Generation Y Hoffnungslose Optimisten

Die Generation Y erobert 2015 die Arbeitswelt. Sie gelten als Taktiker, Traumtänzer, Angsthasen, Abenteurer. Dabei sind sie Getriebene – vom Glauben an das eigene Glück. Von

Erinnert sich noch jemand an Echt? Diese Band aus Flensburg, die kurz vor der Jahrhundertwende lebensabschnittsprägende Parolen in die Köpfe pubertierender Jungen und Mädchen hämmerte? "Alles wird sich ändern, wenn wir groß sind", sangen damals all jene mit, die heute um die dreißig sind. "Meine Zeit wird kommen im Jahr Zweitausendzehn", sang Frontmann Kim Frank vor 15 Jahren und meinte damit uns alle.

Wir, die Echt-Fans von damals sind heute Ende zwanzig oder Anfang dreißig – vor der Wende geboren, mit der digitalen Revolution groß und nach dem 11. September 2001 erwachsen geworden. Die Kernbelegschaft der Generation Y. Das Y wurde uns als Nachfolger der Generation X aufgestempelt, die englische Aussprache why passt zu unserer vermeintlichen Angewohnheit, alles und jeden zu hinterfragen. Je nachdem, mit wem man spricht, sind wir fleißig oder träge, unpolitisch oder strukturkonservativ. Sind wir Selbstoptimierer, Egotaktiker, Traumtänzer oder Weicheier.

Wir beschäftigen die Meinungsforschungsinstitute, Titelseiten und Talkshows. Das Sprechen über die Generation Y geht dann meistens so: Schublade auf. Facebook, Castingshows, Quarter-Life-Crisis, Hipsterbrille, Ego-Shooter, Twerking und Latte Macchiato rein. Früher war alles besser. Läuft bei dir. Schublade zu. Das ist ebenso schmeichelhaft wie unsinnig.

Dass alles in einen Topf geworfen wird – unterschiedliche Milieus und Lebenskonzepte, Stadt- und Landbewohner, Männer und Frauen – das haben Generationendebatten so an sich. Doch trotz unserer Unterschiedlichkeit ist man sich bei der Generation Y in einigen Punkten recht einig: Wir sind besser ausgebildet als jede Generation vor uns, ziehen aber dennoch die Südostasienreise der unbefristeten Festanstellung vor. Kinder wollen wir nur kriegen, wenn die Umstände stimmen. Die Umstände stimmen, wenn überhaupt, erst in zehn Jahren. Wir sind gut vernetzt, weil wir virtuos ein halbes Dutzend Social-Media-Kanäle bespielen. Vor allem aber sind wir verdammt wenige, denn in den Achtzigern sind gerade mal 14 Prozent der deutschen Bevölkerung geboren, gegenüber 18 Prozent in den Sechzigern. Weil wir so wenige sind, so die Prophezeiung, werden wir uns in Zukunft aus den leeren Chefsesseln der Babyboomer den bequemsten aussuchen können. Nach diesen Prognosen müsste es uns unglaublich gut gehen. Tut es aber nicht.

Schuld daran sind unter anderem diejenigen, die immer unser Bestes wollen: unsere Eltern. Ihr seid so viele, dass keine unserer Rebellionen je mehr als eine Minderheitenbewegung sein kann. Ihr habt uns auf eine watteweiche Welt vorbereitet, die es so leider nicht mehr gibt. Ihr habt uns mit Liebe überschüttet: "Du bist was ganz Besonderes", "Dir stehen alle Türen offen", das waren die Mantren unserer Kindheit. Als Achtjähriger fragte ich meinen Vater nach möglichen Traumberufen. "Du kannst alles werden, was du willst", antwortete er. Das gefiel mir. Bundeskanzler, Auslandskorrespondent, Künstler, Seeräuber – jede Woche eine neue Idee. Ich träumte von einer weißen Villa in Spanien, einer Weltreise oder einer Straße, die nach mir benannt wird.

Wir glauben immer noch daran, dass sich alles ändern wird, wenn wir groß sind

Heute träumen wir davon, nach dem Praktikum übernommen zu werden. Endlich eine eigene Wohnung statt eines WG-Zimmers mieten zu können. Eine Freundin erzählte mir kürzlich, dass sie sich wünscht, in einer Bar mal eine richtige Geburtstagsparty auszurichten. Nicht eine, zu der jeder sein Bier selbst mitbringen muss. Wann haben wir angefangen, so klein zu träumen?

Vielleicht war es im Jahr 2000, als die erste PISA-Studie veröffentlicht wurde und sich das ganze Land aufregte, wie unerhört dumm der Nachwuchs ist. Vielleicht in dem darauffolgenden Jahrzehnt, in dem mit uns die Bologna-Reform an den deutschen Hochschulen ankam, mit Anwesenheitspflichten, Regelstudienzeiten, Studienverlaufsplänen und Leistungspunkten. Vielleicht war es auch die Einführung von Hartz IV im Jahr 2005, als wir das Erreichen von Träumen gegen das Vermeiden von Alpträumen eintauschten. Hauptsache nicht hartzen wäre doch ein super Echt-Song, wenn es die Band noch gäbe. "Hauptsache ein Dach über’m Kopf", "Hauptsache ich kann überleben" – diese Hauptsache-Mentalität findet man bei denen, die den Krieg überlebt haben. Und bei uns.

In meinem Umfeld gibt es fast nur "kantige" Lebensläufe, die angeblich so begehrt sind bei Arbeitgebern. Mit einer Kommilitonin, die ihr Studium mit Eins abgeschlossen hat, habe ich kürzlich darauf angestoßen, dass sie eine Zusage für ihr drittes Praktikum bekommen hat. Sie verdient 300 Euro im Monat. Auf die Zukunft! Ein gleichaltriger Freund hat nach seiner Ausbildung zum Hotelfachmann die strenge Hotelhierarchie entmutigt, in der die Jungen unten klotzen, während die Alten oben kleckern. Er kellnert nun ganz ohne Ellenbogenmentalität in einem Café. Eine Bekannte aus Berlin wurde nach ihrem Praktikum in der Agentur übernommen und hangelt sich nun von Zweimonatsvertrag zu Zweimonatsvertrag. Abgesehen von Lehrern, Ärzten oder Ingenieuren, ist man mit einem geradlinigen Lebenslauf in unserer Generation eher die Ausnahme als die Regel. Und das Traurigste an diesen Geschichten ist: Wir sind nicht unglücklich mit unserer Situation. Insgeheim glauben wir nämlich immer noch fest daran, dass sich alles ändern wird, wenn wir groß sind. Und dieser Glaube treibt uns an.

Alles ist möglich, aber wir müssen trotzdem zurückstecken

Unsere Eltern hatten mit Umdiedreißig bereits ein Haus gebaut und Kinder in die Welt gesetzt. Wir wohnen in WGs oder immer noch zu Hause. Die Älteren beobachten deshalb mit Ratlosigkeit und etwas Spott, wie wir uns zwischen Praktika und Aushilfsjobs hin- und herhangeln: "Ihr habt die große Auswahl, ihr müsst bloß zugreifen!", heißt es da. Häufig nicht ohne vorwurfsvoll hinterher zu schieben: "In eurem Alter wären wir glücklich gewesen über solche Möglichkeiten." Doch statt uns zu freuen, gucken wir neidisch auf die selbstbewusste Generation vor uns, auf der nicht mehr die Last liegt, eine neue Welt zu bauen und auf die effiziente Generation nach uns, die bereits erfolgreich zu bauen begonnen hat.

Langsam begreifen wir, dass, wenn jeder von uns was ganz Besonderes ist, wir alle doch nur Durchschnitt sind. Auf unseren unzähligen Social-Media-Kanälen bekommen wir den Eindruck, dass mindestens hundert der vierhundert Freunde sogar noch besonderer sind, als wir selbst. Gegen unterirdische Praktikantengehälter rebellieren wir nicht, weil wir das Gefühl haben, dass um die Ecke schon etwas Besseres wartet. Ein Haus bauen wir nicht, weil wir dann die Idee vom Loft begraben müssten. Wir sind Krisen gewohnt: Irak-Krise, Bankenkrise, Eurokrise, Atom-Krise, Klimakrise, Flüchtlingskrise, seit unserer Jugend wimmelt es von Krisen. Wir sind mit der paradoxen Gewissheit aufgewachsen, dass alles möglich ist und wir trotzdem zurückstecken müssen, damit die Zukunft besser wird.

Ich wünsche mir für meine Generation, dass sie die Angst, die um sie herum geschürt wird, in gesunden Pragmatismus umwandelt, ganz nach der Devise: "Jetzt ist's auch schon egal, ich trau mich mal, ganz groß zu träumen." Der Topf voll Gold, den unsere Eltern uns versprochen haben, mag Einbildung sein. Dann macht eben den Regenbogen bunter!

Ihr Umdiedreißigjährigen seid keine Revoluzzer wie die 68er, dafür könnt ihr anpacken. Ihr habt nichts zu verprassen, wie die Generation Golf, aber ihr verwaltet gut. Ihr interessiert euch für euer eigenes Glück, und das ist gut so, denn ihr kümmert euch auch um das Glück anderer wie keine Generation vor euch. Ihr seid keine Selbstvermarkter, wie die Generation Z, stattdessen fragt ihr die großen Fragen. Die schlechte Nachricht ist: Unsere Zeit kam nicht im Jahr Zweitausendzehn, wie Echt damals gesungen haben. Die gute Nachricht: Zweitausendfünfzehn können wir es schaffen!

Kommentare

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Es ist also alle beim Alten: Praktikanten bekommen für ihre Arbeit nicht 1000 Euro, sondern 300. Nur Ingenieure und Ärzte haben einen erträglichen Lebenslauf. Aber im Gegensatz zu früheren Generationen haben jetzt Lehrer wieder eine Chance, wegen dem Generationenwechsel. Das ist erfreulich. Wahrscheinlich sollen die bisher geforderten Lateinkenntnisse zurückgeschraubt werden im Sprachenlehrerstudiengang: man braucht jetzt plötzlich wieder Lehrer. Was ist mit den Juristen, fallen sie aus den geraden Lebensläufen heraus? Und warum sagen nicht Eltern, Lehrer und Arbeitsamtberater nicht einfach zu den kommenden xzy Generationen:
studiere Ingenieur, Arzt oder Lehrer, damit die Menschen nicht mehr so an krummen Lebensläufen zu leiden haben????