Video: Video-Still: Blixa Bargeld 1989 in Berlin

Und am Hörertelefon begrüßen wir Gott

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Sie wollten nur experimentieren: In einer Radiosendung ließen Westberliner Künstler die Mauer fallen – zwei Wochen zu früh. Die Geschichte einer unglaublichen Liveshow
Der Musiker Blixa Bargeld 1989 in Westberlin. Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm "Elektrokohle (Von wegen)" von Uli M Schueppel
Der Musiker Blixa Bargeld 1989 in Westberlin. Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm "Elektrokohle (Von wegen)" von Uli M Schueppel

1 — Westberlin, 24. Oktober 1989

Am frühen Abend verlässt der junge Mann seine Wohnung in der Kreuzberger Großbeerenstraße. Er trägt Lederjacke, Stiefel und einen schwarzen Cowboyhut. Es ist Ende Oktober, durch Berlin fegt der erste Herbstwind. Unten schaut der Mann in den Plattenladen im Erdgeschoss, vielleicht ist ein Bekannter zu sehen. Dann läuft er los, unter der düsteren Unterführung der Yorckstraße hindurch, er biegt in die Mansteinstraße, sein Ziel das Ex'n'Pop, in dem er als Barkeeper arbeitet. In der verrauchten Kneipe mixt er einige Gläser Wodka mit Bitter Lemon, trifft Freunde.

Es ist nach ein Uhr, als der junge Mann ein Taxi zur Potsdamer Straße nimmt. Er fährt vorbei an den vernarbten Häusern voller Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg. Unter der Hochbahn Ecke Bülowstraße steigt er nach einem knappen Kilometer aus und tritt in einen Hinterhof. Am Tor steht auf einem unscheinbaren Schild "Radio 100". Eilig nimmt er die Stufen im Treppenhaus des Fabrikgebäudes. Er hat nicht viel Zeit, um zwei Uhr muss er auf Sendung sein. "Guten Morgen zu zwei Stunden Shlim Line Show mit Joe B. und Uli M." Der junge Mann begrüßt einen Musiker aus Westberlin, spricht mit ihm über das neue Album seiner Band Die Haut und spielt einige Songs daraus. Dann wird die Sendung abrupt unterbrochen – für eine besonders eilige Meldung.

Es ist 25 Minuten nach zwei. Die Stimme des jungen Mannes fängt beim Lesen an zu zittern.

"Berlin, 24. Oktober 1989. Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen verlautet wurde, hat die SED-Führung in einer geheimen Sitzung die völlige Öffnung der innerdeutschen Grenze in beide Richtungen beschlossen. Der Beschluss soll auf einer Pressekonferenz heute Mittag, 12 Uhr, verkündet werden und sofort wirksam sein."

Im Studio beginnen die Telefone zu klingeln.

2 — Weiter weg als New York

Wenn Uli M Schueppel, der junge Mann aus der Großbeerenstraße, an die Nacht des 24. Oktober 1989 denkt, muss er grinsen. "Ich habe Radio als Fiktion verstanden, als Abenteuer", sagt er. Mittlerweile lebt Schueppel im Osten der Stadt. Er ist Regisseur, seine Spiel- und Dokumentarfilme handeln von Musikern, Familie, Trennung – und Deutschland.

Wie grau Westberlin damals war! Mehr als 100.000 Westberliner waren arbeitslos, zwischen Hausbesetzern und der Polizei tobten Kämpfe um die leeren und kaputten Altbauten. Seit 27 Jahren war die Stadt eingemauert, in der BRD hieß Westberlin "die Insel". 

Es war auch eine Insel der Kunst, des wilden, alternativen Lebens. Man filmte, fotografierte, machte Musik, trank und feierte. Die Westberliner Künstlerszene der achtziger Jahre war klein, aber voller Schaffensdrang. Ein illustrer Kreis, zu dem Musiker wie Alexander Hacke und Jochen Arbeit zählten, Nan Goldin fotografierte Glanz und Elend der schwulen Partyszene, Wim Wenders sammelte Motive für seinen Film Himmel über Berlin, die Band Einstürzende Neubauten experimentierte in ihrem Proberaum unter der Stadtautobahn A100. Abends traf man sich im Risiko, im Dschungel oder im Ex'n'Pop. Schueppel war fast jeden Abend dort. Manchmal kamen Nick Cave oder Blixa Bargeld direkt aus dem Studio und testeten ihre frisch aufgenommenen Bänder auf der rumpeligen Anlage.

Im Oktober 1989 schnitt Schueppel seinen Abschlussfilm für die Deutsche Film- und Fernsehakademie, für den er Nick Cave & The Bad Seeds auf einer Tour durch Amerika mit der Kamera begleitet hatte – The Road, to god knows where. Im Ex'n'Pop arbeitete Schueppel nachts als Barkeeper ein Darlehen ab, das ihm die Besitzerin des Clubs für seinen ersten Film Nihil oder alle Zeit der Welt gegeben hatte. Dienstags verließ er die Bar immer um kurz nach eins, denn da hatte er mit seinem Freund Johannes Beck von zwei bis vier Uhr morgens die Radiosendung Shlim Line Show auf Radio 100 zu moderieren.

Westberliner Tristesse im Juni 1987 © Ulrich Baumgarten/Getty Images

"Ein großer Abenteuerspielplatz" sei Westberlin damals gewesen, sagt Schueppel. An die Mauer, die ihre Insel umschloss, und an das, was sich auf der anderen Seite befand, dachten sie so gut wie nie. Die deutsche Teilung spielte keine Rolle.

Zu Hause im Odenwald hätten sie ständig über das Thema gesprochen. Schueppels Vater hatte in der Sowjetischen Besatzungszone die Liberal-Demokratische Partei, den Vorläufer der FDP, mitgegründet und war für sein politisches Engagement verhaftet worden. Er verbrachte mehrere Jahre im Gulag, bevor er Mitte der fünfziger Jahre nach Westdeutschland ausgeliefert wurde. "Ich kann mir selbst nicht erklären, warum das für mich in Westberlin plötzlich nicht mehr wichtig war", sagt Schueppel. "Wir haben die Mauer zwar permanent gesehen – aber Ostberlin war für uns weiter weg als New York."

Blixa Bargeld (l.), Sänger der Band Einstürzende Neubauten, und Uli Schueppel (ganz r.) im Dezember 1989 © Fritz Brinkmann

3 — Eine zweite Invasion der Marsmännchen

Der Sender Radio 100 war Berlins erstes Privatradio. Das Programm war politisch, links, multikulturell und gay. Einmal pro Monat kamen Oppositionelle aus der DDR mithilfe geschmuggelter Kassetten zu Wort. Die Ausstrahlung wurde gezielt von Störsendern behindert.   

Die Shlim Line Show gehörte zum experimentellen Programm des Senders. Schueppel und Beck bestritten die Dienstagnacht mit Soundcollagen, in die sie live Höreranrufe mischten. Kreativer Dilettantismus statt professioneller Radioshow, so ihr Konzept. Vor jeder Sendung hatten sie Dutzende Soundschnipsel – Stimmen, Pieptöne, Jingles, Fernsehmitschnitte, Schlager und politische Lieder – auf Kassetten aufgenommen, die sie dann Stück für Stück übereinander legten. Die Sendungen kulminierten stets in einer wilden Kakophonie.

Christoph Dreher (2.v.l.) ist in dieser Nacht Studiogast in der "Shlim Line Show". Hier mit seiner Band Die Haut am Platz der Luftbrücke © Christoph Dreher und Rainer Berson

Wie kamen sie auf die Idee, in der Nacht des 24. Oktobers 1989 einfach so den Fall der Mauer zu verkünden? Schueppel erzählt, dass der Einfall ihnen nach der Sendung in der Woche zuvor kam, als die Hörer eine echte Erdbebenmeldung für eine Ente hielten und erst am nächsten Morgen erfuhren, dass es in Kalifornien tatsächlich eine Naturkatastrophe gegeben hatte. Außerdem, sagt Schueppel, sei er schon lange fasziniert gewesen von Orson Welles' Krieg der Welten. Welles hatte im Jahr 1938 den Roman über eine Invasion vom Mars so realistisch als Hörspiel vertont, dass bei der Polizei und im Sender Anfragen eingingen, ob wirklich Außerirdische in den USA gelandet seien. Schueppel und Beck wollten eine ähnlich originelle Falschmeldung in ihrer Sendung platzieren. Was könnte Westberlin so erregen wie eine Invasion vom Mars? "Das Unmöglichste und Abstruseste, was uns in dem Zusammenhang einfiel, war die Öffnung der Mauer", sagt Schueppel.

4 — Ich hab 'ne Geliebte da drüben

"Berlin, 24. Oktober 1989. Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen verlautet wurde, hat die SED-Führung in einer geheimen Sitzung die völlige Öffnung der innerdeutschen Grenze in beide Richtungen beschlossen. Der Beschluss soll auf einer Pressekonferenz heute Mittag, 12 Uhr, verkündet werden und sofort wirksam sein."

Der erste Anrufer meldet sich. Er will wissen, ob die Meldung, die er eben gehört hat, eine Ente ist. Die Moderatoren bekräftigen die Echtheit der Nachricht und fragen den Mann, was er am nächsten Tag nach 12 Uhr machen wird. Der Anrufer klingt verstört. "Oh Mann ey, ich muss mir erst mal was Gutes überlegen. Ich hab ne Geliebte da drüben."

Dann ist Stefan in der Leitung. "Ich bin total von den Socken. Das ist so ne Botschaft durchs Radio wie 'Morgen scheint die Sonne zum ersten Mal seit 100.000 Jahren'." Einfach rüber in den Osten gehen – der Gedanke kommt dem Westberliner aberwitzig vor. Stefan erzählt noch, er habe am Vorabend in der ARD eine Dokumentation über den Zustand der Erde gesehen. Demnach würde die Welt in 30 Jahren ohnehin untergehen. Was bedeutet die Öffnung der Mauer unter diesen Vorzeichen noch?

Ein weiterer Hörer meldet sich: Er sei Wessi und überlege, wie sich aus den neuen Gegebenheiten ein Geschäft machen ließe. Sollte er vielleicht eine Bar im Osten eröffnen? "Die mal mit dem konfrontieren, was hier so abgeht kneipenmäßig. Was es alles so gibt"?


Eine Frau namens Melanie fragt sich, ob Helmut Kohl wohl etwas mit der Maueröffnung zu tun hatte. "Wenn sie Lust haben, das aufzumachen, sollen sie es doch machen. Ich fänd's prima."

Während Uli Schueppel und der Musiker Christoph Dreher die Gespräche führen, koordinieren die Studiotechnikerin Suzie und Johannes Beck das komplizierte Tonkonzept der Sendung. Sie spulen die vorbereiteten Kassetten hin und her, spielen die schon eingegangenen Anrufe in die gerade laufenden Gespräche ein. Eine Unterhaltung ist bald nicht mehr möglich. Telefonklingeln, Falsettgesänge, Fernsehstimmen und Popsongs verschmelzen zu einer großen dadaistischen Sinfonie.

Schließlich kommt ein Anruf von "Gott". Er hält die Öffnung der Mauer für eine gute Idee und kündigt an, seine "kleine Schwester" werde noch ein Lied anstimmen. Dann singt eine Frauenstimme die zweite Strophe des Deutschlandlieds in den Apparat. Die Moderatoren blenden nicht aus, sondern legen die Internationale darunter, das Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung. Um vier Uhr ist alles vorbei. 

5 — Aliens auf dem 17. Juni

Für Hörer von heute wirkt die Shlim Line Show wie ein Stück absurdes Theater. Nichts ist zu spüren von der Aufregung und Freude, die aus den historischen Fernsehbildern am Brandenburger Tor spricht, die zwei Wochen später aufgenommen wurden. In dieser Oktobernacht in Westberlin herrschten Ratlosigkeit, Nachdenklichkeit und Teilnahmslosigkeit.

© Alisa Resnik/schueppel-film

"Gerade die linken Kreise wollten ja gar nicht, dass die Mauer fällt", sagt Schueppel. "Es gab diese Art des Nationalismus damals nicht, diesen Wunsch nach einem geeinten Deutschland. Wir haben uns als Außenseiter gesehen." Kein Bestandteil von irgendetwas zu sein, das sei einer der Leitsprüche der Zeit gewesen. Westberlin gehörte nirgendwo dazu. "Im Ausland sagten wir nie: Wir kommen aus Deutschland. Sondern: Wir kommen aus Westberlin." 

Am Morgen nach der Show kam Schueppel morgens nicht aus dem Bett. Sein Co-Moderator musste sich allein vor dem Redaktionsplenum von Radio 100 verantworten. Es setzte die Shlim Line Show sofort ab. Nicht wegen der Falschmeldung allerdings, sondern wegen der Verquickung des Deutschlandlieds mit der Internationalen. Angesichts der eigenen politischen Haltung kannten die Radio-100-Macher keinen Spaß. 

Als zwei Wochen später die echte Meldung vom Fall der Mauer lief, saß Schueppel die ganze Nacht im Schnittraum und bekam sie nicht mit. Gegen zwei Uhr morgens fuhr er mit dem Auto Richtung Siegessäule. Auf einmal kamen ihm auf der Straße des 17. Juni Trabis entgegen. "Ich habe erst gar nichts begriffen. Das war wie im Film. Fast wie eine Begegnung mit Aliens," sagt er.  

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Team:

Text: Carolin Ströbele
Redaktion: Maria Exner
Video: Uli M Schueppel ("Elektrokohle - Von wegen", 2009); Schnitt: Fabian Mohr
Audio: Uli M Schueppel und Johannes Beck (Shlim Line Show, 1989)

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Korrektur: Eine frühere Version dieses Textes legte nah, dass nach dem Hörspiel "Krieg der Welten" "reihenweise" Anrufe bei Radio und Polizei eingegangen waren. Medienhistorisch ist diese Darstellung der Ereignisse mittlerweile widerlegt. Wir haben die Passage entsprechend geändert.

Korrektur: Die Ausstrahlung der Sendung mit DDR-Oppositionellen wurde nicht von West-Berlin aus gestört, sondern mithilfe von DDR-Störsendern.