den Südstaaten, wo er seine Kindheit verbracht hat. Es ist erstaunlich, wie gut sich der Teenager in andere Menschen und Welten hineinversetzen konnte. In der Geschichte Samstagnacht erzählt er von der verhängnisvollen Begegnung eines schwarzen Liebespaares aus der Perspektive des Mannes. Sie endet in einer Kneipe für Schwarze, einem Ort, den der junge Capote lange vor dem Ende der Rassentrennung kaum selbst betreten haben dürfte. Und dennoch mag man nicht glauben, dass er die Szene nicht mit eigenen Augen gesehen hat, so lebendig schildert er sie. Er verwendet in dieser Geschichte immer wieder die Wörter negro und nigger, wie auch in der Erzählung Miss Belle Rankin. Der renommierte Literaturübersetzer Ulrich Blumenbach hat sich entschieden, sie eins zu eins zu übertragen, "alles andere wäre geschichtsverfälschend", sagt Anuschka Roshani.

"Er geht immer mitten in die Situation hinein, und dadurch werden seine Figuren so lebendig", sagt Peter Haag. "Sein Stil ist immer einfach, nie manieriert, nie metaphernbesoffen, nie deskriptiv." Und Anuschka Roshani, die bei Kein & Aber auch die Capote-Werkausgabe heraus-gegeben hat, fügt hinzu: "Mit 23 hat er damit kokettiert, dass er aussah wie zwölf, und mit zwölf hat er geschrieben wie andere mit 40. Er kennt seine Figuren sehr gut, aber er verrät sie nie. Er muss ein Mensch mit großem Mitgefühl gewesen sein. Andererseits hatte er auch eine sehr spitze Zunge, sonst hätte es nach La-Côte-Basque nicht einen solchen Aufschrei gegeben."

Können die letzten berühmten Freunde Capotes nun sicher sein, dass über sie nichts mehr enthüllt wird? "Nein", sagt Peter Haag und lacht, "nach diesem tollen Fund suchen wir erst recht weiter. Und wenn wir alle Busbahnhöfe der USA abklappern."

Vier bislang unveröffentliche Erzählungen von Truman Capote lesen Sie im neuen ZEITmagazin. Das Heft Nr. 42 können Sie ab Donnerstag, 9. Oktober 2014, am Kiosk oder online erwerben.

2 Kommentare

"Er verwendet in dieser

"Er verwendet in dieser Geschichte immer wieder die Wörter negro und nigger, wie auch in der Erzählung Miss Belle Rankin. Der renommierte Literaturübersetzer Ulrich Blumenbach hat sich entschieden, sie eins zu eins zu übertragen, "alles andere wäre geschichtsverfälschend", sagt Anuschka Roshani. "
Und damit ist das ganze abgegessen. Dumm, nichts verstanden.

Neuere Kommentare anzeigenNeuere
Ältere Kommentare anzeigenÄltere