"Tatort"-Kritikerspiegel "Ein Nazi kann jeder sein"

© WDR/Thomas Kost
Selten war ein "Tatort" so zeitgemäß: Die Dortmunder Kommissare suchen den Mörder eines Neonazis. Die Verdächtigen sind seine sehr bürgerlich anmutenden Stellvertreter.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Die neue Rechte hat viele Gesichter. Nach dem Mord an dem Anführer einer Neonazi-Gruppe kriegen es die Ermittler mit dessen Gesinnungsgenossen zu tun, die wie linksalternative Studenten und besorgte Bürgersöhne aussehen. Ein Krimi über Rechtsextremismus zu Zeiten von Pegida und HoGeSa. Am Ende leider nicht so komplex wie sein Anfang erhoffen lässt.

Lars-Christian Daniels: In Zeiten von Pegida, HoGeSa und Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte kommt ein Tatort zum Thema Fremdenfeindlichkeit doch gerade richtig, oder? Und weil wir Propheten sind, haben wir ihn bereits vor einem Jahr gedreht!

Kurt Sagatz: "Deutscher, Grieche, Türke, Holländer – Nazi kann jeder sein", sagt Kommissar Faber zu seiner Kollegin Nora Dalay. Diese Tatort-Folge will den real existierenden Rechtsextremismus an einem durchaus realen Ort zeigen. Angesichts des Vorlaufs einer solchen Produktion wurde der richtige Zeitpunkt getroffen.

Wolfram Eilenberger: An den Fans der Borussia liegt es jedenfalls nicht.

Kirstin Lopau: "Deutsche, Türke, Holländer – Nazi kann jeder sein." Auch wenn wir aufschreien bei diesem Gedanken: Nazis finden überall ihre Schnittmenge.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 8 Punkte

Lars-Christian Daniels: Faber: 9 Punkte, Bönisch: 8 Punkte, Dalay: 5 Punkte, Kossik: 4 Punkte

Kurt Sagatz: bis an die Grenzen gefordert, mitunter auch darüber hinaus, dennoch 8 Punkte

Wolfram Eilenberger: 8 Punkte (Dortmund, eines der stärksten Teams der Liga)

Kirstin Lopau: Ein hervorragendes Team, das sich liebt und das sich hasst, jeder für sich intensiv gespielt, allen voran "Faber, das Arschloch", wie er selbst über sich sagt. Für alle heute die Traumnote 10.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Der Chamäleon-Cop Faber (Jörg Hartmann) tut beim Verhör rassistischer Glatzen so, als ob er sich mit diesen gegen seine türkische Kollegin (Aylin Tezel) verschwört. Perfide – und extrem gut gespielt.

Lars-Christian Daniels: Fabers Spontanfrühstück mit einem Dortmunder Obdachlosen – es gibt standesgemäß Mettbrötchen und Kaffee mit einem kräftigen Schuss Korn. Es geht doch nichts über einen gesunden Start in den Tag!

Kurt Sagatz: Dortmunder Momente am Hochofen: Ein Kaffee und ein Mettbrötchen von Faber, da wird auch der dickfelligste Obdachlose zugänglich.

Wolfram Eilenberger: Der verzweifelte Versuch, das Hakenkreuz vom Bauch zu entfernen – eine Szene von großer allegorischer Kraft.

Kirstin Lopau: Noras Abrechnung mit dem Herrn Germanisten, dem neuen Dortmunder Naziführer und gelackten Karohemdenträger, dem man die ganze Zeit mit voller Wucht ...., ähm, erzählen möchte, dass er Unrecht hat. Good girl, sage ich mit einer Frauen-Power-Faust an der Stirn! Ich hoffe nicht, dass sich der Titel bewahrheitet und neue Köpfe an der Stelle des abgeschlagenen Kopfes im braunen Sumpf wachsen. Und doch, die Schlussszene lässt genau dies vermuten. Faber war diesmal besonders gut – clever, überzeugend gespielt, nicht zu spleenig, dafür schmutzig und politisch unkorrekt wo es nur ging. Alles in allem ist dieser Tatort einfach eine Wucht – hochemotional und spannend. 

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Eine Truppe weiblicher Nazis fällt in das Büro einer jüdischen Antifaschistin ein. Klar, auch Frauen können rechten Hass in sich tragen. Aber diese Konfrontation ist zu plakativ.

Lars-Christian Daniels: In einer der ersten Filmminuten macht Hauptkommissar Kossik vor einem Hakenkreuz-Graffitti den Hitlergruß, um danach über sich selbst zu schmunzeln – eine ziemlich befremdliche Szene.

Kurt Sagatz: Am Ende muss es schnell gehen. Wir haben die Tatwaffe, heißt es nach der Hausdurchsuchung – wer wartet da noch auf die Kriminaltechnik?

Wolfram Eilenberger: Betonen wir zum Abschluss das Positive: Spielfilmschilderungen des Fan-Milieus misslingen in der Regel – hier nicht. 

Kirstin Lopau: Gab es nicht.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 6 Punkte

Lars-Christian Daniels: 7 Punkte

Kurt Sagatz: Butter bei die Fische und 8 Punkte!

Wolfram Eilenberger: 7 Punkte

Kirstin Lopau: Das erste Mal, dass ich diese Note vergebe, aber Mensch – das ist ne 10!

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

"Ein Krimi über

"Ein Krimi über Rechtsextremismus zu Zeiten von Pegida und HoGeSa." Was bitte hat die Pegida-Bewegung mit dem Rechtsextremismus zu tun?
Rechtsextremismus sind für mich die Salafisten. Diese wollen das Kalifat wieder auferstehen lassen. In der der französischen Nationalversammlung von 1830 saßen links die Demokrateten und rechts die Monarchisten. Wenn man den Begriff "Rechtsextremismus" schon verwendet, dann gehören zuallerst die Extremisten von den islamistischen Bewegungen dazu. Die Pegida tritt entschlossen gegen diese politische Gruppen auf. Sie stellen die Fakten auf den Kopf.
Nach dem Artikel entsteht bei mir der Eindruck, dass mit Hilfe von Phantasie-Geschichten, dazu gehören unsere deutschen Krimis, politisch Gehirnwäsche betrieben werden soll, um Bilder in deutsche Gehirn hineinzuimpfen, die durch unsere Realität nicht zu vermitteln sind. Meine Zeit werde ich mir mit dem Tatort aus meiner Wohnheimat nicht verschwenden.