Gesellschaftskritik 20 Locken für einen Dylan

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Den Ruhm eines Stars kann man auch daran erkennen, wie viel Menschen bereit sind, für Dinge aus dem Besitz ihres Idols auszugeben. So wurden mit einer Locke vom Kopf Mick Jaggers bei einer Auktion beispielsweise 4.000 Pfund eingespielt. Das ist eine Summe, mit der er sehr zufrieden sein kann. Eine nachwachsende Ressource. Noch teurer wird es, wenn ein Star wie er zur Feder greift. So gingen zehn Liebesbriefe, die Jagger Ende der 1960er Jahre an Marsha Hunt geschrieben hat, für 187.000 Pfund an einen neuen Besitzer. Angeblich schrieb er darin über die Mondlandung, den Beatles-Sänger John Lennon und dessen Frau Yoko Ono. Ob er auch über Marsha Hunt geschrieben hat, weiß man nicht genau.

Der Tod erhöht die Auktionspreise. Neulich wurde ein einziger Brief von Marilyn Monroe an ihren zweiten Ehemann Joe DiMaggio für 78.125 Dollar versteigert. Das sollte sich die Generation Twitter und SMS mal klarmachen: Sollte man einmal berühmt werden, wird es schwierig mit dem Reliquienhandel. Einen Facebook-Post wird man kaum versteigern können. Wegen all der Digitaltechnologie gibt es meist nicht einmal ordentliche Fotoabzüge, die man versteigern könnte, höchstens Röntgenbilder. Röntgenbilder von Marilyn Monroe haben bei einer Auktion übrigens 25.600 Dollar eingespielt.

In New York wurden nun originale Liedtexte von Bob Dylan bei Christie's angeboten. Von zwei Songs, Talkin Folklore Center und Go Away You Bomb, die Dylan nie aufgenommen hat. Die Manuskripte sind mit handschriftlichen Anmerkungen von Dylan versehen. Es sind also echte Dokumente der Musikgeschichte. Man hat etwa 100.000 Dollar dafür erhofft. Leider gab es kein einziges Gebot. Vielleicht hätte Dylan stattdessen irgendeinen Liebesbrief schreiben sollen. Nun wird man die nächste Auktion für die Texte abwarten müssen. Dem Vernehmen nach überlegt Mick Jagger, 20 Locken dafür zu bieten. Damit muss er aber noch warten, er war gerade beim Frisör.

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Reliquie oder doch nur Relikt?! In postmodernen Zeiten verschwimmen die Unterschiede zwischen totem Lennon (Blutzeuge) und lebendem Jagger (Locke eines, der viel gezeugt hat). Die Reliquienhändler - immer einem frommen Betrug (pia fraus) nicht abgeneigt - sollten vielleicht noch ein weiteres Kriterium einführen: Stammt der Gegenstand von einem "corpus incorruptum", also von unverwestem Fleisch (bei Jagger hätte man da schon zu dessen Lebzeiten Bedenken)? Allerdings ist eine solche Einschätzung Glaubenssache: Kaiser Otto III. ließ in Aachen den Leichnam Karls des Großen "wiederauffinden" - der war zwar noch nicht heilig, aber "unverwest in den Gliedern". Prompt klaute der Nachfolger einen Zahn aus dem Kiefer des Toten - persönliches Souvenir?! Tendenz: Erneuerung des Römischen Reiches. (Laßt Putin bloß nicht an den hl. Wladimir!). Für Spätere blieben nur die Illusionen: Die Wiener Begine Agnes Blannbekin schrieb verzückt über ihre Ekstase, das "sanctum praeputium" habe ihr bei der Kommunion auf der Zunge gelegen - und Jesus ist als Superstar wirklich nicht zu schlagen. Aber die Jesuiten sorgten dafür, daß diese Enthüllungen auf den Index kamen. (Könnte man nicht auch die Kiewer Nestor-Chronik "verbieten"? Sie bewirkt gerade ein neues National-Großrussland ...). Was sind da schon Marilyns Röntgenbilder ...
(Ach, ich habe übrigens unveröffentlichte Unikate von Lützel Jeman in meinem Besitz ...).