Abriss-Atlas Berlin Reißt das Adlon nieder!

Berlin gehen die Brachflächen aus. Aber welche Hässlichkeiten haben sie gefüllt! In einem "Abriss-Atlas" geben zehn Autoren Großprojekte zum Abschuss frei. Ein Buchauszug

Berlin ist die Stadt, die immer wird und niemals ist. Es gibt viele Orte, die sich verändern sollten. Die meisten davon sind Produkt der letzten Jahrzehnte, aber auch historische Gebäude müssen Platz machen für ein neues Berlin. Im Abriss-Atlas Berlin formulieren zehn Berliner Autoren und Journalisten ein Statement zur Hauptstadt-Architektur und geben ihre Favoriten zum Abriss frei.

Hotel Adlon – Zwischengeschoss für Millionäre

© Mitte/Rand Verlag

Ein Luxushotel am Pariser Platz macht natürlich Sinn. Die Gegend ist derart trostlos, man ist froh, dass dort nur Millionäre wohnen müssen. Leider ist das Adlon aber auch für alle anderen ein Ärgernis, erinnert es doch daran, wie weit Geld und guter Geschmack heute auseinander liegen können. 

Höchste Zeit also, mittels Crowdfunding der wohlhabenden Klientel einen Neubau mit vernünftiger Deckenhöhe zu spendieren.
Stephan Becker

Siegessäule – Der Wanderpokal

© Mitte/Rand Verlag

Erst abreißen, dann wieder aufbauen, und zwar am Ernst-Reuter-Platz. Immer weiter nach Westen. Ein Wanderpokal muss wandern, sonst bekommt‘s ja keiner mit. Gegebenenfalls stünde dann auch eine erneute Erhöhung/Verlängerung der Säule an, am besten mit Kanonen aus Afghanistan.

Traditionen sollen ja fortgesetzt werden.
Friedrich von Borries

Alexa – Buffet für Kenner

Wenn es einen Vorwurf gibt, den man dem Alexa nicht machen kann, dann ist es mangelnde Integration in sein Umfeld. Neben den urinstinkenden Bögen des S-Bahnhofs, umgeben von Wurstwalkern, Touristen und Transitberlinern bringt diese Shopping-Mall die Hässlichkeit des Alexanderplatzes auf den Punkt. Architektur, Materialien, Farben, Fassadenmalerei: schlicht alles an diesem seelenlosen rosa Ungetüm beleidigt Auge und Intellekt. 

Wäre der Alexanderplatz eine kalte Platte, ist das Alexa die Dose Cornedbeef.
Stephan Burkoff

Rolling Horse Skulptur – Kurz vor der Keulung

© Ralf Chille

Eine Gemeinheit aus Edelstahl, Aluminium, Glas und Stein. Es handelt sich um eine Skulptur des Künstlers Jürgen Goertz, die Schrifttafel vor Ort weist ihn explizit als Professor aus – als habe man schon beim Aufstellen geahnt, dass das Werk die Bestätigung seiner Autorität durch einen Doktortitel nötig haben würde. In bestürzender Hässlichkeit und Einfalt zeigt es ein Pferd, dessen Gestalt sich im unteren Teil der Skulptur zu einem Rad rundet, sprich: die Evolution vom Postkutschenzeitalter in die Ära der Bahnreise.  

Eine ganz ähnliche Arbeit desselben Künstlers steht vor einem Gebäude der Heidelberger Druckmaschinen AG. Beide wurden von Unternehmen in Auftrag gegeben, deren Vorstandsvorsitzender zum fraglichen Zeitpunkt Hartmut Mehdorn war – im Falle Berlins sogar ohne offizielle Ausschreibung.

Der Künstler selbst sieht das Rolling Horse "von stiller Introvertiertheit und aggressiver Geste geprägt". Alle anderen lässt der arme Gaul mit den verdrehten Augen an ein BSE-Rind kurz vor der Keulung denken.
Anne Waak

Domaquarée & Radisson Blu – Das Schloss-Plädoyer

Zugegeben. Der Berliner Dom erreicht einen Kitschpegel, der selbst Schloss Neuschwanstein mühelos in den Schatten stellt. 1894 bis 1905 von Julius Raschdorff als wilhelminische Sahnetorte erbaut, dominiert das historistische Prunkwerk bis heute die Berliner Mitte. Doch warum wird diesem Bau ein Klotz von unübertroffener Banalität gegenübergesetzt? Als ironischer Kommentar oder vielleicht aus kompletter Unfähigkeit heraus? Denn wenn dieser Entwurf tatsächlich in einem Wettbewerb als Sieger hervorging, wie sahen dann bitte die anderen Vorschläge aus? In gewisser Weise schließt sich damit der Kreis zum Berliner Schloss, das auf der gegenüberliegenden Straßenseite in die Höhe wächst. Solange derart banale Entwürfe an prominenter Lage Wettbewerbe gewinnen, kann die Rekonstruktion von Schlossfassaden die einzig vertretbare Lösung sein. Oder um es auf den Punkt zu bringen: Die Kiste ist die gebaute Rechtfertigung für alle Rekonstruktionsphantasien der Stadt.

"Die Gegenwart kann es nicht", schreit dieser Bau im Dauerton.
Norman Kietzmann

Spreedreieck – Ey, Yoo!

© Mitte/Rand Verlag

Ich habe nichts gegen die verkürzte Ausdrucksweise der Jugendkultur. Aber wenn sich ihre Lautbilder zu sehr in die Straßen der Hauptstadt einschreiben, darf man von einer Bildungsverwahrlosung ausgehen, die den Berlinern ernsthaft Sorgen bereiten sollte. Dieser Bau unterhält sich mit dem jüngst fertig gestellten "Yoo"-Gebäude gegenüber in einer so aufdringlichen Lautstärke jenseits der Bedeutung, dass sie beide durch Platzverweis zum Schweigen gebracht werden sollten.
Antje Stahl

Kunsthaus Tacheles – Kein Schmerz

© Mitte/Rand Verlag

Lange vor Panorama Bar, Soho House und Bar 25 gab es in Berlin schon einmal einen Ort, der ein besseres Leben versprach. Umgeben von einer riesigen Brachfläche, ist das Tacheles heute nur noch eine traurige Ruine, die nicht einmal für Touristen eine Bedeutung hat.

Auch die Berliner verspüren keinen Schmerz. Lasst endlich Gras über dieses Kapitel wachsen!
Jeanette Kunsmann

O2 Arena – Tour de Brandenbourg

Es gibt ja schöne Stadienbauten, aber selbst die stehen meistens nicht im Zentrum einer Stadt. Stadien stehen vielmehr am Rand von Städten, weil sie dort typologisch einfach hingehören – aufgrund ihrer Größe und aufgrund dessen, wie sie sich zur umgebenden Stadt verhalten: nämlich gar nicht. Sie sind qua Nutzung introspektiv. Dies geht Hand in Hand mit ihren zu Projektionsflächen abkommandierten "Fassaden" – denen etwas Abstand auch gut täte. Damit einem die Werbebotschaften nicht so unmittelbar ins Gesicht knallen.

Demontage und Wiederaufbau in Brandenburg, bitte.
Kristina Herresthal

Spreebogen – Ungers für Arme

© Mitte/Rand Verlag

So etwas sollte nirgendwo gebaut werden, schon gar nicht an einem der schönsten Uferabschnitte der Spree. Der eine Bau sieht aus, als hätte man in Bulgarien versucht, einen sehr schlechten Ungers-Entwurf nachzubauen, indem man Schuhkartons mit Karopapier beklebt, der andere wie ein gigantisches Scharnier, mit dem die Welt an der kosmischen Achse befestigt werden soll. Alberner Gigantismus, Materialanmutung: rumänischer Baumarkt. Weg damit.
Niklas Maak

Potsdamer Platz & Ritz Carlton – Vermessen

Der Potsdamer Platz ist eh schon zum Heulen, fühlt man sich hier doch wie in der Themenecke "Die Großstadt" einer Modelleisenbahn-Anlage. Die Billo-Optik des Hotels Ritz-Carlton ist aber eine Frechheit, die nur vom Nachbarhaus noch übertroffen wird. Für ein Hochhaus ist es zu klein, für ein Stadthaus an prominenter Stelle zu blöd. Irgendetwas stimmt bei den beiden auch mit dem Maßstab nicht. Es ist, als hätte man die Häuslein in Spur N (1:160) gekauft statt H0 (1:87).
Tassilo Letzel

Auszüge aus dem Buch "Abriss-Atlas Berlin" – Stephan Becker, Stephan Burkhoff, Jeanette Kunsmann (Hrg.); Mitte/Rand Verlag, Berlin 2014


Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Was Niklas Maak an den rumänischen Baumärkten auszusetzen hat? Sind den die deutschen Baumärkte wirklich hübscher? Und was haben die Bulgaren bloss mit diesem Bauwerk an der Spree in Berlin zu schaffen? Schade, dass seine Kritik nicht auf die Reproduktion billiger Klischees osteuropäischer Länder verzichten kann. Eine gute Kritik sieht anders aus.
Wären die gleichen Sätze in einem Kommentar auf ZeitOnline erschienen, wären sie vermutlich wegen latentem Rassismus gelöscht worden.

Maaks Beitrag leidet darunter, dass er gleich zweifach Richtung Osten schießt, und damit über das Ziel hinaus, erst Bulgarien, dann Rumänien. Wenn er eines von beiden weggelassen hätte, wäre es komisch, in der Anhäufung wirkt es etwas dumpf.
Grundsätzlich aber ist der Gedanke dahinter natürlich nicht falsch, in Osteuropa hinkt man heutzutage nunmal ästhetisch etwas hinterher, das ist ja kein Geheimnis.

Berlin ist die Stadt, die immer sein will, aber niemals ist.
Daher könnte man auch jedem Neubau gleich die Abrissbirne hinterschicken.

Im Falle des Flughafens BER juckt es sogar viele die Birne sogar schon vor der Eröffnung kommen zu lassen.

Der bizzarste Ort von Berlin fehlt aber in dieser Aufzählung. Das Regierungsviertel an der Spree. Hässliche Glas-Beton-Konstruktionen. Ein Fluss, wie ein Abwasserkanal dazwischen und dazu die lustigen Touri-Boote. Das erinnert alles an die Themen Bahnen der Vergnügungsparks der 70er Jahre. Da setzte man sich auch in Boote oder Bahnen und ließ irgendwelche Sehenswürdigkeiten im kitschigen Miniformat an sich vorüberziehen. Die sollten noch eine Merkel aus Pappe dazustellen, die den Touris zuwinkt.