Digitale Familie Schießt uns ins All!

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Wenn der Anruf von der Nasa kommt, wir sind vorbereitet. Sollten die Amerikaner, die europäischen Kollegen im Esoc in Darmstadt, Weltraumunternehmer Elon Musk oder sonst wer die erste Familie im All suchen – das sind wir. Der 15-Jährige landet mit seinem Smartphone alles – ob Drohnen im Park, Rosettas Babysonde Philae auf einem trudelnden Schneeball oder Photonen-Torpedos im Todesstern, das trainiert er seit Jahren. Den Mittleren kann man nachts um drei wecken, wenn man sich Gammablitze von einem Neunjährigen erklären lassen will. Und der Zweieinhalbjährige hält seine Lego-Raumschiffe immer in Schuss, zumindest wenn er sie nicht gerade desintegriert und den Warp-Antrieb rekonfiguriert.

Natürlich lassen wir die Jungs nicht alleine starten. Die Frau hat starke Kompetenzen im Bereich richtungsweisende Ansagen und kann den Text von Space Oddity auswendig, sie singt aber besser als Astronaut Chris Hadfield. Und sie hat keinen Schnauzer.

Meine eigene Rolle sehe ich durchaus in Anlehnung an Captain Kirk: pyjamaartige Anzüge tragen, markige Sprüche fallen lassen, nie anschnallen und im Zweifel darauf hoffen, dass mich ein Freund mit spitzen Ohren oder der Bordcomputer retten – das kriege ich hin. Im Zweifel könnte ich auch den Chewbacca geben, also haarig und aufbrausend sein, und ich fotografiere mindestens so eifrig wie Alexander Gerst.

Unsere Familie ist perfekt für diesen Job. Wir sind die Jetsons des 21. Jahrhunderts. Schießt uns ins All!

Es wundert mich selbst, wie groß die Begeisterung für den Weltraum bei uns zu Hause ist. Ich stamme aus einer Generation, die mit Star Wars und Space Shuttle aufgewachsen ist und die in den Büchern der Was ist Was?-Reihe ernsthaft mit Raumstationen und interstellaren Reisen vertraut gemacht wurde. Zwischenzeitlich wirkte das alles ziemlich albern. Die Space Shuttles wurden aus Kostengründen eingemottet. Warum ins All fliegen, fragten sich meine Kinder zu Recht, wenn es das Internet gibt? Der letzte große Weltraumfilm Gravity handelte ja auch von einem Absturz.

Mittlerweile ist aber Christopher Nolans Interstellar in den Kinos gestartet, ein Film über eine Reise durch ein schwarzes Loch auf einen weit entfernten Planeten. Dieser soll zur zweiten Erde werden, nachdem die Menschen die erste zerstört haben. Wie realistisch das ist, lernt der Mittlere jeden Tag auf seiner Umweltschule. Die Kinder bekommen generell mit, dass es aktuell eine Reihe guter Gründe gibt, unseren Planeten zu verlassen: Ebola, Printkrise, "Islamischer Staat", Helene Fischer, solche Sachen. Und sie wissen dank N24 und YouTube, dass Wurmlöcher real sind und dass Eltern und Kinder mit ein wenig Geschick leicht das Weltall erreichen können, zum Beispiel mit einem Ballon. Selbst Stühle schaffen es so ins All. Wir stehen gefühlt kurz vor dem Countdown.

Nur an einem Detail könnten wir trotz bester Vorbereitung scheitern: den Frauen. Auf Führungsebene haben wir eine 50-Prozent-Quote, das ist weltraumgesellschaftlich vorbildlich, aber darunter? Alles Jungs, geht gar nicht. Kinder umzutauschen ist leider etwas schwierig. Wir hatten schon erwogen, aus Quotengründen den Kleinsten in der Kolumne einfach "unsere kleine Tochter" zu nennen, befürchteten aber, das könnte ihn später verwirren. Bisher sind wir damit ja halbwegs durchgekommen. Doch bei Weltraum-Geschichten schaut die Welt genauer hin.

Das hat Esa-Wissenschaftler Matt Taylor zu spüren bekommen, als er nach der Landung des Weltraumlabors Philae auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko ein Statement abgab. Taylor ist ein tätowierter Heavy-Metal-Fan und trug ein Bowlinghemd mit Sternenmotiven und Frauen in Leder-Kostümen darauf, ein weiblicher Fan hatte es ihm für diesen historischen Tag entworfen. "Es ist mir egal, ob du ein Raumschiff auf einem Kometen gelandet hast, dein Hemd ist sexistisch und abstoßend", schrieb daraufhin die Website The Verge. Genau solche Geschmacklosigkeiten würden Frauen das Gefühl geben, in der wissenschaftlichen Community nicht willkommen zu sein. Der folgende Shitstorm war so heftig, dass sich Taylor für sein Hemd unter Tränen entschuldigen musste.

Wir haben daraus gelernt. Wir werden aus Prinzip keine Bowlinghemden tragen, weder auf der Erde noch im All. Die quotengerechte Erweiterung unserer Familie ist uns ein Anliegen, auf biologischem Wege aber zu langwierig und unsicher. Wir wollen jedoch jedes weibliche Wesen willkommen heißen, das sich mit uns auf den Weg zu den Sternen machen möchte. Mädchen zum Mitreisen gesucht, am besten zwei, je mehr Kinder, desto weniger Betreuungsaufwand. Eine Oma an Bord wäre auch nicht schlecht, wenn die Frau und ich mal einen romantischen Weltraumspaziergang machen wollen. Irgendwelche Interessentinnen, die per Anhalter durch die Galaxis wollen? Ground Control, lasst schon mal die Triebwerke warmlaufen!

4 Kommentare

Wir wollen auch mit! Für die Frauenquote biete ich mich plus Tochter an. Die Tochter erkennt die ISS immer als erste am Nachthimmel und ich biete Segelflugerfahrung (Hey, wenn das nicht ein Killerfeature ist!).
Allerdings muss der Sohn dann auch mit: Sein letzter SMS-Chat mit mir war dieser:
Ich: "Sohn, ich habe gerade erfahren, dass Philae gelandet ist" Sohn: "Cool."
Und wir kennen alle Star-Trek-TNG-Folgen. Klingonen, Romulaner, Vulkanier - alles intergalaktisch. Kein Problem für uns. Der Sohn hat auch mit zwei Jahren mal schnell den Urknall erklärt, als er seinen Becher mit voller Wucht aus dem Hochstuhl nach unten geworfen hat: "

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