Digitale Familie Ahnenforschung unter Pfirsichbäumen

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Aus der Serie: Beziehungen

Das Kind sieht mich entsetzt an. "T-Shirt, Papa?!" fragt mein Sohn und zeigt auf die Seite des Buches, das wir uns gerade zusammen mit seinem jüngeren Bruder anschauen. Mojih prvih 100 rijeci heißt es, Meine 100 ersten Wörter, ein kroatisches Kinderbuch mit Abbildungen von Alltagsgegenständen und den entsprechenden Bezeichnungen. Meine Eltern haben es für unseren Zweieinhalbjährigen besorgt, wir üben die Vokabeln regelmäßig. Aber mit dem Neunjährigen scheine ich es tatsächlich noch nie durchgeblättert zu haben. Denn auf Seite vier findet sich das Bild eines blauen T-Shirts. Und darunter steht, wie der Große nun offensichtlich zum ersten Mal schockiert liest: Majica. So wie unser Name.

Es stimmt, wir sind Familie Unterhemd.

Als Erwachsener lernt man mit so etwas zu leben, im Zweifel mit Ironie. "Marin Majica, das heißt übersetzt: 'Das am Meer lebende Unterhemd'" – der Scherz funktioniert eigentlich immer ganz gut. Nicht bei einem Neunjährigen. Ich kann die Enttäuschung ja verstehen. Am Anfang jedes Schuljahres muss er seinen komplizierten Namen buchstabieren – und jetzt das. Dass man mit einem solchen Namen zum Beispiel nie Probleme bei der Einrichtung einer neuen E-Mail-Adresse hat, überzeugt einen Neunjährigen natürlich nicht unbedingt. Er sagt: "Ich will nicht T-Shirt heißen, Papa."

Ich versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass ich ein wenig gekränkt bin, und fange an, im Internet zu recherchieren – nach einer besseren Namensgeschichte. Die Frau, die von dem Drama Wind bekommen hat und parallel googelt, schickt aus der Küche eine E-Mail mit einem Link. "Euch gibt’s auch als Lied!" Es ist das Video zu einem "Majica"-Song, die Sängerin räkelt sich im Bikini am Pool und singt davon, wie gerne sie das T-Shirt auf der Haut ihres sexy Freundes wäre. Nicht sehr hilfreich. Die Frau hat auch gut lachen: Ihr älterer Sohn, der 15-Jährige, trägt den Namen seines Vaters, unserem Jüngsten haben wir ihren Nachnamen gegeben, damit es gerecht zugeht. In der T-Shirt-Sache sind der Mittlere und ich auf uns allein gestellt.

Das kroatische Wort majica – gesprochen wird das Mai-Tsa –  leitet sich etymologisch von dem französischen maillot und dem italienischen maglia ab, lerne ich im Netz. Beides heißt Trikot. Ich finde schließlich die Seite prezime.net, derzufolge der Großteil aller rund 100 Majicas in Kroatien im Heimatdorf meines Vaters leben, wohin meine Eltern vor einigen Jahren auch wieder gezogen sind. Die anderen Majicas in Split, Zagreb und Zadar dürften unsere Verwandten sein, die meisten kenne ich. Es spricht also viel dafür, dass alles auf einen gemeinsamen Vorfahren zurückgeht. Gut möglich, dass er es war, der das Unterhemd als Alltagskleidungsstück in Dalmatien eingeführt hat und zum Dank den Namen erhielt. Der Krawatte haben schließlich auch Kroaten zum Durchbruch verholfen! 

Aber vielleicht hatte unser Urahn den Namen auch von woanders mitgebracht – und er klang nur so ähnlich wie majica? Der Familienname Mujica zum Beispiel ist bei Google sehr viel ertragreicher, wie ich feststelle: Für die USA listet die Seite ancestry.com reichlich Vertreter dieses Namens auf, die allermeisten tragen spanische Vornamen. Mit José Mujica, dem Präsidenten von Uruguay, hätten wir sogar einen prominenten Verwandten. Ex-Guerrilero, Chrysanthemen-Züchter und bescheidener VW-Käfer-Fahrer, wer hätte den nicht gern in der Familie? 

Der Name Mujica wiederum hat seinen Ursprung im Baskenland, erfahre ich, und geht auf eine dort ansässige Adelsfamilie zurück. "Du bist ein spanischer Prinz!", ruft die Frau lachend aus der Küche herüber. Soll sie nur Witze machen. Auf der Webseite houseofnames.com finde ich die Erklärung, das baskische muxica leite sich von Pfirsich oder Pfirsichhain ab. Wie lyrisch. Das Kind ist nicht beeindruckt. "Bin ich jetzt ein Pfirsichbaum oder was?"

Ich lasse mich nicht beirren, die Lösung ist zum Greifen nahe. Wir rufen per Skype meinen Vater in Kroatien an und geben ihm den Auftrag, die Kirchenbücher im Dorf nach einem Mujica zu durchforsten. Über Facebook schicke ich meine Theorie an meine Cousins und Cousinen väterlicherseits, die in Kroatien, in der Schweiz und in Argentinien leben. Vor allem die Argentinier müssten doch weiterhelfen können. Im Überschwang finde ich bei google.de/flights einen günstigen Flug für uns alle nach Buenos Aires – und buche ihn. Manche Dinge muss man einfach vor Ort herausfinden.

Die Familie ist begeistert, aber auch etwas irritiert. "Ich wusste gar nicht, dass wir nach Argentinien fliegen …", sagt das Kind. Ich antworte: "Ich bis eben auch nicht." Was er nicht weiß: Muxica kann auch Farn bedeuten. Soll es wirklich Zufall sein, dass mir häufig eine gewisse Ähnlichkeit mit Zach Galifianakis nachgesagt wird, dem Schauspieler aus Hangover und Moderator der grandiosen Internet-Talkshow Between Two Ferns, in der neben Stars wie Brad Pitt, Barack Obama und Jennifer Lawrence zwei Farne (!) eine wichtige Rolle spielen? Plötzlich ergibt alles einen Sinn. Wir sind auf der richtigen Spur.

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