Wir müssen reden "Casual Sex ist nichts für Anfänger"

ZEIT ONLINE: Lange schien es, als müsse man sich entscheiden: One-Night-Stand oder feste Beziehung. Mit Casual Sex, also Gelegenheitssex, scheint das Missing Link gefunden: Es ist eine Form der Freundschaft, in der sich beide definitiv nicht als Paar verstehen – weder ineinander verliebt sind, noch eine gemeinsame Perspektive sehen –, aber gelegentlich Sex miteinander haben.

Ulrich Clement: Noch treffender ist der Begriff Friends with benefits, also Freundschaft mit Vorzügen.

ZEIT ONLINE: Findet Casual Sex heutzutage häufiger statt als früher und ist er mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert?

Clement: Auf jeden Fall – in den USA wird er bereits sehr ritualisiert praktiziert. Neu ist auch, dass mehr junge Leute in Swingerclubs gehen – und das eher unbeschwert und heiter. Diese Form von Sex belastet das Gewissen nicht mehr so stark wie früher. Moralische Skrupel gibt es zwar noch, aber sie sind seltener. Sie wurden von eher ästhetischen Skrupeln abgelöst: "Wie konnte ich mich nur auf den oder auf die einlassen!"

ZEIT ONLINE: Klingt, als wäre Casual Sex eine wirklich praktische Lösung, wenn ich gerade keine Zeit oder kein Interesse oder keinen Partner für eine feste Beziehung habe: Er macht Spaß, verbrennt Kalorien und ist billiger als ein Fitnessstudio.

Ulrich Clement

Prof. Dr. Ulrich Clement ist systemischer Paartherapeut und Sexualforscher. Sein Buch Think Love. Das indiskrete Fragebuch erschien 2015 bei Rogner & Bernhard, gerade hat er Dynamik des Begehrens im Carl-Auer Verlag veröffentlicht. In Heidelberg betreibt Ulrich Clement eine Privatpraxis für Coaching, Paar- und Sexualtherapie.

Clement: Eine Freundschaft mit Vorzügen ist auch eine interessante Lösung für das Dauerdilemma zwischen Bindung und Freiheit. Einerseits erlebt man freundschaftliche Verbindlichkeit, fühlt sich aber andererseits nicht gefesselt durch Ausschließlichkeit und Treue. Das kann – unabhängig davon, wie man es moralisch bewerten möchte – psychologisch eine kluge Lösung sein.

ZEIT ONLINE: Und was ist der Preis dafür, Sex und Liebe zu entkoppeln – mal abgesehen davon, dass es zu Treffen führt, die eher an Turnstunden erinnern?

Clement: Mich erinnert es nicht an Turnstunden. Aber ich verstehe Ihre Frage schon. Casual Sex funktioniert oft nur theoretisch, weil man die Rechnung ohne Verliebtheit macht, ohne Eifersucht, ohne Bindungswünsche, ohne Heimatbedürfnis. Gelegenheitssex ist eine Teillösung. Er kann während einer bestimmten Lebensphase wichtig sein, in der man vielleicht keinen Partner hat oder auf dem Absprung ist. Ich halte es nicht für das Zukunftsmodell, zu dem sich die menschliche Beziehung entwickelt, sondern eher für etwas, das vorübergehend und schadensarm praktiziert wird.

ZEIT ONLINE: Jugendliche würden Casual Sex typischerweise also nicht als erstes wählen, weil sie in ihrer ersten Beziehung eher nach Sex mit jemandem streben, den sie lieben?

Clement: Viele junge Menschen suchen tatsächlich die große Liebe, andere wollen sich erst mal ausprobieren. Bewusster Casual Sex ist jedoch in der Tat eher nichts für Anfänger. Er ist etwas für Leute, die schon eine gewisse Frustrationserfahrung haben, wissen, was geht und was nicht, und jetzt nach einer Balance zwischen den eigenen Bindungs- und Freiheitswünschen suchen.

ZEIT ONLINE: Man könnte natürlich auch beklagen, dass diese Beziehungsform nur Ausdruck davon ist, dass die ganze Konsumhaltung, die freie Marktwirtschaft und überhaupt der Marktgedanke in die Sexualität eingedrungen sind.

Clement: So sehen es viele. Das setzt aber immer voraus, dass man sich vom Konsumterror auch terrorisieren lässt. Damit gibt man der Angebotsseite eine größere Macht als angemessen. Man muss der Nachfrageseite, also demjenigen, der nehmen oder nicht nehmen will, mehr Bedeutung geben. Menschen können zu Möglichkeiten Nein sagen – was ich auch in der Sexualität für eine wichtige Kompetenz halte. Nur so entwickelt jemand seine sexuelle Identität.

ZEIT ONLINE: Sind wir heute in dieser Kompetenz weiter?

Clement: Ja, weil wir mehr Angebote haben, an denen wir uns profilieren können.

ZEIT ONLINE: "Mehr Angebote" – das ist ein fast positives Bild für unsere oversexed Umgebung. Man könnte auch sagen: Flut.

Clement: Klar, aber wer in einem überfluteten Gebiet lebt, muss schwimmen lernen.

ZEIT ONLINE: Unsere Gesellschaft wird immer leistungsfixierter, egal ob im Job, der Schule, der Freizeit – oder eben beim Sex. Würden Sie dem zustimmen?

Clement: Noch so eine Dauerdiskussion, dabei ist Leistung nur eine Teildimension und noch nicht mal die dominante. Etwas anderes hat stärker zugenommen: das Gesundheitsbewusstsein, der Wellness-Gedanke, die Coolness. Sicher, es gibt im Sexuellen ein Wuchern von allem Möglichen, aber auf der anderen Seite auch viel Qualitätsbewusstsein. Slow Sex beispielsweise, bei dem nicht so viel Theater um Orgasmus und Erektion gemacht wird, sondern bei dem es auf Intimität ankommt.

ZEIT ONLINE: Entschuldigung, aber das klingt jetzt, als würden Sie übers Essen reden: Es gibt zwar ein riesiges Angebot an Fastfood, aber auch die Tendenz, bewusster einzukaufen und sich bio zu ernähren. Das kostet zwar möglicherweise mehr Zeit, beschert dafür aber höheren Genuss.

Clement: Oh ja, was für eine schöne Parallele.


Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

"Menschen können zu

"Menschen können zu Möglichkeiten Nein sagen – was ich auch in der Sexualität für eine wichtige Kompetenz halte. " Wie wahr. "Man" muss gar nichts und wenn es noch so angesagt ist. Für mich z.B. ist Sex ohne Liebe einfach uninteressant. Das, was ich von Sex möchte, bekomme ich nur in einer Liebesbeziehung. Um mal bei der Analogie zum Fitnessstudio zu bleiben, das ist auch nichts für mich, ich muss raus zum Sporttreiben :-)

@Ottosmops: Sie haben die typische Pärchenarroganz drauf.
Es gibt nicht nur Paare hier, sondern sehr viele Single. Für die sieht es in unser übersexualisierten Gesellschaft recht mau aus. Sexualität nada niente gleich Null.
Da ist das Thema Casual Sex oder Freundschaft mit Extras eine gute Alternative. Freundschaftliche Vertrautheit und etwas Aufregung ist eine feine Sache und macht das leben für Singles etwas gerechter.