Digitale Familie Hurra, es ist ein YouTuber!

Es ist kurz vor 20 Uhr an einem Samstagabend. An einer belebten Kreuzung in Berlin-Prenzlauer Berg steht ein bärtiger Mann im grünen Parka an der Ampel. In der einen Hand hält er eine weiße Plastiktüte, in der anderen eine offene Bierflasche. Und in dem Kinderwagen, den er schiebt, sitzt ein bald dreijähriges Kind und schaut sich auf einem Smartphone einen Zeichentrickfilm auf YouTube an. Der Mann bin ich, das Kind ist mein Sohn und die Leute um uns tuscheln.

Es ist eine dieser Situationen, in der einem blitzartig klar wird, dass man Mist gebaut hat. Ich spüre den starken Impuls etwas zu rufen wie: Ich kann das erklären! Würde mir sowieso niemand glauben. Dafür ist das Bild, das wir abgeben, zu eindeutig. Wahrscheinlich ruft nur deshalb niemand das Jugendamt, weil sie die Notfallnummer nicht so schnell bei Google finden. "Ein Baby mit iPhone, na toll", sagt eine Frau neben uns deutlich hörbar zu ihrem Begleiter. Der entgegnet nur: "Tsss."

Dabei ist natürlich alles ganz anders. Erstens ist das Kind kein Baby mehr, die beiden von der Ampel können sich ja von dem Kleinen gerne mal bei einer Runde Memory abziehen lassen oder mit ihm über die Notwendigkeit des Zähneputzens diskutieren. Zweitens ist in der Plastiktüte ein Burger – mit Biofleisch, Rucola, marinierten Birnen und Raclette-Käse, hergestellt in einer sogenannten Burger-Manufaktur, die Pommes dazu sind handgeschnitzt und natürlich auch bio. Drittens ist der Imbiss überfüllt, wir essen an unserem Jungsabend also doch lieber zu Hause. Viertens öffnet das Kind gerne Kronkorken – er hat dank Pikler-Kurs eine gute Feinmotorik  – und angeblich sollte die Zubereitung der Burger länger dauern, daher das Bier. Und das iPhone. Wir können auf dem gut besuchten Gehweg leider nur schlecht Fußball oder Hüpfkästchen spielen, und ja: Manchmal darf das Kind etwas auf YouTube gucken, wir leben immerhin im 21. Jahrhundert. Fünftens geht es im Burgerladen dann doch schneller, weshalb ich als nachhaltig handelnder Vater das halb ausgetrunkene Bier mitnehme und das Kind – um des lieben Friedens und der Selbstbestimmung willen – einen kurzen Clip aus der Sendung mit der Maus im Kinderwagen zu Ende schauen lasse.

Marin Majica

Marin Majica und seine Partnerin hatten schon jeweils einen Sohn, als sie sich trafen. Sie bekamen zusammen noch einen dritten. Die Jungs sind heute 17, zehn und vier Jahre alt, tragen alle unterschiedliche Nachnamen, teilen jedoch das große Interesse an digitaler Technologie. Bei ZEITmagazin ONLINE schreibt Marin Majica monatlich die Kolumne Digitale Familie und berichtet aus dem Alltag einer digitalisierten Großstadtfamilie.

Ich wollte einfach nur alles richtig machen. Aber ein falscher Klick reicht, um den gesellschaftlichen Abstieg einzuleiten.

Dabei heißt es doch gerade überall, YouTube sei die Zukunft. YouTuber, die in ihren Videos über ihre beste Freundin, Liebeskummer, Kosmetik oder Computerspiele räsonieren, sind die neuen Medienstars, hat gerade die taz ihren Lesern erst wieder anschaulich erläutert. Die Unter-20-Jährigen gucken kein Fernsehen mehr, aber wenn LeFloid am Nebentisch im Restaurant sitzt, kommen sie aufgeregt angerannt und fragen nach Fotos und Autogrammen. Da ist man als Vater doch dazu geneigt, das Kind früh an dieses neue und so aussichtsreiche Medium heranzuführen, nicht wahr?

Die Kindsmutter sieht das etwas anders. Wenn sie gute Laune hat, zitiert sie zum Beispiel aus einer Umfrage unter Managern aus der Technologie-Branche, die ihre Kinder, weil sie angeblich das Suchtpotenzial kennen, höchstens am Wochenende ans Smartphone oder iPad lassen. Wenn die Frau schlechte Laune hat, sagt sie dagegen so etwas wie: "Das ist total asozial von dir! Leute, die ihre Kinder YouTube-Videos auf dem Handy gucken lassen, kaufen ihnen auch dauernd Süßigkeiten. Und Plastikspielzeug!" Unser Neunjähriger wirft dann ein, dass auch Lego aus Plastik ist. Er muss noch lernen, dass nicht jeder Moment offen für gute Argumente ist.

Ich war ja selbst etwas schockiert, als ich kürzlich feststellte, dass der Kleine früh morgens ein Video von mir schlafend im Bett aufgenommen und an einen alten Kollegen per Skype geschickt hat. Solche technischen Fähigkeiten machen mich ein wenig unruhig – und stolz. Das ist doch ausbaufähig, denke ich, das Hochladen kriegt er bald auch hin.

YouTube verspricht schließlich neben dem weltweiten Ruhm unter Drei- bis 19-Jährigen auch ein respektables Einkommen. Dass die Plattform erfolgreiche Videomacher an den Werbeeinnahmen mit angeblich fünfstelligen Beträgen im Monat beteiligt, ist schon länger bekannt. Die Süddeutsche Zeitung hat nun allerdings auch in Erfahrung gebracht, was YouTuber zusätzlich verdienen, wenn sie über ein Vermarktungsnetzwerk wie Mediakraft eine Platzierung in ihren Videos an Werbepartner verkaufen. Nilam Farooq alias daruum bekommt demnach für eine solche Kooperation 12.800 Euro, zitiert die Zeitung aus internen Preistabellen, ein Post auf ihrem Instagram-Account kostet angeblich 2.970 Euro.

Das werden wir im Hinterkopf behalten, wenn wir uns spätestens in einem Jahr ernsthafte Gedanken über die Berufswahl des Kindes machen. Ich finde theoretisch einen YouTuber in der Familie besser als, sagen wir, einen Investmentbanker, aber das ist natürlich Geschmackssache. Für die medienethischen Fragen rund um Schleichwerbung, die sich aus diesem Job ergeben und über die heftig diskutiert wird, ist das Kind bereits gut trainiert. Er hat schon gelernt, dass er einfach ein paar Sekunden warten und woanders hingucken muss, bis er die Werbung vor einem YouTube-Film wegdrücken kann. "Das wollen wir nicht sehen, Papa", sagt er. Da ist er moralisch gefestigt, trotz YouTube.

Kommentare

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Erstens, zweitens, drittens ... und dann fällt einem auf, dass den Leuten das sorgsam gestrickte Image piepegal ist und sie nur auf ihre eigenen Schubladen reagieren. Sowas aber auch.

Gutgemeinter Rat eines Vaters: Kümmern Sie sich ums Kind und vergessen Sie die Anderen. Deren Befindlichkeit ist nicht ihre Aufgabe.
Im Übrigen können Sie gar nichts richtig machen - Sie sind Elter, die machen per Definition alles falsch.
Also einfach nicht drüber nachdenken, sondern machen. Das Kind dankts (meistens).

Und der Kleine hats doch drauf.

Absolut richtig!

Absolut richtig!
Als Mutter aus Prenzlauer Berg, kann ich sagen, dass Sie eh in den Augen der Gesellschaft alles falsch machen. Bekommt ihr Kind nur Holzspielzeug, frisch gekochtes Essen mit viel Gemüse und kein Fernseher, sind Sie ein/e unsympatische/r BioMutti/Vater (oder HelicopterMutter/Vater, wie es so schön heißt) Sind Sie locker und lassen Sie ihr Kind im Park frei herumlaufen und spielen, während Sie sich mit anderen Eltern unterhalten, erziehen Sie ihre verzogene Göre nicht. Ihr Kind wird sicherlich keinen Schaden von YouTube tragen, sofern es nicht den ganzen Tag mit dem Handy in der Hand sitzt.

"Wenn Sie schlechte Laune hat

"Wenn Sie schlechte Laune hat..." Daß der Autor sich explizit über die Launen seiner Madame äußern muß, deutet starkt darauf hin, daß diese öfter mal schlechte Laune hat. Wahrscheinlich versucht er ihr gegenüber auch immer alles richtig zu machen - so wie er das schon bei Mutti gelernt hat. Kleiner Tipp: Das ist ein Kardinalfehler. Davon kriegen Frauen IMMER schlechte Laune. Hängt mit der Betaisierung zusammen. Also: einfach mal selbst entscheiden und selbst Verantwortung übernehmen - sowohl draußen als auch bei Mutti.

Es geht nicht mehr: Ich kann nicht mehr auf diesen beschi**enen Hipster Stereotyp: Berlin, Prenzlauer Berg, Bart, Parka, Bier, Kinderwagen:

An einer belebten Kreuzung in Berlin-Prenzlauer Berg steht ein bärtiger Mann im grünen Parka an der Ampel. In der einen Hand hält er eine weiße Plastiktüte, in der anderen eine offene Bierflasche. Und in dem Kinderwagen, den er schiebt, sitzt ein bald dreijähriges Kind und schaut sich auf einem Smartphone einen Zeichentrickfilm auf YouTube an.

BERLIN IST OUT, BART IST OUT, PARKA IST (ZUMINDEST IN DIESER KOMBI) OUT!

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Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/sam